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E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Schenkel Cyclomanie

Das Fahrrad in der Literatur
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7431-9956-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das Fahrrad in der Literatur

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-7431-9956-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Elmar Schenkels Essay erhellt die seltsamen Beziehungen zwischen dem energetisch besten Fahrzeug des Planeten und der Welt der Wörter; er bewegt sich abwechselnd zwischen Radeln und Dichten, zwischen Radstürzen und poetischen Aufschwüngen. Viele große Autoren - von Twain und Zola bis zu Tolstoi und Beckett - wurden vom Radfahren inspiriert. Frauen entdeckten durch das Rad die Möglichkeiten der Emanzipation und schrieben darüber, etwa Simone de Beauvoir. Dadaisten, Surrealisten, SF-Autoren, auch Filmregisseure und Künstler entwickelten die absurdesten Dimensionen des Fahrrads. Von frühen Weltumradlern ist in diesem spannenden Buch ebenfalls die Rede sowie von Frauen, die auf dem Jakobsweg oder im Himalaya radelten. So entsteht eine kleine Geschichte der Literatur und Kultur durch die Augen des Fahrrads, das ohnehin einer Brille gleicht - oder dem mathematischen Symbol für Unendlichkeit.

Elmar Schenkel, geb. bei Soest/Westfalen lebt als Professor für Englische Literatur und Radler in Leipzig. Er hat zahlreiche Reisebücher, Biographien und Essays sowie zwei Romane veröffentlicht. Zuletzt erschien: »Reisen in die ferne Nähe. Unterwegs in Mitteldeutschland«. Er ist auch als Übersetzer und Maler tätig.

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Laufrad
Wer mag dieser englische Erfinder gewesen sein? Die populären angloamerikanischen Fahrradhistorien verweisen gerne auf Kirkpatrick MacMillan, einen schottischen Hufschmied, als Erfinder des Fahrrads. Man behauptet, er habe den Rückantrieb erfunden und damit die Grundlage des modernen Fahrrads. Doch die Geschichte ist durchwachsen von Unwahrscheinlichkeiten. In ähnlich populären Quellen findet man einen Hinweis auf einen französischen Comte de Sivrac, der um 1791 auf einem Laufrad, der sogenannten Célerifère, geritten sein soll. Diese Geschichte, wie so viele, stellte sich als eine Fälschung heraus, und man fragt sich, warum sich das Rad so gut zu Fälschungen eignet. Der französische Technikhistoriker Baudry de Saunier hatte sie zum Jubiläum des Fahrrads hundert Jahre später in die Welt gesetzt, um gegenüber den Deutschen nach der Niederlage von 1870 wieder Terrain gutzumachen. Die Fälschung flog auf, als man tatsächlich auf einen Jean-Henri Siévrac stieß, der im Jahre 1817 ein Patent angemeldet hatte auf ein pferdgezogenes Fahrzeug; möglicherweise handelte es sich auch nur um eine Importbescheinigung. Jubiläen sind immer schon ein schöner Anlaß für Fälschungen gewesen, denn nichts hypnotisiert so wirkungsvoll wie eine runde Zahl im Dezimalsystem. Die Geschichte der Fahrradentwicklungen ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwer es ist, die historischen Vorgänge zu rekonstruieren. Gut, daß das Internet so leise ist und man die Aufschreie der verletzten Eitelkeiten nicht hören kann, die bei den Diskussionen um die Priorität des Fahrrads zum elektronischen Himmel aufsteigen. Bis heute beten Zeitungen und Bücher die nationalen Mythen fromm nach. Die Geschichte der Erfindungen weist so manche Parallele zur Geschichte der Literatur auf. Wer ist der Erfinder des Romans? War es ein Spanier (Cervantes), war es ein Engländer (Defoe), eine Engländerin (Aphra Behn), ein Deutscher (Grimmelshausen), ein Franzose (Chrétien de Troyes) eine Japanerin (Murasaki Shikibu), war es ein Grieche (Heliodor)? Am Ende müssen wir sagen, daß es viele sind, die zu einer Erfindung ebenso beitragen wie zu einer literarischen Gattung. Aus Gründen der geistigen Ökonomie, des Partikularismus und der Mnemotechnik beharrt die Nachwelt jedoch darauf, einen Namen präsentiert zu bekommen. Doch die Kehrseite der Repräsentation ist immer Verdrängung. Die erste Frage ist: Was ist ein Roman, was also ist ein Fahrrad? Wenn ich die Definition festlege, fällt es leichter, Erfindernamen zu nennen. Wenn ein Fahrrad als Zweirad definiert wird, das durch menschlichen Antrieb bewegt wird und lenkbar ist, dann fällt, nach internationalem Konsens, der Name eines badischen Erfinders, eines Individualisten und Exzentrikers, der von der Um- und Nachwelt mit ungerechtem Spott überzogen wurde. Karl Freiherr Drais von Sauerbronn wurde 1775 in Karlsruhe geboren, wo er 1851 auch starb. Drais war Forstmann (ohne Forstamt) und Erfinder, jedenfalls ein unruhiger Geist, der sich in vielen Bereichen übte. Alles, was mit Bewegung physischer oder geistiger Art, mit Medien der Übertragung und des Speicherns zu tun hatte, faszinierte ihn. Er erfand ein Aufzeichnungsgerät für Klaviere, die erste Tastenschreibmaschine, einen Schnellschreibapparat, einen Fleischwolf und noch manch andere nützliche Geräte. Aber bekannt wurde er durch das Zweirad, auch Veloziped oder Draisine genannt. Drais interessiert uns, weil die Art und Weise, wie er zu seiner Erfindung kam, eine literarische ist. Die erste entscheidende Frage lautete: Wie kann der Mensch sich unabhängig machen von einem Zugtier, vor allem dem Pferd? Die Frage entstand, weil Europa durch klimatische Probleme und durch die napoleonischen Kriege Hungersnöten entgegensah und Pferde zunehmend schwerer zu halten waren. Es war 1813, das Jahr der Völkerschlacht von Leipzig, Napoleon war auf dem Rückzug von Rußland, da entwikkelte Drais einen vierrädrigen Wagen ohne Pferd, der über eine Tretmühle und später über eine Kurbelwelle angetrieben wurde. Er nannte ihn Fahrmaschine. Der erste Schritt in einer literarischen Montage: Der Mensch macht sich zu seinem eigenen Pferd. Wir können auch sagen, am Ursprung der literarischen Phantasie, vielleicht der Kunst überhaupt, liegt die Verwandlung. Zweiter Schritt: Das Ganze wird halbiert. Nach der Metamorphose folgt die Teilung. Man kann es auch in dieser Abfolge sehen. Am Anfang liegt die Teilung, das heißt, der Wagen wird vom Pferd getrennt, dann folgt die Verwandlung des Menschen in ein Pferd, und schließlich folgt wieder eine Teilung, die zu einer neuen Metamorphose führt. Am Ende steht ein Zentaur, nennen wir ihn den Radfahrer. Der Technikhistoriker Joachim Krausse hat diese Montage auf ihre literarischen Wurzeln hin zurückverfolgt: Wird der Wagen halbiert, wird das Pferd halbiert, wird der Reiter halbiert. Es bleiben übrig: zwei Wagenräder, zwei Pferdebeine mit Sattel, ein Oberkörper, der die Zügel in der Hand hat. […] Die Phantasie eröffnet […] eine verrückte Dreiecksbeziehung zwischen Reiter, Pferd und Wagen: Der Reiter ist das Pferd, und das Pferd ist der Wagen! […] Wie in Wortspielen die Wörter, so können bei unserem Umbau die Teile bald diese, bald jene Bedeutung annehmen […] So kann das Rad ein Rad, aber auch ein Bein sein, das Reiterbein kann ein Reiterbein, aber auch ein Pferdebein sein. Das Pferdebein kann ein Reiterbein oder ein Rad sein. […] Der Draisinenreiter ist sowohl ein Kutscher als auch ein Fahrgast als auch ein Pferd. Kindisch! (Krausse, 86) Am Ursprung also kindlich-kindisches Denken, Spielen mit Gegenständen, die unversehens eine neue Bedeutung erhalten, also ein Spiel, das auch Sprache selbst hervorbringt, den Umgang mit Zeichen, die mal dieses, mal jenes bedeuten. Das Spiel ist die eine Seite, das andere sind die harten Fakten der Naturgesetze, von Schwerkraft, Gleichgewicht, Geschwindigkeit und Energie. Nicht jede Dreiecksbeziehung gelingt, vielleicht nur die seltensten, und eine dieser seltenen hat Drais angeschlagen. Man möchte weiter in seinen Geist schauen, der sich auch mit binären Systemen beschäftigt hat, mit einer Rechenweise, die sich an Leibniz’ 0/1 Schema orientiert. Genau hier liegt ja der Ursprung unseres digitalen Denkens. Leibniz wiederum hat es sich bei den Chinesen an-, vielleicht auch abgeschaut, an den Hexagrammen des I-Ging, den Morsezeichen des Universums. Auch Drais war diesen Morsezeichen auf der Spur. Seine Suche nach Reduktion und Beschleunigung zeigte sich nicht nur in seinen Schreibmaschinen, sondern eben auch im Laufrad. Es sind Konzepte, die die Grundlagen unserer Moderne bilden, vom Computer bis zur Raumfahrt. Mag das Veloziped schon literarisch gedacht worden sein, so sollte doch die Literatur Drais auf andere Weise noch einholen. Er war der abhängige Sohn eines liebevollen, aber auch strengen Vaters, des badischen Oberhofrichters Karl Wilhelm Drais. Als Richter verurteilte dieser den Mörder des Dichters August Kotzebue, den Studenten Carl Ludwig Sand. Sand hatte den konservativen Kotzebue, der den neuen Nationalismus der Deutschen immer wieder angegriffen hatte, in Mannheim vor den Augen seiner Kinder ermordet mit den Worten: »Hier, du Verräter des Vaterlandes!« Er versuchte sich umzubringen, wurde verhaftet und später hingerichtet. Ein Märtyrer für das junge Deutschland war geboren, man verehrte ihn nicht nur in den Burschenschaften. Eine abgeschnittene Locke oder ein Holzstück vom Schafott wurden als heilige Reliquien aufbewahrt. Für Drais jr. aber bedeutete dies so etwas wie Sippenhaft. Mit dem Urteil seines Vaters zog er sich den Haß der studentischen Burschenschaftler, der Nationalisten sowie der liberalen fürstenfeindlichen Intellektuellen zu. Der Sohn mußte mitbüßen und wurde gemobbt. So wanderte er für einige Jahre nach Brasilien aus. Ein Anhänger Sands, der freiheitsliebende Romancier und Essayist Karl Gutzkow, versetzte der Reputation des jüngeren Drais den Todesstoß, der ihn bis in unsere Zeit zu einem Gespött machte. In seinem zweibändigen, unter dem Pseudonym E. L. Bulwer verfaßten Werk Die Zeitgenossen von 1837 findet sich das Kapitel »Der Stein der Weisen«. Dort zieht er Drais durch den Kakao und macht sich über sein kindisches Fahrspielzeug lustig: Die ganze Maschine ist auf Lächerlichkeit angelegt, denn nur Kinder können sich derselben, der komischen Gestikulationen wegen, die man dabei machen muß, bedienen. Es sieht fast so aus, wenn man auf der Maschine sitzt, als wollte man auf dem Straßenpflaster Schlittschuh laufen. Genug, seit Erfindung dieses ganz zwecklosen Spielzeugs, hat Hr. von D. so zu sagen seinen Verstand verloren. (Gutzkow, Band I, 254) Gutzkow kolportierte noch weitere Schändlichkeiten über Drais, so das Gerücht, er habe versucht, Tote durch Beatmung auferstehen zu lassen. Die Geschichten waren so übel, daß Drais sich genötigt sah, eine Erklärung zu diesen Attacken im Mannheimer Abendblatt abzudrucken. Das alles ist um so tragischer, als Drais im Jahre 1849 als überzeugter Demokrat seinen Adelstitel ablegte, wenn auch nur vorübergehend. Mit anderen Worten, Gutzkow hat hier einen ihm politisch Nahestehenden geschädigt, weil er dessen Vater haßte. Das Bild des jungen Drais wurde erst durch die peniblen Recherchen des Fahrradhistorikers...



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