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E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Scheer Zweite Chance


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-3487-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-7526-3487-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Journalist Harry Löwe hat das Gefühl, alles zu verlieren. Er kann nicht mehr arbeiten und glaubt, auch nicht mehr lieben zu können. Erst ein neuer Job als Handwerker hilft ihm aus seinem Tief heraus - und in ein neues Leben hinein. Ein Leben, das niemals frei von den Schatten der Vergangenheit ist, aber dennoch ein Gutes werden kann.

ROBERT SCHEER wurde 1973 in Carei, Rumänien geboren. Seine Muttersprache ist Ungarisch. 1985 emigrierte er mit seiner Familie nach Israel. Nach einer abgebrochenen Karriere als Rockmusiker studierte er Philosophie in Haifa und Tübingen. Seit 2003 lebt er in Tübingen. Weiteres zum Autor unter www.robertscheer.de

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TEIL 1
1
Harry Löwe räusperte sich. »Herzlichen Dank an die Jury für den Journalistenpreis. Ha! Unglaublich. Es gab Zeiten, in denen ich von diesem Preis geträumt habe. Und dann wachte ich auf … Ich wurde 1973 in Rumänien geboren. Mutter und Vater sind Donauschwaben. Wir stammen aus Siebenbürgen, dem nördlichen Teil Rumäniens, an der Grenze zu Ungarn. Die bekannteste Persönlichkeit meines Geburtslandes ist zweifellos Graf Dracula. Dicht gefolgt von Peter Maffay. Siebenbürgen ist aber nicht nur Vampire – nicht nur Peter Maffay. Es ist mehr als das, viel mehr als das. Die Landschaft meines Heimatlandes ist äußerst schön. Die wilden Karpaten Rumäniens sind heute noch Heimatort und Spielplatz der allergrößten europäischen Einwohnerschaft von Großraubtieren: Wölfen, Luchsen, Marderhunden, Goldschakalen und Braunbären. Es gibt zahlreiche Gämsen, Dachse, Füchse, Wildkatzen, Edelmarder, Wildschweine, Feldhasen, Iltisse, Rehe und Hirsche. In der Luft fliegen Steinadler und Bartgeier hoch und höher am Horizont, weiter, immer weiter. Bunte Schmetterlinge erfreuen das Auge. Wasserpieper, Tannenmeisen, Schwarzspechte, Fichtenkreuzschnäbel, Auerhühner und Mauerläufer sind hier beheimatet. Die verschiedensten Bäume wurzeln hier: Ahornbäume, Linden, Platanen, Weiden und Eichen. Birken, Eschen, Ulmen und Buchen. Tannen, Kiefern, Eiben, Lärchen und Fichten. Es gibt abertausende von Käferarten. Lachsforellen, Forellen, Äschen und dutzende andere Fischarten schwimmen in den klaren Gewässern. An Bodenschätzen finden sich Erdgas, Steinsalz, Bauxit und Kohle. Die Böden sind fruchtbar. Es werden Obst, Mais, Weizen und Wein angebaut. Die ursprüngliche und einzigartige Schönheit der Natur, das wertvolle Vermächtnis und das reiche Erbe überwältigten und überwältigen immer noch Kaiser und Könige. Sobald die Begeisterung einsetzt und die Seele in die Höhe hebt, bleibt das Entzücken für immer im Herzen wie ein unsterbliches Gedicht. Oder wie die bunten Farbpigmente einer Tätowierung, die unendlich tief in die Haut gestochen sind. Auch Prinz Charles, der Prinz von Wales, verliebte sich in Transsylvanien. In der Ortschaft Valea Zalanului betreibt er sogar Rumäniens erstes authentisches denkmalgeschütztes Gasthaus. Wenn er könnte, wäre er vielleicht ein siebenbürgischer Bauer. Wie alle aus meiner Familie. Hunderte von Jahren in Folge. Als ich noch jung war und in Rumänien wohnte, habe ich gerne auf Deutsch – meiner Muttersprache – gelesen und geschrieben. Bei uns Zuhause sprach man Schwäbisch, aber in unserer Umgebung redete man überwiegend Ungarisch. Ich wuchs also mit drei Sprachen auf: Deutsch und Ungarisch und Rumänisch. Siebenbürgen war schon immer multilingual. Im Jahre 1984 emigrierte ich als elfjähriges Einzelkind mit meinem Vater – der im Übrigen kein Bauer mehr war, sondern Lehrer – nach Deutschland. Damals waren die Kommunisten an der Macht. Der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu verkaufte seine Donauschwaben und Sachsen für einige tausend Deutsche Mark pro Person an die Bundesrepublik – und übrigens auch seine Juden für einige tausend Dollar an Israel. Das Geld brauchte er unter anderem, um die Schulden des Landes zu begleichen, was ihm letztendlich auch gelang. Rumänien war schuldenfrei, als der Diktator an Weihnachten des Jahres 1989 von seinem Volk hingerichtet wurde. Da meine donauschwäbische Familie aus einem kleinen Dorf in der Nähe der ungarischen Grenze im Norden von Siebenbürgen stammt, konnten wir, Vater und ich, legal nach Deutschland emigrieren. Die Rumänen wollten uns verkaufen. Und die Deutschen haben diesem Geschäft zugestimmt. Diesbezüglich gab es naturgemäß eine Abmachung zwischen beiden Ländern. Als die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Rumänien gut waren, wurde gern Handel mit dem Kauf und Verkauf von Menschen betrieben. Als die Beziehungen nicht mehr so gut waren, litten die Geschäfte, insbesondere aber die Menschen. Das Abkommen war eine politische Bemühung, launisch wie eine Diva. Ich weiß nicht, wie es mit dem Menschenhandel-Business zuging, als Vater und ich nach Deutschland emigrierten – ich nehme an, es florierte. Oder nicht. Oft fragte ich mich, ob die Familie Löwe aus Petrifeld ein lohnendes Geschäft für Deutschland war. Ob ich, Harry Löwe, ein lukratives Geschäft für alle Seiten war. Wie manche Landsleute aus unserem Dorf ließen wir uns im bayerischen Anzing nieder. Nun waren wir wieder da, in der alt-neuen Heimat, in der Bundesrepublik Deutschland. Wir waren keine kleine Minderheit mehr in einem Land, in dem östlichen Teil Europas, in Rumänien, in Siebenbürgen, wohin unsere Vorfahren vor hunderten von Jahren ausgewandert waren. Warum wanderten sie eigentlich nach Transsylvanien aus? Vielleicht weil sie am Verhungern waren oder die falsche Konfession hatten. Oder ihnen Land versprochen wurde. Eine neue Heimat. Wer weiß. Es ist lange her. Seitdem ist viel Wasser die Donau hinunter geflossen. Um ein besseres Leben zu haben? Packten sie deswegen ihre Siebensachen und gingen? Wahrscheinlich emigrierten meine Vorfahren nicht Richtung Osten, weil sie das wollten, sondern weil sie mussten; sie wurden dazu gedrängt. Im Heimatland zu bleiben war ungünstiger als aufzubrechen und ins Unbekannte zu gehen. Man war gezwungen zu gehen. Musste. Denn wer verlässt schon gerne seine Heimat? In der Welt von gestern sehnte man sich nicht nach Abenteuer, sondern nach Sicherheit. Wenn die Sicherheit zuhause nicht vorhanden war, dann waren die Menschen verpflichtet fortzugehen. Wir, die Löwen, waren auf einmal zu Hause. Endlich. In Deutschland. Zurückgekehrt. Die Heimwandernden. Deutsche in Deutschland. So dachten wir. Mit der Zeit wurde uns aber klar, dass wir auch in Deutschland Fremde waren. In Rumänien nannte man uns Deutsche oder Schwaben – gar Nazis. In Deutschland wurden wir interessanterweise Rumänen genannt. Für viele war es ungeheuer, ja, ein Schock. Ein Schicksalsschlag. Verrat. Unverschämtheit. Wir? Rumänen?! Für die meisten schien es, als würde die Welt kopfstehen. Da die Mehrheit der Einwohner in der Heimat – die Deutschen in der Bundesrepublik – so dachten, mussten wir uns daran gewöhnen, in Deutschland Rumänen zu sein. Wir. Entwurzelte. Auswärtige. Fremdländisch. Jawohl, Fremde im Vaterland. Etwas, was wir nie gewesen waren. Hier waren wir es. Ein deutscher Ausländer in Deutschland – niemand dachte, es sei witzig. Rumäniendeutsche wurde einfachheitshalber zu Rumänen reduziert, das Deutsche ausradiert, einfach so – die Geschichte vergessen. Aber wir haben unsere Geschichte. Dass wir alle in den dunkelsten Zeiten bei der SS und der Wehrmacht gekämpft hatten, wie meine beiden Großväter auch: Das wollte man vergessen, aber konnte es nicht. Und wir mussten damit klar kommen. Oder eben nicht. Alle haben ihre Geschichte. Ich auch. Alle. Als Student in der schwäbischen Provinz fing ich an, als Freelancer für Zeitungen zu arbeiten. Mit der Zeit integrierte ich mich in diesem Beruf. Ich wurde einer von euch, liebe Kolleginnen und Kollegen. Es gefiel mir, ein Journalist zu sein. Im Jahre 2012 kam ich hierher, nach Berlin, um für eine der größten Zeitungen zu arbeiten. Und dann, kurz danach … war alles vorbei … ich … Journalismus … alles! Die Leere … Ha! 2016 ging ich nach Tübingen zurück. Fertig, dachte ich. Alles vorbei. Und dann … ich fing an, zu arbeiten, nach drei Jahren. Als Handwerker. Eine neue Chance. Unglaublich! In meinem ganzen Leben war ich nur Journalist gewesen – und nun: Handwerker. Der Zufall wollte, dass ich eine kleine Reportage über meine neue Arbeit schrieb. Über meine netten Kollegen mit denen ich viele Stunden verbracht und die ich von ganzem Herzen zu lieben gelernt hatte. Sie stehen mir sehr nah; sie sind meine Freunde. Ja … Man denkt, alles wird bald vorbei sein – und dann ist da unerwartet eine neue Chance. Dies alles habe ich aber einer besonderen Frau zu verdanken. Ohne sie stünde ich sicherlich nicht hier auf diesem Podium, um diesen Preis entgegenzunehmen. Wo bist du, Oana?« Der Redner pausierte. Er schaute suchend ins Publikum. Die plötzliche Stille fühlte sich heiß wie Glut an und füllte den eleganten Saal. »Ah! Da bist du ja. Meine Freundin … Oana. Diesen Preis habe ich dir zu verdanken. Und mein Leben, das heißt, dass ich noch lebe. Das weißt du nämlich nicht. Ich habe es dir nie gesagt. Du hast mein Leben gerettet. Danke. Und du warst es, Oana, die meine Reportage zu der Zeitung weitergeleitet hast – und nun bin ich Journalist des Jahres!« 2
Trotz seines Namens war er nicht der König der Tiere. Harry Löwe wäre fast im Sternzeichen des Stiers geboren worden. Aber seine schwer atmende und...



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