Scheffel | Nelli und der Nebelort | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Scheffel Nelli und der Nebelort


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86274-032-1
Verlag: Oetinger
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-86274-032-1
Verlag: Oetinger
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Auf der Suche nach ihrem Seemannspapa reisen Nelli und ihre Mutter Ava mit einem bunten Bus durchs Land. Eines Tages bringt ein fliegender Briefträger Nelli und Ava vom Weg ab und führt sie hinter eine Nebelwand zum seltsamsten Ort, an dem Nelli je war. Hier ist alles gepolstert und gesichert. Es gibt tausend Verbotsschilder und lauter ängstliche Menschen. Plötzlich verschwindet Ava spurlos. Und Nelli findet heraus, dass ihre Mutter nicht die Erste ist, die hier abhanden gekommen ist. Jeder, der gegen die Regeln verstößt, verschwindet. Einfach so. Aber wohin? Annika Scheffels 'Nelli und der der Nebelort' ist ihr Kinderbuchdebüt mit einer hinreißend neugierigen Heldin.

Annika Scheffel, 1983 in Hannover geboren, ist Prosa- und Drehbuchautorin. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit einem Stipendium der Drehbuchwerkstatt München und dem Förderpreis zum Grimmelshausen-Preis. NELLY UND DER NEBELORT ist ihr Kinderbuchdebüt und ihr erstes Buch bei Oetinger.

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Drittes Kapitel
Die Zwillinge und der Streifenmensch Heute ist der Tag, an dem das große Abenteuer so richtig beginnt. Angefangen hat es vielleicht schon vor ein paar Jahren. Mit Erics Verschwinden oder mit Nellis Geburt oder so. Aber heute ist der Tag, an dem Nelli merkt, dass sie mitten in einem Abenteuer steckt. Wie fast immer, kurz bevor ein Abenteuer beginnt, fühlt sich alles ganz normal an. Es ist irgendein Tag in irgendeinem Mai. Es ist der erste warme Frühlingstag. Ava und Nelli und Jupiter sind gerade in einem kleinen Ort angekommen. Einem Ort am Meer. Das ist nichts Besonderes, das mit dem Meer. Ava und Nelli und Jupiter reisen immer in Orte am Wasser, an Seen, Ozeanen, an Meeren. Logischerweise können sie Eric, den Seemannspapa, nur am Meer finden. Er kann ja nicht an Land mit seinem Boot. Wie immer parkt Ava den Bus. Dann teilen sie sich auf. Jupiter springt die Wendeltreppe hoch, auf das Busdach, um Vögel zu beobachten, Flüge zu studieren. Ava geht los, um sich einen Überblick zu verschaffen. Einen Überblick verschaffen bedeutet, dass Ava sich den Ort ansieht. Sie sucht nach Spuren von Eric, nach Zeichen, dass er hier ist oder wenigstens hier war. Sie fragt Menschen, sie zeigt ihnen Nellis Bild, die Gitarre. Meistens schütteln die Menschen dann den Kopf. Manchmal gucken sie eine Weile an Ava vorbei in die Luft. Dann sagen sie, dass sie Eric vielleicht mal gesehen haben. Irgendwo. Die Menschen erinnern sich nie, wo das war. Ava sucht in jedem Ort so lange, bis es keine Spuren mehr gibt, niemanden, der irgendetwas weiß. In großen Orten dauert die Suche lange. Dieser Ort ist ein kleiner Ort. Also hat Nelli heute nicht so viel Zeit. Nelli sucht auch. Nelli sucht jemanden zum Spielen. Sie findet einen Zwillingsjungen und ein Zwillingsmädchen, die auf einer Bank sitzen und auf ihren Papa warten. Der Papa hat ein T-Shirt mit Loch im Rücken und kauft sich gerade eine Zeitung. Das Zwillingsmädchen sagt zum Zwillingsjungen: »Mir ist langweilig!« Der Zwillingsjunge nickt. »Mir auch.« Nelli kann richtig sehen, wie langweilig den beiden ist. Den Zwillingen ist so langweilig, dass sie gähnen müssen. Und das Zwillingsmädchen hat schon einen ganz glasigen Blick. Nelli zögert nicht lange, sie setzt sich zu den beiden auf die Bank. Sie ist ein bisschen aufgeregt. Weil sie ja noch nicht weiß, ob die Zwillinge überhaupt Lust haben, mit ihr zu spielen. Wegen der Aufregung muss Nelli ganz schnell sprechen: »Hallo, habt ihr Lust, schwimmen zu gehen oder eine Sandburg zu bauen oder aus einem Strandkorb eine Höhle zu machen?« Der Zwillingsjunge sieht das Zwillingsmädchen an, das Zwillingsmädchen nickt. Dann lachen sie, und dann sagen sie, ganz genau gleichzeitig, als ob sie nur eine Stimme hätten: »Super! Das machen wir. Das machen wir alles!« Und dann laufen sie zum Strand runter, und der Zwillingspapa ruft ihnen hinterher, dass das Wasser zu kalt ist, jetzt, im Mai. Aber da sind die drei schon in den Wellen.   Es stimmt zwar, das Wasser ist ziemlich kalt, aber wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, ist es in Ordnung. Nelli spielt mit den Zwillingen, dass ein Hai sie angreift. Dann spielen sie, dass sie Schiffbrüchige sind, und dann hört Nelli auf zu kreischen und bleibt ganz still stehen und sieht aufs Meer. Nelli hält Ausschau nach Eric. Kann ja sein, dass er gerade abfährt oder ankommt. »Hey!«, ruft das Zwillingsmädchen. »Du musst dich beeilen, wenn du noch aufs Rettungsboot willst. Da hinten kommt nämlich eine riesige Welle, und die drückt dich unter Wasser. Also schnell!« Die Zwillinge ziehen Nelli auf ihr Rettungsboot, das eigentlich eine löchrige Luftmatratze ist, und Nelli vergisst Eric wieder. Als sie genug Schiffbrüchig gespielt haben, bauen sie eine Sandburg. Die Sandburg ist so hoch wie Nelli zweimal übereinandergestapelt. Was natürlich nicht geht, weil es Nelli nur einmal gibt. »Du bist einmalig, Nelli!«, sagt Ava immer. Jedenfalls ist die Burg sehr hoch, und sie hat vier Türme und unzählige Geheimgänge, die das Zwillingsmädchen zu zählen versucht, weil sie ihrer Mama alles genau berichten möchte. Die Mama der Zwillinge ist zu Hause geblieben, in der Stadt. »Mama braucht heute mal Zeit für sich«, sagt der Zwillingsjunge. Nelli versteht nicht genau, was er meint, schließlich hat jeder doch seine eigene Zeit, Nelli und Ava und Jupiter und die Zwillinge und ihre Mama. Aber Nelli fragt nicht nach, weil sie jetzt aus einem Strandkorb eine Höhle machen wollen, und da stellen sich viel wichtigere Fragen. Zum Beispiel müssen sie erst mal einen Strandkorb finden, in dem niemand sitzt. Der Zwillingsjunge denkt erst, er hat einen, aber als sie hineinklettern wollen, stoßen sie gegen etwas Weiches. Wenn man genau hinschaut, und das tun Nelli und die Zwillinge jetzt, sitzt in dem blau-weiß gestreiften Strandkorb ein Mensch in einem blau-weiß gestreiften Schwimmanzug, mit einer blau-weiß gestreiften Badekappe und blau-weiß gestreiften Gummistiefeln. Der blau-weiß gestreifte Mensch schläft. »Zum Glück!«, flüstert das Zwillingsmädchen. »So ein Streifenmensch ist mir noch nie begegnet«, sagt Nelli, und die Zwillinge sagen, dass sie jemanden, der so über und über gestreift ist, auch noch nie gesehen haben. »Bis auf das Zebra!«, sagt der Zwillingsjunge, aber Nelli und das Zwillingsmädchen sind sich einig, dass das nicht zählt. Weil Zebras nicht in Strandkörben sitzen. Und weil sie außerdem ja gar keine Menschen sind, sondern eben Zebras. »Entschuldigung«, sagt hinter ihnen eine Stimme, gerade als sie anfangen wollen, sich wegen des Zebras zu streiten. Die drei drehen sich um. Vor ihnen steht der Streifenmensch. Er sieht müde aus und freundlich. »Ich glaube, ihr wolltet gerade eine Höhle aus meinem Strandkorb bauen«, sagt der Streifenmensch. »Nein!«, sagen die Zwillinge im Chor. »Doch!«, sagt Nelli, ungefähr eine Sekunde später. »Also, wenn ihr mögt«, sagt der Streifenmensch, »ich wollte ohnehin gerade ins Wasser zurück, ich habe mich genug ausgeruht.« Nelli bedankt sich, die Zwillinge starren den Streifenmensch an, der jetzt aus seinen Gummistiefeln hinaus- und in Schwimmflossen hineinschlüpft. Die Schwimmflossen sind blau-weiß gestreift, ist ja klar. »Baut eine schöne Höhle«, sagt der Streifenmensch. »Und vergesst die Dachluke nicht!« Dann stapft er durch den feinen Sand zum Meer. Er nimmt eine elegante Bogenhaltung ein, er springt kopfüber ins Wasser. »Autsch!«, sagt der Zwillingsjunge. »Jetzt hat er sich bestimmt den Kopf gestoßen!«, sagt das Zwillingsmädchen. »Glaube ich nicht«, sagt Nelli. Und tatsächlich taucht der Streifenmensch in diesem Moment prustend wieder auf, winkt den dreien fröhlich zu und schwimmt dann los. Er schwimmt in Richtung Horizont. Dahin, wo Himmel und Meer sich treffen und Menschen nie ankommen. »Woher wusstest du das?«, fragt der Zwillingsjunge. »Dass er sich nicht stößt?« Nelli zuckt die Schultern. Sie hat keine Lust zu erklären, dass sie schon sehr viel gesehen hat. Eigentlich alles hat sie gesehen auf ihren Reisen mit Ava. Echte Zebras und Häuser aus Eis und Menschen, die in riesigen Türmen wohnen, und Menschen, die vor allem Angst haben, und welche, die sich vor nichts fürchten. Nelli hat schon Bären gesehen und Kaulquappen und Heißluftballons und mindestens einundzwanzig Zirkuszelte. Und sie ist Menschen begegnet, die etwas verdammt gerne wollten, die etwas so sehr wollten, dass ihnen der Wunsch aus dem Bauch oder Kopf herausflog und sichtbar und wahr wurde. Nelli hat gleich gesehen, dass der Streifenmensch jemand war, der weit schwimmen wollte. Und jemand, der wirklich weit schwimmen will, der stößt sich nicht gleich beim Losschwimmen den Kopf. Aber wie soll sie den Zwillingen das erklären? »Er wollte sich nicht den Kopf stoßen«, sagt Nelli. »Er wollte schwimmen.« Die Zwillinge nicken. Sie haben verstanden. Eine Weile sehen sie dem Streifenmenschen zu, so lange, bis er weit weg ist, bis er nur noch ein Punkt ist. »Können wir jetzt die Höhle bauen?«, fragt das Zwillingsmädchen. »Mir wird nämlich wieder ein bisschen langweilig.« Also bauen sie eine Höhle aus dem blau-weißen Strandkorb. Eine Höhle mit Fenstern und Tür und Geheimfach und Tisch und Fernrohr und mit Dachluke. Gerade als sie ausprobieren wollen, ob man mit dem Fernrohr durch die Dachluke bis zum Papa der Zwillinge gucken kann, taucht Ava auf. »Nelli, Schatz, komm bitte.« Nelli seufzt nicht, Nelli sagt nicht, dass sie noch weiterspielen möchte, mindestens bis zum Abend. Sie weiß, dass das nichts bringt. Wenn Ava loswill, dann hält sie nichts. »Tut mir leid«, sagt Nelli. »Es war sehr schön, mit euch schiffbrüchig zu sein und die Sandburg zu bauen und die Höhle.« Die Zwillinge sind traurig. »Aber morgen spielen wir weiter, ja?«, fragt der Zwillingsjunge. Nelli schüttelt den Kopf. »Wir fahren jetzt, Mama und Jupiter und ich.« Die Zwillinge wollen unbedingt wissen, wohin. Nelli sagt, was sie immer sagt, wenn sie nach dem Wohin gefragt wird: »Überallhin.« Die Zwillinge möchten wissen, wo das ist. Nelli weiß es nicht. »Auf jeden Fall nirgendwo, wo wir schon waren.« Die Zwillinge wollen Nellis Adresse. Sie möchten Nelli eine Postkarte schicken, oder besser noch einen Brief, einen Brief mit einem Foto von der fertigen Höhle, mit einem Foto aus der Dachluke heraus. Aber Nelli hat keine Adresse. »Macht es gut!«, sagt sie. Nelli klettert aus der Höhle, sie geht den Strand hinunter, sie sieht sich noch einmal um, aber die Zwillinge sind schon wieder im Strandkorb...


Annika Scheffel, 1983 in Hannover geboren, ist Prosa- und Drehbuchautorin. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit einem Stipendium der Drehbuchwerkstatt München und dem Förderpreis zum Grimmelshausen-Preis. NELLY UND DER NEBELORT ist ihr Kinderbuchdebüt und ihr erstes Buch bei Oetinger.



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