E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Schmidt Als wir den II. Weltkrieg ausgruben ...
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86901-323-7
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-86901-323-7
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der II. Weltkrieg ist vorüber. Die Kinder entdecken ihre Heimatstadt Torgau als Abenteuerspielplatz wieder. Thomas Schmidt schildert detailgetreu die wahren Erlebnisse der Jagd nach den vermeintlichen Schätzen. »Was meine Heimatstadt Torgau anbetrifft, ist dort der II. Weltkrieg in gewissem Sinne vergraben worden. Die Russen marschierten zum Kriegsende 1945 aus dem Osten und die Amerikaner aus westlicher Richtung auf die Stadt zu. Zwischendrin befanden sich noch Teile der deutschen Wehrmacht wie Korn, das jeden Moment zwischen zwei Mühlsteine geraten konnte. Man plante einen Stellungskrieg gegen die beiden Armeen wie Don Quichotte seinen Kampf gegen die Windmühlenflügel. Viele Punkte in der Stadt und am Stadtrand, auch im gesamten Kreisgebiet, waren für die Errichtung von »Barrikaden gegen den Feind« auserkoren worden. Nach dem strategisch wichtige Bauwerke, wie zum Beispiel die Brücken über die Elbe, sinnloser Weise zerstört waren, begann die Flucht der deutschen Militärs, eines zum Rückzug gezwungenen Wehrmachtsrestes. Übriggeblieben sind Teile einer soldatenlosen Kriegsmaschine, die man noch Jahre nach dem Krieg wie »Freilichtmuseen« in den Wäldern wiederfand, oder eine, die unter den eigenen Füßen buchstäblich begraben lag. Kriegsgerät, Sprengstoff und Munition hat man »auf der Flucht« in Seen und Flüsse versenkt, in den meisten Fällen aber in flache Gräben geworfen und dürftig mit Erde überdeckt unter der Maßgabe, dass »Gras über die Sache wachse«. »In den Baumwipfeln singt die Amsel, und der Buntspecht schlägt seinen Takt, Lerchen hüpfen futtersuchend im Gras, darunter ist der II. Weltkrieg verscharrt.«
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
(S. 14-15)
Ich schaue auf das Fensterkreuz des Küchenfensters. »Welch ein Fliegendreck aber auch!«, denke ich und erinnere mich dabei an das unermüdliche Geflimmere und Gewienere unserer damaligen Haushälterin mit Mopp und Putzlappen. Meine Großmutter beobachtet mich von der Seite. »Nichts mit Fliegendreck, falls du das denkst!«, sagt sie, als ob sie Gedanken lesen kann. Sie hat mir gesagt, sie wäre sogar telepathisch veranlagt.
Dass ich meine Schulferien eine Woche später antreten würde als abgesprochen, wäre ihr klar gewesen! Der Beweis dafür seien die mittelfrühen Süßkirschen, die sie für mich auf dem Baum hängen ließ! Jedenfalls sind die schwarzen Punkte auf dem Fensterkreuz kein Fliegendreck, sondern Löcher im Holz, hervorgerufen von Reißzwecken. Immer wenn im Radio Luftalarm gemeldet wurde, haben meine Großeltern Verdunklungen innen vor die Fenster gezweckt. Die Amerikaner sind mit ihren Pulks an Torgau fast herangewesen, als sie dann Gott sei Dank nach Süden flogen, um Chemnitz und Dresden in Schutt und Asche zu legen. Hennig war Angehöriger des LS, des Reichsluftschutzbundes in der Eigenschaft eines Luftschutzwartes.
Er ist pflichtgemäß in die Grundstücke gegangen, um zu kontrollieren, ob abends, nach Einbruch der Dunkelheit, nicht etwa noch kleine Lichtfünkchen hinter den Fenstern zu sehen seien. Er selbst hätte das gar nicht tun müssen, weil ja ein Luftschutzwart der Befehlshaber einer Luftschutzgemeinschaft ist. »Er war eben immer sehr dienstbeflissen«, sagt meine Großmutter. »Er hat seine dreckigen Löffel zu gern an die Fensterscheiben anderer Leute gedrückt, um herauszubekommen, was die so reden, oder ob sie nicht etwa den englischen Rundfunk abhörten. Dann haben ihn ein Paar Leute abends im Dunkeln ‚gegriffen’, ordentlich verdroschen und ihm den nackten Arsch mit ‚Bärenkleber’ vollgeschmiert.
Das ist eine stinkende Dichtungsmasse, die die Klempner zum Abdichten von Rohrverbindungen verwenden. Hennig hat nie herausbekommen, wer die vermummten Gestalten während der Nacht- und Nebelaktion waren. Trotzdem hatten die ‚Täter’ Angst vor Hennig, weil der gleich mit dem KZ gedroht hat.« Während meine Großmutter diesen Bericht abgibt, haut sie sich begeistert auf die Knie. Es schwingt sogar Schadenfreude in ihrer Stimme mit – es hat den Anschein, als sei sie die Übeltäterin gewesen und hätte erst gestern den Hintern Hennigs eigenhändig verunreinigt.
»Den Spitznamen ‚Gummiohr’ hat Hennig weg, für alle Zeiten!«, sagt sie. Dann fordert sie von mir, dass ich den ‚Rand’ halten und diese Geschichte vergessen soll! »Heute, also in der DDR, ist Hennig nämlich gesellschaftlich sehr aktiv. Er hat eben den Mantel nach dem Wind gehangen«, sagt sie. »Z.B. ist er dem VKSK, also dem Verein der Kleintierzüchter, Siedler und Kleingärtner beigetreten und führendes Mitglied in einer Karnickelsparte geworden.« Wenn man meiner Großmutter zuhört, kann man annehmen, Hennig wollte unserem DDR-Präsidenten, Wilhelm Pieck, den Rang streitig machen. Da nun die ganze Zeit vom Luftschutzwart Hennig, bzw. vom Reichsluftschutzbund des III. Reiches die Rede war, fällt mir besonders der blecherne Wandschrank neben dem Handtuchhalter in der Küche auf. Mit knallroten Großbuchstaben steht auf der Schranktür geschrieben.




