Scherm | Die Irrfahrer | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 332 Seiten

Scherm Die Irrfahrer


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95765-988-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 332 Seiten

ISBN: 978-3-95765-988-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



GON, der kleinste Gott der Welt, und sein Prophet Seshmosis sind wieder unterwegs. Diesmal geht es kreuz und quer durch die Ägäis und die Welt der olympischen Götter. Ob im Labyrinth des Minotaurus, vor den Toren Trojas oder auf der Irrfahrt des Odysseus, das bunte Völkchen der Tajarim sorgt dafür, dass die Geschichte ganz anders verläuft, als man sie gemeinhin kennt. 'Gerd Scherm ist eine urkomische Achterbahnfahrt durch die Welt der Mythen gelungen - ein herrlich intelligenter Lesespaß.' HUMANITÄT, Berlin '?Die Irrfahrer? entführt die Leser in eine Welt, in der Götter Realität sind und das Leben irreal und irrsinnig machen.' Roter Dorn - Das Medienportal 'Für Leute mit Neugier, Lust auf Ironie, Wissen und intelligenten Nonsens eine unverzichtbare Lektüre.' Wochenzeitung Ansbach

1950 in Fürth geboren und aufgewachsen, lebt seit 1996 in einem alten Fachwerkgehöft in Binzwangen bei Colmberg. Gerd Scherm ist als Schriftsteller und Bildender Künstler tätig. Ab 1972 war er Mitarbeiter von Eugen Gomringer, dem Begründer der 'Konkreten Poesie', und Projekt-Assistent des ZERO-Künstlers Prof. Otto Piene (M.I.T., Cambridge, Mass., USA) für verschiedene Umweltkunst-Projekte und arbeitete als Kreativdirektor für die Rosenthal AG in Selb. Gerd Scherm hat eine Vielzahl von Einzelveröffentlichungen vorzuweisen, darunter Theaterstücke, Lyrikbände, Erzählungen, Satiren und Romane. Einer seiner Schwerpunkte liegt in der Lyrik, die er meist in künstlerisch-bibliophiler Ausstattung präsentiert, und die auch immer wieder zeitgenössische Komponisten zu Werken anregt (Werner Heider, Erwin Koch-Raphael, Ingo Bathow und Franck Adrian Holzkamp). Literarisch-künstlerische Editionen und Aktionen schuf Gerd Scherm gemeinsam mit Otmar Alt, Jean-Marie Bottequin, Ortwin Michl, Josef Obornik, Erich Reusch, Wilhelm Schramm und Brigitte Tast. Gerd Scherm war u.a. Gastdozent an der Universität St. Gallen und an der Freien Universität Berlin im Fachbereich Kultur- und Religionssoziologie. Auszeichnungen: 1972 Kulturförderpreis der Stadt Fürth 1974 Stipendium des Auswärtigen Amtes, Aufenthalt in Italien 1977 Rosenthal Grenzland-Lyrik-Preis 1991 Essaypreis der Fürther Freimaurerloge 1995 Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis 1995 Stipendium des Auswärtigen Amtes, Aufenthalt in Schottland 1998 Ehrensenator des Deutschen Freimaurer Museums Bayreuth 1998 Matthias-Claudius-Medaille, Berlin 2001 Paulskirchen-Medaille 2004 BoD Autoren Award für den Roman 'Der Nomadengott' 2006 Friedrich-Baur-Preis für Literatur der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 2007 Turmschreiber auf Burg Abenberg 2010 Das Bayerische Kultusministerium fördert das Drama 'Alexander der letzte Markgraf' mit 20.000 Euro
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Die Insel der Seligen


Etwas später als geplant erlebte der Hafen von Byblos die größte Ansammlung von Tajarim seit deren Ankunft zwei Jahre zuvor. Vielen der Anwesenden waren die Spuren der durchfeierten Nacht noch anzusehen, allen voran Raffim, der schrecklich verkatert aussah. Aber Barsil und Mani standen ihm nicht viel nach.

Seshmosis hatte am frühen Morgen mit großer Erleichterung die Heiligen Rollen von Raffim entgegen genommen und sie Shamir, dem Bäcker, zur sicheren Aufbewahrung in Byblos anvertraut. Er wollte die wertvollen Dokumente auf keinen Fall den Gefahren einer Reise aussetzen, und Shamir war ihm über die Zeit ein treuer, zuverlässiger Freund geworden. So balancierte der Schreiber nun über den Bootssteg aufs Schiff, unter dem einen Arm sein Bündel, unter dem anderen GONs Schrein.

Die Schiffseigner der Tajarim AG standen allesamt am Bug, wo Zerberuh bedeutungsvoll, doch von allen ignoriert Kommandos gab. Der Flussschiffer verfügte zwar über jahrzehntelange Erfahrung auf dem Nil, aber das Hochseesegeln war ihm völlig fremd. Vor zwei Jahren hatte er Byblos nur mehr zufällig, sich die Küste entlang tastend, und mit gnädiger Hilfe etlicher Götter erreicht.

Raffims drei Diener verschwanden ebenso unter Deck wie die anderen ruderpflichtigen Reiseteilnehmer Tafa, Mumal, Elimas, Almak, Aruel und Elihofni. Unterstützung würden sie von sechs phönizischen Seeleuten erhalten, die man zusammen mit dem Steuermann Uartu angeheuert hatte. Letzterer war der wirkliche Kapitän des Schiffs.

Insgesamt beherbergte die Gublas Stolz vierundzwanzig Besatzungsmitglieder und Passagiere. Die Eigner hatten bewusst auf die übliche Sollstärke an Ruderern verzichtet, um mehr Platz für Ladung zu gewinnen.

Der erste Streit unter den am Bug stehenden Besitzern entbrannte noch vor dem Auslaufen, als es um die Verteilung der Schlafplätze unter den Zeltaufbauten ging. Kalala beharrte darauf, dass das Oberdeck des Hecks ausschließlich für sie und ihren Gefährten El Vis reserviert sei. Raffim argumentierte, dass Kalala für zwanzig Prozent der Anteile unmöglich fünfzig Prozent der besten Schiffsfläche zustünden. Es sei mit dem Gleichheitsprinzip unvereinbar, dass sie alleine das Heck beanspruche, die anderen Eigner sich aber zu viert den Bugaufbau teilen müssten. Schließlich siegte Kalala mit ihrem überzeugenden Plädoyer: »Ich bin die einzige Frau an Bord und weigere mich, mit anderen Männern zu schlafen als mit El Vis! Außerdem bringen Frauen an Bord bekanntlich Unglück. Da wollt ihr mir doch sicher nicht zu nahe sein, oder?«

Von all dem hatten die Tajarim, die zur Verabschiedung zum Hafen gekommen waren, nichts mitbekommen. Als sich nun die Gublas Stolz mit kräftigen Ruderschlägen Richtung Hafenausfahrt in Bewegung setzte, winkten die Menschen und riefen »Gute Fahrt!« und »Auf Wiedersehen!«.

Seshmosis stand wehmütig an der Reling und blickte auf Byblos. Dort, auf der obersten Stufe der in Terrassen angelegten Stadt, hatte er seine neue Heimat gefunden, Sicherheit und ein bequemes Nachtlager. Von diesem Glück hieß es nun für unbestimmte Zeit Abschied nehmen. Doch seine Wehmut verflog schneller, als ihm lieb war, denn sie passierten jenseits der Kaimauer den schwarzen kretischen Segler. Beklemmung ergriff Seshmosis, und er bemühte sich angestrengt, in eine andere Richtung zu schauen. Krampfhaft interessiert betrachtete er die gegenüberliegende Hafenfestung, die trutzig gegen die See stand. Erst als das Segel der Gublas Stolz gesetzt war und sie Fahrt aufnahmen, wagte er wieder einen Blick zum kretischen Schiff. Zu seiner Beruhigung lag es unverändert vor Anker und wurde zusehends kleiner, je länger sie nach Westen fuhren.

Der Gebäudekomplex des Großen Gerichts war mit Abstand der imposanteste in ganz Amentet. Die gewaltige Fassade ragte zehn Stockwerke in die Höhe, und sie war schwärzer als schwarz. In jahrelangen, einsamen Experimenten in der Wüste hatte Seth diese ganz spezielle Farbe entwickelt, und nicht einmal die Götter wagten zu fragen, woraus sie gemacht war. Die meterhohen erzenen Tore öffneten sich automatisch, wenn ein Verstorbener eine Stunde lang davor gestanden hatte. Eine Stunde kann zermürbend lang sein, vor allem, wenn man soeben verstorben und in Amentet angekommen ist. Obwohl Thot, der Gott der Gelehrsamkeit und des Wissens, stets behauptete, die Erfindung der sich wie von Geisterhand öffnenden Tore sei »eine seiner leichtesten Übungen« gewesen, steckte doch viel Tüftelei dahinter. Denn auch Götter haben so ihre Probleme mit technischen Errungenschaften.

Nun stand Aram schon mehr als zwei Stunden einsam vor dem großen, schwarzen Tor, und es wollte und wollte sich nicht öffnen. Dabei war es bei ihm schon das dritte Mal, dass er hier auf seine Verhandlung vor dem Großen Gericht warten musste.

Beim ersten Mal hatte ihn Raffim wieder ins Leben zurückgeholt, noch bevor das Tor sich geöffnet hatte, beim zweiten Mal hatte er mit Anubis hier gestanden, und der hatte ihn während der ganzen Prozedur begleitet. Beide Male waren sein Gewissen rein und sein Herz leicht gewesen. Doch nun stand er am Rande des Abgrunds. Beinahe hätte man ihn zum »Gott der Badefreuden« erkoren. Sicher, nur ein geringer Gott, aber immerhin ein Gott. Und jetzt? Wegen seiner Fahrlässigkeit vergaßen Götter, dass sie Götter waren. Konnte es ein schlimmeres Verbrechen geben?

Quietschend und knarrend öffnete sich schließlich das große Tor. Niedergeschlagen und mit gesenktem Blick betrat Aram, flankiert von zwei löwenköpfigen Wächtern, das Gebäude. Bald erreichten sie die große Halle, in der das Gericht tagte.

Aram wagte es, sich vorsichtig umzusehen. Zu seinem Entsetzen führte Osiris persönlich den Vorsitz. Neben ihm standen Thot, Anubis, Month und Seth. Zu deren Füßen warteten gierig die »Verschlingerin der Seelen«, der »Zahnreiche Babi« und etliche der geringeren, wenn auch nicht weniger hungrigen Dämonen auf einen vernichtenden Urteilsspruch. Überrascht stellte Aram fest, dass auch Hathor und Horus dem Gericht beiwohnten. Ohne große Hoffnung ergab er sich seinem Schicksal.

Dann ergriff Osiris das Wort: »Heute steht ein besonderes Verfahren auf der Tagesordnung. Denn wir richten nicht über einen Toten …«

Ein unüberhörbares Räuspern unterbrach den Gott, der unwirsch wissen wollte, warum man es wagte, ihn zu unterbrechen.

Thot deutete auf Aram und erklärte: »Ich möchte darauf hinweisen, dass es sich bei dem Angeklagten durchaus um einen Toten handelt. Er ist sogar zweimal gestorben.«

»Gut, dann will ich es anders formulieren«, fuhr Osiris fort. »Der Angeklagte ist kein Neutoter, sondern wurde bereits von diesem Gericht beurteilt. Durch den Einfluss eines Fürsprechers aus unserem Kreise entging er den Verschlingern.« Dabei warf Osiris dem Totengott Anubis einen zornigen Blick zu. Dieser sah aus, als wäre am liebsten im Boden versunken.

»Doch nun zum Verfahren! Die Anklage übernimmt Seth, die Verteidigung Thot, und als Zeugen sind Month und Anubis geladen; Hathor und Horus sind die Geschädigten. Seth, ich bitte dich um die Anklage.«

»Der Uschebti Aram hat zwei Götter durch seine Tat ihrer Göttlichkeit beraubt. Nur glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass sie wieder unter uns weilen. Ein größeres Verbrechen gibt es nicht! Zu seinen Gunsten spricht nur, dass sein Herr, Anubis, ebenfalls angeklagt werden sollte, weil er die Verantwortung für dieses ruchlose Tun trägt!«

»Thot, gibt es irgendetwas zur Verteidigung dieses Wurmes?«, fragte Osiris mit Verachtung in der Stimme. Aram verlor endgültig jede Hoffnung und starrte voll Verzweiflung auf den dämonischen Rachen des »Zahnreichen Babi«, der ihn begierig erwartete.

Thot begann mit seiner Verteidigungsrede: »Nun, Aram wollte nur unser Bestes. Er wollte sich nützlich machen und uns erfreuen. Im Prinzip ist der wahre Schuldige Month mit seiner groben Fahrlässigkeit. Er hätte uns über die Gefahr des Wassers aus dem ›Fluss des Vergessens‹ in Kenntnis setzen müssen. Aram ist nur ein einfacher Uschebti, der seinem Herrn einen Gefallen tun wollte.«

»Genau!«, rief Anubis nun wieder selbstbewusster. »Month ist der eigentliche Schuldige!«

Der falkenköpfige Month hackte mit dem Schnabel wütend in die Luft, bevor er krächzte: »Das ist typisch für diesen Ibiskopf! Alles verdreht er! Ich war überhaupt nicht in Amentet, als mein Fluss unerlaubterweise angezapft wurde. Man hat mir einfach das Wasser abgegraben!«

»Beruhigt euch, und zwar alle!«, rief Osiris genervt dazwischen und hob drohend seine blaue Funken sprühende, bandagierte rechte Hand. »Hathor, bitte berichte du, was der Angeklagte dir angetan hat.«

Hathor, immer noch in Menschengestalt, trat vor und sprach: »Als ich das Bad bestieg, fühlte ich mich zuerst sehr wohl. Doch plötzlich verwirrte sich mein Geist, und ich vergaß, wo ich war und wer ich war. Dann umfing mich Dunkelheit, und als das Licht wiederkam, befand ich mich inmitten einer Kuhherde in der Menschenwelt. Man brachte mich in einen Tempel, und schließlich traf ich auf Horus, den ich aber zu diesem Zeitpunkt nicht erkannte. Später vollzogen wir die mystische Hochzeit, durch die ich meine...



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