Schirokauer / Frey | Die graue Macht | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Schirokauer / Frey Die graue Macht

Kriminalroman
2. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7431-6030-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

ISBN: 978-3-7431-6030-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Aus dem Inhalt: Da erklangen draußen Schritte. Hoff sah den Helm eines Landjägers zwischen den Kiefern blinken. Und ohne Überlegung, ohne recht zu wissen, was er tat, ohne sich Rechenschaft über sein Tun zu legen, fiel er in die Knie und duckte den Kopf. Dann lauschte er gespannt. Vor Furcht, unten gehört zu werden, hielt er den Atem an. Die Schritte klirrten vor dem Haus - Hoffs Puls setzte aus - jeden einzelnen Kiesel hörte er unter den schweren Reiterstiefeln knirschen, so gespannt waren seine Sinne - jetzt ging es weiter - zum Bahnhof zu - immer weiter ... Neufassung und Digitalisierung der Originalausgabe von 1910 von Peter M. Frey

Alfred Schirokauer wurde 1880 in Breslau geboren und starb 1934 in Wien. Er arbeitete als Schriftsteller, Übersetzer, Drehbuchautor und Filmregisseur.
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Kapitel 2


Die Hoffs bewohnten drei kleine Zimmer im dritten Stock eines Hauses der Frobenstraße, das aus einer Zeit stammte, da »reichliches Zubehör« und »aller Komfort der Neuzeit« und »Rollstube und Vakuumreiniger« noch im Schoß der Zukunft und die Häuserspekulation den Schlaf der Ungeborenen schlief.

Hierher waren sie vor sieben Jahren gezogen, nach dem jähen Ende der Herrlichkeit in der Landgrafenstraße. Ja, die Wohnung in der Landgrafenstraße mit ihren weiten, trauten Gemächern und den blätterumrauschten Veranden! Sie trauerten und sprachen darüber, wie Eva mit ihrem Nachwuchs vom Paradies geschwärmt haben mag. So oft die Äußerung fiel: »Wisst ihr noch, in der Landgrafenstraße, da …«, und sie fiel oft, wurden aller Augen hell, und sie zogen die Luft ein, als atme der Duft blühender Akazien wieder durchs Zimmer.

Die Familie lebte im Grund nicht in den drei Stuben der Frobenstraße. Es war, als hätten sie die Augen fest geschlossen und träumten. Träumten von der warmen, grünumrankten Vergangenheit und den leuchtenden Tagen der Zukunft. Nein, diese Not der letzten sieben Jahre, dieses Hinvegetieren in Niedrigkeit und Kümmernis war kein pulsierendes, bewusstes Leben. Es war ein bleicher Wartezustand, ein blutleeres Hinüberdämmern zu dem Guten, Strahlenden, Kommenden. Und nur mit der ehernen Hoffnung auf einstige Erlösung hatten sie all das Schmerzliche nicht recht empfunden, und nur so hatten sie es still und stark ertragen können.

Das Glück der Landgrafenstraße hatte ihnen der Vater gebaut. Er war Elektrotechniker und hatte eine sehr auskömmliche Stellung bei einer Berliner Maschinenbauanstalt. Äußerlich war der Sohn ihm ähnlich. Nur war der Vater breiter und wuchtiger, körperlich und geistig. Er stand so fest und sicher mit seinen starken Füßen auf der Erde, dass der Gedanke, er könne straucheln, nie recht Raum in seinem Hirn fand. Wenn seine kluge, vorsichtige Frau dann und wann darauf hindeutete, dass wir alle in Gottes Hand ständen, und dass er »für alle Fälle« für die Zukunft der Familie sorgen sollte, und etwas von Lebensversicherung und Unfallpolice andeutete, fuhr Hoff großmächtig mit den Daumen in die Armlöcher seiner properen weißen Weste, sog die Lungen voll Luft, dass die Brust sich wölbte wie ein Panzer und lachte sein schönes, sieghaftes Lachen. »Geh. Mutter«, sagte er dann behaglich, »solange die Maschine hier funktioniert, werdet ihr keine Not leiden. Und nach meiner Kenntnis von der Dauerkraft eines solchen Pumpwerkes dürfte sie noch die nächsten zwanzig Jahre ihre Schuldigkeit tun. Wozu also das schöne Geld einer Versicherungsgesellschaft in den Rachen werfen, statt es in den guten Dingen dieser Welt anzulegen. Hab' doch Recht, Kinder, was? Wollen uns lieber aufsetzen und den Brocken unsicher machen, he?«

Und die Kinder jauchzten und tanzten mit Vatern im Zimmer herum, und das Ende vom Lied war, dass Mutter die Rucksäcke packen und ihre Mahnung vertagen musste. Fing sie dann das nächste Mal wieder damit an, sagte Hoff: »Liebe, zwanzig Jahre habe ich noch. Darein lass ich mir nicht reden. Sonst wird die Kalkulation falsch. Na, und in zwanzig Jahren, Jotte doch! Da ist der Junge längst in Amt und Würden, und die Mädels helfen ihren Bengels längst nicht mehr bei den Schulaufsätzen. Na, und du … wirst dann wohl auch nicht mehr in Seidenroben Bälle schmücken.«

Und damit war die Sache vorläufig wieder einmal abgetan.

Es zeigte sich aber, dass eine gute Maschine auch ohne Konstruktionsfehler jäh stoppen kann.

Zunächst war es nichts weiter als eine lumpige Grippe, über die Vater Hoff seine gewohnheitsmäßigen Witze riss. Dann war eines Nachts in allen Gliedern solch ermüdender Schmerz und in den Adern solch zehrende Glut. Und in der starken breiten Brust rasselte es dumpf und dräuend. Bis es eines Abends nach einem letzten Verzweiflungskampf ganz still wurde. Ganz still. Und dann trugen sie ihn hinaus in das wirre Schneegestöber, in das der lange Schleier der Witwe hineinschlotterte wie eine klagende Trauerfahne.

Das war das Ende der Herrlichkeit der Landgrafenstraße. Am nächsten Tag saß ein anderer Elektrotechniker an Walter Hoffs Arbeitstisch, und das Leben und die Räder der Maschinenfabrik rollten weiter. Und die Chefs hatten vergessen, dass der verstorbene Direktor Hoff zwanzig Jahre ihren Maschinen Odem eingehaucht hatte. Denn es war eine moderne Bauanstalt mit allen Errungenschaften der Neuzeit.

Eines Abends saß Frau Hoff mit ihrem zwanzigjährigen Sohn in des Vaters Zimmer und zog die traurige Bilanz einer mittellosen Witwe mit drei brotlosen Kindern. Sie saßen lange und starrten vor sich hin. Schließlich sagte Frau Hoff: »Wir werden etwas tun müssen.«

Ewald nickte. »Ich werde arbeiten«, sagte er.

»Was willst du arbeiten?«, fragte die Mutter. »Du hast genug zu tun mit deinem Examen.«

»Ich werde die Juristerei aufgeben«, entschied Ewald. »Wovon soll ich vier Jahre als Referendar leben, und dienen muss ich auch noch.«

Die Mutter schüttelte den Kopf. »Du musst dabei bleiben, Ewald«, sprach sie fest, »das ist sicher. Ich werde nachdenken.«

»Nein«, sagte Ewald, »ich werde in ein Geschäft gehen.«

»Und ich auch«, fiel Lisbeth ein, die leise hereingekommen war. Zugleich schlüpfte auch Herta durch die Portieren und rief: »Ich gehe auch ins Geschäft, Mama. Und morgen gehe ich nicht mehr zur Schule. Das hat nun doch keinen Zweck mehr.« Sie war ganz beseligt über die frohe Aussicht.

Da erhob sich Frau Hoff, ging zweimal durch das geräumige Gemach. Dann stand sie bleich vor ihren Kindern.

»Meine armen Lieblinge!«, sagte sie, und ihre Lippen zuckten nervös, »nur das nicht. Nur das nicht! Dann ist eure Zukunft verloren. Von dir, Ewald, spreche ich nicht. Es wäre Wahnsinn, wenige Wochen vor dem Examen das Studium aufzugeben.«

»Aber …«, wollte Ewald einwenden.

Die Worte der Mutter hasteten weiter: »Auch die Mädchen, nein, nein, dann ist ihre Zukunft verriegelt. Daran ist nicht zu denken.«

»Nein, wir müssen es anders versuchen. Es muss sich etwas finden. Ich darf eure Aussicht auf Heirat nicht in der ersten Verzweiflung über Bord werfen. Ich werde nachdenken.«

Und sie dachte und grübelte viele schlaflose Nächte, und Herta musste zu ihrem Verdruss am nächsten Morgen nun doch zur Schule.

Bei jedem Plan, den sie ersann und wieder verwarf, durchbebte die Witwe beklemmend die Angst, die Wohlanständigkeit der Familie zu untergraben. Den Schein nach außen wollte sie um jeden Preis und jedes blutige Opfer wahren. Sie wusste, besser als ihre weltunkundigen Kinder, dass nur so die Mädchen in ihrem Kreis heiraten konnten. Und sie war noch die »unmoderne« Frau, der es als ein Evangelium galt, dass Mann und Kind und ein eigenes Heim am letzten Ende doch das einzige wahre Glück des Weibes sind. Und glücklich werden sollten ihre Mädel.

So begann dieser zermürbende heimliche Kampf der Familie Hoff um den Schein. Die Frucht des Grübelns waren zahllose Besuche Frau Hoffs bei den Inhabern mannigfacher Geschäfte. Und endlich fand sie für sich und Lisbeth die ersehnte Heimarbeit. Seit jungen Tagen hatte sie künstlerische Stickereien gefertigt. Jetzt machte sie aus der Spielerei den Broterwerb. Und Lisbeth nähte. Verbrauchte man von dem kleinen Kapital, das geblieben war, jährlich einen Teil, so konnte man mit dem Verdienst dieser Arbeit auf einige Jahre wenigstens auskommen. Es gibt ja so viele Arten von »Auskommen«.

So zogen sie in die Frobenstraße und kämpften ihr hartes Leben. Und als die fünfzehnjährige Herta die Schule verließ, wurde ihrer Hände Arbeit ein Zuschuss mehr. So konnten sie »ihre Drohne«, wie Ewald sich in bitterer Selbstironie nannte, durch das Dienstjahr und die Referendarzeit hindurchfüttern.

Aber der junge Mensch hätte das vernichtende Gefühl, von den drei Frauen ausgehalten zu werden, nicht überwunden, und Mutter und Töchter wären der Herz und Geist abtötenden Arbeit und der zermürbenden Not ermattet erlegen, wenn nicht die Hoffnung in ihren Herzen gezittert hätte. Eine seltsame Hoffnung war es. Doch sie leuchtete hell und warm durch das kalte Dunkel ihres Lebens.

Es war in den ersten Wochen ihres verbissenen Kampfes um das tägliche Brot des Anstandes. Sonntag war’s und Frau Hoff wanderte durch den frühlingsfeuchten Tiergarten hinaus auf den Kirchhof. Unterwegs begegnete ihr eine Bekannte. Trotz ihres Kummers fiel das veränderte Aussehen der anderen den scharfen Augen der Witwe auf. So viel blühender, voller, jünger schien die gute Dame. Und so viel besser gekleidet war sie als ehedem. Es dauerte auch nicht sehr lange, so hatte Frau Hoff den Grund dieser Wandlung erfahren. »Ja, denken Sie nur«, berichtete Frau Burgstaller und blieb vor Eifer mitten auf dem Weg stehen,...



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