Schmitzer | Die gestohlene Erinnerung | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Schmitzer Die gestohlene Erinnerung


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-903005-67-9
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-903005-67-9
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Frau und ihre Mutter brechen in die ehemaligen Siedlungsgebiete der Donauschwaben nach Nordserbien auf, um die Wurzeln ihrer Familie zu suchen. Am Telefon mit dabei: die alte Großmutter. Vor der Abreise hat sie ihrer Enkelin vom Alltag in ihrer Heimat, vom 2. Weltkrieg und der Deportation in ein sowjetisches Arbeitslager erzählt. Im Auto hören sie sich diese Aufnahme an. Nach anfänglichem Widerstand beginnt auch die Mutter über den Krieg und die Flucht zu sprechen. Ihre Tochter reiht Stück für Stück aneinander und findet allmählich eine Spur in die Vergangenheit.

1967 in Salzburg geboren; Studium der Publizistik und Kunstgeschichte; Redakteurin bei Ö1, freie Filmemacherin und Autorin in Wien; zahlreiche Radiopreise, u. a. Inge Morath-Preis für Wissenschafts-Publizistik 2012. Absolventin der Leondinger Akademie für Literatur 2008; zuletzt erschienen: Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt (2014), Die Flut (2013), Die falsche Witwe (2011), alle Edition Atelier. Als Co-Herausgeberin Bourdieus Erben (2006) und Susan Sontag. Intellektuelle aus Leidenschaft (2007), beide im Mandelbaum Verlag.
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DIE SIPPSCHAFT


Das also sind meine Großeltern. Beziehungsweise, das waren meine Großeltern.

Die Sippschaft ist fast komplett ausgestorben. Über Tote zu schreiben, ist keine leichte Angelegenheit. Sie spuken in meinem Kopf herum, sind nur Gespenster. Was bleibt von ihrer realen Existenz? Ist nicht alles reine Fantasie? Oder sehen manche einfach mehr als andere?

Es ist genauso wie damals, als ich meinen Bruder an einem ungewöhnlichen Ereignis teilhaben lassen wollte. Es war ein Sommertag, und ich rannte im Garten auf und ab, ich rannte ums Haus, und ich rannte die ganze Straße ab. Ich hatte eine magische Kraft in mir, ich wurde nicht müde, und ich rannte mindestens dreimal so schnell wie sonst. Ich konnte auch extrem hoch springen. Ich sprang so hoch, dass ich fast die Äste der Bäume berühren konnte. Das war offensichtlich. Mein Bruder konnte es nicht sehen. »Du spinnst«, sagte er. Plötzlich war die magische Energie weg! Ich hab sie seitdem nicht mehr gespürt. Was hätte ich alles damit machen können!? Ich hätte Marathonläuferin, sogar Triathlonwettkämpferin werden können. Ich hätte Weltmeisterin im Stabhochspringen werden können, ich hätte die Wüste durchlaufen können.

So geht es mir nun mit den Gespenstern. Ich sehe sie strickend auf der Couch sitzen, ich sehe sie als Junge auf dem Feld arbeiten und ich sehe sie als Alte Kipferl backen. Sehe wirklich nur ich ihre Schatten? Heute vermute ich, dass ich eine Aura hatte. So was gibt’s, wenn man einen Migräneanfall hat. Festnageln lass ich mich jetzt aber nicht, ob ich danach oder überhaupt je einen Migräneanfall hatte. Darum geht’s hier doch gar nicht!

Die Vorbereitungen zur Reise waren schnell abgeschlossen. Oma hat irgendwann eingesehen, dass sie nicht mitfahren konnte. Dafür mussten wir ihr nochmals versprechen, sie telefonisch am Laufenden zu halten. Im Ort selbst gab es kein Hotel, aber in einer der Nachbarstädte – in Apatin. Dort haben wir gebucht. Direkt an der Donau.

Ich dachte mir, es ist eine gute Idee, wenn ich ein Interview mit Oma mache, bevor wir fahren. Dann weiß ich mehr über das Leben da unten. Sie setzte sich an ihren Küchentisch und erzählte, als ob sie ihr ganzes Leben nur darauf gewartet hätte, dass sie jemand fragt. Nicht, dass ich nicht alles schon tausendmal gehört hätte. Aber richtig zugehört habe ich davor noch nie.

»Was ist das für eine Kassette?«, fragt meine Mutter im Auto. Sie hat die Straßenkarte auf dem Schoß und ist schon sehr aufgeregt.

»Die hab ich mit Oma aufgenommen«, sage ich und lege sie ein.

Das klingt jetzt, als ob das schon lange her ist. Aber in einem alten Auto ist eben ein alter Kassettenrekorder, und der bleibt da auch, solange ihn niemand gegen einen MP3-Player austauscht.

»Als erstes erzählt sie von den 1960er-Jahren«, sage ich.

Wir sind ins Haus reingekommen. Es war alles fremd und auch wieder nicht. Wie soll ich sagen: Jeden Stein, jedes Pflaster hab ich gekannt, durch und durch. Die Granitsäulen, und im Ganghäusl, da war der Name: Kühn Sebastian. Eingemeißelt, das hat man nicht rausmachen können. Wir haben ihnen den Pass gezeigt und gesagt, dass das unseres gewesen ist, und wir wollen nur nachschauen. Wir möchten nichts. Und dann ist einer gekommen, der hat gesagt, es haben schon drei Familien drin gewohnt. Das Haus war ja groß. Und das erste, was ich gefragt hab, war: Wer hat das Wohnzimmer gekriegt? Weil ein Wohnzimmer war das! Da ist ein Pfarrer gestorben, und die Großmutter hat das ersteigert. Es gab einen Fauteuil und eine Dreiersitzbank, und die Kredenz, eine ganz moderne und eine gedrechselte Stellage dazu. Und ich hab gleich gefragt, wo das geblieben ist. Da haben sie gesagt, das hat der Nacelnik2 mitgenommen. Der Chef. Und sein Bruder hat das eine Schlafzimmer mitgenommen. Das andere ist ihnen geblieben.

Dann bin ich von einem Raum zum anderen gegangen und hab geschaut. In dem einen Zimmer, da war noch die Malerei. Wir haben so eine Lüftlmalerei3 gehabt, im Vorhaus überall. Heiligenbilder in jedem Raum. Bei uns hat man den Brautkranz4 und den Brustkranz5 eingefasst in ein Bild und an die Wand gehängt. Ich schau gleich im Schlafzimmer nach, ob das Bild noch dort hängt, aber dann war der Tito dort gehangen. Na, sag ich, was sucht denn der da herinnen? Sagt der Bastl: Sei doch ruhig, das ist doch ihr Chef!

Dann bin ich bis zum Keller, in die Speis. Der Bastl ist auf den Dachboden gegangen. Ich bin weitergangen zum Stall und hab gesehen, die haben den ganzen hinteren Teil, den großen Bau, den wir im 42er-Jahr gebaut haben, das haben sie alles weggerissen. Ich hab gefragt, warum sie das gemacht haben. Da sind zwei Häuser aufgebaut worden von dem Material. Und dann bin ich durchgegangen durch das Türl und hab in den Garten geschaut. Die ganzen Weinreben, alles rausgehackt. Dann haben sie gesagt, sie haben das machen müssen, die Weinreben haben sie alle rausmachen müssen und die Bäume, sie haben das Holz gebraucht. Aber der Birnbaum, der im Hof gestanden war, den haben sie gelassen, daneben ist ein wilder Baum rausgewachsen, den haben sie stehen gelassen, das war ein wilder Quittenbaum.

Und dann bin ich in die Sommerküch’ gegangen. Zuerst hab ich im Garten geschaut, wo die Blumen waren, zum Brunnen bin ich gegangen und hab Wasser getrunken, weil das so gut war, das Wasser war immer sehr gut, obwohl der Misthaufen fünf Meter weiter weg war, aber das Wasser war sehr gut. Und dann hab ich die Rosen dort angeschaut, die haben alles hingemacht! Die haben alles hingemacht, hab ich gesagt.

Und dann bin ich ins Salettl6. Das Salettl war noch schön, da war noch die große Bank, der große Tisch, wo wir im Sommer gegessen haben, und hinten dran ist noch so eine kleine Küche, die wir gebaut haben, da haben wir abgemauert und unser Zeug versteckt: die Ziehharmonika, die Ohrringe von mir und die Uhr vom Bastl und so Zeug. Das haben sie auch aufgebrochen, alles rausgeholt, das haben sie ja gebraucht. Und dann im anderen Raum, da haben sie jetzt die Hühnersteigen, da war lauter Dreck, und ich hätt am liebsten in die Ecke geschaut, wo ich die Papiere vergraben habe, die wir gehabt haben vom Haus. Wie viel Quadratmeter Grund wir gehabt haben, wie groß das Haus war, wie groß der Garten war, wie groß das eine und das andere Feld waren. Dann, wie wir weg sind, haben sie uns Schnaps gegeben, wir sollen Schnaps mitnehmen. Und ich hab ihnen Kopftücher mitgebracht, das war damals eine schlechte Zeit. Und das schöne Wohnzimmer! Es ist ja nur benutzt worden, wenn der Pfarrer mal gekommen ist, oder der Doktor oder wer. Da haben sie einen Herd drinnen gehabt und am Fenster raus einen Kamin, dabei hat das Haus schon drei Kamine gehabt. Überall Doppeltüren, und die Betten von der Großmutter, eines war noch gestanden, das andere weiß ich nicht, wo sie das hingetan haben. Sie haben gesagt, sie haben alles weggeholt, naja, es sind die meisten Häuser ja ausgeräumt worden, aber bei uns nicht, weil da der Nacelnik war, bei dem ist nicht alles ausgeräumt worden.

»Stopp mal«, sagt meine Mutter laut.

Ich steige leicht auf die Bremse, sehe sie an. Dann gebe ich wieder Gas.

Ich schalte den Kassettenrekorder aus.

»Wir müssen bald rechts abbiegen. In dreißig Kilometern, das dürfen wir nicht verpassen. Da war noch meine Wiege im Garten«, sagt sie ohne Atempause. »Die haben sie auf den Misthaufen geworfen, und da ist sie dann gelegen, bis wir wiedergekommen sind. Dreißig Jahre später.«

»Ich weiß, Mutti«, sage ich.

»Aber was soll’s!«, sagt sie.

Wir haben die Notizbücher von Oma mit. Am Abend blättere ich sie durch. Es sind so viele Listen. Sie war eine Buchhalterin. Eine Buchhalterin der Schuld: 30 Hendl geköpft, 4 Stunden Ziegel gemauert, 8 Stunden Haus verputzt. Ich hab alles aufgeschrieben, hat sie immer gesagt, als ob damit jeder Einsatz eines Tages belohnt würde. Die Listen füllten sich, aber der Lohn blieb aus. Bei einem reihte sich Kolonne an Kolonne, beim anderen klafften riesige Löcher. Ich hab alles aufgeschrieben, sagte sie wieder, angesichts der ungerechten Arbeitsteilung. Ihr Notizbuch war der Garant für Gerechtigkeit. Für spätere Gerechtigkeit.

Sie liebte jede Art von Listen. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen war ein dickes Buch, auf dem in Gold die Aufschrift »Sippenchronik« prangte. Sie blätterte darin wie in ihrem eigenen Gedächtnis. Die Eichingers, die Hoog Anna … die Schmid, die Haumann, die Keller … ein Name reihte sich in Endlosschleife an den anderen … der Meßli Stefan, die Milla Rosina. Fiel ihr das Gesicht zum Namen nicht mehr ein, zog ihr Blick mit ihrem Zeigefinger in die zweite Reihe, wo die Hausnamen standen. In dritter Reihe standen die Namen und Geburtsdaten der Kinder und der Enkelkinder. Ich hatte also allein kraft der Geburt...


1967 in Salzburg geboren; Studium der Publizistik und Kunstgeschichte; Redakteurin bei Ö1, freie Filmemacherin und Autorin in Wien; zahlreiche Radiopreise, u. a. Inge Morath-Preis für Wissenschafts-Publizistik 2012. Absolventin der Leondinger Akademie für Literatur 2008; zuletzt erschienen: Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt (2014), Die Flut (2013), Die falsche Witwe (2011), alle Edition Atelier. Als Co-Herausgeberin Bourdieus Erben (2006) und Susan Sontag. Intellektuelle aus Leidenschaft (2007), beide im Mandelbaum Verlag.



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