E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Scheurer Feuersee
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96041-559-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-96041-559-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thilo Scheurer, Jahrgang 1964, lebt und schreibt in einer Kleinstadt am Rande des Schwarzwalds. Er ist Mitinhaber eines kleinen Softwareunternehmens. Aus seiner Feder stammen mehrere Abenteuer- und Kriminalromane. Der Autor ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Autoren/Hrsg.
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1
Kaum Schauerneigung und bis zu zwanzig Grad lautete die Wettervorhersage für diesen Tag. Eine glatte Lüge. Schon seit dem frühen Morgen hielt sich zäher Nebel über der alten Reichsstadt. Und anstatt sich gegen Mittag aufzulösen wie vorhergesagt, wurde der Nebel immer dichter. Pünktlich zu Beginn des Einsatzes hatte es schließlich zu regnen begonnen. Zuerst nur ein Nieseln, sodass sich die nebelfeuchte Luft noch schwerer und nasser anfühlte. Dann immer heftiger. Und trotz des kühlen, böigen Windes, der noch zusätzlich Wasser von den Ästen herunterrieseln ließ, hielt sich der Nebel zäh zwischen den mächtigen Tannen.
Hauptkommissar Wolfgang Treidler hatte Mühe, seiner Kollegin Carina Melchior zu folgen, die auf dem steil ansteigenden Trampelpfad einen möglichst trockenen Weg durch das Unterholz suchte. Im Gegensatz zu ihm schaffte sie es immer wieder, den Pfützen und nassen Zweigen auszuweichen. Wohl auch deshalb hatte sich seine Jeanshose inzwischen bis zu den Oberschenkeln mit Wasser vollgesogen, und an den frisch geputzten Cowboystiefeln klebte zentimeterdick der Schlamm. Melchior hingegen schien wie immer für alle Eventualitäten gerüstet. Ihre gelben Gummistiefel reichten fast bis zu den Knien, und eine ebenso gelbe Öljacke mit Kapuze endete erst kurz oberhalb davon. Das alles hatte sie irgendwo in ihrem Auto verstaut. Vermutlich lagerte dort sogar Ausrüstung für die Apokalypse nach einem Kometeneinschlag.
»Skelettierter menschlicher Schädel gefunden«, so hatte vor knapp einer Stunde die Meldung einer Polizeistreife gelautet. Diesen hatten kurz zuvor zwei spielende Jungen im Alter von elf und zwölf Jahren im Wald entdeckt. Ziemlich aufgelöst waren sie auf die nahe Bundesstraße gerannt und der Besatzung eines Streifenwagens aufgefallen. Nachdem die Kinder die Polizisten zur Fundstelle geführt hatten, verständigten die sogleich ihre Kollegen von der Kriminalpolizei. Und seither blieb es auf den Funkfrequenzen nur selten länger als einige Sekunden stumm. Kein Wunder. Über ein Dutzend Beamte waren angerückt, um das Waldstück samt den Zufahrten zu sichern und es nach weiteren menschlichen Überresten zu durchsuchen.
»Scheißwetter«, fluchte Treidler und strich sich die Haare zurück. Wasser lief ihm in den Kragen.
»Sie sind falsch angezogen«, entgegnete Melchior, ohne ihr Tempo zu verlangsamen. »Haben Sie eigentlich keine anderen Schuhe?«
»Doch.«
»Und warum ziehen Sie die nicht an?«
»Ich wusste nicht, dass ich heute noch wegen eines Scheißschädels an einer Expedition durch den Regenwald teilnehmen muss. Dieses Ding geht uns garantiert nichts an«, brachte er hervor, ehe er Luft holen musste.
»Woher wollen Sie das wissen?«
Treidler blieb stehen, atmete ein weiteres Mal durch. »Es gibt keine offenen Vermisstenfälle in unserem Polizeibezirk.«
»Und wenn der Schädel zu einer vermissten Person aus einem anderen Bezirk gehört?« Melchior entfernte sich weiter. Das leuchtende Gelb ihrer Regenjacke verblasste im Nebel.
»Auch dann hätte man sich das dämliche Teil später anschauen können.«
Melchior blieb stehen, wandte sich um. Offenbar hatte sie bemerkt, dass er stehen geblieben war.
»Was?«
»Und Sie sollten mehr für Ihre Fitness tun.«
»Auf einer Skala von eins bis zehn liegt meine Fitness mindestens bei neun.«
»Für Ihre Fitness sollten Sie eine Skala mit negativen Werten in Erwägung ziehen.«
Lag da ein leichtes Grinsen um ihren Mund? Bevor er ihren Gesichtsausdruck im Nebel richtig deuten konnte, hatte sie schon auf dem Absatz kehrtgemacht und ging weiter.
»Und außerdem hab ich eine Abneigung gegen unnötige Wege«, rief er ihr nach.
»Ich weiß. Aber da müssen Sie jetzt durch.«
»Aber da müssen Sie jetzt durch«, äffte er sie nach.
»Das habe ich gehört, Treidler.«
Natürlich zählte ein menschlicher Schädel nicht zu der Art Fund, die man sich Tage später hätte anschauen können. Aber auf ein paar Stunden hin oder her, vorzugsweise nach dem Regen, wäre es nicht angekommen. Aller Voraussicht nach lag der Schädel nicht erst seit gestern da. Missmutig und immer noch knapp bei Atem setzte Treidler sich wieder in Bewegung.
Einige Minuten später verschwand Melchior hinter einer Kuppe, und er konnte das Ende des Anstiegs erkennen. Leises Stimmengewirr, noch gedämpft durch die üppige Vegetation, drang an sein Ohr. Mit jedem Schritt wurden die Stimmen lauter. Offenbar näherte er sich der Fundstelle. Oben angekommen, hielt Treidler inne, drückte den Rücken durch und wischte sich das Regenwasser-Schweiß-Gemisch aus der Stirn. Er fluchte.
Vor ihm lag eine dicht bewachsene, wellige Ebene. Riesige Tannen, hoch wie Kirchtürme, verdunkelten mit ihren ausladenden Ästen die Umgebung. Umhüllt von Nebelschwaden überwucherten mannshohe Farne und Büsche den Waldboden. Obwohl Treidler etliche Einsatzfahrzeuge auf dem Wanderparkplatz gesehen hatte, war er doch einigermaßen überrascht von den vielen Personen, die zwischen den Bäumen umherstreiften. Er machte eine Handvoll Kriminaltechniker in weißen Einwegoveralls und bestimmt noch mal so viele uniformierte Beamte aus.
Rot-weißes Flatterband umgab einen rechteckigen Bereich von der Größe eines halben Fußballfeldes. Wie eine unvollendete, gigantische Rohrleitung ragte inmitten der Absperrung ein umgestürzter Baum aus dem Dunst, dessen Wurzel gut und gern fünf Meter in die Höhe zeigte. An einigen Stellen überzogen Moos und Flechten seine Rinde, einem künstlichen Fell nicht unähnlich. Dort, wo die Wurzelstränge in den Stamm übergingen, lehnten einige windschiefe Bretterwände. Offensichtlich eine Art Baumhaus der beiden Jungen, die den Schädel entdeckt hatten. Direkt davor und im Vergleich zur riesigen Wurzel klein wie eine Hundehütte stand ein beiger Zeltpavillon, in dem sich Melchior mit einem Mann im weißen Einwegoverall unterhielt. Treidler erkannte Josef »Sepp« Dorfler, den Leiter der Kriminaltechnik Rottweil. Er hob das Flatterband an und stapfte quer durch das Unterholz auf den Zeltpavillon zu. Das nasse Gestrüpp, das bei jedem Schritt um seine Beine strich, verstärkte das Gefühl der Kälte weiter.
»Servus«, begrüßte Dorfler ihn.
Treidler trat unter das schützende Zeltdach. »Auch Servus«, gab er zwischen zwei Atemzügen zurück und deutete mit dem Kinn zum umgestürzten Baum. »Das ist ja ein verdammter Urwald.«
Statt auf seine Bemerkung einzugehen, musterte Dorfler ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Ist Ihnen nicht wohl?«
»Wieso sollte mir nicht wohl sein?«
»Sie haben so ein knallrotes Gesicht.« Er strich sich mit der flachen Hand über seinen mächtigen Schnauzbart. »Sie sollten mehr für Ihre Fitness tun.«
Aus den Augenwinkeln sah Treidler, dass Melchior Mühe hatte, ein Schmunzeln zu unterdrücken.
Unbeirrt fuhr Dorfler fort. »Schauen Sie, ich gehe ja sehr oft wandern in Südtirol. Und die Alpen hab ich auch schon dreimal zu Fuß überquert. Bei dem Training macht so ein kleiner Anstieg überhaupt keine Mühe.«
»Ach, ist das so?« Treidler konnte nicht verhindern, dass sein Tonfall spöttisch klang.
»Warum denn so gereizt?«
Treidler betrachtete betont gelangweilt die Gegend. »Lohnt es sich wenigstens, dass ich die ›Mühe dieses kleinen Anstiegs‹ auf mich genommen habe?«
»Das kann ich jetzt noch nicht sagen.« Dorflers Ton wurde sachlicher. »Der Schädel liegt da.« Er deutete mit dem Daumen hinter sich zur Wurzel.
Treidler spähte in die angezeigte Richtung, sah aber nur zwei Personen in weißen Einwegoveralls, die auf dem Boden knieten.
»Wir müssen langsam vorgehen und den Schädel vorsichtig ausgraben. Es besteht die Möglichkeit, dass es noch andere Spuren gibt. Obwohl …«
»Obwohl was?«, fragte Melchior.
Dorfler wiegte den Kopf hin und her. »Obwohl der Schädel nun wirklich nicht so aussieht, als ob er erst seit Kurzem dort liegt. Er ist komplett skelettiert.«
»Womöglich sind wir ganz umsonst diesen verdammten Weg hier heraufmarschiert.« Treidler sah zu Melchior. »Wie alt ist das Ding denn nun?«
Zwei senkrechte Falten standen auf Dorflers Stirn. »Ein paar Jahre liegt er bestimmt schon in der Erde. Ich denke mal, zehn bis zwanzig.«
»Und wie sicher ist das?«
»Ziemlich sicher. Bei der Beschaffenheit des Bodens und der Oberfläche des Schädelknochens lässt sich das einigermaßen gut schätzen.«
Treidler nickte. »Gibt’s Spuren von Gewalteinwirkung?«
»Um dazu etwas zu sagen, ist es noch zu früh. Bisher konnten wir keine Einwirkung von Gewalt erkennen.«
»Wurde sonst noch was gefunden außer dem Schädel?«
Dörfler zögerte. »Vielleicht.«
»Vielleicht? Ich dachte eigentlich, dass diese Frage nur mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.«
»Wir haben noch andere … Knochenfragmente gefunden.«
»Andere Knochenfragmente?« Melchior runzelte die Stirn. Sie schien nicht weniger verwirrt als er.
»Bis jetzt ist unklar, ob die menschlich sind, und wenn ja, ob sie dem Schädel zugeordnet werden können.«
»Diese anderen Fragmente, lagen die in der Nähe?« Treidler spähte erneut zu den beiden Kriminaltechnikern. Die hatten inzwischen Verstärkung durch einen dritten erhalten, dessen Gesichtsfarbe – weiß wie ein Fischbauch – sich kaum von der seines Overalls unterschied. Er hantierte mit einem Fotoapparat, und immer wieder flammte das Blitzlicht auf. Freilich war Treidler weiterhin der Meinung, dass sie hier draußen wenig ausrichten konnten. Aber zumindest einen Blick auf den Schädel sollte er werfen, bevor er zurück ins Büro ging. Falls es sich tatsächlich um einen Fall...




