Scheurer Quadriga
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-937357-89-8
Verlag: Bookspot Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 428 Seiten
Reihe: Edition Aglaia
ISBN: 978-3-937357-89-8
Verlag: Bookspot Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thilo Scheurer, Jahrgang 1964, lebt und schreibt in einer Kleinstadt am Rande des Schwarzwalds. Nach seinem betriebswirtschaftlichen Studium folgten Tätigkeiten in den Bereichen Marketing und Verkauf. Seit über zehn Jahren ist er Geschäftsführer und Gesellschafter eines kleinen Softwareunternehmens. Mit Dokumentationen und Werbetexten entdeckte er seine Liebe zum Schreiben. 2012 erschien sein Debütroman 'Schwarzer Neckar' im Emons Verlag (Köln). Der Autor verheiratet und hat zwei Kinder.
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Prolog
Tagelang schon hatten die Soldaten in Strauchhütten vor den Toren Berlins campiert, als sie auf der neuen Staatschaussee aus Potsdam anrückten. Der Aufmarsch des französischen Corps wirkte machtvoll und endgültig wie der Gnadenstoß für ein halbtotes Tier. Im Grunde hatte jeder in der Stadt damit gerechnet. Dennoch waren die meisten überrascht, viele auch bestürzt, als in den letzten Oktobertagen des Jahres 1806 die Soldaten schließlich vorrückten. Tausende von Bajonetten blitzten in den Staubschwaden vor der Stadt. Sie wehten herüber und lösten sich nur langsam über den Dächern der hohen Häuser auf - jenen majestätischen Gebäuden, Residenzen und Kasernen, die durch ihre schiere Größe und Eleganz bewiesen, dass Berlin ebenso viel Geschmack besaß wie andere Metropolen. Gleichwohl würden die prunkvollen Bauten heute Zeuge der größten Schmach Preußens werden.
Beständig nahm auch der Lärm zu, bis das alte Stadttor nachmittags gegen vier zuerst wenige, dann aber massenhaft und ununterbrochen Soldaten ausspuckte. Noch bevor der erste französische Grenadier die schnurgerade Leipziger Straße betrat, begannen die Glocken der umliegenden Kirchen zu läuten. Kaum eine menschliche Stimme schien mächtig genug, gegen diese schallende Verlautbarung anzukommen. Erst nachdem das minutenlange Geläut verstummte, dröhnten dumpf die Stiefel auf dem Pflaster. Die Fassaden aus hellbraunem Sandstein warfen den Schall zurück. Zaghaft wehte Musik heran und bald erfüllte sie alle Straßen und Plätze der Stadt. Die alten Lieder der Revolution legten sich über den monotonen Klang der Stiefelschritte. Trotzdem gelang es den Tambouren und Hornisten nicht, das allgegenwärtige Gefühl der Unsicherheit zu vertreiben.
Geschickt schlüpfte die junge Frau durch die Massen von Menschen, die sich innerhalb kürzester Zeit versammelten. Sie liebte Marschmusik. Früher, als kleines Mädchen, hatte sie oft mit ihrem Vater am Straßenrand gestanden und den preußischen Soldaten zugewinkt, wenn sie in hübschen Uniformen und begleitet von zackiger Musik vorbeimarschierten. Doch deren siegreiche Tage gehörten lange der Vergangenheit an. Schon seit Jahren spielten andere die Musik.
Als sie endlich vorne am Straßenrand die Franzosen zu Gesicht bekam, schrak sie zusammen. Die Männer - bestimmt die hässlichsten, die sie je gesehen hatte - glichen mehr einer Räuberbande als den Angehörigen der Grande Armée. Viele hatten ihre Köpfe oder Gliedmaßen verbunden. So recht konnte sich niemand erklären, wie die kleinen, abgemagerten Männer die großen und stolzen Krieger Preußens besiegen konnten. Meist trugen sie ausgeblichene Caputröcke und Beinkleider, übersät mit Flecken in allen Formen und Farben. Der Stoff ähnelte ungefärbtem Leinen, nur in den Falten und Nähten hatte sich etwas Farbe erhalten. Das vormals weiße Lederzeug der Patronentaschen und Säbelscheiden baumelte ungepflegt an den Schultern herunter. Durch die Brandlöcher in den Schuhen und Gamaschen schimmerte ihre nackte, schmutzige Haut. Zerdrückte oder zerrissene Czakots hingen schief auf den Köpfen und ließen die Soldaten endgültig zu einer Karikatur ihrer selbst verkommen. Mit bleichen, ausgehungerten Gesichtern blickten einige der Männer müde in die Menschenmenge, die überwiegend schweigend dem Treiben zuschaute. Bisweilen drang das »Vive l'Empereur« einzelner Passanten zu ihnen, doch niemand reagierte. Stumpf setzten sie einen Fuß vor den anderen, kaum fähig, die befohlene Ordnung einzuhalten.
Der Aufmarsch brachte einen ungeheuerlichen Gestank mit sich. Nicht einmal eine Horde Schweine würde derart üble Gerüche verströmen, dachte sie. Gleichwohl konnten die Passanten noch froh sein, denn der eher winterliche Herbst in diesem Jahr bescherte um diese Uhrzeit bereits kühle Stunden. An einem heißen Tag wäre der Gestank nach verbranntem Fleisch in Verbindung mit dem alten, muffigen Schweiß freilich unerträglich gewesen.
Zwischen den Soldaten wimmelte es von Marketenderinnen, die an diesem Tag ebenfalls nach Berlin wollten; die klapprigen Wagen oftmals völlig überladen mit nützlichem und unnützem Zeug, das sie toten Soldaten auf dem Feld abgenommen hatten, um es weiterzuverkaufen. Zwischen dem Gerümpel verloren sich hie und da weinende Kleinkinder mit verdreckten Gesichtern. Fraglos kannten die wenigsten ihren Vater. Vermutlich wussten sie nicht einmal, wann es das nächste Mal wieder etwas zu essen gab. Die Frauen trugen über ihren weiten, vor Schmutz starrenden Rockschichten die zerrissenen und oftmals blutverschmierten Reste von Uniformen. Kaum eine besaß eigene Schuhe. Wenn sie nicht viel zu große Soldatenstiefel anhatten, umschlossen Füße und Unterschenkel meist zusammengenähte Lederreste. Nur ihre Kopfbedeckungen wollten nicht zum erbärmlichen Rest passen. Mit allem Möglichen versuchten sie, die ungepflegten Haare zu verstecken, häufig verziert mit farbigen Bändern oder Federn. Doch darunter blickten verzweifelte Gesichter aus leeren Augen starr vor sich hin. Das Elend, das von diesen Frauen ausging, war schier unerträglich.
Westfälische Händler hatten in den letzten Wochen die wildesten Schauermärchen über die französischen Soldaten verbreitet. Man erzählte sich, sie würden junge Frauen einfach mitnehmen – und auch die Kinder, die sie dann als Kugelfänger vor sich ins Feld schickten. Sie gab nichts auf solche Geschichten. Trotzdem hatte sie die Nachrichten über die herannahende Armee mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugier verfolgt.
Als ob Napoléon unendliche Ressourcen zur Verfügung standen, rückten in den darauffolgenden Tagen laufend neue Truppen ein. Nachdem die Stadt in den Monaten bisher von Kampfhandlungen verschont geblieben war, traf sie der Krieg jetzt mit großer Härte. Berlin entwickelte sich immer mehr zu einem Heerlager. Die Staatsmacht verweilte nahezu vollständig im fernen Ostpreußen und außer einigen überforderten Gendarmen gab es keine Ordnungsmacht mehr. Bald zogen viele der Soldaten marodierend durch die Straßen. Dabei hatten sich die Besatzer in den ersten Tagen noch durchaus von ihrer harmlosen Seite gezeigt. Sie plünderten vorwiegend Wirtshäuser und Kaufläden und interessierten sich dabei nur für Alkohol. Meist gossen sie so viel davon in sich hinein, dass etliche der Grenadiere und Füsiliere auf der Straße liegen blieben, um ihren Rausch auszuschlafen. Und dies trotz unangenehmer Temperaturen, die nachts dem Gefrierpunkt schon recht nahe kamen. Jeden Morgen fuhren Pferdekarren durch die Straßen, um die immer noch betrunkenen Männer aufzulesen und in ihre Quartiere zu bringen.
Bereits kurz nach dem Einmarsch der Franzosen gab es eines jener Quartiere auch im kleinen Hinterhof des Hauses, wo die junge Frau wohnte. Mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder lebte sie in einer bescheidenen Parterrewohnung, die direkt zum Innenhof lag. Besonders nachts waren das Geschrei und Gelächter der betrunkenen Soldaten überall zu hören. Auch tagsüber ging es nicht leiser zu. Entweder brüllten die Männer unverständliche Befehle, die in den engen Häuserschluchten widerhallten, oder sie putzten lärmend ihre Ausrüstung. Zwanzig Soldaten und ein Dutzend Armeegäule drängten sich zeitweise in dem kleinen Innenhof. Und wenn sie ein Hoffenster öffnete, schaute nicht selten ein großer Pferdekopf herein. Ob der penetrante Uringeruch von den Tieren oder den Soldaten kam, war im Grunde nicht zu unterscheiden. Es stank bestialisch. Der Mief breitete sich durch Fenster und Treppenhäuser im gesamten Gebäude aus. Nicht einmal der strenge Geruch von Kohl und Kartoffeln konnte ihn überdecken.
Noch schwerer zu ertragen als die drangvolle Enge und der Gestank, waren die hohen Ansprüche der Besatzer. Fiel es schon unter normalen Umständen dem Vater nicht besonders leicht, den Lebensunterhalt für seine Familie zu bestreiten, mussten sie nun die einquartierten Soldaten durchfüttern. Und gab es an der Verpflegung etwas auszusetzen, so wurde sie kurzerhand zurückgeschickt.
Eines Tages, als die junge Frau die Soldaten durch das geschlossene Küchenfenster beim Putzen der Sättel beobachtete, fiel ihr ein jüngerer Mann auf, der erst seit dem Morgen im Quartier lagerte. Durch seine bunte, luftige Bekleidung und die seltsame Kopfbedeckung unterschied er sich von den anderen. Gesicht und Hände standen vor Dreck, sodass seine Haut fast durchgängig bräunlich schimmerte. Offensichtlich hatte er sich mehrere Wochen nicht mehr gewaschen.
Sie schüttelte den Kopf. Es widersprach ihrem Sinn nach Reinlichkeit, dass jemand derart schmutzig herumlief. Besonders in dem Haus, in dem auch sie ein und aus ging. Kurzerhand füllte sie eine Schüssel mit warmem Wasser, nahm ein Stück Seife und trat auf den Hinterhof.
Da sie kein Französisch sprach, versuchte sie, sich dem jungen Mann mit Gesten verständlich zu machen; doch er schien sie nicht zu verstehen. Schon wollte sie aufgeben, als ein zweiter Soldat hinzutrat und auf den Jüngeren einredete. Sofort brach lautes Gelächter los und sie blickte irritiert von einem zum anderen. Der junge Soldat nahm grinsend die angebotene Seife, tauchte sie in das Wasser und rieb sich damit übertrieben stark das Gesicht. Nichts geschah, der Dreck wollte nicht abgehen. Sie schaute verblüfft in seine dunklen Augen und begriff jäh, was es mit dem jungen Mann auf sich hatte - er war nicht schmutzig, sondern besaß einfach nur eine dunklere Hautfarbe als seine Kameraden.
Sie spürte, wie...




