Scheuer | Kraft zum Widerstand | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Scheuer Kraft zum Widerstand

Glaubenszeugen im Nationalsozialismus
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7022-3649-6
Verlag: Tyrolia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Glaubenszeugen im Nationalsozialismus

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-7022-3649-6
Verlag: Tyrolia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Nicht Kerker, nicht Fesseln auch nicht der Tod sind imstande, einen von der Liebe Gottes zu trennen, ihm seinen Glauben und den freien Willen zu rauben. Gottes Macht ist unbesiegbar.' So schrieb Franz Jägerstätter, der vor 10 Jahren selig gesprochen wurde. Weil der oberösterreichische Bauer den Wehrdienst verweigerte, wurde er 1943 wegen 'Zersetzung der Wehrkraft' hingerichtet. Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus dem Glauben heraus ergab sich für Jägerstätter zwangsläufig. Diese Haltung teilte er mit vielen anderen Christinnen und Christen. Otto Neururer wurde wegen verbotener Ausübung seines Priesteramtes ermordet, Jakob Gapp wegen seiner Predigten gegen den Nationalsozialismus, Carl Lampert setzte sich für Geistliche ein, die unter den Repressalien des NS-Regimes zu leiden hatten und Clemens August von Galen trat öffentlich gegen die Tötung sogenannten 'lebensunwerten Lebens' auf. Engelmar Unzeitig kam bei seiner Sorge um Hungernde, Kranke und Sterbende im KZ Dachau ums Leben, Johann Gruber wurde für seine geheime Hilfsorganisation für Häftlinge im KZ Gusen ermordet und Angela Autsch starb als 'Engel von Auschwitz'. Josef Mayr-Nusser ließ man als Treueeid-Verweigerer verhungern und Franz Reinisch wurde hingerichtet, weil keinen Fahneneid leisten wollte. Bischof Manfred Scheuer nähert sich in seinen Texten einfühlsam den Biographien dieser ausgewähltern Glaubenszeugen und Märtyrer der NS-Zeit und fragt nach der Kraft, aus der sich ihr Widerstand nährte. Mit Biographien über Franz Jägerstätter / Otto Neururer / Jakob Gapp / Carl Lampert / Clemens August von Galen / Engelmar Unzeitig / Josef Mayr-Nusser / Franz Reinisch / Angela Autsch / Johann Gruber

Manfred Scheuer, geb. 1955, war Professor für Dogmatik in Trier, ab 2003 Bischof der Diözese Innsbruck und seit 2016 Bischof der Diözese Linz. Bischof Scheuer war Postulator im Seligsprechungsprozess von Franz Jägerstätter und hat dazu 2007 'Selig, die keine Gewalt anwenden' verfasst. 2015 erschien bei Tyrolia 'Wider den kirchlichen Narzissmus. Ein spirituell-politisches Plädoyer'.
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Weitere Infos & Material


SELIGER OTTO NEURURER (1882–1940)


„Bewusste Täuschung und besonders gemeine Gesinnung“


Otto Neururer58 wurde am 25. März 1882 als zwölftes Kind des Müllers Peter Neururer und dessen Ehefrau Hildegard, geb. Streng, in der Kaplanei Piller, Gemeinde Fließ, geboren. Nach der Volksschule wurde er von 1895 bis 1902 in das bischöfliche Knabenseminar Vinzentinum in Brixen aufgenommen. Am 29. Juni 1907 wurde er zum Priester geweiht. Sein priesterliches Wirken führte ihn in 25 Jahren durch neun Seelsorgestellen, an denen er als Kooperator (darunter St. Jakob in Innsbruck), dann wieder als Pfarrprovisor wirkte. Im Juli 1932 wurde er Seelsorger der Mittelgebirgsgemeinde Götzens. Am 15. Dezember 1938 verhaftet und in das Innsbrucker Polizeigefängnis eingeliefert, kam er zunächst nach Dachau und anschließend in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. In der Lagerkartei als „politischer Häftling“, als „Prominenter“ mit der Bemerkung „Kath. Pfarrer, hartnäckiger und hinterlistiger Gegner der NSDAP“ geführt. Nach glaubwürdigen Zeugenaussagen wurde Neururer im Bunker neben dem Lagertor an den Füßen aufgehängt, bis der Herzstillstand eintrat. Sein Tod wurde mit 3. Juni 1940 gemeldet. Neururer hatte schon vor 1932 eindeutig und klar Stellung gegen den Nationalsozialismus bezogen: „Es heißt jetzt: Gut ist, was dem deutschen Volk nützt, schlecht ist, was dem deutschen Volk schadet. Damit wird deutsches Blut und deutsche Rasse an die Stelle Gottes gesetzt, der allein die Norm für gut und schlecht gibt und dem allein das zusteht. Darum ist das eine Irrlehre.“

Wenn wir heute an die Ermordung des Götzener Pfarrers Otto Neururer, an die damalige Zeit, an die Opfer, an die Beteiligten denken, so ist das nicht einfach distanziert oder objektiv. Pfarrer Otto Neururer war „einer von uns“ in der Diözese Innsbruck. Vielleicht macht das heute stolz. „Einer von uns“, das macht aber auch nachdenklich.59 Unsere Erinnerung an das Martyrium von Otto Neururer steht im Kontext von Sympathie, Apathie oder Antipathie, von Gleichgültigkeit, Kritik oder Nihilismus, Hoffnung, Hass, Verachtung, Verzweiflung, Verzeihen, Freude am Leben, Bitterkeit, Funktionalisierung, Rechtfertigung, Abwehr oder Verteidigung. In die Formen der Erinnerung mischt sich die Frage nach Gerechtigkeit, aber auch Willen zur Macht. Welche Rollen nehmen wir gegenwärtig ein: Opfer, Richter, Täter, Angeklagte, Verstrickte, Schuldige, Zuschauer, Beschämte, Anwälte, Flüchtlinge? Erinnerung an Opfer und Zeugen ist verbunden mit der Frage der differenzierten Situierung in der Gegenwart. Die Erinnerung an die Zeugen ist auch nicht mit einer vorschnellen Identifizierung verbunden, d. h. dass wir in einem großen Wir-Gefühl mit den Guten der Geschichte automatisch ohne Umkehr und ohne Besinnung auf die eigene Freiheit eins wären und uns so ohne Wagnis in der Gegenwart arrogant gegenüber den Bösen der Vergangenheit erheben könnten. Erinnerung ist verbunden mit Trauer, Scham, Bekenntnis, Reue, Distanzierung, Klage, liebender Verbundenheit.

Wenn Priester und Ordensleute ab 1938 eingesperrt wurden, protestierte Provikar Lampert im Büro der Gestapo, informierte sich beim Chef der Gestapo, Werner Hilliges, über die Vorwürfe und versuchte mit allen rechtlichen Mitteln, die Betreffenden frei zu bekommen.60 So hatte Lampert immer wieder versucht, die Freilassung des im KZ Buchenwald internierten Pfarrers von Götzens, Otto Neururer, zu erwirken. Nach Erhalt der Todesnachricht protestierte Lampert gegenüber dem Gauleiter Hofer und dem Gestapochef Hilliges am 5. Juni 1940: „Wir bedauern nicht bloß, sondern wir sind entsetzt darüber, dass trotz unserer so vielfachen Interventionen, Gesuche, Vorstellungen mit dem besonders betonten Hinweis auf die Kränklichkeit des Pfarrers und auf die Gefahr, dass er das physisch nicht aushalte, niemals Rücksicht genommen worden sei. Es sei äußerst kränkend, dass man uns seit einem Vierteljahr mit allerlei Versprechungen, Pfarrer Neururer komme in Freiheit, hingehalten habe, und am Schluss nun diese von uns vorausgesagte Katastrophe eintreten musste. Die kirchliche Behörde müsse jede Verantwortung ablehnen, die dieser Fall nach sich ziehen werde und schon nach sich gezogen habe.“61

Pfarrer Otto Neururer, geb. in Piller, hatte einer 19-jährigen Angehörigen seiner Pfarre Götzens, die einen geschiedenen 60-jährigen Mann heiraten wollte, abgeraten, diese Ehe einzugehen, mit dem Hinweis, dass diese Ehe kirchlich ungültig sei. Der spätere Caritasdirektor von Innsbruck, Josef Steinkelderer, Kooperator und Benefiziat in Innsbruck-St. Jakob, wie vor ihm von 1918 bis 1932 Otto Neururer, war schon im August und September wegen Volksaufwiegelung nach Kreuzfrevel in Karres angeklagt und vom 7. September bis 9. November 1939 im Polizeigefängnis Innsbruck wegen „Volksverrat“ inhaftiert worden. Anschließend kam er in das KZ Sachsenhausen, von wo er am 14. Dezember 1940 in das KZ Dachau überstellt wurde, in dem er bis zum 28. März 1945 inhaftiert war.62 Steinkelderer schrieb 1946 im Beitrag „Kirche im Sturm“: „Unter den ersten Verhafteten war auch Pfarrer Otto Neururer von Götzens bei Innsbruck. Wie Johannes den Täufer, so brachte auch ihn ein herzhaftes ‚Es ist dir nicht erlaubt‘ in den Kerker, als ein 20-jähriges Mädchen von einem 60-jährigen, bereits kirchlich gültig verheirateten Mann, der staatlich geschieden war, gedrängt wurde, ihn zu heiraten. In seiner Gewissensnot wandte sich das Mädchen an den Pfarrer. Dessen Antwort war eindeutig und klar. Groll und Rache des abgewiesenen Alten erreichten einen Haftbefehl gegen den Seelsorger wegen Einmischung in persönliche und eheliche Verhältnisse. Der Bischof von Tirol, Msgr. Dr. Paulus Rusch, antwortete mit dem Interdikt über die Gemeinde. Es durfte keine hl. Messe mehr gelesen werden, die Spendung der heiligen Sakramente war untersagt, jegliches kirchliche Begräbnis verboten und das Läuten der Kirchenglocken sistiert. Der Bischof stellte nicht nur keinen priesterlichen Ersatz, sondern schloss die Pfarrkirche des Dorfes.“63

Die Anklage warf Otto Neururer die „besonders hinterhältige Verhinderung einer deutschen Ehe“ vor. Im Haftbefehl wurde ihm deshalb „bewusste Täuschung und besonders gemeine Gesinnung“ vorgeworfen.64 Er kam zuerst nach Dachau und dann nach Buchenwald. In der Liste der prominenten Häftlinge wurde er mit der Bemerkung geführt „Katholischer Priester, hartnäckiger und hinterlistiger Gegner der NSDAP.“ Er hatte einem Häftling zur Konversion und zur Taufe verholfen und wurde deshalb in den berüchtigten Bunker gesperrt. An den Füßen aufgehängt starb er nach stundenlangem Todeskampf am 30. Mai 1940 um 15 Uhr. Der selige Otto Neururer wurde im KZ Buchenwald grausam ermordet am 30. Mai 1940.65

EUER JA SEI EIN JA, EUER NEIN SEI EIN NEIN

Otto Neururer, Propsteikooperator in Innsbruck, Pfarrplatz 5/III, steht als Absender auf einer Postkarte vom 27. Juli 1919. Heute heißt der „Pfarrplatz“ „Domplatz“, und im dritten Stock wohnte ich wie meine Vorgänger Paulus Rusch, Reinhold Stecher und Alois Kothgasser. Von diesen habe ich auch die Brille übernommen, die so etwas wie das Markenzeichen des seligen Otto Neururer ist, ein sehr sprechendes Symbol für ihn und seinen Weg. Die Augen von Otto Neururer wurden von seinen Mithäftlingen als gute, helle Augen beschrieben. Ein Mithäftling sagte über Otto Neururer: „Er war zutiefst von der Güte der Menschen überzeugt.“ Der Versuch, in jedem, selbst im schlimmsten Peiniger, etwas Positives zu sehen, stellt eine Gnade dar, welche das Leben mit seinen Abgründen und Widersprüchen im Modus der Versöhnung wahrnehmen, deswegen im Gemeinen, im Täter das Opfer der Verblendung sehen kann.

Neururer hat in der extremen Situation des Hungers im KZ mit anderen geteilt. „Hast du alles selber gegessen? Er wird verlegen. Ich habe dem Werkzeugwart ein Stückchen geschenkt. Sei mir nicht bös. Er hat mich mit so hungrigen Augen angesehen. Ich konnte nicht anders. Sei nicht bös. Aber schau, ich kann nicht anders; es hätte mir gar nicht geschmeckt, wenn ich dem andern nichts gegeben hätte“ (Erinnerung von Pfarrer Berthold). Wenn Neururer dort geteilt hatte, so tat er nichts anderes als das, was er schon als Seelsorger tat, indem er scheinbar problemlos sein ganzes Geld, das er bei sich hatte, mit den Worten: „So, des is alles. Mehr hab i net“, bei der Innsbrucker Witwe Friederike Hupfauf (die sich im Elend mit drei Kindern durchschlug) ließ oder Sammlungen für die Murenopfer organisierte. Weil er sein Priesterdasein als Bindung an das Geschick Christi erlebte, konnte er Seelsorge als Hingabe an die Menschen begreifen und leben.

Mit welcher Brille schauen wir das Leben an? Neururer hat die barbarische, gott- und menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus durchschaut. Es ist ein falsches Menschenbild, das vom starken Wesen, von der höheren Rasse, vom lebenswerten...


Manfred Scheuer, geb. 1955, war Professor für Dogmatik in Trier, ab 2003 Bischof der Diözese Innsbruck und seit 2016 Bischof der Diözese Linz. Bischof Scheuer war Postulator im Seligsprechungsprozess von Franz Jägerstätter und hat dazu 2007 "Selig, die keine Gewalt anwenden" verfasst. 2015 erschien bei Tyrolia "Wider den kirchlichen Narzissmus. Ein spirituell-politisches Plädoyer".



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