Schmidt Dicker Hals und kalte Füße
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-641-05958-3
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was Redensarten über Körper und Seele verraten - Eine heitere Einführung in die Psychosomatik
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-641-05958-3
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
- Entlarvend und überraschend: Dieses Buch bringt uns dazu, den eigenen Körper mit anderen Augen zu sehen
- Amüsant und mit einem Augenzwinkern geschrieben, von medizinischen Fachleuten geprüft und für gut befunden
- Ein gewinnbringendes und lesenswertes Buch und ein wunderbares Geschenk für die beste Freundin
Er hat nicht Medizin studiert, plappert munter drauf los, haut manchmal daneben, liegt aber erstaunlich oft richtig: der Volksmund. Tag für Tag wagt er Urteile, die Ärzte erst nach gründlicher Untersuchung fällen würden.
Klar ist: Wird die Seele missachtet, leidet der Körper. Darüber legt die Alltagssprache seit vielen hundert Jahren beredtes Zeugnis ab: Wenn uns etwas unter die Haut oder an die Nieren geht, die Sprache verschlägt oder uns das Herz in die Hose rutscht – hinter solchen Metaphern verbergen sich erstaunlich oft physiologische Vorgänge.
Wo der Volksmund Recht hat und wo er irrt, das ergründet Walter Schmidt in seinem unterhaltsamen Buch am Beispiel zahlreicher Redensarten. Dass die Wahrheit meist irgendwo dazwischen liegt, macht es umso spannender, sich ihr zu nähern. Und werden Redensarten über Körper und Seele mal ganz wörtlich genommen, kommt etwas völlig Unerwartetes zum Vorschein.
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(S. 120-121)
Alois Hingerl, ein Dienstmann mit der Nummer 172 auf dem Münchner Hauptbahnhof, ist ein ziemlich dicker, ziemlich pausbäckiger Gepäckträger. Zu behaupten, er verrichte seine Arbeit hektisch, wäre eine gewisse Übertreibung, aber gesund lebt der oft Übellaunige trotz seiner scheinbaren Gemütsruhe nicht. Alois trinkt gerne seine Maß im Hofbräuhaus, pafft bei der Arbeit Zigarillos und weist derart gerötete Wangen auf, dass man seinen Bluthochdruck schon lange geahnt hat, bevor ihn eines Tages wirklich der Schlag trifft und hinwegrafft.
Im Himmel nerven den nun Aloisius geheißenen Engel aus München die pausenlos frohlockenden Kollegen, und man muss zugeben, dass er es ihnen in ähnlicher Münze heimzahlt, indem er zunehmend genervt Halleluja schreit – oder genauer: »Ha-ha-lä-lä-lu-u-uh – Himmi Herrgott – Erdäpfi – Saggerament – lu-uuu-iah!« Aloisius ist wütend und zornig, er tobt und frohlockt eher ungewöhnlich (»Luja soag I!«) – kein Wunder, dass der liebe Gott ihn auf listige Art aus dem Weg zu räumen weiß. Ludwig Thoma (1867 – 1921) sei auf Knien Dank für diese Satire über den angeblich so typischen Münchner Grantler. Denn: Wir alle sind ja selbst manchmal so. Dann gehen uns die Nerven durch, wir kochen vor Wut und laufen zornesrot an im Gesicht. Wir rasten aus und haben die Schnauze voll; der Ärger nimmt uns schier die Luft.
Doch haben wir in dieser Sekunde noch einen dicken Hals, können wir in der nächsten schon ehrlich zerknirscht sein, weil uns derart übertrieben die Nerven durchgehen konnten. Ärger und Wut sind machtvoll, machen aber nicht krank, sofern sie nicht zum Dauerzustand werden. Im Gegenteil: Seinem Ärger auch mal Luft machen zu können, ist gesund – zumindest für den Verärgerten selbst. Hingegen kann es einem Menschen sehr schaden, wenn er gewohnheitsmäßig seine Wut in sich hineinfrisst. Das nämlich fördert diverse psychosomatische Krankheiten – nicht nur Depressionen, sondern auch zu hohen Blutdruck.
Sie steht ganz schön unter Druck Anders als die Morgenröte kündet die Zornesröte nicht von einem heiteren Sonnentag, sondern von einem drohenden Wutausbruch. Landläufig gelten Menschen, die bei einem Tobsuchtsanfall eine rote Birne tragen, als Choleriker mit zu hohem Blutdruck. Doch erstens ist der typische Hypertoniker gerade kein umhergiftendes Rumpelstilzchen. Und zweitens ist die spontane Zornesröte im Gesicht eine ganz normale vegetative Reaktion, die Umstehende mächtig beeindrucken kann, vielleicht sogar von Natur aus soll: Rot ist schließlich eine alarmierende Signalfarbe.
Man ist deshalb gut beraten, sich mit einem vom Zorn entflammten Gesellen nur im Notfall anzulegen, da seine Aggression oft ungeahnte Kräfte freisetzt. Das verbreitete Missverständnis vom zornesroten Bluthochdruck-Patienten bedarf noch kurz der Aufmerksamkeit. Grundsätzlich steigt der Blutdruck »nachweisbar bei Angst oder Wut an«.94 Im Tierexperiment lässt sich eine seelisch bedingte Hochdruckkrankheit sogar künstlich erzeugen. Dieser Umstand passt gut zu der Redensart, jemand stehe unter Druck. Psychischer Druck von außen drückt innerlich auf die Adern. Und die häufige Folge eines bei Ärger spontan gestiegenen Blutdrucks ist das gerötete Gesicht.




