E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Schmitz Flüchten und Fliegen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-0689-7
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7325-0689-7
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Köln im Jahr 2049. Längst herrschen neue Gesetze in der Stadt am Rhein. Den Kölner Dom gibt es zwar noch - und doch ist alles anders. Nur wenige Auserwählte wie Anton und Milena haben das Glück, in einem der Dom-Türme zu leben - und doch schweben sie in Lebensgefahr. Denn wer auserwählt ist, wird unerbittlich gejagt. Eine Bande ist Anton und Milena im Auftrag der Stadt auf den Fersen, in einem Spiel um Macht, Liebe und den Erhalt eines der letzten großen Bauwerke der Menschheit. Ein packender Zukunftsroman!
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5.50 Uhr Anton Wiemer rannte, so schnell er konnte. Auch wenn ihn seine Schritte auf dem Asphalt verraten würden. Bisher hatte er Glück gehabt. Zweimal waren seine Verfolger an ihm vorbeigelaufen. Er hatte sich in einem der Hauseingänge verkrochen. Jetzt musste er flüchten. Der Boden war nass. Am frühen Morgen hatte es heftig geregnet. Kühl war es plötzlich geworden, obwohl noch Sommer war. Dauernd wechselten die Temperaturen. Die Schulferien waren vorbei, der erste Schultag stand bevor, heute, Donnerstag, der 12. August 2049. Anton hörte die Stimmen seiner Verfolger, sie waren ihm dicht auf den Fersen. Gleich würden sie aus den Seitengassen strömen und ihn entdecken. Die Sohlen seiner Sportschuhe klatschten über das harte Kopfsteinpflaster. Seine angewinkelten Arme durchschnitten die Luft wie zwei mechanische Messer auf Hochtouren. Er legte den besten Sprint seines Lebens hin. Obwohl seine Lunge schmerzte, wie mit Nadeln stach es ihm in er Brust. Aber er durfte nicht langsamer werden, denn jetzt hörte er ihren Aufschrei. Sie hatten ihn entdeckt! Anton rannte über den Quatermarkt, durch die Obenmarspforten, die Budengasse, in die Goldschmied. Er drehte sich um. Gut zehn oder zwölf setzten ihm nach, Jungen und Mädchen, in seinem Alter. Er kannte niemanden. Warum waren sie hinter ihm her? Schrilles Bremsen und Hupen! Anton sprang hoch und landete auf dem Glasdach eines Citycoopers. Das Gesicht unter der Scheibe schimpfte. Anton rutschte herunter und rettete sich auf den weiten Roncalliplatz am Dom, der riesig vor ihm aufragte. Noch wenige Meter und er hatte den Südturm erreicht und konnte sich in Sicherheit bringen. Dort, wo er jetzt wohnte. Wo er gestern Abend eingezogen war, zusammen mit seinen Eltern. Vor Sonnenaufgang war Anton heute früh aufgewacht und zum ersten Mal nach draußen gegangen, um die Gegend zu erkunden. Etwas Neues würde beginnen. Er hatte es nicht gewollt. Im Nieselregen war er durch die leeren Einkaufsstraßen geschlendert, zum Rhein und durch die Gassen um die Konzerthalle Groß Sankt Martin. Trotz des schlechten Wetters hatte ihm alles ganz gut gefallen, bis er spürte, dass er beobachtet wurde, von immer mehr Seiten, von immer mehr Augen. Jetzt hatte er das rettende Domportal fast erreicht. Doch da krallte sich eine Hand von hinten in sein Hemd und riss ihn zu Boden. »Halt ihn fest!«, zischte eine Stimme. »Setz dich auf ihn!«, eine zweite. »Ich hab ihn!«, eine dritte, eine Mädchenstimme. Das Mädchen presste Antons Schultern auf die Platten. Der blonde Zopf, festgezurrt am Hinterkopf, zappelte durch die Luft. Ein Rothaariger zerrte an Antons Armen. Ein Dunkelhaariger warf sich mit seinem Übergewicht auf Antons Oberkörper und versuchte ihm das aufgerollte Kletterseil zu entreißen, das Anton aus Gewohnheit mit einer Schlaufe am Gürtel befestigt immer bei sich trug. Doch Anton ergab sich nicht. Er bäumte sich auf. Mit gebündelter Kraft schleuderte er seine Beine nach oben, schrie und schlug und trat um sich, dem Zopfmädchen in den Hintern, dem Rotschopf in den Bauch, dem Dicken ins Gesicht, mit der Faust, dass es klatschte. Anton kam frei und stürzte mit einem roten Haarbüschel in der Hand die Stufen zum Dom hinauf, kramte den Schlüssel aus der Hosentasche, stürmte in den gläsernen Vorraum, schloss die kleine Pforte zum Südturm auf, schlüpfte in letzter Sekunde durch den Türspalt ins Treppenhaus und schob von innen den Riegel vor. Geschafft! Mit dem Rücken an der Steinwand glitt er zu Boden und ließ das rote Haarbüschel durch die Luft rieseln. Flüche und Tritte traktierten von außen die Tür. »Idioten!«, schrie Anton. »Wir kriegen dich!«, schrie das Zopfmädchen zurück. Anton erkannte es an der kehligen Stimme. »Aber jetzt nicht«, murmelte er. Er roch das alte Holz und sog die kühle Luft so gierig ein, als wollte er sie trinken. Schweiß perlte über sein Gesicht, der Puls schlug ihm bis in die Lippen, seine Beinmuskulatur zitterte, und auf den Schürfwunden an seinen Händen und Ellbogen bildete sich ein klebriger Film aus wässeriger Flüssigkeit, Blutschlieren und Schmutz. Alles tat ihm weh. Dann krempelte er sich die Jeans hoch übers Knie: Schürfwunden und blaue Flecken auch dort. Der Baumwollstoff war kein richtiger Schutz. Seine Verfolger hatten es besser, dachte Anton. Sie trugen Hosen und langärmelige T-Shirts aus dichten Hightechfasern, die alles Mögliche abhielten, Hitze, Kälte, Regen. Und sie schützten vor Schürfungen, wie Bikeranzüge, aber Antons Tritte und Schläge hatten sie kaum gedämpft. Stoßfest war das Kunstgewebe nicht. Trotzdem sehr teuer. Seine Eltern hatten ihm noch nie solche Sachen gekauft. Hinter der Tür war es plötzlich still geworden. Erst als Anton das kurze Knirschen im Schloss hörte, wusste er, was passiert war. Die Bande war in den Besitz seines Schlüssels gekommen. Er hatte ihn außen stecken lassen! »Jetzt haben wir dich doch, Locke!«, jubilierte eine Jungenstimme, die nach dem Rotschopf klang, ziemlich rau, als würde er viel schreien. Aber warum nannte er ihn Locke, dachte Anton. Er hatte doch gar keine Locken. Nur welliges Haar, füllig, lang und braun. Ein Schlag gegen die Klinke. Anton musste sich etwas einfallen lassen. Sobald die Tür von innen einmal nicht verriegelt war, würden seine Feinde jederzeit zu ihm in den Turm gelangen können. Entweder musste er seinen Schlüssel wiederbekommen oder dafür sorgen, dass ein neues Schloss eingebaut würde. Er machte sich an den Aufstieg. 533 Stufen. Er hatte sie beim Abstieg in der Früh gezählt. Langsam trottete er die enge, steinerne Wendeltreppe nach oben. 6.20 Uhr 97 Meter über der Erde! Der Blick von der Aussichtsplattform des Südturms auf die Stadt war schwindelerregend! Die Wolkendecke war an einigen Stellen aufgebrochen. Lichtstrahlen drangen wie Säulen zur Erde. Anton sah in der Ferne das Siebengebirge, wo er bis gestern gewohnt hatte. Er dachte an seine Großmutter, bei der er bis gestern gelebt hatte. Am liebsten hätte er sich auf das Turmgeländer gestellt, die Arme ausgebreitet und wäre davongeflogen, hinweg über die Skyline der Stadt, den Rhein entlang Richtung Süden, zu ihr. Aber seine Großmutter war alt und müde. Sie konnte sich nicht mehr um ihn kümmern. Die Kraft, für ihn zu sorgen, täglich zu kochen, zu waschen, einzukaufen, war ihr nach all den Jahren geschwunden. Mehr als seine Eltern hatte sie für ihn gesorgt. Aber jetzt brauchte sie Ruhe und hatte Antons Eltern gedrängt, nach Köln zu ziehen. Und irgendwie war es ihr gelungen, die Familie in den Werkstätten des Kölner Doms als Steinmetze unterzubringen. Sie kannte den Chef des Betriebs, den Dombaumeister. »In der Dombauhütte bist du gut aufgehoben«, hatte sie Anton beim Abschied zugeflüstert und ihn fest an sich gedrückt. Ein Zittern war durch ihren alten Körper gegangen. »Anton!«, rief eine Stimme weit über ihm. Er sah den steilen Turmhelm hinauf und entdeckte seine Mutter. In halber Höhe hing sie, von Klettergurten gehalten, wie in der Steilwand eines Gebirges. Sein Vater arbeitete sich rechts von ihr aufwärts. »Ich komme mit!«, rief Anton, aber seine Mutter winkte ab. »Später!«, rief sie und kletterte weiter. Anton hatte nichts anderes erwartet. Seine Eltern sagten meistens »später« oder »jetzt nicht«. Er schaute ihnen eine Weile hinterher, bis ihm der Nacken schmerzte. Er wandte sich ab, drehte eine Runde auf der Aussichtsplattform und warf hin und wieder einen Blick durch die auf der Fensterbank montierten Fernrohre. Auf den Hügeln des Bergischen Landes drehten sich ganze Wälder von Windrädern. Zwischen ihnen glänzten die endlosen Flächen der Photovoltaikanlagen. Die Stadt selbst war ein wirres System ineinander verschachtelter Häuserblöcke und gläserner Bürotürme, Shopping-Malls und Gewerbezentren. Die Gassen, Straßen, Alleen und Autobahnen bildeten ein völlig undurchschaubares Labyrinth. Silberne Hochgeschwindigkeitszüge schossen wie Pfeile in die Stadt hinein und wieder hinaus. Eine Flotte von Cargoliftern lag auf der anderen Rheinseite am Boden. Blinde Wale aus dem Weltall, fremde Wesen, die auf ihren nächsten Schwertransport warteten. Dann wieder der Süden, das Siebengebirge. Jeden Berg kannte Anton, jede Anhöhe, die Täler dazwischen, alles zum Greifen nah. Und beim Gedanken an seine Großmutter kamen ihm die Tränen. »Was ist los? Warum weinst du?« Wie aus dem Nichts kam der Dombaumeister auf Anton zu. Vor ihm ein Terrier, nicht viel größer als eine große Katze, weiß-braun gescheckt, blitzende Knopfaugen. Vergnügt sprang er an Anton hoch, weil er meinte, einen Spielgefährten gefunden zu haben. »Lass das, Henry!«, zischte der Dombaumeister, fing den Hund auf, als er wieder an Antons Körper hochsprang, und setzte ihn hinter sich auf dem Boden ab. Der alte Herr besah sich Antons aufgeschürfte Hände und Ellbogen. »Wie ist das passiert?«, fragte er und wischte Antons Gesicht trocken. »Wo sind deine Eltern?« »Oben«, sagte Anton und wies mit dem Kopf Richtung Turmspitze. »Komm mit, wir müssen die Wunden behandeln.« Der Dombaumeister legte einen Arm um Antons Schultern. Sie stiegen die Eisentreppe hinab in die Küche, wo sich Anton endlich setzen konnte und der alte Herr ihm mit einem feuchten Abtrockenhandtuch vorsichtig den Schmutz von den Verletzungen tupfte. Der Hund hockte daneben und schaute mit seinen großen Augen aufmerksam zu. Sehr groß war der Dombaumeister, er überragte Anton, auch wenn er vor ihm kniete. Ein verquollenes Gesicht hatte er, eine knollige Nase, dunkle Augen und einen breiten Mund, der sehr freundlich...