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E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm, Gewicht: 422 g

Scheiber dreimeterdreißig

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7011-8374-6
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm, Gewicht: 422 g

ISBN: 978-3-7011-8374-6
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein ungleiches Paar, eine Altbauwohnung und eine Nacht, die alles verändert. Ein schmerzhaftes und wunderschönes Buch über die Liebe, das Leben und was bleibt

Drei Meter dreißig, so hoch sind die Wände der Wiener Altbauwohnung, in der Klara und Balázs leben. Zwischen knarzendem Parkett und weit geöffneten Flügeltüren sind sie gerade dabei, sich ein gemeinsames Leben aufzubauen. Doch eines Nachts verändert sich alles, Balázs liegt reglos im gemeinsamen Bett und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Was bleibt von einer Liebe, wenn ein Leben endet? Wer ist man, wenn man seine Heimat verlassen hat und eine fremde Sprache spricht? Zählt die Geschichte – oder vielleicht nur eine Kaffeetasse im Spülbecken, ein letzter Blick in den Spiegel? Und wenn all das entgleitet, kann man die Zeit anhalten?

Ein intensives, bildreiches Kammerspiel, das tief in die existenziellen Fragen des Lebens eintaucht, von der Liebe erzählt und der Unfähigkeit, sie zu verlieren. Ein Buch, das erdet und zugleich schwerelos werden lässt.

»Jaqueline Scheiber lässt uns alles fühlen. Dieses Debüt ist gewaltig!« Eva Reisinger

»Wenn Verletzlichkeit und Selbstbewusstsein miteinander tanzen. Dann sind wir mittendrin in Jaqueline Scheibers Kunst!« Manuel Rubey

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Autoren/Hrsg.


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WACHSEN DIE WORTE ZUSAMMEN


Nach der Arbeit steuerte Balázs geradewegs auf den nächsten Geldautomaten zu. Der Zwanzig-Euro-Schein rutschte aus der Maschine, er ordnete ihn in das Fach der Geldbörse in dem Wissen, dass er keine zwei Querstraßen in seinem Besitz überdauern würde. Er hatte nie viel Geld besessen. Selbst als er einen einigermaßen vernünftig bezahlten Job angenommen hatte, war nichts davon übrig geblieben. Lediglich sein Geschmack wurde teurer. So griff er nicht mehr im Discounter nach dem billigen Löskaffee, wie in den Jahren kurz nach seinem Umzug nach Österreich, sondern ließ sich abgepackte, spezielle Kaffeebohnen aus entfernten Anbaugebieten von seinem Barista des Vertrauens rösten.

Selten fragte ihn jemand nach dem Umzug. Die meisten Menschen, denen er begegnete, bemerkten den Akzent in seiner Aussprache und obwohl er ihren Gesichtern ansah, dass sie ihn nicht zuordnen konnten, würden sie aus Verlegenheit oder Überkorrektheit nicht danach fragen. Gerade in den kreativen, politisch linken Kreisen, in denen sich Balázs mittlerweile bewegte, war es verpönt, Menschen danach zu fragen, woher sie kamen. Er verstand das Tabu, seit ihm ein Freund erklärt hatte, man wolle den Zugezogenen nicht das Gefühl geben, sie würden nicht in die Stadt oder gar das Land gehören, aber manchmal hätte er sich doch gefreut, wenn ihn jemand gefragt hätte.

Dann hätte er erzählt, wie er mit neunzehn erst zögerlich in das angrenzende Dorf hinter dem aufgelassenen Grenzübergang gezogen war und in der Gaststätte, wo einst die Großmutter als Köchin angestellt war, als Kellner gearbeitet hatte. Er hätte von dem netten Ehepaar erzählt, das den Betrieb führte und das ungarische Personal im Gegensatz zu anderen grenznahen Betrieben willkommen hieß. Er hätte gerne seinen Weg skizziert, von diesem verschlafenen Ort bis in die große Stadt. Aber nachdem ihn niemand danach fragte, schwieg er und verschmolz mit seinem Umfeld.

Sobald er es sich leisten konnte, kaufte er Kleidung, die sich als Fair Fashion auswies, T-Shirts aus hundertprozentiger Baumwolle und vegane Lederschuhe. Dabei ging es Balázs nur zu einem geringen Teil um die Arbeitsbedingungen der Angestellten oder dem Material auf der Haut, schließlich hatte er seine gesamte Kindheit und Jugend über nur Kleidung aus Plastik getragen. Balázs kaufte sie aus Statusgründen und weil er zumindest äußerlich zu den hippen Leuten in den Wiener Innenstadtbezirken gehören wollte. Dass ihn das zu einem besseren Menschen machte, war ein netter Nebeneffekt.

Erkannte seine Mutter ein neues Kleidungsstück auf einem seiner Bilder in den sozialen Medien, rief sie ihn an und fragte, wie viel es gekostet habe. Obwohl er ein Drittel des Preises abzog, blieb die Empörung auf der anderen Seite der Leitung groß. Wo er aufgewachsen war, gab es keine Anerkennung für Qualität oder Statussymbole, dazu wirkte die Prägung durch die ehemalige kommunistische Staatsführung zu stark nach – was zählte, war die Funktionalität der Dinge. Gekauft wurde, wenn etwas kaputt und nicht mehr reparabel war.

Balázs war der Älteste von drei Geschwistern. Die Zwillinge Katalin und Blanca waren drei Jahre jünger und ab dem Zeitpunkt ihrer Geburt der Nabel der Familie. Goldblonde Locken, immer fröhlich, unschuldige Gesichter mit blauen Kulleraugen. Balázs fühlte eine Distanz zu den Säuglingen, die er lieben sollte. Obwohl er selbst noch ein Kleinkind war, musste er gespürt haben, dass mit ihrer Geburt eine Veränderung geschehen war, die zu seinem Nachteil war. Auf alten Familienaufnahmen sah man die junge Mutter, wie sie sich in der Badewanne über den einjährigen Balázs beugte und ihm all ihre Aufmerksamkeit und Liebe schenkte. Sie betrachtete ihn, als wäre er ihr größtes Glück. Gäbe es diese Aufnahmen nicht, Balázs hätte nicht geglaubt, dass er jemals erwünscht gewesen war. Selbst der Vater saß mit ihm auf dem Schoß in der Schaukel und sang ihm Lieder vor, während er den kleinen Jungen auf den Armen trug.

Nachdem die Zwillinge aus dem Gröbsten heraus waren und das ohrenbetäubende Geschrei Nacht für Nacht in ihrer Einzimmerwohnung allmählich abnahm, folgte etwas Fieseres: die Hinterlistigkeit. Denn Katalin und Blanca verstanden es schnell, Balázs für all ihre Vergehen verantwortlich zu machen, und auch für die Eltern war es schlüssig, dass der große Bruder grundsätzlich Schuld an allem Übel hatte. Ging ein Spielzeug kaputt: Balázs. Ein Brandloch im Teppich vom heimlichen Zündeln: Balázs. Tomaten an den Fensterscheiben: Balázs. Die Konsequenzen waren unausweichlich und variierten in ihrer Ausführung nur geringfügig. Tritte, Ohrfeigen, Schläge, alles war recht, solange es wehtat. Wenn der Vater in Fahrt kam, jagte er den Siebenjährigen durch den Raum, von außen betrachtet hätte es wie ein spielerisches Fangen zwischen Vater und Sohn anmuten können. Balázs hüpfte auf die Matratze, stürmte am Fernsehkasten vorbei, bog in die Küche und entwischte den Händen des Vaters manchmal nur um ein Haar. Das waren die einzigen Sekunden Triumph, die er auskosten konnte. Denn im Grunde wussten beide, der Jäger und der Gejagte, dass es kein Entkommen gab. Die Zwillinge saßen währenddessen meist auf dem Boden und beobachteten teilnahmslos das Schauspiel. Wenn die Gewalt des Vaters den Falschen traf, wendeten sie den Blick ab.

Einmal im Jahr gab es einen Familienausflug zum „chinai“, wie sie ihn nannten, ein großer Markt in der Nähe von Budapest. Dafür fuhren die Eltern mit den Kindern zusammengepfercht in einem roten VW Golf drei Stunden durch das Landesinnere. Den Markt bestückten in ihren Augen vorwiegend asiatisch aussehende Händler, die gefälschte Markenartikel zu Spottpreisen anboten. Von Parfüm über gebrannte DVDs, die Art, wo mit einer verpixelten Kamera im Kinosaal mitgefilmt wurde, über die neuesten Sneaker von Nike, Adidas und Co. Die Reproduktionen waren nicht besonders gut, die Logos lösten sich schon nach einer Wäsche und die Klebereste hinterließen einen Schatten, der an eine Sehnsucht erinnerte. Doch sie erweckten zumindest den Anschein, offen für die Veränderungen durch den westlichen Einfluss und seine Mode zu sein.

Jedes Kind wurde mit einer Winterjacke und einem Paar Schuhe ausgestattet, auch die Eltern erlaubten sich die ein oder andere Anschaffung in Form eines Pullovers oder einer Tasche. Die mitgebrachte Jause aßen sie auf dem Parkplatz im leeren Kofferraum sitzend, die drei Kinder nebeneinander aufgereiht. Zentimeterdicke Weißbrotscheiben in der Hand, gelbe Paprika und Salami dazwischen geklemmt, manchmal quoll Vajkrém auf die Finger, wenn sie draufbissen. Die Heimfahrt hatte Balázs als beschwerlich in Erinnerung, denn die Nylonsackerl türmten sich auf ihrem Schoß und ragten aus dem Kofferraum. Alle waren erschöpft, es hatte Streit über ein Eis oder das Hello-Kitty-Shirt gegeben und sowohl der Vater als auch die Mutter übersetzten ihre Wut in entnervtes Schweigen. Sobald Balázs also in neuen Schuhen oder einem Shirt mit einem sauber aufgenähten Logo zu sehen war, läutete das Telefon.

„Hast du zu viel Geld?“ Kein Hallo, kein Wie-geht’s-dir. Es ging immer um Geld. Darauf ein kurzer, aber intensiver Schlagabtausch über die Notwendigkeit, neue, aber vor allem teure Anschaffungen zu machen.

Balázs genoss die Tätigkeit des Kaufens. Auch im Supermarkt konnte er Stunden zubringen und sich von Etiketten und Verpackungsdesign betören lassen. Ihm war völlig bewusst, dass vieles davon Marketingzwecken galt, aber ihm verschaffte es Macht, eine Wahl zu haben. Manchmal kaufte er getrüffelten Käse nur, weil er es konnte. Es hieß, es gebe zweierlei Arten, wie man Armutserfahrung verinnerliche. Zum einen, besonders sparsam und genügsam zu sein, aus der tiefsitzenden Angst heraus, dass die Existenz zu jeder Zeit gefährdet war – egal wie viel Erspartes man auf dem Konto hatte. Zum anderen, und das entsprach Balázs’ Natur, jede noch so unbedeutende Summe mit beiden Händen auszugeben, all die unerfüllten Wünsche durch das Kaufen an sich zu besänftigen. In Balázs’ Kopf gab es eine lange Liste an Produkten, die Stück für Stück in seinen Besitz übergehen sollten. Gleichzeitig konnte er damit augenscheinlich einen Anteil von sich zurücklassen, der den Mangel an und in ihm auswies.

Mit Anfang zwanzig entdeckte er seine Leidenschaft für den Film. Da er nie besonders sportlich oder begabt gewesen war, schieden die klassischen Freizeitmöglichkeiten in einem ungarischen Dorf für ihn aus. Man konnte zwischen Fußball oder dem Schwimmverein wählen oder man ahmte in abgeschwächter Form die Tätigkeiten des Vaters nach: in der Autowerkstätte das Werkzeug reichen oder auf dem Hof das Heu unter den Schweinen verteilen. Video- oder Computerspiele waren sowieso kein Thema, einerseits waren die Geräte viel zu teuer, andererseits vertrat Balázs’ Mutter die Auffassung, sie würden die Lernfähigkeit von Kindern im Wachstum behindern. Stattdessen war der Fernseher immer eingeschaltet. Früh morgens, nachdem die Eltern das Haus zur Arbeit verlassen hatten und Balázs sich und die Zwillinge für die Schule fertig machte, saßen sie zu dritt im Pyjama mit einer Schüssel Cornflakes vor dem Kinderprogramm. Zu dieser Zeit hielten Sender wie Cartoon Network oder Viva Einzug in die ungarische Fernsehlandschaft, was den Streit um die Fernbedienung intensivierte. Die Geschwister zankten sich abwechselnd um ungarische Kindheitsklassiker wie Süsü a Sárkány, eine Serie mit Handpuppen über einen Drachen, dessen Abenteuer über dreißig Jahre lang Generationen begeisterte (der Liebling der Zwillinge), und...


Scheiber, Jaqueline
Jaqueline Scheiber, 1993 geboren, im Burgenland aufgewachsen, lebt und arbeitet in Wien. Als Minusgold bekannt geworden, studierte sie Soziale Arbeit und arbeitete bis 2022 mit Suchterkrankten sowie im Kinder- und Jugendschutz. Nach zwei plötzlichen Todesfällen im engsten Umfeld setzte sie sich öffentlich mit junger Trauer auseinander und war Mitbegründerin des Young Widow_ers Dinner Club. Sie veröffentlichte vier Bücher, u. a. »Ungeschönt« (Piper 2023) und »Offenheit« (Kremayr & Scheriau 2020). »Dreimeterdreißig« ist ihr erster Roman.



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