E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Wiederentdeckte Schätze der deutschsprachigen Science Fiction
Scheerbart / Frey Die große Revolution / Lesabéndio
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-949452-41-3
Verlag: Hirnkost
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Wiederentdeckte Schätze der deutschsprachigen Science Fiction
ISBN: 978-3-949452-41-3
Verlag: Hirnkost
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Carl Wilhelm Scheerbart (1863-1915) war Schriftsteller überwiegend fantastischer Literatur und Zeichner. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte und versuchte, das Perpetuum mobile zu erfinden. 1892 gründete er den »Verlag deutscher Fantasten«. Nach verschiedenen Veröffentlichungen verschaffte ihm sein Roman »Die große Revolution«, der 1902 im Insel Verlag erschien, Anerkennung in literarischen Kreisen, allerdings ohne nennenswerte Verkaufszahlen zu erreichen. Trotz weiterer Förderer - wie Ernst Rowohlt, der 1909 Scheerbarts skurrile Gedichtsammlung »Katerpoesie« als eines der ersten Bücher des Rowohlt Verlags verlegte - blieb er zeitlebens in finanziellen Schwierigkeiten. Scheerbarts phantasievolle Aufsätze über Glasarchitektur beeinflussten die damaligen jungen Architekten wie Bruno Taut, aber auch Walter Benjamins Passagen-Werk. Benjamin verfasste bereits 1917 einen bewundernden Essay über »Lesabéndio«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Krieg dem Kriege im magischen Spiegel
Vorwort von Michael Marrak
Ich landete also auf dem Monde, setzte mich, um ein wenig auszuruhen, nieder und beschaute so von oben herab die Erde (…). Diese Mannigfaltigkeit des Anblickes gewährte mir ein ausnehmendes Vergnügen.
Lukian von Samosata, Ikaromenippus oder Die Luftreise (etwa 160 n. Chr.)
Bei seinen Bewohnern handelte es sich um Männer, Frauen, Tiere, Vögel, Fische und Insekten derselben Gattungen wie bei uns, ohne Ausnahme: Die Männer nicht größer, besser oder klüger als hier; die Frauen nicht schöner oder aufrichtiger als bei uns. Dieselbe Sonne scheint für sie, die Planeten stellen sich für sie ebenso dar wie für uns. Unsere Welt ist ihr Mond und ihre Welt unser Mond.
Daniel Defoe, Der Konsolidator oder Erinnerungen an mannigfaltige Begegnungen mit der Welt des Mondes (1705)
Spätestens seitdem der erste Mensch vor über einem halben Jahrhundert im Meer der Ruhe gelandet ist und Neil Armstrong seinen ikonischen Fußabdruck im Mondstaub hinterlassen hat, wissen wir: Die Oberfläche unseres Trabanten ist eine karge, graue, kratervernarbte Ödnis ohne Leben, zertrümmert von Millionen und Abermillionen kosmischer Geschosse, deren Einschlagswucht von keiner Atmosphäre gemildert wurde. In etwa so groß wie die Landmasse von Europa und Afrika zusammen, steigt die Temperatur auf ihr während des zwei Wochen währenden Mondtages auf bis zu 130 Grad Celsius, wohingegen sie auf der sonnenabgewandten Seite auf bis zu minus 160 Grad Celsius fällt. Das Volumen der dünnen Gashülle unseres Trabanten entspricht unter irdischen Bedingungen einem Würfel von 64 Kubikmetern Größe. Der Mondhimmel ist schwarz, und es herrscht ewige Stille – doch das war nicht immer so …
Meine Erinnerungen an frühe Science-Fiction-Literatur sind geprägt von Geschichten, in denen die Fantasie der Autoren wilde Blüten trieb und jeder Planet unseres Sonnensystems Leben, eine Biosphäre oder gar eine Zivilisation fremdartiger Geschöpfe beherbergte, selbst der ferne Pluto, die Asteroiden oder unser Mond. Und bekamen die abenteuerlustigen Raumfahrer von der Erde es nicht direkt mit Letzteren zu tun, so konnten doch zumindest noch die Ruinen jener geheimnisvollen außerirdischen Völker erforscht werden, wie etwa in Wolf Detlef Rohrs Roman In den Geisterstädten des Merkur (1953), Ray Bradburys Die Mars-Chroniken (1950), Ben Bovas Die dunklen Wüsten des Titan (1972) oder Stanislaw Lems Die Astronauten (1973), worin die zu dieser Zeit fast schon anachronistisch anmutende Erkundung der Venus und ihrer Ruinen beschrieben wird.
Allen fernen Welten des Sonnensystems voraus war, ist und bleibt in dieser Hinsicht jedoch unser Mond. Die Gründe sind im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend.
Seit unsereins auf Erden wandelt, beflügelt der Mond unsere Fantasie, begeistert und ängstigt uns, lässt uns beten, träumen, bewundern, staunen und fürchten. Blickten die Menschen der Frühzeit und der ersten Hochkulturen in den Himmel, sahen sie jedoch nicht zu einem Mond auf, sondern zu einem Gott oder einer Göttin. Luna und Selene mögen heute die Bekanntesten unter ihnen sein. In anderen Kulturen hieß er Isis, Bendis, Nanna, Artemis, Thot, Tecciztecatl, Mani oder Morrigan. An eine ferne Zivilisation dachte dereinst freilich noch niemand. Die Oberfläche klassischer Gottheiten war weder aus mythologischer noch aus literarischer Sicht bewohnt, schon gar nicht von Menschen. Allenfalls tummelten sich in ihrer Peripherie Untergottheiten oder namenlose übermenschliche Dienerwesen.
Der Paradigmenwechsel nebst Götterdämmerung setzte ein, als sich die mannigfaltigen himmlischen Entitäten im Laufe der Jahrtausende in einen ›wahrhaftigen Körper des Himmelszeltes‹ verwandelten und letztendlich zu einem die Erde umkreisenden Mond verschmolzen.
Früheste Reisen zu unserem astronomischen Begleiter waren vom damaligen Weltbild der Menschen und den vorstellbaren Möglichkeiten einer solch fantastischen Himmelsfahrt geprägt. Entweder bereisten die Protagonisten das Sonnensystem nebst Besuch des Mondes dem Ikarus gleich mithilfe (amputierter) Greifvogelschwingen wie in Ikaromenippus oder Die Luftreise des syrischrömischen Satirikers Lukian von Samosata, der um das Jahr 160 n. Chr. die erste uns bekannte Reise zum Mond beschrieb. Oder man träumte sich in einer wundersamen Maschine hinauf zum Mondland wie anderthalb Jahrtausende später der Erzähler in Daniel Defoes Roman Der Konsolidator oder Erinnerungen an mannigfaltige Begegnungen mit der Welt des Mondes (1705).
In späteren Werken gelang die Reise zu unserem Trabanten auch mittels Ballon (Edgar Allan Poe, Das unvergleichliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall, 1835), riesigem Geschoss (Jules Verne, Von der Erde zum Mond, 1865), Sonnentau in Flaschen (Cyrano de Bergerac, Die Reise zu den Mondstaaten, 1657) oder gar mithilfe einer rasant wachsenden Bohnenranke wie in Gottfried August Bürgers Lügengeschichtensammlung Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande – Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen von 1786.
Für die wahre Würze in frühen SF-Geschichten sorgen unzweifelhaft außerirdische Biosphären und – im Idealfall – die darin anzutreffenden Zivilisationen oder ihre Relikte.
Zu einer Zeit, als es noch nicht möglich war, mittels Pumpen ein Vakuum zu erzeugen, formulierte der französische Schriftsteller und Humanist François Rabelais um das Jahr 1530 herum die Phrase Natura abhorret vacuum, die Natur verabscheut das Nichts. Daraus entwickelte sich der auch heute noch gebräuchliche Horror vacui, die Angst vor der Leere.
Es mag nicht unbedingt das Zurückschrecken der Natur vor der Leere gewesen sein, das Autoren früher SF-Werke den Mond als Hort überbordenden Lebens, der Artenfülle und der Zivilisationen hatte beschreiben lassen, sondern die ewige Sehnsucht nach Fremde und Exotik.
So mögen uns die ersten Sätze von Paul Scheerbarts Roman Die große Revolution heute, 120 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, angesichts des heutigen Wissensstands naiv und realitätsfern, ja geradezu traumtänzerisch erscheinen, wenn er da schreibt:
Auf dem Monde war’s Nacht. Und die dicke Luft war ganz still. Und die Goldkäfer saßen auf den dunklen Moosfeldern und leuchteten – so wie die Sterne am schwarzen Himmel leuchteten. (…) Und fünf Mondmänner schwebten über den Moosfeldern und leuchteten auch – aber so wie Kugeln von Phosphor.
Doch trotz aller Sprachfülle und des Ideenreichtums sind seine zu Beginn des 20. Jahrhunderts erdachten Geschichten aus historischer Sicht fast nur noch ein fantastisches Nachglühen.
Den Grundstein für die erst dreizehn Jahrhunderte später mit Ludovico Ariostos Orlando Furioso (1516) zaghaft aufblühende Space Fantasy und Retro-SF legte im 2. Jahrhundert nach Christus erneut der Satiriker Lukian. Er beschreibt in seiner Burleske Wahre Geschichten erstmals das Zusammentreffen mit einer extraterrestrischen Zivilisation von Mondmenschen, was ihn für nicht wenige zum ersten Science-Fiction-Autor der Welt macht, ein Prädikat, das bisher noch immer Mary Shelley für ihr 1818 erschienenes Werk Frankenstein oder Der neue Prometheus zugesprochen wird, dicht gefolgt von Jules Verne.
In den Wahren Geschichten gerät ein Segelschiff in einen gewaltigen Sturm, bei dessen Wüten es aus dem Meer gehoben und bis zu unserem Trabanten getrieben wird. Dort trifft die Crew auf Mondwesen, haarlose Geschöpfe mit nur einem Zeh und Grasbüscheln statt Ohren, deren Nachwuchs an den Waden der Männer wächst, weil es keine Frauen gibt.
Schon bald gerät die Besatzung »in einen wahren Krieg der Sterne«, wie es Sebastian Fischer von der Nordwestzeitung in seinem Artikel »Was Tim und Struppi Neil Armstrong voraus hatten« formuliert; eine Schlacht zwischen den Armeen des Mondkönigs und denen des Sonnenherrschers um den Planeten Venus.
Trotz des kosmischen Konflikts, außerirdischer Rassen, fortschrittlicher Technik und einer bizarren lunaren Fauna und Flora wird Lukians Abenteuer nur der sogenannten Proto-Science-Fiction zugeordnet, erklärt 1E9-Redakteur Michael Förtsch in seinem Artikel »Schrieb ein römischer Autor die erste Science-Fiction-Geschichte?« – mangels Einfluss von Wissenschaft und Technik als gesellschaftsbestimmenden Faktoren.
Romane und Erzählungen, in denen Mondzivilisationen oder gar Mondbiosphären beschrieben werden, ziehen sich durch die gesamte fantastische Literatur, wobei sich der Blick der Autoren auf die mannigfaltigen Mondgesellschaften wie bei Scheerbart oft auch als kritischer, teils zynischer, teils satirischer Blick in den Spiegel entpuppt. Ein Aspekt, der sicher der Nähe beider Himmelskörper zueinander geschuldet ist. Johannes Keplers Somnia...




