Aufbruch in die Welt von heute
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-451-82719-8
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Diese Reformen und Neuerungen entzweiten die Christen. Erbitterte Feindschaft spaltete die Konfessionen. Kämpfe um Religion und Macht brachten Europa an den Rand der Katastrophe. Erst im Verlauf des Dreißigjährigen Kriegs bahnte sich eine Wende zu Frieden und Akzeptanz an. Und ebnete dem modernen Europa den Weg.Wie aus dem verfeindeten Christentum das moderne Europa hervorgingDer Historiker Heinz Schilling nimmt uns mit auf eine eindrucksvolle Zeitreise. Er erzählt anhand zahlreicher Beispiele, wie aus der einen lateinischen Christenheit das multikonfessionelle Europa der Moderne hervorging. Er schildert die Machtkämpfe um das Verhältnis von entstehendem Staat und Kirche und veranschaulicht, wie diese Konflikte die Pluralität unserer Gegenwart hervorbringen – ein Prozess, der unsere Welt entscheidend prägt.Pluralität und Toleranz als Grundlagen des ZusammenlebensHeinz Schillings neues Werk ist eine fesselnde Entstehungsgeschichte der modernen Welt aus den Wurzeln des Christentums. Und sie hat Bedeutung für unsere Gegenwart und die Zukunft unserer modernen Gesellschaft, der christlichen Kirchen sowie der Integration des Islam in Europa. In seiner Betrachtung erweist sich Heinz Schilling einmal mehr als ein Meister seines Fachs.
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A. Das Erbe der Vormoderne[1]
1. Der lateinisch-christliche Zivilisationstypus
Die Geschichte der Christenheit war stets mehr als die innere Geschichte der Kirche oder die Geschichte der christlichen Theologie und Spiritualität. Das Christentum war von Anfang an auf Weltlichkeit, also auf Wirken in und auf die Welt angelegt. Als es Anfang des 4. Jahrhunderts in der sogenannten Konstantinischen Wende eine Symbiose mit dem römischen Staat und der römischen Gesellschaft einging, begann eine Beziehungsgeschichte zwischen christlicher Religion und Gesellschaft, zwischen Kirche bzw. Kirchen und politischer Ordnung, die rund anderthalb Jahrtausende Europa prägen sollte. In den verschiedenen europäischen Ländern lief sie erst Anfang des 20. Jahrhunderts aus. In Deutschland endete das Konstantinische Zeitalter mit der Weimarer Verfassung und ihrer lapidaren Feststellung: „Es besteht keine Staatskirche“, beziehungsweise mit dem Übergang der einzelnen Landeskirchen unter landesherrlichem Kirchenregiment zu „Kirchen ohne Könige“.[2] Die Welthaftigkeit und Weltoffenheit des Christentums waren ein Erbe, das weit in die vorchristliche Zeit zurückreicht. Jüdische und antike, vor allem römische Traditionen waren von Anfang an in die neuen religiösen, organisatorischen und ethisch-moralischen Prinzipien des Christentums eingegangen. Beigemischt wurden diesem Amalgam schließlich auch moralische und soziale Vorstellungen der germanischen Wandervölker, die im Zuge der Völkerwanderung in die römische Welt eindrangen und sich ganz überwiegend dem römisch-lateinischen Christentum anschlossen. Im europäischen Zivilisationstypus wirkten religiöse und profane Kräfte in einer besonderen Art und Weise zusammen. Es lässt sich von einem „religionssoziologischen Profil Alt-Europas“[3] sprechen, in dem anders als in der modernen Welt des 19. und 20. Jahrhunderts Religion und Gesellschaft beziehungsweise kirchliche und weltliche Ordnung nicht getrennte Bereiche ausmachten, sondern institutionell wie geistig-kulturell miteinander verschränkt waren. Wie es Thomas Mann für das Alte Ägypten konstatiert, so wirkten auch in Alteuropa religiöse und weltlich-profane Institutionen und Kräfte über die Jahrhunderte hin zusammen – bis am Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung ein grundsätzlicher Systemwandel beide Bereiche auseinanderzwang. Davor, in Spätantike, Mittelalter und Früher Neuzeit, waren die Bereiche strukturell verklammert. Sakrales und Säkulares waren aufeinander bezogen, allerdings ohne dass sie eine ununterscheidbare Einheit eingegangen wären. Das religionssoziologische Muster Alteuropas basierte weder auf einer prinzipiellen Trennung noch auf einer Verschmelzung der weltlichen und religiösen Dinge. Das war kein Monismus, sondern ein Dualismus, in dem Religiöses und Säkulares, Kirchliches und Politisches schon aufgrund der römisch-rechtlichen Satzungen eng miteinander verzahnt waren, aber jeder dieser Bereiche oder Ordnungen Selbständigkeit behielt. Diese dualistische Struktur der Staats-Kirchen-Beziehungen unterscheidet das Alte Europa grundlegend von den monistischen oder gar fundamentalistischen Gesellschaften anderer Weltreligionen, die eine solche Selbständigkeit und Unterscheidbarkeit nicht kennen – mit allen kulturellen, mentalitätsgeschichtlichen, sozialen und politischen Konsequenzen, die den Europäern heute in der Begegnung mit dem islamischen Fundamentalismus fremd und gefährlich erscheinen. Genauer gesagt gilt der religionssoziologische Dualismus nur für die „westliche“ oder besser „lateinische Christenheit“[4], während die griechisch-orthodoxen Länder schon seit dem hohen Mittelalter eigene Wege gegangen waren in dogmatischer Hinsicht, aber vor allem bei den Grundprinzipien der religiös-weltlichen und kirchlich-staatlichen Beziehungsgeschichte. Es waren nicht zuletzt diese religiösen und religionssoziologischen Unterschiede, die seit dem späten Mittelalter die Grenze zwischen dem griechisch-byzantinischen, immer stärker dann von Russland geprägten Osten und dem römisch-lateinischen Westen Europas weiter verfestigen und beide Zivilisationen des Kontinents unterschiedliche Wege in die neue Zeit gehen ließen. Erst die Spannung zwischen Geistlichem und Weltlichem und die daraus resultierende gesellschaftliche und kulturelle Dynamik ermöglichten überhaupt jenen fundamentalen Wandel in nahezu allen Lebensbereichen, der sich im späten Mittealter anbahnte und dann im 16. Jahrhundert im Zuge von Reformation und Konfessionalisierung zum Durchbruch kam. Denn nur die dualistische Grundstruktur von Religiösem und Weltlichem garantiert beiden Seiten selbständiges Handeln sowie Balance und gegenseitige Kontrolle. Nur so ließen sich weltliche und geistliche Gewalt, die jede für sich gar zu gern Absolutheit beanspruchten, gegeneinander austarieren. Erst die daraus resultierende Relativierung des Hoheitsanspruchs sowohl der Kirchen wie des Staates ermöglichte den Durchbruch der Freiheitsrechte des Individuums, die bis heute den lateinisch-christlich geprägten „Westen“ charakterisiert und vor anderen Weltzivilisationen auszeichnet. Nur auf dieser Basis eröffnete sich der Weg in die Autonomie – in die Autonomie des Politischen, aber auch des Religiösen, das zur Sache des Einzelnen wurde, unabhängig von Staat und Gesellschaft. Europa ist nicht nur das Ergebnis demographischer, ökonomischer, politischer oder staatlicher Wandlungen. Sein Kern wurde auch und vor allem von geistigen und kulturellen Prozessen geformt, die über nahezu zwei Jahrtausende hin ein Zentrum in der Religion besaßen. Das gilt auch für die Renaissance, in der sich eine säkulare Sicht auf die Welt anbahnte. Wer das als „Eindämmung der Religion“ begreifen will, muss gleich ergänzen, dass „das Christentum an sich nicht wissenschafts- oder fortschrittsfeindlich [war und] religiöse Institutionen überragende Bedeutung für die Bewahrung und Mehrung von Wissen“ hatten.[5] Erst mit der Aufklärung gewann die Säkularisation die Oberhand. In zentralen Teilen war aber auch sie eine rebellierende Tochter des Christentums. Europa besaß stets eine bedeutende jüdische Diaspora, und auch der Islam beeinflusste es am Rande.[6] Zudem blieb die christliche Volksreligiosität stets mit vielfältigen Spuren paganen Glaubens durchsetzt, vor allem der Magie. Tonangebend war aber bis in die Moderne hinein das Christentum. Und so muss jede Geschichte Europas den Kirchen und christlichen Konfessionen gebührend Aufmerksamkeit schenken, und zwar auch den Schattenseiten – den Rivalitäten, Bruderkämpfen und Konfessionskonflikten ebenso wie den Kreuzzügen und Repressionen gegen Juden, Muslime, „Häretiker“, Freigeister und andere Formen des inner- oder außerchristlichen Dissenses. Das Christentum hat entscheidend dazu beigetragen, dass die europäische Zivilisation jene Dynamik und jenen sozialen Wandel freisetzen konnte, die heute längst den gesamten Globus erfasst haben. Diese Fähigkeit des Wandels bis hin zur grundsätzlichen Modernisierung, die sich ausgangs des 18. Jahrhunderts in der Aufklärung und den beiden atlantischen Revolutionen, der Amerikanischen und der Französischen, Bahn brach, bildete Europa nicht im grundsätzlichen Widerspruch zum Christentum aus. Diesen Anschein erweckt nur der eingangs bereits erwähnte Antimodernismus eines Pius IX. (1846–1878)[7] mit seinem antiliberalen Syllabus. Auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes im 19. Jahrhundert war das ein Ausdruck politischer Taktik und Parteilichkeit, nicht aber des intellektuellen und theologischen Kerns des Christentums. Noch als Neuzeit und Moderne sich vom Christentum lösten oder ihm gar feindlich gegenübertraten, war das zu einem guten Teil in der Religions- und Kirchenverfassung Alteuropas angelegt. Die weltanschauliche Pluralität und die multikulturelle Vision, mit denen der Kontinent in das dritte Jahrtausend seiner Zeitrechnung eintritt, sind nicht so weit von den geistigen und religiösen Ursprüngen Europas entfernt, wie es bisweilen den Anschein haben mag. Der erwähnte eigenständige Weg, den die östlichen Länder Europas einschlugen, hatte sich bereits im hohen Mittelalter angebahnt, als die griechisch-byzantinisch-orthodoxe Ausprägung des Christentums immer selbstbewusster gegen den Alleinvertretungsanspruch Roms auftrat. Es kam zu dogmatischen und kirchenpolitischen Reibungen, die in gegenseitigen Bannsprüchen gipfelten. Mitte des 9. Jahrhunderts brach anlässlich der Berufung des vornehmen Laien Photius zum Patriarchen von Konstantinopel ein erbitterter Disput über die Rolle von Laienpriestern in der Kirche aus. Nur das von Kaiser Basilius I. (867–886) eiligst einberufene und klug dirigierte 4. Konzil von Konstantinopel (das 8. ökumenische Konzil) vermochte den sich abzeichnenden Bruch noch einmal zu kitten. Längst war jedem Theologen und Politiker klar, dass östliche und westliche Kirchen nicht nur über Fragen des Vorranges – Rom und der Papst oder Konstantinopel und der Patriarch – stritten, sondern auch unterschiedliche, teilweise entgegengesetzte Lehrpositionen vertraten. So in der Frage der Priesterehe, des Verhältnisses von Taufe und Firmung oder des Fastengebotes. Weitere zwei Jahrhunderte Lehrstreitigkeiten und Machtkonkurrenz vor allem in der slawischen Zwischenzone ließen dann Mitte des 11. Jahrhunderts den Bruch endgültig zutage treten: Am 16. Juli 1054 legte Kardinal Humbert von Silva Candida als Gesandter Papst Leos IX. während eines Gottesdienstes auf dem Altar der Hagia Sophia, der altehrwürdigen...