E-Book, Deutsch, Band 1, 269 Seiten
Reihe: Edelgard und Norbert
Schmid Mörderische Bergstraße
2023
ISBN: 978-3-8392-5990-0
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
11 Krimis und 125 Freizeittipps
E-Book, Deutsch, Band 1, 269 Seiten
Reihe: Edelgard und Norbert
ISBN: 978-3-8392-5990-0
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Claudia Schmid lebte in Passau, bevor sie sich ihren Traum erfüllte und an der Mannheimer Universität Germanistik studierte. Seit bald 30 Jahren wohnt sie nun in der Metropolregion Rhein-Neckar nahe Heidelberg und schreibt Kriminelles, Historisches und Reiseberichte. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin ist auch als Redakteurin von »kriminetz.de« sowie als Kommunikationstrainerin tätig und übernimmt mit Vorliebe kleine Rollen in Fernsehkrimis. Lesungstermine der Autorin finden Sie auf www.claudiaschmid.de.
Autoren/Hrsg.
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Die Nacht so kalt (Zwingenberg)
Satter Regen tropft auf das Dach. Draußen ist es zurzeit so richtig ungemütlich. Dunkel ist es ebenfalls. Ich bin froh, hier drin im Warmen zu sitzen. Da bin ich wohl einer Art inneren Eingebung gefolgt. Plötzlich nimmt der Regen zu. Das Wasser prasselt nun heftig gegen die große Scheibe. Ich erhebe mich, doch hinter dem nassen Glas ist nichts zu erkennen. Der Garten liegt in völliger Schwärze. Plötzlich erhellt ein Blitz die Szenerie und die gepeitschten Büsche sind grell erleuchtet. Die Blumen liegen in nasser Schwere auf dem Boden. Dort, neben dem Busch! Hat sich da nicht eben jemand weggeduckt? Doch schon ist es wieder finster draußen und ein gewaltiger Donnerschlag ertönt.
»Lieber Himmel«, Edna fasst sich als Erste, »hoffentlich hat das bloß einen Baum getroffen.«
Schon ist der Garten erneut hell erleuchtet, dieses Mal ist der Donner beinahe zeitgleich zu hören.
Norbert wird bleich. Er stellt behutsam seinen Bierkrug ab. »Das war jetzt aber verdammt nah.«
»Keine Sorge, wir haben hier einen sehr guten Blitzableiter.« Edna bleibt ruhig.
»Das erinnert mich an jenen denkwürdigen Abend am Genfer See.« Marja nippt an ihrem Wein.
»Sie waren in der Schweiz?«, Norbert ist sofort interessiert, wie an allem, was die junge Frau erzählt.
»Nicht ich selbst. Ich habe diese Geschichte während meines Studiums gehört. Ich habe nämlich Germanistik studiert, bevor ich Journalismus oben drauf sattelte.«
»Interessant, unser Sohn hat Medienwissenschaften studiert.«
Doch Marja geht auf meine Aussage überhaupt nicht ein, ihr Blick ist abwesend, wie nach innen gerichtet.
»Also, es war so …« Sie hält inne. »Ach was, ich beginne am besten von vorn.« Es ist ganz still im Raum, als sie fortfährt, nur der Regen draußen ist zu hören. »Im Jahre 1815 kam es auf Indonesien zu einem gewaltigen Vulkanausbruch. Der Tambora spuckte Lava in ungeheuren Mengen aus. Die vulkanische Asche hatte weltweit große Auswirkungen auf das Klima. 1816 ging als ›das Jahr ohne Sommer‹ in die Geschichte ein. Es gab aufgrund des schlechten Wetters große Ernteausfälle. Zur damaligen Zeit war das natürlich eine gewaltige Katastrophe. Und in jenem Sommer«, sie senkt ihre Stimme, »hielt sich der englische Dichter Lord Byron am Genfer See auf. Er war mal wieder wegen einer unrühmlichen Beziehungsgeschichte aus England geflohen. In seiner Villa mit Blick auf den See saß er gerade mit seinen Gästen zusammen, als ein unheilvolles mächtiges Gewitter aufkam. Seine Gäste waren Percy Shelley, ein Schriftsteller aus England, dessen Geliebte Mary Godwin und Marys Stiefschwester Claire Clairmont. Auch der Arzt von Lord Byron soll zugegen gewesen sein.«
Erneut blitzt und donnert es draußen in einer Intensität, die mich unwillkürlich zusammenzucken lässt. Mich fröstelt.
Doch Marja fährt unbeirrt fort: »Als nun die kleine Gesellschaft beisammensaß und die losgelassenen Elemente, die sich über dem See austobten, bestaunten, ersann Lord Byron eine kleine Aufgabe für seine Gäste. Und zwar sollte jeder sich eine Spukgeschichte ausdenken.«
»Mary Shelley. Sie hieß Mary Shelley«, wirft Edna ein.
»Genau. Die beiden heirateten nämlich später, nachdem die erste Ehefrau von Percy Shelley Selbstmord begangen hatte. In jener Nacht am Genfer See, während dieses überaus heftigen Unwetters, hatte sie die Idee für ihren berühmten Roman ›Frankenstein 8 ‹.«
»Wie die Burg.«
»Welche Burg?«, fragt Norbert.
Edna erklärt: »Ganz in der Nähe gibt es eine Burg, die heißt Frankenstein.«
»Hat diese Burg etwas mit der Geschichte zu tun? Das ist doch ziemlich weit weg vom Genfer See.«
Marja grinst. »So weit hergeholt ist das gar nicht. Percy Shelley musste seinen Aufenthalt in der Schweiz abbrechen, da ihn aus England die Nachricht ereilte, seiner kleinen Tochter ginge es nicht gut.«
»Immerhin hat er sich um das Kind gekümmert.« Edna kann sich den Einwurf nicht verkneifen. An ihrem Gesichtsausdruck ist abzulesen, was sie von Ehebruch hält.
»Percy, Mary und Claire reisten mit einer Kutsche ab. In Mannheim konnten sie nicht aufs Schiff, da der Rhein dort wegen der starken Regenfälle einen breiten See gebildet hatte. Die Schiffe konnten gar nicht anlegen. Sie mussten also weiter bis nach Mainz. Und es könnte doch theoretisch sein, dass sie während dieser Reise von der Burg im Odenwald gehört hatte, Mary den Namen passend fand und ihn für ihren Roman verwendete.« Marja schaut zum Fenster, an das der Regen ausdauernd trommelt. »Belegen kann man das natürlich nicht. Aber es ist eine schöne Geschichte.«
Sie scheint sich also doch für Schauergeschichten zu interessieren. Das würde zu meiner Vermutung passen, die Gute recherchiert für einen Kriminalroman über wahre Fälle.
»Wenn Sie den Roman lesen wollen«, Edna erhebt sich und geht zu dem Bücherregal, das neben dem Fenster steht, »ich habe eine Ausgabe hier.« Sie greift zielstrebig nach einem der Bücher: »Frankenstein oder der moderne Prometheus«.
»Wo ist denn diese Burg genau?« Das Buch lasse ich unbeachtet. Ich werde zum Einschlafen ganz bestimmt keinen Roman mit Gruselfaktor lesen. Das grässliche Gewitter alleine reicht ja schon aus, um mir schlechte Träume zu bescheren.
»Wissen Sie was? Fahren wir doch morgen gemeinsam hin! Ich nehme Sie in meinem Auto mit.«
»Das würden Sie tun?« Norbert ist hingerissen. Ob von dem Angebot oder von Marja, das vermag ich nicht zu unterscheiden. Plötzlich sitzt er trotz der fortgeschrittenen Stunde kerzengerade und strahlt.
»Sagen wir 10 Uhr Abfahrt?«
»Hoffentlich treibt sich kein Ungeheuer im Wald herum.« Edna will mir wohl unbedingt Angst machen. »Soll ja ein Serienmörder gewesen sein, dieser Unmensch, den der Dr. Frankenstein zusammenbastelte.«
Wenn dies ein Test war, um herauszufinden, wie Marja auf das Wort »Serienmörder« reagiert, so verlief er negativ, denke ich bei mir. Denn Marja verzieht ihre Miene kein bisschen. Vielleicht hat die junge Frau sich nur sehr gut im Griff?
Am Morgen zeigt der Blick aus dem Fenster, dass der Garten entgegen Ednas Sorge von dem nächtlichen Unwetter doch nicht verwüstet wurde. Amseln scharren an den Beeten und ziehen Regenwürmer aus der Erde, Wassertropfen glitzern überall. Die Sonne kommt bereits heraus. Bis Mittag hat sie sicherlich den gepflasterten Weg mit ihren warmen Strahlen getrocknet. Ein paar große Schnecken mit schönen Häusern kriechen gemächlich auf dem Weg. Ob Edna die gleich einsammeln geht? Als ich mich vom Fenster abwende, kommt sie aus der Küche. Sie trägt eine große Kaffeekanne.
»Ich habe Ihnen einen kleinen Lunch eingepackt. Den können Sie unterwegs zu sich nehmen.«
Also, Edna versteht es wirklich, einen als Gast so zu behandeln, dass man sich rundherum wohlfühlt. Obwohl ich mir bei Weitem nicht so viel aus Essen mache wie mein Ehemann, finde ich die Geste ziemlich nett.
»Dr. Frankenstein kann die Kreatur, die er erschaffen hat, nicht kontrollieren. Sie rennt weg und haust in den Wäldern.« Marja wirkt nachdenklich.
»Die Geister, die er rief …«
Oho, Norbert hat offenbar in seiner Jugend Goethe gelesen und ruft rudimentäre Erinnerungsstücke ab. Ich wusste gar nicht, dass mein Mann die Klassiker kennt und sie sogar zu zitieren vermag. Aber wer kennt den anderen schon genau? Dabei sind wir schon seit ewigen Zeiten verheiratet! Und Norbert kennt mich schließlich genauso wenig, denn er hat keinen blassen Schimmer davon, dass dies sein letzter Urlaub mit mir sein wird.
An Marja gewandt fährt er fort: »Aber dieses Wesen, das keinen Namen hat, ist hässlich. Niemand will etwas mit ihm zu tun haben. Alle rennen schreiend vor ihm davon und nennen es ein Monster. Sie lehnen es ab.«
Hat er Mary Shelleys Roman also gelesen? Wieso hat er gestern Abend nichts dazu gesagt? Ich hege den naheliegenden Verdacht, mein Mann habe sich eilig auf Wikipedia schlaugemacht. War er etwa an meinem Smartphone? Mit seinem einfachen Gerät kann er doch lediglich telefonieren und SMS empfangen.
»Dann machen ihn die anderen zu dem, was er wird? Weil sie ihn aus der menschlichen Gesellschaft ausgrenzen?« Marja wendet den Blick von der Straße ab und schaut Norbert von der Seite an.
»Niemand gibt ihm Liebe. Daran geht er zugrunde. Wie jedes Lebewesen braucht er Zuneigung.«
Lieber Himmel! Mein Mann wird ja regelrecht poetisch! Warum nur entdecke ich diese Seite erst heute an ihm? Nach all den Jahren?
»Und vorher begeht er einige Morde.« Marja unterhält sich angeregt mit ihm, der wie selbstverständlich vorne auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat. Ich sitze auf der Rückbank ihres blauen Kleinwagens und habe die Aufgabe, darauf aufzupassen, dass unser Lunchkorb bei den vielen Kurven auf der schmalen Bergstraße nicht in Schieflage gerät.
»Vollpfosten!« Marja steigt hart auf die Bremse.
Der Korb rutscht auf den Boden hinter ihren Sitz, wo er stecken bleibt. Mit großer Mühe zerre ich ihn wieder auf die Rückbank.
Ein entgegenkommender Motorradfahrer hat die vor uns liegende Kurve geschnitten und wäre um ein Haar frontal in uns reingekracht. Der Autofahrer hinter uns hupt. Er wurde ebenfalls zu einer Vollbremsung gezwungen.
»Mannomann, diese Freizeitraser.« Marja schüttelt ihre Haare zurück und fährt weiter. Der Duft von Aprikosenshampoo erfüllt das Auto. Nach der nächsten Kurve fährt eine Gruppe Mountainbiker vor uns. Als Marja sie...




