E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Scherf Anders denken: Eine Welt ohne Geld
2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-1967-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von allem weniger und von Liebe mehr
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7412-1967-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach der Mittleren Reife arbeitete Elisabeth Scherf zunächst in einer Hotelküche, ging ein Jahr als Au-pair-Mädchen nach England, machte die Ausbildung zur Kindergärtnerin und arbeitete danach sechs Jahre als Erzieherin auf der Psychosomatischen Abteilung der Universitätskinderklinik in Hamburg-Eppendorf. Nach dem Begabtenabitur studierte sie Pädagogik und Soziologie an der Uni Hamburg und arbeitete danach als Studienrätin VR in Hamburg. Ihre Tätigkeit als Lehrerin unterbrach sie für ein einjähriges Graduiertenstudium an der Central School of Speech and Drama in London und übernahm anschließend nebenberuflich fünfzehn Jahre die künstlerische Leitung des Hamburger Richtertheaters (www.richtertheater). Im Rahmen eines Promotionsstipendiums hielt sie sich ein Jahr in Paris und ein Jahr in Rom auf. Nach ihrer Pensionierung nahm sie das Studium der Sinologie an der Universität Hamburg auf und lebte ein Jahr Shanghai. Seit 2006 widmet sie sich der Bildhauerei (www.elisabethscherf.de) und unterrichtet als Privatlehrerin die Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Chinesisch. 2011 verbrachte sie drei Monate in New York und nahm dort am 'Gotham Writers' Workshop' teil. 2015 lebte sie zwei Monate in Wien für einen Poetry Kurs und weitere Inspirationen am Writers' Studio.
Autoren/Hrsg.
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2 Farben-Räume
Charlotte stupst Isabel sanft:
»Träum nicht! Heute brauche ich deine ganze Aufmerksamkeit.«
Isabel lacht: »Klar! Ich weiß!«
Ohne besondere Absprache begeben sie sich in die obere Etage der Hamburger Meile, wo die Farb-, Klang-, Yoga- und Massageräume liegen.
»Wo möchtest du denn hin?«, fragt Isabel freundlich.
»Ich brauche erst einmal eine Akupressur-Massage. Zur Beruhigung. Und du?«
»Willst du nach der Massage noch Farben erleben?«, fragt Isabel, weil sie gerade die Farbangebote entlang gehen.
Charlotte ist sich nicht sicher. »Was brauche ich denn heute?«
Sie bleiben vor dem ersten Schaufenster, oder besser: Vor einer Ladenfront stehen. Leuchtendes Rot springt ihnen in die Augen. Ganz rechts außen ist ein Text angebracht, den Charlotte jetzt laut liest:
»Rot: stimulierend, aktivierend und aufregend. Wirkt belebend, weckt innere Kräfte (»Urkräfte«). Steigert das Selbstwertgefühl.«
Charlotte stöhnt bestätigend ein Ja.
»Wirkt appetitanregend. – Och ne. – Macht vital und dynamisch. Regt an und erregt, verursacht aber auch Unruhe.«
Sie dreht sich zu Isabel und fragt: »Brauche ich das?«
»Lies doch mal vor, bei welchen Beschwerden es hilft.«
»Okay: Hilft bei Schwäche und Lethargie, Müdigkeit oder wenn man sich abgespannt fühlt. Hilft bei mangelnder Durchsetzungsfähigkeit, mangelndem Selbstbewusstsein, Minderwertigkeitsgefühlen. Rot am Morgen wirkt wie ein ‘Push-up’ für gute Laune.«
Charlotte macht eine Pause. »Ist es das?«
»Nee, das finde ich nicht. Du bist doch voll durchgepowert.«
»Und was ist mit meinem Selbstbewusstsein?«
»Du fühlst dich doch nicht klein, oder? Ich habe das Gefühl, dass du eine Wut auf Ralf hast, oder?«
»Ja, stimmt. Oh, hör mal: Bei übergroßer Nervosität oder Reizbarkeit sollte auf die Farbe Rot allerdings verzichtet werden, da sie diese Zustände steigert.«
»Also, Rot brauchst du eindeutig nicht.«
Charlotte ist der gleichen Meinung und muss nicht weiter überzeugt werden. Sie gehen einige Schritte weiter und bleiben vor dem orangenen Fenster stehen.
»Aufbauend und leistungssteigernd, anregend und anspornend, fördert Freude, Leichtigkeit, Loslassen, Genuss. Weckt die Arbeitsfreude, strahlt Wärme aus, macht Appetit und fördert die Geselligkeit, macht es Morgenmuffeln leichter, früh aufzustehen. – Was meinst du? Brauche ich heute Orange?«
»Nein, wir gucken mal weiter: Gelb! ‚Aufmunternd und nervenstärkend, fördert Intelligenz und inneren Abstand.’ Das klingt doch nicht schlecht. Ich bekomme Abstand, lasse alles intelligent und mit innerem Abstand los. Ich glaube, das ist es. »
»Lies doch erst einmal weiter.«
»Fördert die Konzentration, Lerneifer, regt den Geist an und unterstützt alle geistigen Tätigkeiten. Stärkt die Nerven und regt den Intellekt an, bringt Sonne ins Gemüt und verscheucht trübe Stimmung. – Das ist es. Ohne Frage.«
Isabel nickt: » Hört sich wirklich gut an. Wenn ich das höre, nehme ich mir gleich vor, mir ein gelbes Kleidungsstück zu besorgen.«
Jetzt beginnt Isabel zu lesen: »Hilft bei Ängsten, Spannungen, Mutlosigkeit, fehlender Offenheit, Kaufsucht, Geiz, gegen schlechte Laune, Unlustgefühle und Niedergeschlagenheit.’ Und sieh’ mal, nicht ein einziger Hinweis, wann man Gelb meiden sollte. Ich glaube, ich habe diese Farbe bisher völlig unterschätzt! Da komme ich mit.«
Charlotte muss nicht weiter überzeugt werden. Sie gehen gemeinsam zum Eingang, öffnen die Tür und betreten einen kleinen Vorraum. Der Tür gegenüber ist ein Schild, auf dem in abgerundeten Buchstaben steht: herzlich willkommen im gelben Bad. Sie schieben den honiggelben Samtvorhang zur Seite und sehen einen großen Raum vor sich. Auf dem Fußboden liegt ein senfgelber Teppichboden, an der Wand dem Eingang gegenüber steht ein drei Meter langes Sofa, das mit curryfarbenem, gemustertem Stoff bezogen ist. Die Kissen darauf sind aus Seide und Kaschmir und Velours und Cord, haptisch sehr unterschiedlichen Materialien in wunderschönen Gelbtönen, die auf dem Hintergrund des Sofastoffes wie unterschiedlich farbig wirken. Ein kurzer Sonnenstrahl durch die geöffnete Tür beleuchtet alle Objekte im Raum. So eine umfassende Sammlung mit den eigenwilligsten Schwerpunkten zusammenzutragen, ist heute nicht zu schwer, da es seit der neuen geldlosen Zeit riesige Hallen mit gebrauchten Objekten gibt, die man nach Lust und Laune auswählen und mitnehmen darf. Viele Menschen haben aus Gründen der Energie-Reduzierung aus eigener Überzeugung ihre Wohnflächen verkleinert. Nichts wird vernichtet, alles auf kreative Weise wieder in den Kreislauf des Genusses gebracht. Eine Assistentin kommt auf sie zu und fragt, wie intensiv sie Gelb erleben möchten.
»Total!«, rufen beide wie aus einem Mund.
»Dann kommen Sie bitte mit mir mit. Ich gebe Ihnen zuerst die gelbe Kleidung. Welche Größe?«
»38!«, sagt Charlotte.
»44!«, sagt Isabel.
Der Raum mit der Kleidung hat gelbe Regale mit Fächern für die unterschiedlichen Größen.
»Ich möchte gern einen gelben Body.«
Charlotte sagt: »Ich möchte seidene Spitzenunterwäsche. Haben Sie die auch?«
Die beiden Frauen staunen, was für eine Auswahl an Dessous besteht. Später erfahren sie, wie die traumhaften gelben Objekte entstanden sind. Auf jeden Fall nicht in fernen Ländern. Seit der geldlosen Zeit kümmert sich jedes Land um sich selbst. Der Güterverkehr auf den Weltmeeren tendiert gegen null. Die Schiffsflotten sind ausschließlich unterwegs, um Plastikmüll aus den Meeren und Ozeanen zu fischen. Damit sollen sie nach wissenschaftlichen Schätzungen noch 20 Jahre beschäftigt sein. Die gelbe Seide, ja, die ist aus China, aus Hangzhou, um genau zu sein. Als Bettwäsche genäht ist sie vor Jahren in Hamburg gelandet und Beatrice, die Betreiberin des »Gelben Ladens«, hatte, zunächst nur für den Eigenbedarf, begonnen, ein Hemdchen aus einem Bettbezug zu schneidern. Eine ihrer Tanten hatte Spitze klöppeln können und dieses alte Hand werk Beatrice an vielen gemütlichen Abenden beigebracht. Die erste Freundin, der Beatrice ihr Spitzenseidenhemd vorgeführt hatte, war sofort entschlossen gewesen, sich ein ähnliches Seidenhemdchen zu schaffen. Binnen kurzem hatte man eine lichtdurchflutete Wohnung gefunden, in der die inzwischen zahlreichen Spitzen klöppelnden und nähenden Frauen Platz gefunden haben.
»Eine Boutique in Paris kann keine raffiniertere Auswahl haben. Schade, dass das keiner sieht.«
»Wieso, der Clou an raffinierter Unterwäsche ist doch ihre Wirkung auf die Trägerin! Du magst dich selbst viel lieber, und wie heißt der erste Zaubersatz für ein durch und durch freudvolles Leben?« Isabel streckt ihren Hals nach vorn und sieht Charlotte mit halbgeöffnetem Mund abwartend an.
»Ich liebe mich bedingungslos!«, äußert Charlotte erwartungsgemäß. Es klingt ein wenig scherzhaft und sie sagt es mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck.
»Genau!«
»Ach, ich hätte nicht gedacht, dass man da mit Kleidung nachhelfen kann.«
»Sicher bin ich mir auch nicht, aber die Richtung stimmt.«
Beide haben inzwischen ihre Unterwäsche und Oberbekleidung gewählt. Charlotte trägt jetzt einen gelben ausgestellten Rock, ein gelbes Twinset, hellgelbe Söckchen in gefährlich hohen dunkelgelben Pumps. Isabel hat eine gelbe weite Cordhose gewählt, die unten leicht zusammengehalten ist. Dazu trägt sie einen Strickblazer aus dunkelgelber feiner Wolle.
»Wow!«, ruft Charlotte überrascht. »Das ist ja der letzte Schrei! Was machen Sie mit der Kleidung, wenn wir sie gebraucht haben? Ist das gebrauchte Kleidung? Es sieht so neu aus.«
Die Assistentin lächelt freundlich, ihre rechte Hand steckt in der aufwendig bestickten Tasche ihres gelben Kittels: »Ja, alles second hand, aber immer mit viel Liebe kunstvoll nachgearbeitet. Und noch ein zweites Ja: Das gehört Ihnen jetzt. Wenn Sie sich einmal wieder nach der Farbe Gelb sehnen oder sie nötig haben, dann können Sie diese Kleidung tragen. Wenn Sie natürlich eine Voll-Erfahrung brauchen, dann kommen Sie wieder in einen unserer Läden.«
Inzwischen sind sie mit der Assistentin in den großen Raum zurückgegangen. Wie von selbst gehen sie zu dem großen Sofa und setzen sich gemütlich zurecht. Beide lassen sich in die weichen Kissen zurückfallen und schließen die Augen. Ohne Ablenkung fällt Charlotte natürlich sofort Ralf ein, auch schon deshalb, weil sie ihre schöne Unterwäsche so sexy findet und Ralf als ersten Adressaten mit dieser Verbesserung erfreuen möchte. Dann fällt ihr schlagartig wieder ein, dass sie eigentlich Ralfs Handy zu ihm ins Büro bringen sollte. Sie öffnet erschreckt die Augen, beschließt dann aber, diese Aufgabe jetzt einfach loszulassen. ‘Es ist, wie es ist’, sagt sie tonlos zu sich, ‘ich habe eben nicht daran gedacht und jetzt werde daraus, was wolle.’ Dieser Gedanke entspannt sie ganz enorm: Ihr ist, als hätte jemand rechts und links von ihrem Hals fünf zu eng geknöpfte Verschlüsse geöffnet. Sie greift nach dem Samtkissen, das rechts neben ihr liegt, umarmt es, legt ihren Kopf hinein und denkt: Selbst wenn man nichts macht, geschieht trotzdem etwas. Ich warte einfach mal ab, was sich so ergibt. Ich höre einfach mal zu. Ich lasse Ralf Ralf sein, mit allem, was er möchte. Sie fühlt diesem Gedanken nach und merkt, wie ihr Geist völlig neue Gedankenfelder betritt. Ganz schnell ist sie in Südfrankreich. Sitzt neben ihrer dort lebenden Freundin,...




