Scheerbart | Rakkóx der Billionär | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 149 Seiten

Scheerbart Rakkóx der Billionär


1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2722-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 149 Seiten

ISBN: 978-80-272-2722-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In 'Rakkóx der Billionär' von Paul Scheerbart taucht der Leser in eine bemerkenswerte Welt ein, in der die Schwerkraft aufgehoben ist und phantastische Maschinen und Kreaturen existieren. Scheerbart's Buch ist eine Mischung aus Science-Fiction, Satire und Utopie, die den Leser mit ihrer visionären Erzählweise fesselt. Das Werk spiegelt den literarischen Stil des frühen 20. Jahrhunderts wider und bricht mit den Konventionen seiner Zeit, indem es eine Welt jenseits der Realität entwirft. Scheerbart's Experimentieren mit Sprache und Ideen macht 'Rakkóx der Billionär' zu einem einzigartigen Leseerlebnis. Paul Scheerbart, ein deutscher Schriftsteller und Zeichner, war bekannt für seine avantgardistischen Werke, die sich oft mit technologischen und utopischen Themen auseinandersetzten. Scheerbart's Interesse an Innovation und Fantasie spiegelt sich deutlich in 'Rakkóx der Billionär' wider, wo er eine faszinierende Welt jenseits der Vorstellungskraft des Lesers erschafft. Seine unkonventionelle Denkweise und sein kreativer Geist prägen das Buch und machen es zu einem Meisterwerk der deutschen Literatur. 'Rakkóx der Billionär' ist ein Muss für alle, die sich für Science-Fiction, Utopie und avantgardistische Literatur interessieren. Scheerbart's Meisterwerk bietet eine unvergleichliche Leseerfahrung, die den Leser in eine Welt voller phantastischer Ideen und futuristischer Visionen entführt. Tauchen Sie ein in die kreative Genialität von Paul Scheerbart und lassen Sie sich von 'Rakkóx der Billionär' inspirieren und faszinieren.

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Die Geschichte einer Erfindung


»Je größer die Verzweiflung – um so näher ist man den Göttern. Die Götter wollen uns zwingen, dem Grandiosen immer näher zu kommen. Und sie haben kein anderes Mittel zum Zwingen – als die Misere. Nur in der Misere wachsen die großen Hoffnungen und die großen Zukunftspläne.«

Diese Sätze hielt ich lange Zeit hindurch wie ein Glaubensbekenntnis fest. Aber dieses Glaubensbekenntnis sollte mal eine starke Erschütterung erleben.

Und das kam so:

Am 27. Dezember 1907 dachte ich über kleine Geschichten nach, in denen etwas Neues – Verblüffendes – Groteskes – vorkommen sollte. Ich dachte an die Zukunft der Kanonen, die mir als Transportapparate sehr nützlich erschienen; ich glaubte, daß abgeschossene Waren mit automatisch sich öffnender Fallschirmvorrichtung ganz bequem wieder zur Erde herunterkommen könnten.

Und ich stellte mir danach die ganze Erdluft von Drahtseilbahnen, durchspannt vor. Besonders sympathisch wirkten auf

mich die Drahtseilbahnen, die von ganz hohen Bergen herunterkamen. Ich dachte an Ballons als Seilbahnträger bei Nordpolfahrten und dann an Riesenräder, die auf allen Landbahnen nach meiner Meinung viel schneller dahinrollen könnten als die jetzt gebräuchlichen kleinen Räder.

Dabei schien es mir nur natürlich, den Wagen ins Rad zu setzen. Das war jedenfalls etwas Neues.

Ich stellte mir das große Doppelrad a speichenlos vor (Fig. 1) und hing den Wagen R an die Doppelräder b und c, die in der Doppelstange f g befestigt wurden. Die Räder d und e waren zur Sicherheit da, damit b und c nicht von a runterfallen konnte. Wurde nun a geschoben, so bewegten sich die kleinen Räder auch. Alle Räder konnten natürlich auch Zahnräder sein.

Hing ich nun aber an f ein Gewicht L, das dem Gewicht von R nicht viel nachgab, so ergab sich (Fig. 2) die Bewegung aller Räder in der angegebenen Pfeilrichtung. Und zwar: das ganze System bewegte sich nur durch Gewichtsauflage – das Perpetuum mobile war nach meiner Meinung fertig.

»Durch Gewichte bewegtes Zahnrad« nannte ich die Geschichte. Ich sagte mir: die Anziehungskraft der Erde ist eine perpetuierliche, und diese perpetuierliche Anziehungsarbeit läßt sich durch aufeinander gestellte Räder in perpetuierliche Bewegung umsetzen.

Daß jeder Physiker widersprechen würde, wußte ich sehr genau. Aber darin bestand ja ein Hauptreiz für mich. Die Physiker waren mir immer verhaßt. Was ging mich Robert Mayer – und das Gesetz von der Erhaltung der Energie an?

Wohl schien mir gleich etwas fraglich, ob Rad c auch in der Pfeilrichtung sich bewegen würde. Aber ich dachte nun zunächst nicht weiter über die Sache nach und glaubte, c würde schon mitgerissen werden.

Wenn ich a auf zwei andere feststehende Räder v und w setzte (Fig. 3), war die durch Gewichte bewegte Baggermaschine fertig. Mit der ließen sich Kanäle bauen – man brauchte nur 100 000 Räder in Bewegung zu setzen – und in drei Tagen wäre ein Kanal Berlin-Paris fertig.

Die Verdoppelung der Marskanäle war somit erklärt: die Marsbewohner hatten eben bereits das Perpetuum mobile entdeckt.

Dieses alles hatte ich in ein paar Stunden zusammengedacht – und da wurde denn meine Phantasie etwas wild. Und es gelang mir vorläufig nicht, die drei Zeichnungen genauer zu prüfen.

Ich dachte: so einfach wird ja die Sache jedenfalls nicht sein – aber gehen wird’s schließlich doch.

Und wenn ich auch des Morgens immer zweifelte, so war ich doch des Abends immer wieder fest davon überzeugt.

Und ich zeichnete in den nächsten Tagen ein paar hundert Räder – eigentlich immer wieder dasselbe.

Die Sache kam mir zuweilen sehr spaßhaft vor.

»Wer hätte das gedacht,« sagte ich öfters, »daß ich noch mal das Perpetuum mobile erfinden würde. Dadurch ist ja die Menschheit von aller Arbeit erlöst. Der Stern Erde arbeitet für uns. Die von mir so viel gepriesene Misere hat ein Ende.«

Ich ließ mir dann beim Klempner ein paar Blechräder herstellen und kaufte mir auch andre Räder. Das Modell war aber so klein, daß sich alle Räder gar nicht ordentlich bewegen wollten. Und ich kam gar nicht dazu, Gewichte anzubringen. Ich war zu ungeschickt.

Diese ersten mißglückten Versuche hielten mich aber nicht ab, mit die weiteren

Ronsequenzen der großen Entdeckung auszumalen, an die ich, wie ich schon sagte, Morgens immer zweifelte und Abends immer glaubte. Das Rad c kam mir öfters sehr bedenklich vor.

Ein paar Notizen aus jener Zeit werden meinen damaligen Zustand sehr deutlich machen:

7. Januar 1908

Das ganze Potentatenspiel ist gar nichts gegen diese Radgeschichte. Sie macht Alles möglich – besonders eine elektrische Beleuchtung in der Nacht, daß Alles starr sein wird. Diese Lichtgeschichte ist kaum auszudenken. Man kann ja verschwenderisch mit der Elektrizität umgehen und in allen Farben immerzu Alles illuminieren -überall – wo man geht und steht.

8. Januar 1908

Wie sich die Luftschiffer freuen werden über die Lichtmassen. Alle Kirchtürme können ja von oben bis unten mit Licht überschwemmt werden. Ganz große Berge lassen sich ebenso illuminieren. Und dann die leuchtenden Wagen und die Hausdächer und die kolossalen Lichtstraßen – und
die Kanalufer …

Dazu kommt noch die Durchleuchtung des Wassers, das ja so durchleuchtet werden kann, daß die Fische gar nicht aus dem Staunen rauskommen könnten.

Was nur die andern Planetenbewohner dazu sagen werden, wenn sie die Nachtseite der Erde so fabelhaft erleuchtet sehen!

Das muß doch ein Ereignis in unserm Sonnensystem genannt werden!

Schließlich brauchen wir die Sonne gar nicht mehr …

9. Januar 1908

Ich sehe Tag und Nacht immerfort Räder vor meinen Augen – was ich auch daneben sonst noch denken mag – immer Räder -Räder – es ist beinah unheimlich.

Ich glaube nicht mehr, daß ich das alles mache – das macht ein Andrer in mir. Ich beschäftige mich einfach wider meinen Willen mit dem alten Problem. Vielleicht ist dieser passive Zustand für alle Künstler und Erfinder das beste – dann kann der Andre in uns am leichtesten wirksam werden.

Mich beschäftigen jetzt auch immerzu die großen Bauten, die da kommen werden.

Architektonische Behandlung der Gebirgspartieen wäre jetzt nicht mehr utopisch wenn das Rad geht.

Immer wieder dieses komische Wenn!

Jedenfalls sind die Utopien unter den Tisch gefallen -wenn‘ s geht.

Überhaupt: mit den Utopien hat sich die Menschheit ein bißchen blamiert – ein paar Räder bringen eine größere Revolution hervor als sämtliche Denkerköpfe der Menschheit zusammen.

Ob wohl jemand eine Utopie schreiben möchte, die 100 Jahre nach der endgültigen Erfindung des Perpetuum mobile spielt?

Dreist genug sind manche Leute; es gibt so viele übermütige Leute, die noch niemals Furcht vor der Blamage gezeigt haben

12. Januar 1908

Mit meinem Modell ist nichts anzufangen. Das behindert aber den Strom meiner Phantasie nicht im mindesten. Ich bedaure nur, daß mein Glaubensbekenntnis von

der entwicklungsfördernden Misere so heftig ins Schwanken kommt.

13. Januar 1908.

Kanalbauten in der Sahara könnten doch die ganze Wüste fruchtbar machen.

Überhaupt: Wenn man allen Flüssen der Erde beliebige neue Wege anweisen könnte, so wäre doch eine fabelhafte Steigerung der irdischen Fruchtbarkeit zu erzielen.

Also: Wüstenkultur im großen Stil.

Dagegen ist der Panamakanal eine Bagatelle.

Es lohnt kaum, darüber zu sprechen …

Wie ich lachen werde -wenn’s geht …

Aber vielleicht lach ich auch nicht.

Es liegt etwas Dilettantisches darin, wenn man alles gleich in Wirklichkeit ausgeführt sehen will.

Ludwig II., der in Lohengrinrüstung auf seinem künstlichen See herumfahren mußte, um die ganze Lohengrinstimmung auszukosten, kam mir immer fürchterlich vor.

Es liegt etwas Armseliges in denen, die alles wirklich haben wollen.

14. Januar 1908.

Früher – einst – versetzte man Uhren.

Jetzt – kann man Berge versetzen.

So könnte man auch sagen – wenn das Rad geht – was ja noch nicht feststeht.

Vorläufig steht’s.

Aber wenn’s erst geht, ist tatsächlich Alles möglich. Vielleicht haben die Marsbewohner mit ihrem Perpeh bereits alle ihre Berge abgeschaufelt.

Vielleicht – machen wir das auch.

Schön wär’s ja nicht, wenn alle Gebirge auf der Erde verschwänden – im Gegenteil – ich halte die Idee für entsetzlich.

Aber – vielleicht ist es praktisch.

Man könnte dann Dämme bauen mitten durch den atlantischen Ozean und mitten durch den stillen Ozean.

Und man könnte auch die Ostsee und das mittelländische Meer ausschöpfen.

Das ist alles absolut nicht unmöglich,
wenn das Rad geht

15. Januar 1908

Man dachte mal daran, die Linien des
pythagoräischen Lehrsatzes in den Sand
der Sahara in Kolossaldimensionen einzu
graben, um den Marsbewohnern ein ver-

ständliches Zeichen zu geben – vielleicht denkt man jetzt daran, die Linien des Per-peh in sieben Meilen starker Breite als Lichtstreifen in die Sahara zu setzen.

Drollig ist es nur, daß diese Linien noch gar nicht feststehen –...



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