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E-Book

E-Book, Deutsch, 644 Seiten

Schneider Gottsuchmaschine

Eine transhumane Komödie
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-5582-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine transhumane Komödie

E-Book, Deutsch, 644 Seiten

ISBN: 978-3-7597-5582-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein junger Mann hüpft in unregelmäßigen Sprüngen durch den Essener Hauptbahnhof. Was verrückt anmutet, ist eine rhythmische Übung. Der tanzende Jason Durante ist ein junger Lyriker, der später in einem Kernspintomographen Gedichte erfinden soll. Das Dichter-Experiment ist Teil eines neurowissenschaftlichen Forschungsprogramms, das in einem riesigen Turm auf dem Bochumer Unicampus durchgeführt wird. Man sucht dort nach den Hirnarealen, wo die Gottesvorstellung entsteht. In dieser "Gottsuchmaschine" fragt man sich: Ist Gott nicht nur eine dichterische Erfindung? Jason verliebt sich in die hyperintelligente Assistentin Beate Leisegang, die die Dichter-Experimente durchführt. Sie geleitet Jason durch die Abteilungen des riesigen Turms, der 33 Stockwerke in die Höhe und 34 Floors in die Erde ragt. Jason betritt unvorstellbare Versuchsstätten. Oben trainieren Versuchspersonen verschiedene Techniken der Denkoptimierung, in den unteren Abteilungen werden durch Gentechnik transhumane Menschentypen erzeugt. Man will dort den alten Schöpfergott überbieten. Beates und Jasons Liebesgeschichte und ihr Weg durch den Turm erinnert an das große Epos Dantes; doch alles spielt sich in unseren Tagen ab, wo düstere Prognosen über das Schicksal unseres Planeten und wissenschaftliche Hybris miteinander wetteifern.

MANFRED SCHNEIDER begann seine literarische Karriere als Zwölfjähriger. Da seine Werke in Schülerzeitschriften wenig Beachtung fanden, studierte er daraufhin in Freiburg Literatur-wissenschaft und Philosophie. Nach der Promotion durchlief er den langen Irrweg eines Assistenten, Privatdozenten und Universitäts-professors für Literaturwissenschaft und Medien an den Universi-täten Freiburg, Essen und Bochum. Seinen Schreibdrang stillte er in wissenschaftlichen und kulturkritischen Büchern über Revolutionäre, Barbaren, Attentäter und zuletzt über Transparenzträumer. Nach dem Krimi »Die Katze schleicht« (Transit-Verlag 2021) legt er hier seinen zweiten Roman vor. Buchtitel u.a.: »Liebe und Betrug. Die Sprachen des Verlangens« (Hanser 1992), »Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft« (Matthes & Seitz 2010), »Transparenztraum. Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche« (Matthes & Seitz 2013).

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ERSTES KAPITEL EIN DICHTER SPRINGT AUF VERSFÜSSEN DURCH ZWEI BAHNHÖFE UND EINE UNIVERSITÄT
Der erste Satz trug Jason über die Schwelle des Hauptbahnhofs. Er schwebte kaum eine viertel Sekunde. Zwei Achtelsekundensprünge folgten. Lang-kurz-kurz. In diesem Takt ließ er, mit winzigen Pausen, seine Beine noch weitere Zweier- und Dreiersätze tun, und dann hatte er den letzten gesprungenen Hexameter vollendet. Die flüchtigen Momente der Schwerelosigkeit und die Erdberührungen der Fußspitzen brachten ihn aus dem von Kaugummiresten gesprenkelten Vorplatz des Essener Bahnhofs durch die Automatiktür, über die quergeriffelte Eingangsmatte auf die Granitfliesen der Schalterhalle. Kurz atmete er durch und blickte in ein irritiertes Augenpaar, das seinen Sätzen gefolgt war. „Hey, wat is dattenn füen Anstand?“, dröhnte der Security-Hüne in Blau. „Keine Aufregung, ich bin lyrischer Dreispringer!“ gab Jason zurück. „Wat bisse?“ „Ich bin Bahnhofstänzer, heute mach ich Hexametersprünge!“ „Ich versteh' nua Bahnhof!“ „Ja, richtig – BAHNHOFSTÄNZER!“ „Wat bisse am tanzen?“ „Hexameter, so eine Art Wiener Wälzer aus Wörtern.“ „Ich geb' dir gleich Wiena Walza!“ Da war der Dialog schon wieder zu Ende, weil eine Schülergruppe den Wachmann umspülte und ihn ein Kinderruf ablenkte. Jasons getakteter Bahnhofstanz führte ihn weiter über die gerippten Blindenleitplatten, vorbei am Infostand der Deutschen Bahn und am Vierfarbenmüllcontainer bis zur Treppe, die hoch zum Bahnsteig 6 führte, wo er die Regionalbahn zur Bochumer Universität nehmen wollte. Die Übung im lyrischen Dreiertakt zählte zu seinem heutigen Morgenprogramm, denn er sollte später in der Röhre des Kernspintomographen eine Elegie dichten. Den Tag zuvor hatte er seinen Großvater, die Pflegerin, Eltern und Geschwister zum Lachen gebracht, weil er zur rhythmischen Eingewöhnung dauernd in Distichen sprach: „Mama, du liebliche Köchin, die Nudeln sind schön wie Gedichte! Distichen singt der Poet, füllt ihm erst Mehlspeis' den Wanst." Nur sein Dackel Rilke wollte die Befehle nicht begreifen, obwohl er als hochbegabt galt und sogar Zeitungen apportierte: „Rilke, hilfreiches Vierbein, herbei mit den Tagesjournalen! Alles, was weltweit geschieht, les‘ ich mit gierigem Aug!“ Die Antwort war arrhythmisches Schwanzwedeln. Dabei verdankte der Hund den Dichternamen seiner Vorliebe für genau skandierte Freudentänze und Zeilensprünge. Die Hexametersätze heute Morgen machte Jason, um seine poetischen Hirnregionen auf das elegische Versmaß einzustimmen. Mit dem smarten Leiter des Projekts im NRCPC, dem Neuroscience Research Center of Poetic Creativity, hatte Jason verabredet, dass er sich auf das wöchentliche Experiment mit rhythmischen Übungen vorbereitete: „Ja, sicher doch, lassen Sie Ihre Versfüße ruhig ein bisschen tanzen!“ ermunterte ihn Professor Overstolz. Als „Distinguished Global Brain Network Professor“ leitete Overstolz unter anderem die Kreativitäts-Experimente im Rahmen des weltumspannenden GBMP (Google Brain Modeling Project). Sonst verlangte der Vertrag, den Jason unter Aufsicht des seltsamen Notars in Gestalt eines Mensch-Hund-Mischwesens unterzeichnet hatte, dass er spontan in der MRT-Röhre dichtete. Die Hirnregionen, wo Takt, Reim, Rhythmus, Klang, Zeilensprünge und andere lyrische Funktionen entstehen, sollten während ihrer kreativen Tätigkeit gescannt werden. Vor allem wollte man in der Versuchsreihe das Rätsel der Inspiration lösen. Was macht Orpheus singen? In welchen Neuronen wohnen die Musen? Heute hatte Jason den Weg von der Essener Altenhofsiedlung II an der Wittenbergstraße bis zum Bus und zuletzt die vierhundert Schritte von der Haltestelle, vorbei an der Post und dem Handelshof bis zum Bahnhofsvorplatz in einer Folge von gesprungenen Daktylen zurückgelegt. Ein wenig störten ihn die erstaunt mithüpfenden Blicke. Oh ja, Dichter sind Sonderlinge, erst recht die experimentellen Dichter! Beim heiligen Huelsenbeck! Oder beim megaheiligen Goethe, der schon seiner römischen Bettgenossin die Hexameter auf den Rücken klopfte. Ach, wenn wir Hirnscans der Klassiker hätten! In welchem Winkel der Weimarer Schläfenlappen nistete das Genie? Durch welche neokortikalen Zonen blitzte die klassische Walpurgisnacht? Die neuropsychologischen Versuche mit Jason als Genie-Vertreter liefen bereits seit zwei Wochen, und heute hatte er zum Warmdichten wieder der lyrischen Sprungfolge ein paar Worte unterlegt: „Denk ich der Treppen und Hallen, von schreienden Menschen durchlaufen, Keiner staunet euch an, allen seid ihr egal; Doch welches Schauspiel zeig ich, ihr Schlepper von Taschen und Trollis, Dass ihr so glotzet und gafft hier im Bahnhof umher? Da sein digitaler Musikdienst Spotify unter „Genres und Stimmungen“ keine Hexametermusik anbot, erfand er dieses Remake zu Achim von Arnims Reiseelegie als Taktgeber für die heutige Gangart: Silbe für Silbe übersetzte Jason in längere und kürzere Sprünge, und diesen Tanz auf den Lautfolgen begleiteten bizarre Vorstellungen. Irgendwann würde er vor Glotzern und Gaffern auf dem Bahnsteig eine Ode tanzen, und dann würde man ihn für verrückt halten, ganz wie den Dichterfreund Nietzsche, der für seinen Auftritt einst die prächtige Domwölbung der Stazione Porta Nuova in Turin wählte. Nietzsche hatte dort als Dionysos im Januar 1889 getanzt und gesungen. Der alte Pferdeküsser soll sogar im Bahnhof gedichtet haben. Der Zug, den Nietzsche in Turin bestieg, führte über Basel nach Jena in die Klinik des Doktor Otto Binswanger, wo 13 Jahre später Margarethe, die Ehefrau des großen Essener Sohnes Friedrich Krupp, zwangsweise eingewiesen wurde, weil sie sich beim Kaiser über den Hang ihres Gatten zu Jünglingsfleisch beklagt hatte. Der große Dionysos war damals auch im Zug voller Poesie. Oben auf dem Sankt Gotthard sang der Philosoph weinend das Gondellied aus dem Ecce homo. „An der Brücke stand jüngst ich in brauner Nacht. Fernher kam Gesang: Goldener Tropfen quoll's über die zitternde Fläche weg.“ Aber hatte nicht Professor Overstolz bei ihrem Vorgespräch gesagt, dass im Rahmen des Lyrik-Projekts auch die Gehirne von toten Dichtern wie Ossip Mandelstam, Gottfried Benn oder Friedrich Nietzsche remastert werden sollten? Wohl darum hatte Jason in der letzten Nacht geträumt, dass er mit dem kurz seinem Grab entstiegenen Nietzsche sprach. Die meisten Traumbilder waren verblasst, aber eine Szene stand ihm noch vor Augen. Er hatte den vom langen Totsein bleichen Philosophen gefragt, ob ihm sein postumer Weltruhm nicht eine Genugtuung sei. Und Nietzsche hatte leise geantwortet: „Ach, junger Mann, Unsterblichkeit ist ein Botenstoff, den kein Lebender ausschüttet“. Mit diesen Worten erstarrte Nietzsches Gesicht zu einer Terracottamaske, und aus dem weit zum Schrei geöffneten Mund flogen die Worte in goldenen Tropfen hervor. Wie merkwürdig! Noch im Traum hatte sich Jason über das Wort „Botenstoff“ gewundert, das doch zu Nietzsches Zeiten unbekannt war. Und jetzt im Wachzustand fragte er sich, ob die geistreiche Bemerkung des Traumgespenstes als seine Erfindung gelten durfte oder ob sie urheberrechtlich Friedrich Nietzsche gehörte. Jason studierte Rechtswissenschaft und befasste sich gerade mit Urheberrecht. Für die Bahnhofselegie, die er später unter der Magnetspule dichten sollte, legte sich Jason einen Vorrat an Bildern und Worten an. „Goldene Tropfen“ und „zitternde Flächen“ aus dem Gondellied und aus seinem Traum - das würde rhythmisch passen. Und was noch? Er schaute sich um. Was konnte die Welt soufflieren? Oben die Anzeigetafel über dem Eingang zum dm-Markt zeigte eine zitternde Fläche, auf der digitale Stunden und Minuten tropften. Die Spalte mit der Abfahrtzeit seiner Regionalbahn zeigte an, dass der Zug zehn Minuten Verspätung haben würde. Was macht man mit einem Zuviel an Zeit? Kann man Stunden und Minuten in Schwingung versetzen? Die kleinsten Dinge haben einen Spin, dachte er, Protonen, Neutronen, ja Elektronen und Quarks drehen sich. In der Nanowelt tanzt alles! Vielleicht drehen sich auch die kleinsten Momente, die milliardstel Sekunden. Und laufen nicht auch dort Bewegung, Zeit und Raum zusammen oder nein, schwingen sie nicht zusammen? Nur wenn die Dinge zäh werden und wenn die Zeit zu Sekunden und Minuten aufquillt, ist der Tanz zu Ende. Seine Sprünge, noch immer im Zweier- und Dreiertakt, trugen ihn durch die Halle. Er dachte an die dunkle Muffe der Magnetspule, in die er später einfahren würde. Welche Regionen seiner Hirnrinde waren eben jetzt aktiv? Sicher, der motorische und sensorische Kortex, der Gyrus frontalis inferior, die Regionen 44 und 45 nach Brodmanns Atlas und die Wernickeregion, die der Fasciculus longitudinalis superior miteinander verbindet. Lauter schöne bunte Flecken auf dem Bildschirm von Professor Overstolz! Wer den Dichter will verstehen, muss in Dichters Kortex sehen. Ach ja, in diesem Augenblick...



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