Buch, Deutsch, Band 13, 169 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 205 mm
Reihe: Caracol Prosa
Roman
Buch, Deutsch, Band 13, 169 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 205 mm
Reihe: Caracol Prosa
ISBN: 978-3-907296-30-1
Verlag: Caracol Verlag der Autorinnen & Autoren
Louise ist spurlos verschwunden. Mia versinkt nach dem unerklärlichen Verlust ihrer Lebenspartnerin in die Leere. Während einer Reise in den Norden Deutschlands lernt sie die Lektorin Katharina kennen. Fasziniert von der zurückhaltend hartnäckigen Frau, findet Mia allmählich wieder Zu- gang zu ihren lange erstickten Ge- fühlen.
Durch ein Manuskript, das Katharina sichtet, taucht Mia in die Ge- schichte von Aaron ein und findet in ihm eine Spiegelfigur. Der junge Architekt, von seinem ersten eigenen Projekt überfordert, wird mit existentiellen Fragen konfrontiert. Der einzige Anker ist seine gute Freundin Gianna. Als ihm sein Alltag allmählich entgleitet, entschließt er sich zum Eintritt in die Psychiatrie.
Tina Schmid behandelt in ihrem Roman wichtige Themen wie Depression und Selbstverletzung. Wie geht man mit dem Verschwinden einer geliebten Per- son um, was tun, wenn man sich so lange in der Schwebe befindet? Tina Schmid schildert direkt, aber berührend die emotionalen Zustände ihrer Figuren Mia und Aaron, deren Schicksale sie ge- schickt zu einer Spiegelwelt verflicht, sodass die Charaktere von Roman und «Roman im Roman» teilweise verschmelzen.
Autoren/Hrsg.
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«Darf ich?»
Die Stimme neben ihr hatte sie zusammenzucken lassen. Kurz hatten sie sich angelächelt. Ihr Lächeln war echt gewesen. Ein flüchtiges Lächeln im Vorbeigehen mochte sie. Gespräche mit Unbekannten hingegen verabscheute sie. Eine Unruhe hatte sich in ihr ausgebreitet. Neben fremden Menschen zu sitzen machte sie nervös. Sie hatte die Augen von neuem geschlossen, um zu signalisieren, dass sie keinesfalls ein Gespräch führen wollte. Die Entspannung hatte sie nun definitiv vergessen können. Die Vorstellung, angeschaut zu werden, während sie ihre Augen geschlossen hielt, war ihr unangenehm. Sie hatte den Kopf in die Richtung der Frau gewandt. Diese war in Unterlagen vertieft und hatte nicht aufgeblickt. Sie war dunkel gekleidet. Ihren Mantelkragen hatte sie bis übers Kinn gezogen und die Ärmel hatten nur die Fingerspitzen freigelassen. Fingerspitzen. Zehenspitzen.
Die Lippen der Frau hatten sich bewegt, hatten lautlos die Wörter des Textes geformt. In welcher Welt hatte sie sich wohl in jenem Augenblick befunden? Sie war neu gierig geworden, hatte aber nicht zu fragen gewagt. Zudem wäre es ihr wie ein Gewaltakt vorgekommen, sie zurückzuholen. Weg von irgend wo. Zuvor hatte sie sich geärgert, gestört worden zu sein und im nächsten Augenblick war sie be rührt gewesen. Hatte sie Neid verspürt? Sie schaffte es nicht mehr, länger zu lesen. [...] Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich auf eine Phantasiewelt einzulassen. Oder hatte etwas ganz Anderes sie in diesem Moment die Frau so gebannt anschauen lassen? Nach einer Weile hatte diese eine Tüte aus ihrer Manteltasche gekramt und ihr geröstete Maronen angeboten. «Magst du auch eine?»
Röte war ihr ins Gesicht gestiegen. «Ja, gern», hatte sie hervorgestoßen und nach einer Marone gegriffen, nachdem ihr ein bekräftigendes Nicken dies erlaubt hatte.




