Schneider | Mut zu mir selbst | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 42, 192 Seiten

Reihe: falter

Schneider Mut zu mir selbst

Alt werden ist nichts für Feiglinge
3. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7725-4078-3
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Alt werden ist nichts für Feiglinge

E-Book, Deutsch, Band 42, 192 Seiten

Reihe: falter

ISBN: 978-3-7725-4078-3
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wer bin ich, wenn all das von mir abfällt, worauf ich mich bisher gestützt habe? Da bin ich ganz ich selbst. - Nach diesen beiden Seiten hin, dem Verlieren des selbstverständlich Gewordenen und dem Entdecken eines Neuen, stellt Johannes W. Schneider den Weg des Altwerdens dar. Für beides braucht es Mut: für das schmerzvolle Abschiednehmen von so vielem, das den Menschen bisher ausgemacht hat, ebenso wie für das Entwickeln der neuen Qualitäten und Fähigkeiten eines 'Ganz ich selbst', die eine gelingende Alterskultur ausmachen. Ein Buch, das Mut macht, den eigenen Weg ins Alter mit all seinen Chancen und Herausforderungen anzunehmen, und das denen, die dabei zur Seite stehen, ein Verständnis eröffnet für die Bedürfnisse und einzigartigen Qualitäten eines alten Menschen.

Johannes W. Schneider wurde 1928 im südlichen Thüringen geboren. Nach dem Studium der Geschichte, Germanistik, Psychologie und Pädagogik und anschließender Promotion war er lange als Lehrer an einer Waldorfschule tätig, bevor er in seiner zweiten Lebenshälfte Dozent am Kindergarten- und Altenpflegeseminar in Dortmund wurde. So war er auch an der Entstehung des dortigen Pädagogisch-Sozialen Zentrums beteiligt. Außerdem hielt er weltweit Vorträge. Johannes W. Schneider starb am 26. Oktober 2010 in Dortmund. Im Verlag Freies Geistesleben sind bereits seine Bücher 'Träume besser verstehen', 'Engel und ihre finsteren Brüder', 'Unser Leben - unser Schicksal' und 'Meditation in der asiatischen Kultur und in der Anthroposophie' erschienen.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Lieber Vater Der alte Mensch und seine Welt Alte Menschen und Kinder Alten Menschen pflegen Altersweisheit und Altersgüte Im Rückblick auf das Leben den Frieden finden Abschied nehmen Der Schritt hinüber Wo sind unsere Toten? Lieber Vater Nachwort von Norbert Zimmering


Erstes Kapitel


Auf See


Wir fuhren unter den Sternen dahin, Hunderte von Meilen von jedwedem Land entfernt. Alles, was ich sehen konnte, waren die Schatten der Jungen und die Wölbung in der Mitte des Schiffs, wo sich die Dampfmaschine befand. Vom Bug kamen grüne Tropfen geflogen, wie Smaragde, die man aus der schwarzen See geschnitten hatte. Sie fielen in unser Kielwasser, durchgewirbelt von dem sich stetig drehenden Schaufelrad.

Die ganze Nacht lang lauschte ich auf die Melodie der Maschine, auf das , das jede Planke und jeden einzelnen Nagel erzittern ließ. Als die Sonne hinter uns aufging, hing der Rauch, der aus dem Schornstein unseres Dampfers quoll, wie ein schmutziger Wimpel über dem Ozean, ein zerzaustes Banner, das meilenweit zu sehen war. Jeden Morgen zog Gaskin Boggis die Holzscheite aus dem Ofen und löschte sie eins nach dem anderen unter Zischen und Dampfen im Meerwasser.

Seit elf Nächten bohrten wir uns durch die Dunkelheit; elf Tage lang waren wir unter einer gleißenden Sonne auf der schimmernden See getrieben. An diesem Morgen, unserem zwölften, seit wir das letzte Mal Land gesehen hatten, war Walter Weedle an der Reihe, Wache zu stehen und nach den schwarzen Segeln der Piraten aus Borneo Ausschau zu halten. Wie üblich kletterte er murrend auf seinen Platz oben auf dem kleiner werdenden Stapel aus Feuerholz.

«Es gibt Leute, die nie Wache halten müssen», sagte er und warf einen düsteren Blick in meine Richtung. «Es müsste jeder mal an die Reihe kommen, wenn ihr mich fragt.»

Nur Midgely machte sich die Mühe zu antworten. «Aber dich fragt keiner, Walter Weedle. Halt einfach die Klappe.»

Ungeschickt tapste Weedle auf dem Holzhaufen herum und trat hier und da Scheite lose. «Hier gibt’s keine Piraten. Wir haben noch keinen einzigen Piraten gesehen. Mir ist schleierhaft, warum wir bei Tagesanbruch nicht weiterfahren können.»

«Du bist halt ein Dummkopf!», rief Midgely. Mit seinen blinden Augen spähte er in Richtung der Maschine, deren Umrisse er mit Weedle verwechselte. «Versuch doch mal, nach der Sonne zu steuern. Du wirst dich nur im Kreis drehen, du Blödmann. Aber die Sterne sind wie ein Kompass, und das Kreuz des Südens ist die Nadel. Stimmt’s, Tom?»

«Ja», sagte ich.

«Es wird uns nach Hause führen. Stimmt’s, Tom?»

«Natürlich», sagte ich, als ob ich wahrhaftig daran glauben würde. Midge dachte, das Kreuz des Südens hinge so fest am Himmel verankert wie ein bunt bemaltes Wirtshausschild. Er hatte ja keine Ahnung, was für ein unberechenbares und blasses Ding es war, so schwer zu finden, dass ich mir nicht sicher war, ob ich es auch nur ein einziges Mal gesehen hatte. Ich fürchtete, dass wir bereits vom Kurs abgekommen waren.

«Erzähl ihm von den anderen Inseln, Tom», verlangte Midgely. «Erzähl ihm, wie das Kreuz uns dorthin führen wird.» Und wieder einmal zählte er ihre Namen auf, die Kokosinseln, der Chagos-Archipel, die Maskarenen.

«Wir können sie gar nicht verfehlen. Wir hüpfen von einer zur anderen wie auf den Steinen in einem Bach.»

Er lächelte jetzt so fröhlich wie ein junger Hund angesichts dieser Vorstellung. Aus seinem Mund hörte es sich so einfach an, und wir alle hatten geglaubt, dass es möglich sei. Wir hatten es mit dem Ozean aufgenommen, wie nur Jungen es vermochten, waren dem Kreuz des Südens nachgejagt auf der Suche nach Inseln, auf denen es Nahrung und Feuerholz im Übermaß gab. Aber wenn wir nicht innerhalb einer Woche auf Land stießen, hätten wir kein Wasser mehr, nichts mehr zu essen und auch kein Holz für den Dampfer.

Das Meer war zu riesig, die Sonne zu heiß. Ich fühlte mich wie eine Kerze, die in der Hitze schmolz. Weedle, Boggis und Benjamin Penny waren so braun wie alte Feigen, während der arme Midgely aussah wie ein gesottener Hummer. Seine Haut war rot, platzte auf und schälte sich.

Als die Sonne höher stieg, suchte Midge Schutz im Schatten eines Schildkrötenpanzers, dem Überbleibsel eines Tiers, das wir vor zehn Tagen gefangen und geschlachtet hatten. Der Panzer war beinahe so groß wie Midge, und der Junge lugte an einem Ende hervor, als wäre er selbst eine Schildkröte.

Seine Augen waren mit einem grauen Schleier überzogen und fast gänzlich von den hängenden Lidern bedeckt. Manchmal, wenn ich zwischen seinen Wimpern die verdunkelten Augäpfel nur ahnen konnte, sah es so aus, als hätte er gar keine Augen. Aber immer noch lächelte er dank seiner angeborenen guten Laune. «Alles steht prächtig, Tom», sagte er. «Wir werden die Inseln bestimmt morgen erreichen.»

Ich begriff nicht, wieso er nie die Hoffnung verlor. Ich selbst hätte mich zu gerne schreiend und um mich tretend zu Boden geworfen wie ein kleines Kind und mich über die Ungerechtigkeit des Schicksals beklagt. Ich besaß ein berühmtes und kostbares Juwel, das einen schier unvorstellbaren Wert darstellte. Ich musste lediglich nach London gelangen, um es zu holen. Aber das Schicksal, so schien es, wollte es mir einfach nicht gestatten.

Ich ließ mich neben Midge nieder, während meine Gedanken ihre Kreise drehten. Wie üblich fing ich damit an, dass ich mir überlegte, ob mich der Fluch des Jolly-Steins verfolgte. Ich glaubte fest daran, dass er jedem Unglück brachte, der ihn berührte, und ich schwor mir, dass ich ihn eines Tages aus seinem Grab auf einem Londoner Friedhof holen würde. Dann wollte ich ihn Mr. Goodfellow geben und den Fluch gleich dazu. Mit dem größten Vergnügen stellte ich mir vor, wie seine gierigen Augen leuchten würden, wenn ich ihm den Stein in seine butterweichen Hände legte.

Dann, wie immer, schlichen sich Zweifel in meine Gedanken. Wie konnte ein einfacher Stein, der in den Tiefen der Erde gewachsen war, eine solch unirdische Macht besitzen? Hatte nicht eher Mr. Goodfellow Schuld an allem? Er war es, der meinen Vater ins Schuldgefängnis hatte werfen lassen und mich in den Bauch eines Sträflingsschiffes, das mich nach Australien hatte bringen sollen. Ihm den Diamanten aushändigen? Wohl kaum! Ich würde den Stein behalten und mein Vermögen dazu benutzen, den Mann wie eine Kakerlake zu zerquetschen.

Aber was, wenn der Stein wirklich mit einem Fluch behaftet war?, fragte ich mich. Und dann fing ich wieder von vorne an.

Manchmal verbrachte ich Stunden damit, nachzugrübeln, mich immer im Kreis zu drehen. Aber heute hatte ich gerade erst damit angefangen, als der Dampfer plötzlich einen Satz machte und ich mit dem Kopf gegen das Schanzkleid schlug. Benjamin Penny schrie: «Pass auf, wo du hintrittst, du Trampel!» Damit war Gaskin Boggis gemeint, der sich gerade zu seinem Platz neben der Maschine begab, wo er, eng an die Hülle gepresst, immer schlief. Für ihn war die Dampfmaschine wohl so etwas wie ein geliebter alter Hund, ein Freund, den man füttern und tränken musste und der hin und wieder eines guten Wortes und einer freundlichen Hand bedurfte.

Ich versuchte, hinter Midgelys Schildkrötenpanzer etwas Schatten zu finden. Aber jedes Mal, wenn das Boot hin und her schaukelte, schien mir die Sonne ins Gesicht.

Ich lag auf Planken, die kaum drei Zentimeter stark waren. Auf der anderen Seite war Wasser, so unendlich tief, dass mich allein der Gedanke daran schwindelig machte. Was für Dinge mochten da unten lauern?

Jetzt, da die Maschine verstummt war, konnte ich das Schlürfen des Wassers unter dem Boot hören. All meine Schrecken marschierten in meinen Gedanken auf und ab: menschenfressende Fische, Riesenschlangen und Seeungeheuer, Stürme und Unwetter, und jeder Mann, der jemals ertrunken war. Letzteres war meine größte Angst. Aus dem Platschen des Wassers gegen die Planken wurde in meiner Fantasie eine Heerschar von Matrosen, die sich von hinten an uns heranschlichen. Jedes Kratzen und Knarren des Holzes waren Finger, die das Boot betasteten, und ich wagte nicht, den Kopf zu heben, aus lauter Angst, dass ich Hände sehen würde, die nach dem Schanzkleid griffen.

Ich drückte mich enger an Midge. «Hab keine Angst vor Gespenstern, Tom», sagte er. Inzwischen kannte er mich so gut, dass er meine Gedanken lesen konnte. «Denk an das Kap, Tom. Denk an England. Jeden Tag kommen wir der Heimat näher.»

Er war so ein gutherziger Bursche. Niemals beklagte er sich, und er sorgte sich mehr um mich als um sich selbst.

«Denk auch daran», sagte Midge und klopfte unter seinem Schildkrötenpanzer gegen die Planken. Ich erschrak zu Tode, aber er merkte es nicht. «Es ist ein gutes Boot», fuhr er fort. «So stark wie ein Felsen, stimmt’s? Um das Boot brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.»

Nun, er hatte den Dampfer niemals gesehen, jedenfalls nicht richtig. Früher war er so hübsch gewesen wie eine Drehorgel, aber jetzt zerfiel er unter unseren Füßen. Das Hämmern der Maschine ließ...


Schneider, Johannes W.
Johannes W. Schneider, 1928 - 2010.Nach dem Studium der Psychologie, Pädagogik, Geschichte und Germanistik und anschließender Promotion arbeitete er lange Zeit als Lehrer und später als Psychologe in der Ausbildung von WaldorferzieherInnen und AltenpflegerInnen in Dortmund.
In der Ausgabe März 2010 des Lebensmagazins a tempo schreibt Sebastian Gronbach über Johannes W.Schneider - werden wie die Kinder.
Aus dem Nachruf von Sebastian Gronbach am 1. November:
Nicht wieder. Noch.
Mein langjähriger Kollege Johannes W. Schneider ist nun gestorben. Ich sprach mit ihm immer wieder über seinen geahnten Tod. Dr. Schneider starb am vergangenen Dienstag, den 26. Oktober 2010. In jener Jahreszeit, in welche die Kelten das Fest der Toten feiern. In diesen Tagen - so die Mythologie - stehen die Tore zur Anderswelt offen.
Als er sich vor einigen Monaten aus der Vorstandsarbeit der Anthroposophischen Gesellschaft in NRW verabschiedet hatte, rechnete er mit seinem baldigen Tod. Ich dachte, ich würde ihn vielleicht nie wieder sehen.
Doch am nächsten Monat stand er wieder bei uns in der Tür.
Ich begrüßte ihn:
Ah da sind sie ja wieder, Herr Dr. Schneider!
Schneider (ein Leben lang dem Reinkarnationsgedanken verbunden):
Nicht wieder. Noch.
Schneider starb in einem anthroposophisichen Pflegeheim. Bis zum Schluss an seinen letzten Büchern arbeitend. Er konnte diese Arbeit weitgehend beenden.
Zum Frühstück war er munter. Zum Mittagessen war er tot.
Nicht wieder. Noch.
Denn Leben ist endlos und ohne Gegenteil & ohne Unterbrechung. Und der Tod ist ein Ereignis im Leben. Er beendet nicht das Leben. Er beendet bestimmte Formen des Lebens. Die Lebensform Johannes W. Schneider ist tot.
Das Leben bleibt lebensmunter. Die Form zerfällt. Das ist es, was uns - vollkommen zurecht - so traurig macht.
Es mag munter sein - und mitten darin bin ich traurig. Denn Fakt ist, der Mann ist einfach nicht mehr da. Der Mann ist weg! Die Form verschwunden!
Johannes W. Schneider ist tot.
(Und er ist NICHT in die Anderswelt,  in die Geistige Welt  gegangen - er ist tot. In der Geistigen Weltwar er schon vorher. So wie Du. Jetzt.)
(14.12.2010)

Johannes W. Schneider wurde 1928 im südlichen Thüringen geboren. Nach dem Studium der Geschichte, Germanistik, Psychologie und Pädagogik und anschließender Promotion war er lange als Lehrer an einer Waldorfschule tätig, bevor er in seiner zweiten Lebenshälfte Dozent am Kindergarten- und Altenpflegeseminar in Dortmund wurde. So war er auch an der Entstehung des dortigen Pädagogisch-Sozialen Zentrums beteiligt. Außerdem hielt er weltweit Vorträge. Johannes W. Schneider starb am 26. Oktober 2010 in Dortmund.
Im Verlag Freies Geistesleben sind bereits seine Bücher "Träume besser verstehen", "Engel und ihre finsteren Brüder", "Unser Leben - unser Schicksal" und "Meditation in der asiatischen Kultur und in der Anthroposophie" erschienen.



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