E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Scheytt Popsongs und ihre Hintergründe
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-3997-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
60 Songs von 1954 bis 2010
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-7519-3997-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jochen Scheytt wurde 1966 in Mühlacker geboren. Er studierte in Stuttgart Musik und Anglistik. Seit gut 20 Jahren unterrichtet er am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck Musik und Englisch. Außerdem ist er als Dozent an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart tätig. Eine schriftstellerische Tätigkeit für verschiedene Schulbuchverlage rundet sein Tätigkeitsfeld ab. Seit 1999 ist Jochen Scheytt mit seiner eigenen Homepage www.jochenscheytt.de mit Beiträgen zu Claude Debussy, Popsongs, Al Jarreau und der Minstrel Show im Internet vertreten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die 1950er Jahre
1954
Bill Haley:
Die zwei Leben des Rock’n’Roll-Klassikers – vom Partylied zum Symbolsong des jugendlichen Aufbegehrens
Als Bill Haley und seine Begleitband, die Comets, 1958 in Deutschland tourten, gab es mächtig Ärger. Schon im Sportpalast in Berlin hatten Ausschreitungen jugendlicher Konzertbesucher das Konzert überschattet. Als nächstes verwüstete der aufgebrachte Mob die Ernst-Merck-Halle in Hamburg. Dem jovialen, stets gut gelaunten, aber mit der Situation völlig überforderten Haley und seiner Band blieb nur die Flucht vor diesem überbordenden Vandalismus, der sich vor der Konzerthalle fortsetzte und erst spät am Abend von massiven Polizeikräften gestoppt werden konnte.
Es waren nicht die ersten Ausschreitungen dieser Art gewesen. Sie sollten den Rock'n'Roll auf seinem Weg begleiten und ihm ein negatives Image verschaffen. So bezeichnete das "Neue Deutschland" - als Organ der DDR natürlich ganz grundsätzlich nicht amerikafreundlich - Haley damals als der eine veranstaltet habe, aber auch der Cellist Pablo Casals erkannte in Haley's Musik (1)
Dabei konnte Haley gar nichts dafür, dass seine Konzerte für diesen organisierten Krawall missbraucht wurden. Er war ja auch beileibe nicht der Archetyp des provozierenden Rockers, der mit seiner Attitüde oder seiner Musik solche massiven Auswüchse mit ausgelöst haben könnte. Im Gegenteil, Haley war - ohne ihm zu nahe treten zu wollen - als fast 30-jähriger Familienvater mit seinen karierten Jacketts und seiner Schmalzlocke sicher der biederste der Rock'n'Roller der 1950er Jahre. Andere wie Elvis Presley besaßen das Potential, die Gesellschaft zu spalten, und waren trotzdem nicht Ziel dieser Attacken. Wie konnte es also dazu kommen?
Der Grund lag nur in einem einzigen Song: . Wobei das so nicht stimmt, denn an dem Song selbst lag es definitiv nicht. Denn bei handelt es sich um ein harmloses knapp über zwei Minuten dauerndes Liedchen bar jeglichen Aggressionspotentials. Am deutlichsten wird dies, wenn man sich die Filmaufnahmen der damaligen Zeit betrachtet. Bill Haley als rhythmisch wippender Gute-Laune-Garant mit akustischer Gitarre vor einer Riege mitwippender Backgroundmusiker-Musiker, die weder einen musikalischen noch einen gesellschaftlichen Umbruch im Sinn haben. So löste der Song bei seinem Erscheinen im Jahr 1954 folgerichtig auch wenig aus, am ehesten noch das Tanzfieber, das im Song ja auch besungen wird.
Man hatte dem Song auch von Beginn an nichts Besonderes zugetraut. Die Aufnahmesession, für begann verspätet, weil Haley und die Band auf einer auf Grund gelaufenen Fähre festsaßen. Als sie endlich im Studio eintrafen, war nur noch circa dreieinhalb Stunden Zeit, die allerdings fast komplett für die Aufnahme eines anderen Songs, genutzt wurde. Für hatte man nur noch knapp 40 Minuten. Da war es ein Glück, dass die Band den Song schon oft gespielt hatte und die Sessionmusiker schnell in den Song hineinfanden. Der Sessiongitarrist Danny Cedrone spielte in der Not ein Solo, das er schon bei zwei weiteren Aufnahmen genau so gespielt hatte. Nur zwei Takes konnten aufgrund des engen Zeitrahmens eingespielt werden. Da beim Take 1 der Gesang zu leise war, spielte man den zweiten Take mit zurückgenommener Begleitung ein. Beide Takes wurden später von einem Toningenieur zu einer Aufnahme zusammengemischt - eine nicht zu unterschätzende Leistung bei den damaligen Möglichkeiten im Studio.
Auch bei der Veröffentlichung spielte (im Übrigen als "Foxtrot" betitelt!) eine zweitrangige Rolle und wurde nur als B-Seite ausgewählt. Auf der A-Seite war der schon erwähnte Titel aus der gleichen Aufnahmesession zu finden. Die Verkaufszahlen waren ganz in Ordnung, aber den Durchbruch schaffte bei diesen Startbedingungen nicht.
Wahrscheinlich wäre es auch dabei geblieben, wäre da nicht Peter Ford, der damals zehnjährige Sohn des Schauspielers Glenn Ford gewesen. Glenn Ford spielte eine der Hauptrollen im Film , auf deutsch der 1955 in die amerikanischen Kinos kam. Dieser Film handelt von einer Gruppe Schüler an einer Schule in der Bronx, die recht gewalttätig gegen Lehrer und System rebellieren. Als der Film abgedreht war, war man immer noch auf der Suche nach einer Titelmusik. Als Regisseur Richards Brooks bei den Fords zu Besuch war, stieß er in Sohn Peters Plattensammlung auf und war sich sicher, die richtige Musik gefunden zu haben.
Doch welchen Effekt die Kombination aus Film und Song dann wirklich haben sollte, konnte sich wohl niemand im Vorfeld ausmalen. Denn die Reaktionen waren heftig. Die Revolte von der Leinwand übertrug sich auf die jugendlichen Kinobesucher und schlug auch um in reelle Gewalt, so dass zuerst viele Kinosäle daran glauben mussten. Und auf fatale Weise verknüpften sich diese Gewaltausbrüche fest mit . Gleichzeitig aber bescherte dies dem Song eine neue, bisher nicht dagewesene Popularität und sorgte dafür, dass 1955 schnell wiederveröffentlicht wurde und sich dann millionenfach verkaufte.
So waren es gut 40 Minuten im Aufnahmestudio, die Bill Haleys Leben prägen sollten. Er machte das beste daraus, wäre er doch ohne nicht in die Geschichtsbücher eingegangen. So beklagte er sich Zeit seines Lebens nie darüber, auf diesen einen Titel reduziert zu werden, auf den er sich immer verlassen konnte, wenn eine Show mal nicht so lief. Nicht umsonst nannte er den Song darum sein kleines Goldstück. (2)
1956
Elvis Presley:
Wissen Sie, was ein "Hound Dog" ist? Nun, ein Basset Hound mit Zylinder, Hemdkragen und Fliege jedenfalls nicht...
Am 25. Juli 1956 befand sich der 213 Meter lange italienische Luxusliner , der Genua am 17. Juli verlassen hatte, kurz vor dem Zielhafen New York. Um 23.10 Uhr geschah die Katastrophe. Die kollidierte im dichten Nebel mit dem kleineren Passagierschiff , das am Mittag von New York aus gestartet war. Die riss mit ihrem Bug ein großes Loch in die Seite der , die von dem eindringenden Wasser schnell Schlagseite bekam. In der nun folgenden Rettungsaktion konnten fast alle Passagiere von der evakuiert werden. Es überlebten 1660 Menschen das Unglück. 46 Passagiere starben, die meisten beim Aufprall der . Elf Stunden nach der Kollision sank die .
Die Schiffbrüchigen wurden von in der Nähe befindlichen Schiffen aufgenommen und nach New York gebracht. Unter den vielen Menschen, die dort auf ihre Angehörigen und Freunde warteten, befand sich auch der Textdichter Jerry Leiber. Er nahm seinen Freund und Geschäftspartner Mike Stoller und dessen Frau in Empfang. Leiber und der Komponist Stoller standen 1956 noch am Anfang ihrer Karriere, sollten aber bald zum einflussreichsten Songwriter- und Produzenten-Duo der 1950er und 1960er Jahre aufsteigen. Mike Stoller erinnert sich an den Moment, als die beiden sich am Kai wiedersahen. Er teilte seinem Kompagnon mit, dass sie mit einen Smash Hit gelandet hätten. Dieser fragte nach:
(3)
Stoller war mit seiner Frau auf dem Rückweg von einer dreimonatigen Europareise und hatte so nicht mitbekommen, dass Elvis am 2. Juli 1956 im Studio aufgenommen hatte, und dass der Song in dieser Version unaufhaltsam an die Spitze der Hitparaden unterwegs war.
Ursprünglich hatten Leiber und Stoller schon 1953 geschrieben. Zwei weiße jüdische, damals erst 20-jährige Jungspunde, die sich ausschließlich für Black Music interessierten und trotz ihrer Sozialisierung originäre Rhythm'n'Blues-Songs schreiben konnten. Der Bandleader Johnny Otis hatte die beiden angesprochen, ob sie nicht einen Song für seine neue Sängerin Willie Mae "Big Mama" Thornton schreiben könnten.
In nur ungefähr 12 Minuten (4) hatten die beiden den passenden Song für "Big Mama" geschrieben. Einen Song über einen Hound Dog, in diesem Fall kein Jagdhund, sondern ein unnützer Schürzenjäger, dem Thornton den Laufpass erteilt, weil er ihr etwas vorgemacht hat, sie ausnützt und dennoch immer wieder angekrochen kommt. Ein Song mit sexuellen Doppeldeutigkeiten, die damals im Blues und Rhythm'n'Blues durchaus gang und gäbe waren. Ein Song, der, vom "Lady Bear" gesungen, gehörig Eindruck hinterließ. Und ein Song, der sich erfolgreich verkaufte. Aber auch ein Song, der nur in der...




