E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Schmidt Enuma Elisch
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7431-2308-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Neuerzählung
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7431-2308-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Steffi Nicole Schmidt wurde 1978 in Leipzig geboren. Als Umweltschutztechnische Assistentin und Germanistin vereint sie zwei sehr unterschiedliche Hintergründe. Ihr bevorzugtes Genre sind Mythenbearbeitungen und -neuerzählungen.
Autoren/Hrsg.
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Tafel 1
*
Am Anfang aller Dinge standen Tiamat und Apsu, die Urgötter, die Weltenozeane. Sie entstanden gemeinsam und weil das so war, konnten sie nicht anders sein als von einander verschieden, wenngleich einander in ihrer Macht ebenbürtig. Wo Tiamat nicht war, da war Apsu und wo Apsu endete, da begann Tiamat. Etwas anderes existierte nicht in dieser Welt endlosen Wassers.
Da war kein Himmel.
Da war keine Erde.
Da war kein Bewusstsein dessen, dass „es gab noch kein“ die stilistisch elegantere Alternative dargestellt hätte.
Aber da war Bewusstsein: Apsu.
Da war eine Alternative zu seinem Bewusstsein: Tiamat.
Und da war Stil, Tiamat besaß ihn, dessen war sich Apsu ganz sicher.
*
*
Apsu lag neben Tiamat. In ihrer Existenzform blieb den Urgöttern gar nichts anderes übrig, ließ sich doch das eigene Selbst nur dadurch definieren, dass man es als von dem benachbarten verschieden erkannte. Ihre Wasser waren einander so ähnlich, dass es ihnen leicht fiel, sich zu vermischen. Und sie waren unterschiedlich, dass sie sich vermischen . Aber Tiamat konnte nicht in Apsu sein und Apsu nicht in Tiamat. An den Grenzen ihrer Leiber-Domänen entstand eine dritte Lebensform, ein brackiger Auswurf des Urgötterpaares und dabei doch etwas unendlich Wundervolles.
Tiamats Existenz hatte Apsu ermöglicht, zu sagen „Ich bin“. Nun ermöglichte Apsus Sendung seines Wassers Tiamat zu sagen „Ich habe geschaffen!“. Das Ergebnis des gemeinsamen Schaffens glich seinen Erzeugern, kannten sie doch nichts anderes als sich selbst und einander.
So kamen Lahmu und Lahamu ins Leben.
Im Gegensatz zu ihren Schöpfern besaßen die jüngeren Götter eine Gestalt. Diese Gestalt vermochten sie nicht abzulegen oder zu verändern, sie waren auf eine Form festgelegt. In ihren Körpern konnten sie sich frei durch die Ozeane bewegen, die ihre Eltern waren.
Apsu und Tiamat beobachteten ihre Kinder, die aus ihnen hervorgegangen waren. Beängstigend eingeschränkt erschienen ihnen die Leiber der beiden, weshalb die Schöpfer noch zögerten, zu realisieren, was die Existenz dieser Körper für die bedeutete.
So lagen die Partner weiter beisammen.
Lahmu und Lahamu aber wuchsen heran und erkundeten ihren Lebensraum. Kaum hatten sie herausgefunden, was es mit ihrer Entstehung auf sich hatte, wiederholten sie den Vorgang.
Anshar und Kishar erschienen und wurden von ihren Eltern benannt. Von diesem Paar kamen Anu und Nammu und schließlich der kleine Ea, doch das waren nur die Herausragendsten unter den jüngeren Göttern. Bisweilen schien es Tiamat und Apsu, als wimmele das gesamte Meer von den Früchten ihrer Verbindung.
Unter allen diesen Kreaturen war Tiamat Apsu nach wie vor die Liebste. Er suchte beharrlich ihre Nähe. Es genügte ihm nicht, neben ihr zu liegen, es verlangte ihn danach, mit seinen Wassern in die ihren einzudringen!
*
„Sieh dir unsere Kinder an“, hauchte Tiamat Apsu zu. Gleichmäßige, sanft ausrollende Wellen trugen ihre Gefühle bis an den Rand ihrer Domäne, wo Apsu sie empfing.
„Ich finde diese Wesen ziemlich beschränkt“, gestand der Urgott seiner Gemahlin. “Sie sind aus uns hervorgegangen und doch können sie nirgendwo anders als in uns sein.“
„Dennoch sind sie viel freier als wir. Sie können ihre Welt erkunden und weil wir endlos sind, endet die Reise nie. Wir hingegen können nur immer neue Kinder produzieren.“
Es sollte sich um die letzten Worte handeln, die Tiamat auf lange Zeit zu ihrem Gatten sprach.
Apsu brütete vor sich hin. Wieso genügte er Tiamat nicht mehr? Hatte er ihr nicht stets alles von sich gegeben? Wie sollte er ihr etwas bieten, das er nicht war? Bereit dazu wäre er gewesen, alles, alles um Tiamat glücklich zu machen! Aber woher sollte der Urgott dieses Andere nehmen? Hilflosigkeit und Wut stiegen in Apsu auf. Wo seine Wasser vorher altbekannten Pfaden gefolgt waren, bildeten sich mächtige neue Strömungen, deren Verlauf unvorhersehbar war und die denjenigen, der hinein geriet, nicht nur unbarmherzig an einen fernen Ort, sondern unmittelbar in das düstere Gefühlsleben des Urgottes hineinzog.
*
Weit entfernt von derartig mystischen Vorgängen und doch mitten darin, ließ sich der Knabe Ea vernehmen: „Das Wasser wird ungemütlich.“
„Schwimmen wir rüber?“ erkundigte sich sein Altersgenosse Namru.
„Nach Tiamat? Nein, das würde uns keine Erleichterung bringen. Damkina und ich kommen gerade von dort. Der Ozean ist nicht so düster und aufgewühlt wie hier, aber dafür regt sich drüben keine einzige Welle.“
Damkina spielte mit ihren Händen im Wasser bis sich kleine Strömungen bildeten. Die Schwimmhäute zwischen Damkinas Fingern verdrängten das Wasser oder ließen es nach ihrem Willen tanzen.
Die Kindgöttin beobachtete, wie das Ergebnis ihres Fingerspiels gegen die Eigenbewegung der Wasser Apsus anstürmte. Immer wieder forderte sie die Strömung heraus. Im Salzwasserozean, der Tiamat war, gab es zurzeit keine solche Eigenbewegung. Nicht nur musste dort jede noch so geringfügige Vorwärtsbewegung einem irgendwie zähflüssig gewordenen Wasser abgetrotzt werden, auch das Atmen fiel schwer.
„Tiamat ist stumm?“ hakte Namru ungläubig nach.
Ea bestätigte durch ein kurzes Nicken. „Das ist genauso schlimm wie Apsus Unruhe“, erklärte er.
Damkina legte ihre Arme um den Körper, als wolle sie ihn vor ihrem heimatlichen Element schützen. „Was nützt es, überall hingehen zu können, wenn es nirgendwo mehr schön ist?“ klagte sie. „Dann möchte man am liebsten nirgendwo sein, aber das geht ja nicht, weil man immer irgendwo sein muss und... und das Ganze so blöd ist! Als sei man in einen Gedankenstrudel Vater Apsus reingefallen.“
Mummu verließ die Gruppe der jüngsten Götter. Er hatte sich nicht an ihrer Unterhaltung beteiligt und fand überdies, dass Worte hier keinen Zweck erfüllten. Der junge Ea schaffte es schon ganz gut allein, seine Altersgefährtin zu trösten. Mummu schmunzelte, während er sich seinen Weg durch den Apsu bahnte. Ea wurde unerbittlich älter und würde schon bald neue Wege entdecken, sich um Damkina zu kümmern. Der Gedanke gefiel dem Gott, der selbst nicht der Linie Apsu - Lahmu - Anshar - Anu entstammte, sondern während einer späteren Vermischung direkt aus dem Urgötterpaar hervorgegangen war. Viele der Urgeborenen teilten dieses Schicksal, zwar Tiamat und Apsu ihre Eltern zu nennen, dabei aber...




