Schirrow / Kloska / Huster | Mysteriöse Orte | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 344 Seiten

Schirrow / Kloska / Huster Mysteriöse Orte


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-946381-10-5
Verlag: Shadodex - Verlag der Schatten
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 344 Seiten

ISBN: 978-3-946381-10-5
Verlag: Shadodex - Verlag der Schatten
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Mysteriöse Orte. Verlassen liegen sie da. Niemand hat sie seit Jahren betreten. Viele dieser alten Gebäude, Freizeitparks oder Bohrinseln sind bereits verfallen oder verrostet.
Warum kümmert sich niemand mehr darum? Warum werden mache dieser Orte sogar gemieden?
Was ist dort geschehen?
Die Wahrheit, die Geschichten, die sich hinter diesen verlassenen Orten verbergen, haben wir in dieser Anthologie für Sie zusammengetragen und so geordnet, dass sich der Gruselfaktor von Geschichte zu Geschichte steigert.

Schirrow / Kloska / Huster Mysteriöse Orte jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Inhalt
Detlef Schirrow: Hoogs und das Auge

Barbara Kloska: Tee mit Kluntjes

Daniel Huster : Das Dachzimmer im Kopf

Oliver Borchers: Kalte Vergangenheit

Inga Kess: Moore Hall

Monika Grasl: Der verlorene Traum

Ruben Brüstle: Die Meerjungfrau

Oliver Henzler: Beelitz - Rückkehr des Todes

P. C. Thomas: Ipuana

Julia Annina Jorges: Grand Hotel

Johannes Harstick : Heim der Katzen

Tobias Habenicht: Nach und das Nichts

Monique Kelbing: Die Mutprobe

Bonus:
Ilona Grüning: Der unheimliche Zug (Gedicht)


Barbara Kloska: Tee mit Kluntjes


»Na wunderbar. Jetzt erst warnen sie im Radio vor dem nahenden Unwetter, während über mir schon die dunklen Wolken drohen und der Wind mich fast von der Straße drängt.« Die Hoffnung, schnell aus dieser Gefahrenzone verschwinden zu können, verabschiedet sich zusammen mit der Technik meines Navis, die bedingungslos vor den Naturgewalten kapituliert. Kein GPS!

Im Grunde liebe ich diesen Landstrich hier an der Küste. Irgendetwas hat mich immer schon her gezogen. Das Meer, Wind und Wellen, der raue Charme der Küste haben mir stets ein besonderes, wohliges Gefühl des Angekommenseins gegeben. Für die meisten Menschen ist dies unerklärlich, denn es hat hier nie etwas gegeben, das für sie eine längere Anreise gerechtfertigt hätte – weder verwöhnt die Wärme der südlichen Sonne noch locken spektakuläre Besonderheiten, die man unbedingt gesehen haben muss. Selbst die Möglichkeiten, am Abend auszugehen, sind in diesen Breiten rar.

Daheim gibt es niemand, der meine Zuneigung zu dieser Gegend teilt. Aber auf mich hat sie die unwiderstehliche Anziehungskraft, der eine Biene erliegt, wenn sie vor einer süß duftenden Blüte schwebt, auch wenn ich zugegebenerweise in diesem Augenblick lieber irgendwo anders wäre – jetzt, wo die Sintflut über mich hereinbricht, sodass ich kaum bis jenseits der Motorhaube schauen kann. Rings um mich herum sind nur Wiesen, in einiger Entfernung ist die Nordsee und vor mir eine im Nichts verschwindende Landstraße. Der Wind rüttelt an meinem Auto, die Scheibenwischer geben ihr Bestes, verschaffen mir dennoch keine freie Sicht, und das Navi sucht weiter nach Empfang. Mir ist mulmig, während ich mit zunehmender Orientierungslosigkeit weiterfahre.

Was ist das?, frage ich mich, als in der Ferne ein seltsames Licht auftaucht. Über Feld- und Schotterwege holpere ich direkt darauf zu und stehe irgendwann vor einer alten, durch Wind und Wetter arg mitgenommenen Kate. Das Licht, das aus den Fenstern leuchtet, wirkt warm und einladend. Erleichtert, aus dem Unwetter zu kommen, steige ich aus und arbeite mich gegen Wind und Regen zum Haus vor. Kaum dass ich es erreicht habe, läuft mir das Wasser bereits aus den Ärmeln. Mit der rechten Faust trommle ich gegen die verwitterte Tür, mit der linken Hand drücke ich zeitgleich die Klinke herunter, als mich ein Windstoß packt, ins Haus fegt und einem Hünen direkt vor die Füße schleudert. In dem diffusen Licht fällt sein bedrohlicher Schatten bis zur nächsten Wand. Ich lande mit Gepolter so unsanft auf den Knien, dass das Wasser aus meiner Kleidung spritzt und sich zu einer Pfütze sammelt. Benommen schaue ich an dem Mann hoch, dessen wettergegerbtes Gesicht von einem Vollbart und grauen, dichten Haaren größtenteils verdeckt ist. Er scheint der Hausherr zu sein, aber offensichtlich schätzt dieser plötzlichen Besuch nicht sonderlich. Grimmig schaut er zu mir herab, schiebt mich schroff zur Seite und knallt die Tür zu.

»Wollen Sie mein Haus fluten?«, mault er, woraufhin ich aufspringe und spontan zur Tür zurückeile.

»Wo wollen Sie denn hin? Noch mal in die Regentonne?«

»Nein, nur besser wieder raus! Muss zur Autobahn …«

»Bei dem Wetter? Draußen tobt ein Sturm! Der bläst sie glatt in den Graben. Und dann? Sind gut neun Kilometer bis zum nächsten Dorf, und die Straßen sind hier bannig schlecht.«

Er kommt auf mich zu, greift meinen Arm und führt mich zum Tisch, wo er mich auf einen Stuhl drückt. Seine Kraft ist erstaunlich und macht mir Angst.

»Ziehen Sie sich aus. Die Sachen können Sie da über die Leine am Herd hängen.«

Mir stockt der Atem. So einer ist das also! Na, von wegen!

Als der Bärtige zu einem Schrank geht, in dem er herumkramt, springe ich auf, mache zwei Schritte Richtung Tür, da versperrt er mir auch schon den Weg.

»Was ist? Wollen Sie Ihre Autositze wässern? Ziehen Sie endlich Ihre Sachen aus.«

»Das werde ich nicht tun!«

»Oh doch! Glauben Sie nicht, dass ich Sie hier länger beherberge als nötig. Habe keine Lust, Sie zu pflegen mit Lungenentzündung und Fieber.«

Er reicht mir Handtücher, einen altbackenen, weiten Rock, eine lange Bluse und grobgestrickte Wollsocken.

»Müssten passen. Da in der Kammer können Sie sich umziehen.«

Mit einer Kerze leuchtet er einen kleinen Nebenraum aus, schiebt mich hinein und schließt die Tür.

Benommen schaue ich mich in der winzigen Stube um, in der nur ein altes Bett, ein Stuhl mit abgeblätterter Farbe und ein dunkler Tisch stehen.

Da draußen der Sturm, hier drinnen dieser Kerl … In mir ertönt ein regelrechtes Konzert von Alarmglocken und Signalhörnern.

»Und? Passt alles?«, fragt er, wobei seine Stimme seltsam verändert klingt. »Wenn nicht, habe ich auch noch einen Gürtel, damit es hält. Beeilen Sie sich mit dem Umziehen, hier in der Küche ist es wärmer. Wir können gleich essen, und heißer Tee wird Ihnen gut tun.«

Nanu? So freundlich? Woher der plötzliche Sinneswandel?

»Bin gleich da!« Während ich zitternd meine Garderobe wechsle, überlege ich, was ich von diesem Kerl halten soll. Keine Fragen, kein Misstrauen, nur selbstverständliche Hilfe, wo sie offensichtlich nötig ist. Ohne zu einem Ergebnis zu kommen, gehe ich in die Küche. Der Hausherr nimmt mir die nassen Kleidungsstücke ab und hängt sie auf. Zum ersten Mal sehe ich ihn lächeln.

Auf dem Tisch warten ein Teller mit vier Scheiben Brot und eine Schale Butter.

»Bedienen Sie sich. Tee? Mit Milch oder Kluntjes?«

»Mit was?«

»Kluntjes – braunem Kandiszucker.«

Obwohl Bart und Haare nicht viel von seinem Gesicht frei lassen, sehe ich ein eigenartiges Funkeln in seinen Augen.

Bedächtig löffelt er mir ein paar braune Krümel in die Tasse und gießt den Tee darauf. Es knistert geheimnisvoll.

Ohne mich aus den Augen zu lassen, nimmt er mir gegenüber Platz, schenkt seine Tasse voll und beginnt, sich eine Scheibe Brot mit Butter zu bestreichen. Die Kruste wellt sich, und das Messer erzeugt ein knirschendes Geräusch beim Schneiden.

Was ist das nur für ein eigentümlicher Kerl? Eben noch so ruppig, jetzt auf einmal so nett?

Seltsame Situation. Dieser fremde Mann, diese Selbstverständlichkeit, mich so aufzunehmen, dazu das Knistern des Holzes im Herd, die alte Petroleumlampe über dem Tisch, die den Raum in ein diffuses, aber besonderes, Licht taucht. Wo gibt es sowas heutzutage noch?

»Was ist? Keinen Hunger? Sie sind sicher besseres Essen gewohnt – mehr Auswahl, feineres Zeugs.«

»Nein, nein – völlig okay. Vielen Dank.« Höflichkeitshalber nehme ich eine Scheibe Brot, bestreiche sie mit Butter und habe große Mühe, sie zu schneiden.

»Geht es?«, erkundigt sich der Mann schmunzelnd.

»Ja, sicher. Irgendwie. Das Brot ist nur so hart.«

»Brot ist nicht hart. Kein Brot – das ist hart! Aber wenn Sie dieses einfache Essen nicht verschmähen, freue ich mich, das Letzte, was ich im Haus habe – Brot und Butter – mit Ihnen zu teilen.«

Dann fragt er mich nach meinem Namen, was ich so mache, was mich hier in diese Gegend treibt.

Unerklärlicherweise plaudere ich drauflos. Auf einmal ist mir, als ob ich angekommen sei. Irgendwo, wohin ich nie den Weg gesucht habe. Aber nun ist mir sogar fast, wie heimgekommen zu sein. Dieser Mann, der sich einfach nur Hendrik nennt, zeigt so viel ungeahnte Herzlichkeit und Wärme. Alles, was um mich geschieht, geht überraschend in einer unerklärlichen Selbstverständlichkeit auf.

Er erzählt mir von seinem Leben, von dem bewussten Weglassen aller Dinge, die ihn von der Natürlichkeit des Daseins trennen, und von seiner Suche nach Glück, das oft in den einfachen, kleinen Dingen steckt, die nicht materieller Natur sind. Die Art, wie überzeugt er davon spricht, was seinen ganzen Reichtum ausmacht, ist wie eine liebevolle Umarmung.

An seinen Lippen hängend zucke ich zusammen, als in der Ecke eine alte Wanduhr neunmal schlägt. Hendrik lächelt, lässt sich aber nicht unterbrechen.

»… habe alles Unnötige weggegeben – war letztendlich nur Ballast. Es hat mich damals selbst überrascht, wie glücklich man mit einigen wenigen Habseligkeiten sein kann. Ich habe meinen Seelenfrieden gefunden, als ich diese Jagd nach dem, was andere als wichtig erachteten, einfach aufgegeben habe. Je mehr ich mit der Natur eins wurde, das Werden und Vergehen bewusst erlebte – im Einklang der Jahreszeiten und im Rhythmus des Lebens –, desto mehr wuchs meine Zufriedenheit. So einfach kann Glück sein.«

Plötzlich steht er auf und holt Mehltopf, Eier und andere Zutaten aus dem Schrank. Unterdessen versickern seine Worte in meinem Bewusstsein – wie meine Regentropfen vorhin in den trockenen Holzdielen.

Komischer Kauz, denke ich so bei mir. Ob das immer so stimmt mit dem bewussten Aussteigen? Kann jemand wirklich freiwillig auf jeglichen Besitz, einfachen Komfort, lebenserleichternde Bequemlichkeiten verzichten? Ist es nicht oft so, dass diese Aussteigertypen letztendlich im Leben Schiffbruch erlitten haben und irgendwo gestrandet sind – wobei sie ausschließlich ihr nacktes Leben retten konnten?

Skeptisch schaue ich Hendrik an. Irgendetwas an ihm passt nicht zu meiner Idee, dass er der Welt und sich selbst etwas vormacht. Zwar kenne ich ihn erst wenige Stunden, aber er scheint mir ein echter, authentischer, aufrechter Mann zu sein – rein aus dem Bauch heraus geurteilt. Nein, er gehört sicher nicht zu den Menschen, die im Alter die Erinnerungen schönfärben.

Während ich noch meinen Gedanken nachhänge, mengt Hendrik in einer Schüssel einen Teig zusammen...



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