E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Schlitter / Fasel Mirco
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86334-710-9
Verlag: adeo Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen.
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-86334-710-9
Verlag: adeo Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sandra & Reinhard Schlitter: Gemeinsam mit seiner Familie lebt das Ehepaar in Grefrath. Ihr Umgang mit dem tragischen Verlust ihres Sohnes hat bei Polizei und Bevölkerung einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
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Kapitel 1
Der Tag, der alles anders machte
Sandra: Geschichten, die das Leben ändern, beginnen oft unbemerkt. Sie beginnen leise. Ohne Zeichen, dass am Ende des Tages nichts mehr im Leben so sein wird wie vorher.
Mircos Geschichte beginnt an einem unscheinbaren Freitag. Daraus entwickelt sich unser Leidensweg – jenes Ereignis, das alle Eltern der Welt am meisten fürchten. Wir haben diese Geschichte durchlebt. Und überlebt. Noch heute zeichnet sie unser Leben; unseres als Eltern genauso wie das seiner Geschwister: das Leben unserer drei weiteren Kinder Alexander, Julia und Judith.
Freitag, 3. September 2010. Ich, Sandra, die Mutter von Mirco, will mit dem Erzählen beginnen. An jedes Detail dieses Tages kann ich mich erinnern. Jedes ist eingebrannt in mein Gedächtnis. Für uns alle war es ein normaler Wochentag im Spätsommer 2010. Die Sommerferien waren eine Woche her. Wir haben die Urlaubszeit in Südfrankreich gemeinsam genossen. Die Freude und Wärme dieser Wochen sieht man auch Mirco an: Sein Gesicht ist braun gebrannt, vom Schwimmen, Radfahren und Klettern in den Hügeln ist sein Körper durchtrainiert, er steckt voll Energie und Tatendrang. Wie stets ragen auch an diesem Morgen seine Stirnhaare gegelt und gestylt vorne hoch. Die Frisur spiegelt seinen typisch verschmitzten, fröhlichen Charakter wider, den wir alle so lieben.
Der Arbeitsalltag hat uns wieder: Vier Kinder, ein Hund, ein Haus, ein Garten, ein Mann, der in der Industrie arbeitet, ich selbst in einem Teilzeitjob in einem Ladengeschäft in Grefrath – da ist gute Organisation gefragt.
Mein Mann Reinhard ist schon seit 4:50 Uhr aus dem Haus, auf dem Weg zur Frühschicht bei den Deutschen Edelstahlwerken in Krefeld. Dort arbeitet er als Industriemechaniker. In der Frühschicht repariert er stahlbearbeitende Maschinen, von Sägen über Schälmaschinen bis zu Schleifmaschinen, sorgt zusammen mit seinen Kollegen dafür, dass die riesigen Anlagen reibungslos laufen – ein fordernder Job.
Mein Programm beginnt um 6:15 Uhr. Aufstehen und gegen 6:30 Uhr die Kinder wecken, dann Kakao machen und Brote schmieren, schauen, ob bei den beiden Jüngeren die Schulranzen richtig gepackt sind, kein Heft vergessen ist. Als Erste brechen Alex und Julia auf. Wir verabschieden uns und wünschen uns einen tollen Tag. Dann sind die beiden Kleinen dran, Mirco und Judith. Es ist mittlerweile 7:40 Uhr.
Ein Freitag wie jeder andere
Heute, an diesem Freitag, fährt Judith mit dem Fahrrad zur Schule. Mirco und ich gehen gemeinsam mit unserem Hund, er trägt den schönen Namen „Summer“, die 10 Minuten zu Fuß zur Schule.
„Tschüs, Mama, schönen Tag!“, sagt Mirco lässig, als wir vor der Schule stehen. Ein paar Kameraden von ihm erwarten ihn schon. Wie peinlich, wenn ich jetzt über sein gegeltes Haar streichen würde! Das geht natürlich gar nicht! Was sollte denn die Clique denken! Also erwidere ich den Gruß meines großen, kleinen Jungen ebenso locker mit einem „Tschüs!“ und vollende meine morgendliche Hunde-Runde durch Park und Eisstadionwald. Nach einer Dreiviertelstunde bin ich wieder daheim.
Es ist still im Haus. Nur Leo, unser Wellensittich, zwitschert. Als Erstes mache ich mich an den Hefeteig für einen Pflaumenkuchen. Von einer Bekannten haben wir einen Korb der leckeren Früchte bekommen. Während der Hefeteig geht, schnappe ich mir den Staubsauger und wandere durch das Erdgeschoss – Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafzimmer, Küche und Bad. Dann kümmere ich mich um das Mittagessen. Die Kinder sollen schließlich, wenn sie aus der Schule kommen, was Leckeres vorfinden.
Es gibt unser Lieblings-Familiengericht, „Heide-Risotto“, benannt nach Reinhards Mutter. Sie hatte fünf Kinder zu versorgen und kannte viele leckere, schnell zubereitete Gerichte. Wir haben das Rezept nur zu gern übernommen: Erstens ist es lecker und schmeckt allen vier Kindern und uns Erwachsenen, was ja nicht für alle Speisen gilt. Zweitens geht es schnell. Und drittens ist es gut aufzuwärmen, wenn jedes der Kinder zu einer anderen Zeit aus der Schule kommt und schließlich dann der Papa um drei Uhr nachmittags von der Arbeit. Also schnappe ich mir die Zutaten, Hackfleisch, Gewürzketchup, Curry, und ruck-zuck ist das Risotto vorbereitet und steht auf dem Herd. Als gesunde Beilage jubele ich den Kindern noch einen Gurkensalat unter.
Das mache ich alles gern für meine Familie. Es bereitet mir Freude, das Haus für sie schön zu machen. Unser Familienglück und die Kinder betrachte ich als große Geschenke Gottes.
Meine Schicht beginnt um 11:00 Uhr, und ich will doch noch den Pflaumenkuchen backen, den Reinhard und die Kinder so mögen. Wenn ich mehr Zeit habe, gehe ich sonst morgens einmal auch durch die obere Etage. Hier haben unsere Kinder ihr Reich.
Reinhard und mir gefiel dieses Haus aus dem Jahr 1904, das mittlerweile seit elf Jahren unseres ist, vor allem deshalb so gut, weil es für jedes Kind ein eigenes Zimmer bietet. Das ist mit vier Kindern gar nicht so einfach, wenn es bezahlbar bleiben soll. Unser hübsches Backsteinhaus samt eigenem Garten hat mit den vier Zimmern unterm Dach sozusagen ein eigenes Kinder-Reich. Das bietet allen – uns Eltern wie unseren Kindern – genügend Rückzugsmöglichkeiten.
Ein eigenes Reich für alle vier Kinder
Gleichzeitig wissen unsere Kinder immer: Mama und Papa sind ja in der Nähe, und wenn etwas ist, sind sie ruck-zuck die 18 Stufen nach unten gelaufen und ins große Familienbett gesprungen. Gut zu wissen.
Jedes Zimmer erzählt etwas vom Charakter unserer Kinder. Alex, unser Großer, hat eine klare Grundordnung. Er macht jeden Morgen sein Bett selbst und räumt seine Sachen sorgfältig zusammen. Falls nötig, sauge ich ein paar Flusen vom Teppichboden. Mehr ist bei Alex nicht zu tun.
Julia ist eine heranwachsende junge Dame, das innere Chaos der Pubertät bestimmt offenbar auch den Zustand ihres Zimmers. Berge von Klamotten häufen sich mitten im Zimmer. Sie kann sich von ihren Sachen nicht so recht trennen – auch nicht zum Waschen. Ganz im Gegensatz dazu steht die Batterie von Nagellackflaschen in Reih und Glied geordnet auf der Kommode. Auf dem Schreibtisch wartet ihr Computer, mit dem sie gern mit ihren Freundinnen chattet.
Neben ihr wohnt Judith. Unsere Kleine – süß, liebevoll und aufgeweckt zugleich. Ein paar Haarspangen, der Schlafanzug auf ihrem Bett, sonst liegt kaum was herum. Wenn ich die Zeit dafür habe, werden die Betten aufgeschüttelt und gefaltet – fertig ist die Ordnung.
Dann ist da noch Mircos Zimmer. Vom Flur aus rechts führt die Tür hinein, es hat ein Fenster nach vorne raus. Links von der Tür das Bett, kein Hochbett, daneben zur Straße hin sein Schreibtisch, an der Wand seine größten Schätze: seine Sammlung von Spielzeugtraktoren. Von denen muss ich um jeden Preis meine Pfoten lassen! Unser Mirco ist ein großzügiger Junge, aber bei seinen Traktoren wird er eigen. Die darf noch nicht mal sein Vater ohne seine Erlaubnis anfassen – außer zum Reparieren – geschweige denn seine Geschwister. Und nur wenigen, auserwählten Freunden ist die Ehre gestattet, wenn sie bei Mirco zu Besuch sind, mal einen Fendt-Ackerschlepper im Maßstab 1:40 oder einen John Deere im Maßstab 1:25 in die Hand zu nehmen.
„Darf ich heute ins Kino gehen?“
Heute, an diesem Freitag, dem 3. September 2010, schaffe ich es nicht in den ersten Stock zum Durchsaugen und Lüften – der Pflaumenkuchen verlangt meine Aufmerksamkeit. Ich muss mich sputen, damit ich pünktlich um 11:00 Uhr im Laden bin. Die Kinder kommen heute zwischen 12:30 und 14:00 Uhr nach Hause; dann bin ich noch nicht wieder zurück. Aber sie wissen: Ich bin im Geschäft zu erreichen, und gegen 15:00 Uhr kommt Papa von der Arbeit und kümmert sich um alles.
Auf unsere Kinder ist Verlass. Es ist kurz vor 14:00 Uhr, Reinhard ist noch nicht zu Hause; Mirco hat sich aber mit einem Klassenkameraden aus dem Grefrather Stadtteil Oedt verabredet. Die Jungs wollen zusammen mit zwei Mädchen aus ihrer Klasse in dem acht Kilometer entfernten Kempen ins Kino gehen, um sich „Step up 3D“ anzuschauen. Den Weg zu seinem Freund Mike nach Oedt, wo die zwei Klassenkameradinnen dazustoßen wollen, will Mirco mit dem Fahrrad fahren, die restliche Strecke nach Kempen legen die vier dann gemeinsam mit dem Bus zurück.
Mirco hält sich an unsere Familienregeln, kommt bei mir im Geschäft vorbei und sagt Bescheid, dass er mit seinem Freund ins Kino gehen möchte. Natürlich gebe ich ihm mein Okay und wünsche ihm viel Spaß, und schon ist er wieder unterwegs. Ich rufe ihm noch hinterher, er solle nicht so spät nach Hause kommen. Aber da ist er auch schon durch die Tür, und ich kann nur noch hinterherschauen, wie er braungebrannt vom Sommerurlaub davonradelt.
Ich weiß noch genau, welcher Gedanke mir bei diesem Bild durch den Kopf ging: Typisch mein Junge, endlich hat er Wochenende und nutzt die Zeit, um sie mit seinen Freunden zu verbringen, die er in der langen Ferienzeit nicht gesehen hat.
Nach der Arbeit freue ich mich auf unser Zuhause. Wie immer schaue ich als Erstes, ob alle da sind. Ja, sind sie – bis auf Mirco. Klar, er hat sich ja bei mir abgemeldet und ist noch mit seinem Freund unterwegs. Sorgen brauche ich mir also nicht zu machen. Mein großer Sohn Alex und ich gehen noch eine Runde mit dem Hund raus. Unterwegs gönnen wir uns ein Eis beim Italiener. Es ist ein schöner, warmer Spätsommerabend, es fängt gerade an zu dämmern, und Alex und ich genießen es, mit unserem Eis in der Hand durch die beschaulichen Straßen unserer Stadt zu bummeln.
Gegen 20:30 Uhr...




