E-Book, Deutsch, 472 Seiten
Schmidt Mira - Wo bist Du
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7460-7097-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 472 Seiten
ISBN: 978-3-7460-7097-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rücksichtlos drehten sich die Zeiger auf der großen Bahnhofsuhr weiter und ließen Colin wie einen Narren tanzen, ganz gleich was er auch tat, sie würden sich nicht aufhalten lassen. Als Colin vor Mira stand, musste er mit ansehen, wie er sie einfach mit sich riss. Er konnte nichts tun, außer zuzuschauen. Juri hatte fünf Jahre auf diesen Tag gewartet. Seine Leiden, seine Schmerzen waren endlich gestillt. Er schloss Mira fest in seine Arme und war eher bereit zu sterben, als sie noch einmal aufzugeben. Egal wie weit Colin auch gehen würde, egal wer an seiner Seite kämpfte, Juri war ihm immer einen Schritt voraus und ließ ihn weiter tanzen, wie einen Narren. Hagen war ein junger Ermittler, war brillant in dem was er tat, doch an dem Tag als Mira verschwand und er den Fall übertragen bekam, konnte er nicht ahnen, welche Lawine da auf ihn zurollte. Es gab keine Zeugen, keine Beweise, keinen Anhaltspunkt, nur einen verzweifelten Mann voller Geheimnisse. Hagen wollte die Wahrheit finden, das Mädchen, doch stattdessen verlor er den Glauben, an dem, was er tat. Nach "Mira - Wer bist du?" und "Mira - Schatten" folgt nun "Mira - Wo bist du?". Ein spannender Krimi, der dich verzweifeln aber auch hoffen lässt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Juri war erst zwölf Jahre alt und ein ungeliebtes Kind. Seine Mutter war tot und sein Vater ein Schläger. Jeden Tag spürte Juri seine Wut, einen Grund gab es selten, nur blinder Hass, der über ihn einprasselte.
Doch heute wird es hier enden! Juri ließ sich dieses Mal nicht in den Schuppen treiben, um sich misshandeln zu lassen, er war bereits freiwillig hier und wartete. Er blieb ganz ruhig und saß auf einem Baumstumpf, als sein Vater nach Hause kam. Es war schon spät, halb zehn. Wie jeden Tag konnte er vor Suff kaum reden und stolperte über die Holzscheite zur Tür hinein. Schäumend vor Rage fluchte er über Himmel und Hölle und sah Juri hasserfüllt an.
„Du scheiß Kerl! Du hast gefälligst an der Tür zu stehen, wenn ich komme! Warum bist du nicht im Haus und hast mir Essen zubereitet, wie ich es dir aufgetragen habe? Du Taugenichts! Früher hätte man dich vergast! Warum bestraft mich Gott mit dir? Was glotzt du so blöd. Ich hau dir gleich eine in die Fresse. Vielleicht antwortest du mal! Was treibst du hier im Schuppen? ..."
Es waren die letzten Worte seines Vaters. Juri stand auf, behielt zögerlich die Hände hinter dem Rücken, holte dann aus und traf ihn mit der Axt mitten ins Herz. Der erste Schlag sollte eigentlich sein Gesicht treffen, doch Juri wollte seine überraschten Augen sehen. Ungläubig ging der Alte zu Boden, Blut lief ihm aus Nase und Mund. Er röchelte und japste, griff noch nach ihm, da traf ihn der zweite Schlag am Hals und brachte ihn zu Boden. Der Abend endete im Blutrausch. All die Jahre der Demütigungen, des Hasses brachen über den alten Mann herein und zerlegten ihn in Einzelteile. Er sollte jeden Moment fühlen und Juri gab sich erst zufrieden, als er ihn komplett vernichtet hatte. An diesem Tag endete Juris Kindheit und übrig blieb ein verwaistes Kind, das keine Angst mehr hatte.
Noch in jener Nacht floh er von diesem grausigen Ort und irrte wochenlang durch die Wälder nahe der Küste. Er lebte von Äpfeln und Resten aus der Mülltonne, gaunerte sich so durch, bis er durch Zufall ein neues zu Hause fand. Tief im Wald, fernab, gab ihm ein altes verlassenes Militärkrankenhaus aus Kriegstagen Unterschlupf. Hier war er der Hausherr und ein König. Niemand vermochte ihn zu maßregeln und so dienten ihm die verlassenen Gemäuer als treue Untertanen. Juri genoss die Einsamkeit. Tagsüber spielte er in alten OP-Sälen und Kellergewölben, des Nachts legte er sich auf die Lauer und verteidigte seine Burg vor unerwünschten Besuchern. Endlich war er frei und machte das, wonach ihm war. Nie wieder Tränen oder Angst, nie wieder Schläge oder Verletzungen, es war vorbei und keiner sollte ihn je wieder verletzen dürfen.
Den ganzen Sommer über bekam ihn keine Menschenseele zu Gesicht, doch der eisige Winter vertrieb die gute Laune und lehrte schmerzhaft Hunger und Kälte. Schweren Herzens verstand Juri, dass er hier nicht bleiben konnte und so machte er sich auf den Weg in die Stadt.
Danzig war keine riesige Metropole, doch groß genug, um in der Masse zu verschwinden. Es dauerte nicht lange und Juri fand Anschluss bei den Jugendlichen in seinem Alter. Schließlich war er groß geraten, wirkte älter als die meisten und machte durch waghalsige Aktionen von sich reden. Seine eisblauen Augen schüchterten viele ein. Juri war zwar zu der Zeit noch hager, dennoch wusste er schon damals, wie er sein Willen bekam. Er schlief mal hier, mal da, verdiente sein Geld durch krumme Geschäfte und gewann an Ansehen im Untergrund.
Die Jahre zogen ins Land und aus dem blassen Jungen wurde ein stattlicher Mann. Er trainierte sich ein dickes Fell an. Sein zu Hause wurde der Trainingsraum, der Expander definierte seine Kapuzenmuskeln, der Sandsack schleifte die Fäuste und die Gewichte stemmten seine harte Brust. Schon bald lehrte er jedem Furcht, der ihn früher noch verhöhnte. Er gefiel sich in der Rolle des kalten Kriegers. Sein Spiegelbild ließ den traurigen Jungen verschwinden, nichts erinnerte mehr an das schwache Kind. Juri war der Hilflosigkeit entwachsen und bereit für mehr. Sein Traum war es irgendwann einen Mercedes zu fahren, er wollte unzählige Frauen um sich scharen und Geld, so viel man haben konnte. Doch für diese Träume war die Stadt zu klein. Schon bald erhörte jemand seinen Wunsch und verführte mit großen Versprechungen.
Bohdan, ein Mann, der ihn in einem Nachtclub kennenlernte, spürte Juris Sehnsucht nach mehr. Er war Juri in Statur und Einfluss ähnlich, daher war es für ihn ein leichtes sein Vertrauen zu gewinnen. Bo wusste, dass er der Richtige für den Job war und legte die perfekte Spur nach Kiew. Wochenlang lag er ihm in den Ohren, dass er an einer großen Sache dran wäre, man nur dort Geld wie Heu verdienen könne und das, ohne auch nur einen Finger zu rühren! Wen hätte das nicht gelockt? Und so packte Juri seine Koffer und begleitete ihn, ohne eine Ahnung zu haben, um was es eigentlich ging.
Fast 15 Stunden waren sie unterwegs. Die Autofahrt fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Bohdan redete ununterbrochen, fuhr wie ein Waschweib und ließ sich nicht hetzen. Es war schon spät abends, als sie die Millionenstadt erreicht hatten.
Und da stand Juri nun verlassen auf dem Parkplatz, wartete vor einer alten Villa auf Bohdan und verfolgte unzählige Frauen, die aufreizend das Haus verließen. Die Müdigkeit hing ihm bereits wie Blei in den Knochen und sein sehnlichster Wunsch war es eigentlich nur noch sich aufs Ohr zu hauen, als sich plötzlich die schwere Tür wieder öffnete.
„Komm rein!“, winkte ihm Bo zu und führte ihn durch den riesigen Eingang direkt in ein Foyer. Mehrere Schlösser klackten hinter seinem Rücken und Juri sah sich irritiert um. Ein Dreikäsehoch, kaum größer als ein Sandsack, stand in seiner Bomberjacke aufgeplustert vor ihm, strich sich über die Glatze und schob die Sonnenbrille über den Nasenrücken.
„Das ist Juri, Artem! Und was sagst du?“
Arrogant inspizierte Artem den neuen Mann und grübelte.
„Ja, der macht was her ... Aber ich bin mir nicht sicher!“
Angenervt formten sich Juris Augen zu engen Schlitzen. Bedrohlich senkte er seinen Kopf und ließ die Kaumuskeln spielen.
„Entweder du sprichst mit mir direkt oder ich gehe. Ich bin müde, du Penner und Bo ist nicht meine Mutter!“
„Genau deshalb Bo! Der Typ ist fast zwei Köpfe größer, als ich. Warum soll ich mir jemanden ins Geschäft holen, der mir gefährlich werden kann?“
Alles schien unter Kontrolle, Juri grinste noch, doch dann griff er blitzschnell zu und packte Artem mit einer Hand am Kragen.
„Ich lass mich nicht verarschen und mir meine Zeit stehlen. Also, welchen Job hast du für mich?“
Die Reaktion war die gefürchtete! Artem schluckte zähneknirschend und schob die Faust von sich weg. Er kaute auf der Zunge und lief dann zur Küche. Schweigend folgten Juri und Bo, setzten sich zu ihm an den Tisch und nahmen sich jeweils eine Zigarette aus dem Päckchen.
„Es ist ganz einfach ... wir finden die Mädchen, geben ihnen ein zuhause, im Austausch dafür müssen sie für uns arbeiten. Sie bekommen für lau Drogen, Klamotten oder Suff, um ihre Fröhlichkeit zu behalten!“, er lächelte verachtend, „... und wenn sie das Geld nicht erwirtschaften, sperren wir sie in den Keller. Wir brauchen Männer, die sie rund um die Uhr im Auge behalten.“
Artem holte aus der Tasche ein kleines Tütchen und schniefte das weiße Pulver.
„Auch was davon?“
„Ich nehme keine Drogen!“, antwortete Juri knapp und blickte sich um. Einige der Mädchen kamen zur Tür hinein. Sie waren in einem erbärmlichen Zustand, verwahrlost, schienen wie weggetreten. Juri war öfter im Puff, doch von denen sah keine der Frauen so schlecht aus. Die Mädchen wirkten kaum älter als 14, doch hatten Augenringe, als wären sie Ende 50.
„Vielleicht solltest du ihnen statt Drogen Essen geben!“, kommentierte Juri ihre Anwesenheit und entzündete seine Zigarette.
„Mit vollem Magen lässt es sich nur schwer arbeiten. Aber gut, lassen wir das. Du wirst schon noch verstehen, warum. … Also, besprechen wir den wichtigen Teil. Das zahle ich dir die Woche!“
Artem riss ein Stück von der Zeitung ab und notierte eine Zahl, dabei verengten sich Juris Pupillen. Das, was da stand, verdiente er manchmal nicht im ganzen Monat. Ohne mit der Wimper zu zucken, nickte er gleichgültig und stand auf. Die beiden Mädchen kicherten noch verlegen und lächelten ihn an, als er an ihnen vorbei ging. Sie hatten nur noch verfaulte Stumpfe im Mund und Juri hätte kotzen können. ‚Wer will sowas ficken‘, dachte er noch bei sich und holte seine Tasche.
In den darauf folgenden Wochen kapierte er langsam, was hier vor sich ging. Der Typ veranstaltete Menschenhandel abartigster Sorte. Sie verschleppten ahnungslose Straßenkinder, setzten sie unter Drogen, misshandelten sie und ließen sie für sich anschaffen. Das...




