E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Sehnsuchtsorte
Scheurer Jagd unter Palmen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98707-270-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gran Canaria Krimi
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Sehnsuchtsorte
ISBN: 978-3-98707-270-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thilo Scheurer, Jahrgang 1964, lebt und schreibt in einer Kleinstadt am Rande des Schwarzwalds. Er ist Mitinhaber eines kleinen Softwareunternehmens. Aus seiner Feder stammen mehrere Abenteuer- und Kriminalromane. Der Autor ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Autoren/Hrsg.
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1
Die mondlose Nacht würde ihr Vorhaben begünstigen. Ein ebenso kühnes wie dreistes Vorhaben, wie es die Welt bisher nur ein Mal gesehen hatte. Und bei diesem einen Mal, Ende der siebziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts, war freilich alles viel einfacher gewesen: kaum Zugangskontrollen, keine Kameras und nur ein Wachmann. Dennoch währte die Freude über den Erfolg damals nur kurz. Die meisten Beteiligten starben eines gewaltsamen Todes, der Rest landete im Gefängnis. Dass es diesmal nicht so endete, dafür war Sito, der Mann im Hintergrund, zuständig.
Noch dreihundert Meter bis zur Ausfahrt. Der weiße Peugeot-Transporter mit den bunten Iberia-Logos verlangsamte die Geschwindigkeit, der rechte Blinker flammte auf. Das zuckende gelbe Licht spiegelte sich auf dem pechschwarzen Asphalt der GC-1, der Autopista del Sur, Gran Canarias Hauptverkehrsader. Der Transporter bog auf die Zufahrtsstraße zum Flughafen Las Palmas, passierte Parkhaus und Terminal. Exakt um fünf Minuten vor drei kam er vor dem geschlossenen Gittertor des Vorfeldes zum Stehen.
Zu dieser frühen Stunde gab es nur selten Anlieferungen für die Luftfracht. Aber manchmal eben doch. Und so interessierte sich der Sicherheitsmann, der diese Zufahrt auf einem seiner Monitore im nahen Flughafengebäude überwachte, nicht weiter für den Transporter. Zumal gleich darauf das massive Gittertor wie von Geisterhand zur Seite glitt und die Einfahrt freigab. Dafür sorgte der Transponder an der Frontscheibe, der ähnlich wie bei elektronischen Mautsystemen ein Signal zum Öffnen sendete. Alle Fahrzeuge der Iberia waren mit solchen Transpondern ausgestattet.
Selbst wenn der Sicherheitsmann den Transporter genauer betrachtet hätte, wäre ihm nichts aufgefallen. Er konnte nicht ahnen, dass in dem stickig-schwülen Laderaum keine Luftfracht transportiert wurde. Sondern drei schwarz gekleidete Männer mit bis zur Stirn aufgerollten Sturmhauben. Und so wandte er sich wieder seinem Tablet zu. Dort lief die Netflix-Serie »Las Chicas del Cable«. Vielleicht schaffte er noch eine weitere Folge. Zeit dafür hatte er genug. Der Wochenplan für diese Nacht sah die nächste Kontrolle erst wieder gegen vier Uhr vor.
Die drei Männer auf der Ladefläche des Transporters und der Fahrer kannten sich erst seit ein paar Wochen, ihre richtigen Namen überhaupt nicht. Und damit das so blieb, sprachen sie sich untereinander nur mit dem Monatsnamen ihres Geburtstages an.
Januar, ein bärtiger Galicier aus Betanzos, hatte auf den Verzicht der Realnamen und aller privaten Fragen bestanden. Er saß mit dem Rücken zur Fahrerkabine und schwitzte unaufhörlich. Mit seiner ständigen Geheimnistuerei ging er den drei anderen des Quartetts auf die Nerven. Dafür besaß Januar reichlich Erfahrung bei der Planung von Überfällen. Und, was noch viel wichtiger war, wie man sich dabei nicht erwischen ließ. Für die spanische Polizei stellte er trotz seiner fast fünfzig Lebensjahre ein unbeschriebenes Blatt dar – keine Verurteilung, keine Verhaftung, eine vollkommen weiße Weste. Sein Know-how war für Sito, den Auftraggeber, unverzichtbar.
Neben ihm kauerte November, der Mann fürs Grobe. Der drahtige Glatzkopf, Anfang dreißig, stammte aus Espelette, einem kleinen Dorf im französischen Teil des Baskenlandes. Vielleicht aber auch aus Spanien. Je nachdem, wie man seine Zeit im Großgefängnis Madrid V in Soto del Real gewichtete. Dort, nördlich der spanischen Hauptstadt, zwischen saftigen Weiden, wo die iberischen Kampfstiere gezüchtet wurden, landeten alle ausländischen Straftäter. Und November gleich dreimal. Bisher hatte er es noch nie geschafft, das Ende seiner Bewährungszeit abzuwarten, bevor er wieder straffällig wurde.
Juni, der Dritte auf der Ladefläche, war ein Madrilene mit der Figur eines Kunstturners und einem Strafregister von der Länge einer Tapetenrolle. Wahrscheinlich wusste nicht einmal er selbst, wie oft er in seinen jungen Jahren bereits von der Polizei verhört worden war. Seine erste Verurteilung wegen Einbruchdiebstahls hatte er mit vierzehn Jahren kassiert, nur wenige Monate nach Erreichen der Strafmündigkeit. Ins Quartett brachten ihn seine akrobatischen Fähigkeiten. Es gab kaum etwas, das er nicht erklimmen konnte – und kaum etwas, das er nicht stehlen konnte.
April, der junge Fahrer und einzige Canario im Quartett, betrieb auf der Insel seit Jahren eine Art Transportgeschäft für spezielle Kunden. Wer etwas sicher und vor allem diskret transportieren lassen wollte, beauftragte ihn. Sein Geschäft brachte es mit sich, dass er Fahrzeuge stehlen und für immer verschwinden lassen konnte. Er kannte jede noch so kleine Straße auf der Insel, jeden Unterschlupf und wusste um alle von der Polizei genutzten Kontrollstellen. In Verbindung mit den teils halsbrecherischen Fahrkünsten verfügte er über die besten Voraussetzungen als Fluchtwagenfahrer.
Auch den Lageplan des Flughafens hätte er problemlos aus dem Kopf zeichnen können. April kannte alle Rollwege auf dem Vorfeld, die Positionen der Gates und Ausgänge des Terminals sowie die Lage der Frachthallen. Und natürlich den Weg zur Halle mit der Nummer drei. Achthundert Meter geradeaus, dort scharf links abbiegen, weitere zweihundert Meter, dann rechts über einen Vorplatz zum Tor. Dabei musste er genau darauf achten, dass er innerhalb der eingezeichneten Fahrspuren blieb und die vorgeschriebene Geschwindigkeit von zwanzig Stundenkilometern einhielt. Schließlich sollte der weiße Iberia-Transporter auf den nachts kaum genutzten Rollwegen nicht sofort auffallen.
Drei Minuten und zwölf Sekunden später und somit einige Sekunden früher als geplant erreichten sie die Frachthalle drei. April stieß den Transporter rückwärts an die hinterste Rampe, schaltete den Motor und die Scheinwerfer aus.
***
Januar starrte auf seine Armbanduhr, sah dem Sekundenzeiger zu, wie er vorankroch. Eine Minute noch würden sie im Laderaum ausharren, um zu beobachten, ob sie Aufsehen erregt hatten. Seine Erfahrung sagte, dass neben schlechter Planung meist Ungeduld an fehlgeschlagenen Überfällen schuld war.
Wohl schon zum dritten Mal in dieser Nacht tastete er in seiner Hosentasche nach der Zugangskarte. Obwohl Januar die dazugehörige PIN längst auswendig kannte, murmelte er sie erneut vor sich hin: siebzehn-zweiunddreißig-zwölf-null-eins. Acht Ziffern, die morgen um diese Zeit bereits wertlos sein würden. Und die darüber entschieden, ob er sich nach über zwanzig Jahren und Dutzenden von Überfällen mit genug Geld für ein sorgenfreies Leben zur Ruhe setzen konnte.
Neben ihm lud November seine Walther PP mit Perlmuttgriff durch. Eine Sonderanfertigung, die er vor einigen Monaten im französischen Biarritz in Auftrag gegeben hatte. Auch Juni überprüfte seine weniger auffällige Luger und steckte sie wieder zurück in den Hosenbund. Januar hingegen blieb einfach sitzen. Jede weitere Bewegung auf der stickigen, heißen Ladefläche würde ihm noch mehr Schweiß aus allen Poren treiben. Bereits jetzt klebte sein Unterhemd wie eine zweite Haut am Körper.
Nach einem weiteren Blick auf seine Armbanduhr klopfte Januar an die Trennwand hinter sich. Er hörte, wie sich die Fahrertür öffnete und April aus dem Transporter stieg. Juni, der ganz hinten saß, kam von der Ladefläche hoch und griff nach seinem Rucksack. Er setzte ihn auf und öffnete eine der Hecktüren. Die vibrierende Wärme der kanarischen Nacht strömte herein und verdrängte die stickig-schwüle Hitze aus dem Laderaum.
Lautlos und behände wie eine Katze sprang Juni auf den Asphalt. Januar und November folgten.
Das Geräusch der Tür, als November sie hinter sich zuschlug, hallte laut wie ein Donnerschlag durch die nachfolgende Stille.
»¡Mierda!«, raunte April. »Geht das auch leiser, oder willst du den Wachleuten gleich noch zurufen, dass wir da sind?«
November rümpfte die Nase. »Halt deine Fresse und kümmere dich ums Fahren.« Weiß wie Milch schimmerte der Perlmuttgriff seiner Pistole im Halbdunkel.
»Ruhe!«, rief Januar mit gedämpfter Stimme und zog sich die Sturmhaube über das schweißnasse Gesicht. »Runter mit den verdammten Masken!«
»Ihr könnt mich beide mal«, sagte November immer noch in streitsüchtigem Tonfall. Dennoch zog auch er jetzt seine Sturmhaube bis zum Kinn herunter.
April, inzwischen ebenfalls mit aufgesetzter Sturmhaube und Waffe in der Hand, zeigte ihm den ausgestreckten Mittelfinger.
Januar wandte sich dem Nebeneingang zu und hielt die Zugangskarte vor das Lesegerät. Es klackte, der magnetische Öffner gab die Tür frei, und er trat hindurch.
Den Beginn des Überfalls hatte er nicht ohne Grund für drei Uhr geplant. Zu diesem Zeitpunkt begann für die fünf Iberia-Mitarbeiter der Nachtschicht und den Sicherheitsmann eine dreißigminütige Arbeitspause, die sie in der Regel oben im Aufenthaltsraum verbrachten. Und erst eine weitere halbe Stunde nach Pausenende, gegen vier Uhr, würde dieser Sicherheitsmann sich routinemäßig bei seinen Kollegen im Flughafengebäude melden.
Mit einiger Genugtuung stellte Januar fest, dass sein Plan offenbar aufging. In der Halle herrschte Totenstille, niemand war zu sehen. Die Gabelstapler und Hubwagen standen verlassen auf ihren Stellplätzen. Auch der Sicherheitsmann neben dem Haupttor war nicht an seinem Platz.
Er ging voraus. So wie April die Strecke über das Vorfeld zur Frachthalle drei auswendig kannte, wusste Januar um die Positionen der Überwachungskameras und wie sie unbemerkt daran vorbeikamen. Vorerst gab es nur eine kritische Stelle. Die lag direkt vor der Stahltreppe, die seitlich an der Wand entlang nach oben zu den Büros und dem Aufenthaltsraum führte. Erst später mussten...




