Scherm | Schamanenkind | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 158 Seiten

Scherm Schamanenkind


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95765-972-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 158 Seiten

ISBN: 978-3-95765-972-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der 12-jährige Falko lebt nach dem Tod seiner Eltern bei seiner Tante in einem kleinen Dorf. Die Ferien haben gerade begonnen und versprechen eigentlich nur eines: Jede Menge Zeit und wahrscheinlich eine gehörige Portion Langeweile.  Doch dann begegnet er Magnus, einem etwas kauzigen Einsiedler, und freundet sich langsam mit ihm an. Falko erfährt, dass Magnus eine Menge über die Natur und die indianische Lebensart weiß. Mit seiner Hilfe beginnt er, in einer nicht alltäglichen Wirklichkeit herumzustreifen, die Natur anders zu verstehen und sich mitten im größten Abenteuer seines Lebens wiederzufinden. Und Falko findet Heilung von seiner tiefen Trauer.  Eine liebevolle und spannende Einführung in die Welt des Schamanismus, nicht nur für Kinder und Jugendliche.

1950 in Fürth geboren und aufgewachsen, lebt seit 1996 in einem alten Fachwerkgehöft in Binzwangen bei Colmberg. Gerd Scherm ist als Schriftsteller und Bildender Künstler tätig. Ab 1972 war er Mitarbeiter von Eugen Gomringer, dem Begründer der 'Konkreten Poesie', und Projekt-Assistent des ZERO-Künstlers Prof. Otto Piene (M.I.T., Cambridge, Mass., USA) für verschiedene Umweltkunst-Projekte und arbeitete als Kreativdirektor für die Rosenthal AG in Selb. Gerd Scherm hat eine Vielzahl von Einzelveröffentlichungen vorzuweisen, darunter Theaterstücke, Lyrikbände, Erzählungen, Satiren und Romane. Einer seiner Schwerpunkte liegt in der Lyrik, die er meist in künstlerisch-bibliophiler Ausstattung präsentiert, und die auch immer wieder zeitgenössische Komponisten zu Werken anregt (Werner Heider, Erwin Koch-Raphael, Ingo Bathow und Franck Adrian Holzkamp). Literarisch-künstlerische Editionen und Aktionen schuf Gerd Scherm gemeinsam mit Otmar Alt, Jean-Marie Bottequin, Ortwin Michl, Josef Obornik, Erich Reusch, Wilhelm Schramm und Brigitte Tast. Gerd Scherm war u.a. Gastdozent an der Universität St. Gallen und an der Freien Universität Berlin im Fachbereich Kultur- und Religionssoziologie. Auszeichnungen: 1972 Kulturförderpreis der Stadt Fürth 1974 Stipendium des Auswärtigen Amtes, Aufenthalt in Italien 1977 Rosenthal Grenzland-Lyrik-Preis 1991 Essaypreis der Fürther Freimaurerloge 1995 Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis 1995 Stipendium des Auswärtigen Amtes, Aufenthalt in Schottland 1998 Ehrensenator des Deutschen Freimaurer Museums Bayreuth 1998 Matthias-Claudius-Medaille, Berlin 2001 Paulskirchen-Medaille 2004 BoD Autoren Award für den Roman 'Der Nomadengott' 2006 Friedrich-Baur-Preis für Literatur der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 2007 Turmschreiber auf Burg Abenberg 2010 Das Bayerische Kultusministerium fördert das Drama 'Alexander der letzte Markgraf' mit 20.000 Euro
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Deshalb fragte er: »Wo ist der Vogel abgeblieben?«

»Der ruht sich im Gebüsch aus, ich denke, er schläft jetzt ein Weilchen. Es war für ihn ziemlich anstrengend.«

Falko verstand überhaupt nichts. »Warum ist Fliegen für ihn anstrengend, er ist doch ein Vogel?«, fragte er verwundert.

Magnus lachte. »Das schon, aber er ist es nicht gewohnt, Passagiere mitzunehmen.«

»Passagiere?«, wiederholte Falko. »Ich habe nur den Vogel gesehen.«

»Nun, er hat mich mitgenommen. Deshalb bin ich auch nach der Landung aus dem Gebüsch gekommen.«

Falko konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass dieser Magnus ihn auf den Arm nahm.

»Dann sind Sie wohl auf seinem Rücken gesessen wie Nils Holgersson?«

»Das wäre auch nicht schlecht. Aber dazu war der Vogel wohl etwas zu klein. Ich war nicht auf ihm, sondern in ihm.«

»So wie Jonas im Bauch des Wals?« Falko bekam langsam genug von diesen Lügengeschichten.

»Das kommt der Sache schon näher, aber der beste Platz für solche Flugreisen ist nicht der Bauch, sondern das Gehirn«, erwiderte Magnus ganz sachlich, als würde er über die Vor- und Nachteile des Straßenbahnfahrens reden.

»Und wie kommt es, dass ein erwachsener Mensch in das Gehirn eines Vogels passt? Haben Sie eine Pille erfunden, die einen schrumpfen lässt?«

Magnus lachte laut. »Wäre nicht schlecht, oder? Aber es ist ganz anders. Es ist nicht körperlich, das wäre auch viel zu gefährlich. Ich erkläre es dir und du wirst es verstehen, auch wenn es zuerst kompliziert klingt. Willst du es wissen?«

Falko nickte. Klar wollte er es wissen. Erstens schien die Sache interessant zu sein, auch wenn sie bestimmt erfunden war und zweitens war er von Natur aus neugierig.

Ein Lächeln huschte über das Gesicht von Magnus. Er freute sich, dass er das Interesse des Jungen geweckt hatte.

»Ich nenne die Technik, so zu reisen, ›Borgen‹. In der Praxis funktioniert das so: Ich sitze an einem geschützten Platz, so wie vorhin im Gebüsch, und suche mir einen Vogel aus. Es geht natürlich auch mit anderen Tieren, aber bleiben wir beim Vogel. Ich habe also diesen Habicht gesehen.«

»Ein Habicht war es also!«, unterbrach ihn Falko.

»Ja, ein Habicht. Und dann habe ich über meine Gedanken mit ihm Kontakt aufgenommen. Ich fragte ihn, ob ich mir für eine Weile seinen Körper ›borgen‹ dürfe, weil ich etwas beobachten wollte. Das bedeutet, dass er mir für eine Weile das Kommando über seinen Körper überlässt und er sich so bewegt, wie ich es möchte. Natürlich muss er die Muskeln und alles andere weiter selbst steuern, ich kann ja nicht fliegen. Aber in dieser Zeit kann ich alle seine Sinneswahrnehmungen aufnehmen, als wären sie meine eigenen und auch mit seinen Augen sehen. Und so konnte ich dich beobachten, wie du die Eidechse beobachtest. Im Prinzip ganz einfach.«

»Ganz einfach?«, Falko schüttelte den Kopf. »Immerhin ist es die beste Geschichte, die ich seit Wochen gehört habe.«

»Immerhin etwas«, sagte Magnus lächelnd.

Wieder schwiegen beide.

Nach einer Weile fragte Falko: »Machen Sie das öfter?«

»Nur wenn es nötig ist.«

»Nie aus Spaß?«

»Doch, manchmal schon. Es ist einfach schön, über das Land zu fliegen und den Wind zu spüren.«

»Und mit anderen Tieren?«

»Kann auch recht interessant sein.«

»Sie meinen das wirklich ernst?«

Falko begann, an seinen Zweifeln zu zweifeln. Der andere machte keinesfalls den Eindruck eines Lügners. »Sie verarschen mich wirklich nicht?«

»Nein.«

»Kann man das lernen?«, fragte Falko zögernd.

»Man im Sinn von irgendjemand wird es kaum schaffen. Aber wenn du wissen willst, ob du es lernen kannst: Dir traue ich es zu.«

Falko jubilierte innerlich. Weniger wegen der Aussicht als Passagier im Gehirn eines Vogels mitzufliegen, als wegen der Tatsache, dass diese Ferien auf jeden Fall aufregender werden würden, als er geglaubt hatte.

Falko stand vor dem Spiegel und kämpfte mit seinen Haaren. Das war ganz normal, denn er kämpfte immer nach dem Aufstehen damit, seine Haare in Kopfnähe zu bringen. Er verstand nicht, warum sie sich im Schlaf stets von seiner Kopfhaut abspreizten, um wie Antennen, – so bezeichnete es jedenfalls seine Tante Doris –, nach allen Seiten abzustehen. Falko blickte sich selbst tief in die Augen. »Du willst also mit den Vögeln fliegen?«, fragte er sein Spiegelbild. Und er wusste in diesem Moment nicht, ob er sich selbst ernst nehmen sollte.

Für sein Alter war er eigentlich etwas zu klein, in seiner Klasse gab es nur einen, der nicht größer war als er. Falko selbst hielt sich für schlank, andere nannten es schmächtig, oder zart, wie die Psychologin, die ihn nach dem Tod seiner Eltern wochenlang betreut hatte. Diese Frau war ihm unendlich auf die Nerven gegangen mit ihrem berufsmäßigen Mitleid.

Falko warf noch einen Blick in den Spiegel und war einigermaßen zufrieden. Seine Haare zeigten Einsicht und hielten sich zumindest in der Nähe seines Kopfes auf. Das würde Tante Doris gefallen, die großen Wert darauf legte, dass Falko auch in den Ferien nicht »verwahrloste«, wie sie dies immer ausdrückte.

Den ganzen Vormittag musste er immer wieder an die seltsame Begegnung auf seiner Wiese denken. Selbst das spannende Buch, das er las, konnte ihn nicht ablenken. Hatte der Mann wirklich ungewöhnliche Fähigkeiten? Was würde ihn bei seinem Besuch erwarten?

Nach dem Mittagessen machte sich Falko auf den Weg zu Magnus.

Magnus bewohnte ein altes Fachwerkhaus am östlichen Dorfrand. Es war nicht gerade in bestem Zustand. An einigen Stellen bröckelte schon der Putz und vom Fachwerk blätterte die Farbe ab. Vor dem Haus stand eine alte, rot angestrichene Holzbank. Das Grundstück war ziemlich verwildert. Man gewann den Eindruck, dass hier alles wachsen durfte, was Lust dazu verspürte. Im hinteren Teil des Gartens stand ein großer Obstbaum. Sonst konnte man von außen nichts sehen, weil hohe Hecken den Einblick verwehrten.

Falko wusste, dass man das Haus »Schäferhaus« nannte, weil es früher dem jeweiligen Gemeindeschäfer als Wohnung diente. ›Oder war Magnus vielleicht auch noch Schäfer?‹, fragte sich Falko. Aber niemals hatte er ihn mit einer Herde gesehen, weder von Kühen, noch von Schafen, noch von Ziegen. Ja, nicht einmal mit einem Hund.

Als Falko das Grundstück betrat, saß Magnus auf der roten Bank vor seinem Haus.

»Hallo!«, rief er. »Schön, dass du gekommen bist.«

»Hallo!«, erwiderte Falko unsicher.

»Setz’ dich! An so einem herrlichen Tag sollte man im Freien sitzen«, forderte ihn Magnus auf und Falko nahm neben ihm Platz. Nach einer Weile sagte Magnus: »Das mit dem Fliegen ist nicht so einfach. Da muss man vorher erst einige andere Sachen lernen.«

»Was für Sachen?«, fragte Falko misstrauisch.

»Etwas über die Pflanzen und die Tiere. Und vor allem über sich selbst.«

Enttäuschung breitete sich in Falko aus. Wollte ihn der Mann reinlegen? War er ein verkappter Naturfreak, der seine Neugier ausnutzen wollte? Falko merkte, dass er sauer wurde, beschloss aber, vorerst zu schweigen.

Magnus spürte die Veränderung in dem Jungen und dachte schmunzelnd: ›So habe ich damals auch reagiert.‹

»Hast du schon einmal etwas von Schamanen gehört?«, fragte Magnus.

»Ja, das sind doch Medizinmänner oder Zauberer oder so etwas.« Falkos Antwort war mehr eine Frage.

»Genau, und noch vieles mehr. Sie haben die unterschiedlichsten Namen in den jeweiligen Völkern und es hat sie zu allen Zeiten der Menschheit gegeben.«

Falko kicherte. »Und ich soll jetzt Zauberlehrling werden? Bekomme ich dann auch einen spitzen Hut?«

»Der würde zumindest deine widerspenstigen Haare im Zaum halten. Aber Spaß beiseite, es ist egal, wie du die Schamanen nennst oder wie sie aussehen, wichtig ist nur, dass sie etwas bewirken können.«

Falko beschloss, sich auf das »Spiel« einzulassen.

»Statt auf Besen, wird mit Vögeln geflogen, das nenne ich Fortschritt.«

Falko war Ironie durchaus vertraut, eine Gabe, die viele seiner Lehrer gar nicht zu schätzen wussten.

»Ich verstehe deine Reaktion, Falko, ich habe vor vielen Jahren nicht anders reagiert. Schamanen, das war einmal, und wenn es überhaupt noch welche gibt, dann leben sie in Sibirien oder am Amazonas. Und Hexen und Zauberer gibt es nur in spannenden Büchern und Filmen. Das Leben hier braucht so etwas nicht mehr. Solche Leute taugen heutzutage nur noch für Abenteuerromane und Kinofilme. So habe ich jedenfalls damals gedacht.«

Falko war verblüfft, denn genau das waren seine Gedanken.

»Soll das heißen, es gibt wirklich Zaubererschulen?«, fragte er.

»Vielleicht. Aber ich kenne keine«, erwiderte Magnus ernsthaft....



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