Schmidt / Steinbrück | Zug um Zug | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Schmidt / Steinbrück Zug um Zug


1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-455-85013-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-455-85013-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sie zählen zu den bedeutendsten Politikern ihrer Generation und sie verbindet eine langjährige Freundschaft. Sie stehen für Zuverlässigkeit, wegweisende Entscheidungen und klare, oft unbequeme Positionen. Sie treffen sich - diesmal nicht zum Schachspielen, sondern um über große politische Themen zu reden, die zurzeit die Menschen bewegen.

Obwohl fast dreißig Jahre zwischen Helmut Schmidt und Peer Steinbrück liegen, werden die beiden oft in einem Atemzug genannt - Elder Statesman und moralische Instanz der eine, spätestens seit der Finanzkrise Garant für politische Geradlinigkeit der andere: Hier tauschen sich zwei überzeugte Sozialdemokraten aus, die vieles von dem, was ihre Partei an Beschlüssen in die Welt setzt, nicht gutheißen können. Ob sie über die Risse im Fundament unseres Sozialstaates reden oder über die Ignoranz mancher Funktionseliten, ob sie die Verschiebung der globalen ökonomischen Gewichte diskutieren oder die verheerenden Auswüchse des weltweiten Raubtierkapitalismus: Immer wieder kehrt das Gespräch zu der Ausgangsfrage zurück, wie das Primat des Politischen auch in Zukunft gewahrt und die wachsende Kluft zwischen Regierten und Regierenden geschlossen werden kann.

Schmidt / Steinbrück Zug um Zug jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material








Schmidt:  Wann sind wir uns eigentlich das erste Mal begegnet, Peer? Steinbrück:  Das muss im September 1979 gewesen sein, Helmut, als ich kleiner Mitarbeiter im Kanzleramt war. Sie flogen zu einer Rede bei der Max-Planck-Gesellschaft, irgendwo in Süddeutschland, und hatten anschließend die sogenannte Entsorgungsrunde mit den Ministerpräsidenten über Gorleben. Ich wurde hinten ins Flugzeug gepackt mit der Direktive: Auf dem Rückweg will der Bundeskanzler von Ihnen vorbereitet werden auf die Bund-Länder-Konferenz, insbesondere auf das Gespräch mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht; es ging um die eventuelle Endlagerstätte für nuklearen Abfall in Gorleben. Und dann wurde ich auf dem Rückflug nach Bonn zum Bundeskanzler gerufen. Ich habe mich hingesetzt, und Sie haben erst mal nur gelesen. Dann haben Sie mir zwei Fragen gestellt, und dann haben Sie lange wieder nichts gesagt. Ich wollte aufstehen und wieder gehen, weil ich dachte, die Audienz ist beendet. Da haben Sie gefragt: Wer hat Ihnen denn gesagt, dass Sie aufstehen sollen? Und mich mit so einer Handbewegung angewiesen, dass ich mich wieder setze. Dann wollten Sie wissen, wo ich herkomme, weil Ihnen offenbar auffiel, dass ich so ähnlich Hamburgisch sprach wie Sie. Schließlich sind wir die Entsorgungsproblematik durchgegangen. Das war die erste Begegnung zwischen uns, 1979. Volker Hauff war dabei als zuständiger Minister. Schmidt:  Ist Volker Hauff später politisch aus dem Tritt gekommen? Steinbrück:  Nein, der ist von der SPD Hessen-Süd und der Frankfurter SPD – sagen wir es vorsichtig und gerade noch parteikorrekt – nicht ausreichend unterstützt worden. Schmidt:  Ach, so war das. Steinbrück:  Ja. Er war Oberbürgermeister in Frankfurt, und heute hätten die da gern einen von diesem Kaliber. Schmidt:  Da gab es doch diesen Mann, der die Alte Oper abreißen wollte, Rudi – Steinbrück:  Arndt. Schmidt:  Arndt, ja. Genannt Dynamit-Rudi. – In welcher Abteilung des Kanzleramts haben Sie gearbeitet? Steinbrück:  Abteilung III. Der Abteilungsleiter war Gerhard Konow, dem ich viel verdanke. Ich war in dem Referat für Forschung und Technologie, dem Spiegelreferat zum Forschungsministerium, weil ich davor persönlicher Referent gewesen war, erst bei Hans Matthöfer, dann bei Volker Hauff. Matthöfer war von Ihnen im Februar 1978 zum Finanzminister gemacht worden, und Hauff war sein Nachfolger. Schmidt:  War das Zufall, dass Sie ins Kanzleramt geraten sind? Oder hatte es etwas mit Ihrer SPD-Zugehörigkeit zu tun? Steinbrück:  Mit der SPD hatte das gar nichts zu tun, sondern Hauff bat mich, für ihn den – fast hätte ich gesagt – Liaisonoffizier zu machen; ich sollte für ihn die Brücke ins Kanzleramt sein. Schmidt:  Habt ihr kleinen Referenten – Sie waren wahrscheinlich Hilfsreferent oder Sachbearbeiter? Steinbrück:  Richtig, ich war Hilfsreferent. Schmidt:  Habt ihr Hilfsreferenten und Referenten mitgekriegt – oder blieb euch das verborgen –, dass der Regierungschef auf die Parteizugehörigkeit überhaupt nicht geguckt hat? Steinbrück:  Absolut, und zwar wurde uns das vermittelt vom Chef des Kanzleramts Manfred Schüler. Schüler sagte, es zählt nur Qualität. Schmidt:  Richtig. Steinbrück:  Schüler brachte uns bei, wie man Vorlagen für Sie erstellt: Sie müssen dem Kanzler das gabelfertig auf maximal drei Seiten aufschreiben, und Sie machen bitte eine Gliederung. Die Gliederung lautet: Sachstand – Problematik – Votum. Und gehen Sie davon aus, dass der Kanzler den Sachstand am besten kennt; er will die Problematik haben, und er will ein Votum haben. Allerdings haben Sie keinerlei Anspruch darauf, dass der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Ihrem Votum folgt. Schmidt:  Genau. Steinbrück:  Und unterlassen Sie bitte den Trick, den alle Beamten anwenden, dass diesem dreiseitigen Vermerk zwanzig Seiten Anlagen hinzugefügt werden nach dem Motto: Auf Seite 18 der Anlage C steht ein wichtiger Satz – und wenn der Kanzler den nicht findet und liest, ist er selber schuld. Dann kriegte man den Vermerk von Ihnen mit wahnsinnig vielen Anmerkungen in Grün zurück – und das war für einen Hilfsreferenten die größte Bestätigung und Motivation, weil er sicher sein konnte, dass der Kanzler diesen Vermerk gelesen hatte. Fragezeichen hieß »stimmt nicht«, Haken hieß »richtig«. Da damals – genau wie heute – Kernenergie, Entsorgung, Technologieförderung zentrale Themen waren, kriegte ich von Ihnen viele Vermerke so wieder zurück. Schmidt:  Ich hoffe, Sie haben den einen oder anderen Vermerk aufbewahrt und können ihn heute vorweisen. Steinbrück:  Nein, kann ich leider nicht, die Vermerke gingen ja in die Akten des Kanzleramts. Schmidt:  Ich finde das wahnsinnig interessant, was Sie da erzählen. Dieses Gespräch im Flugzeug, war das das einzige Mal, wo Sie mit dem Kanzler reden mussten? Steinbrück:  Nein, nein. Ich wurde vier oder fünf Mal zu Ihnen bestellt; manchmal musste ich Protokollant im Kabinett sein, und manchmal musste ich bei Ihnen antanzen mit meinem Hauptreferenten. Konow sorgte aber immer dafür, dass ich vortragen durfte. Konow hat mich sehr gefördert. Schmidt:  Das bestätigt meine Erinnerung, dass ich mich bisweilen eben nicht auf die Ministerialdirektoren verlassen habe, sondern bis zum Referenten runtergegangen bin. Steinbrück:  Das habe ich später von Ihnen kopiert. Als ich das erste Mal Minister war, sagte ich: Bei Rücksprachen möchte ich den Verfasser des Vermerks mit am Tisch haben und nicht den Abteilungsleiter. Natürlich saßen beide am Tisch, der Referent, der den Vermerk geschrieben hatte, und der Abteilungsleiter. Aber der Referent sollte lernen, wie ich ticke und wie ich reagiere, weil ich wusste, das motiviert ihn. Und noch etwas anderes habe ich mitgenommen aus der damaligen Zeit: dass bei der Besetzung von Stellen nicht die Parteizugehörigkeit, sondern die Qualifikation für mich die entscheidende Rolle spielt. Einer meiner besten Abteilungsleiter als Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein war beispielsweise der frühere CDU-Generalsekretär von Gerhard Stoltenberg. Manfred Schüler war derjenige, der uns – Schmidt:  Ich bin ganz glücklich über das, was Sie über Schüler sagen. Er ist ein wunderbarer Mann gewesen. Steinbrück:  Ja, aber unter uns, Helmut: Wenn er eine Ansprache halten sollte – Schmidt:  Das konnte er nicht. Steinbrück:  Dafür waren Sie ja dann da. Schmidt:  Aber Schüler hat mir zum Beispiel die Geheimdienste vom Leib gehalten. Nur wenn wirklich was in seinen Augen Wichtiges war, hat er es mir vorgetragen. Steinbrück:  Als Belohnung, wenn man ordentlich gearbeitet hatte, bekam man eine Einladung zu Ihren Kanzlerfesten. Es gab ein Kanzlerfest, das werde ich nie vergessen: Sie und Loki standen auf dem Balkon des Palais Schaumburg, und es sollte eine Zaubervorführung geben. Nach Ihrer Ansprache – die war sensationell kurz – wurden Sie beide in einen Käfig gesperrt, dann wurde ein riesiges Tuch drübergespannt, und anschließend waren Sie beide weg. Schmidt:  Der Franz Josef Strauß hätte sich gefreut. Steinbrück:  Der war aber nicht eingeladen. Also, ich behaupte, dass das Kanzleramt damals eine der bestgeführten Behörden war, die es gab – und zwar nicht, um Ihnen hier jetzt Honig um den Mund zu schmieren. Und Manfred Schüler als derjenige, der die Verwaltung machte, war eine kongeniale Ergänzung zu Ihnen. Schmidt:  Ein wunderbarer Verwaltungsbeamter erster Klasse. Steinbrück:  Absolute Spitze. Aber die Abteilungsleiter auch. Was der Konow mir dort beigebracht hat, ich war um die dreißig – Schmidt:  Also, Sie haben mir eine Riesenfreude gemacht in der letzten Viertelstunde, insbesondere auch, was das Lob für Manfred Schüler angeht. In meiner Erinnerung war das eine wunderbare Mannschaft: der Schüler, der Wischnewski, der nicht nur jeden Araber um den Finger wickeln konnte, sondern auch ein sehr gutes Fingerspitzengefühl für die Politik in Deutschland hatte. Wenn der gesagt hat, Helmut, das kannst du nicht machen – hat er immer recht gehabt. Steinbrück:  Da war noch einer. Schmidt:  Klaus Bölling. Steinbrück:  Ja, Bölling, aber noch einer drunter, der eine sehr feinfühlige Behandlung des Apparates hatte – Leister. Schmidt:  Klaus Dieter Leister, ein Mann, dem ich nach wie vor meine Zuneigung bewahre. Steinbrück:  Nicht eitel, nicht geltungsbedürftig und nicht hochnäsig nach dem Motto: Ich bin der Büroleiter des Kanzlers. Das haben wir sehr...


Schmidt, Helmut
Helmut Schmidt, Bundeskanzler von 1974 bis 1982, wurde 1918 in Hamburg geboren. Nach seinem Abschied aus der aktiven Politik kam er 1983 als Mitherausgeber zur Zeit. Neben seinen Beiträgen für die Zeit, veröffentlichte er zahlreiche Bücher. Bei Hoffmann und Campe erschienen Einmischungen. Ausgewählte Zeitartikel von 1982 bis heute (2010), Zug um Zug (mit Peer Steinbrück, 2011), Mein Europa (2013) und Dann wäre ich Hafendirektor geworden (2015). Helmut Schmidt starb am 10. November 2015 in Hamburg.

Steinbrück, Peer
Peer Steinbrück, geboren 1947 in Hamburg, ist Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 2002 bis 2005 war er Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, von 2005 bis 2009 Bundesfinanzminister. Sein Buch Unterm Strich (Hoffmann und Campe Verlag, 2010) stand monatelang auf den Bestsellerlisten. Vertagte Zukunft ist Steinbrücks erste Veröffentlichung seit der Wahl im September 2013.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.