Schaper | Rainer Maria Rilke | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Schaper Rainer Maria Rilke

Der Prophet der Avantgarde
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-534-61157-7
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Prophet der Avantgarde

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-534-61157-7
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Rilke bewegt, Rilke ist für viele Menschen ein wichtiger Begleiter. Seine Gedichte sind bei uns Schullektüre, und der amerikanische Pop-Star Lady Gaga hat sich einen Rilke-Spruch auf den Arm tätowieren lassen. Rainer Maria Rilke (1875-1926) steht in der Weltliteratur ganz hoch oben und erlebt gerade jetzt eine Renaissance.

Rilke ist ein Phänomen: populär und enigmatisch zugleich. Die Bildende Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat ihn geprägt, und er war stark beeinflusst vom Modernen Tanz und der Musik. Es gibt bei ihm noch viel zu entdecken.

Rilke gehört zur Avantgarde, wie seine Zeitgenossen Gertrude Stein, Kurt Schwitters und T. S. Eliot. Rilke schrieb den ersten europäischen Großstadtroman und schuf Gedichtzyklen von sinfonischem Rang, die immer wieder überraschen. 

Anlässlich des 150. Geburtstags des Dichters betrachtet Rüdiger Schaper in seiner fulminanten Biografie das Leben und Schaffen Rilkes neu und lässt ein zeitgemäßes Bild dieses Menschen und seiner Kunst entstehen.

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VORSPIEL: DER LANGE ATEM EINES GEDICHTS


Am 22. November 1899 schreibt der junge Rilke in sein Tagebuch: „Ein jeder Tag soll und muss seinen Sinn haben, und erhalten soll er ihn nicht vom Zufall, sondern von mir – morgen mehr!“ Kurz darauf notiert er, in der Nacht vor seinem 24. Geburtstag am 4. Dezember 1899: „Jedes Ding ist nur ein Raum, eine Möglichkeit, und an mir liegt es, diese vollkommen oder mangelhaft zu erfüllen.“

Zufall oder Sinn, das gehört am Ende zusammen. Es ist ein regnerischer Tag, man betritt eine Buchhandlung und blättert, halb abwesend, halb angezogen, in einem Buch von Etel Adnan. Und heraus springt ein vertrauter Name, die libanesisch-amerikanisch-französische Künstlerin beschwört ihn angesichts der Katastrophe des Irakkriegs: „Von Engeln reden, wie es einem selbst und wie es Rilke gemäß ist.“ Rainer Maria Rilke zwischen Beirut und Bagdad, in der Wüste der Weltpolitik. Unerwartet erscheint er, doch offenbar herbeigerufen mit den Engeln. Der Blick fällt in den universellen Raum, den Rilke aufgemacht hat. Hier ist ein Dichter, der zuhört und antwortet. Rilke erzeugt Resonanzen – bis heute.

Salman Rushdie erzählt in Knife, seinem autobiografischen Buch nach der Messerattacke vom August 2022, die er nur knapp überlebt hat, wie er einige Jahre zuvor bei einem Literaturfestival in New York die Dichterin Rachel Eliza Griffiths, seine spätere Frau, kennengelernt hat. „Sie war schön, aber ihre Beziehung zu Schönheit war, wie sie sagte, kompliziert. Sie liebte Rilke“. Rushdie verlor bei dem Attentat ein Auge und erlitt andere irreparable Verletzungen. Weiter zitiert er aus den Duineser Elegien von Rilke: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören“.

Eine apokalyptische Feuersbrunst vernichtet 2018 die Villa des Entertainers Thomas Gottschalk in Malibu. In den Meldungen heißt es, dass zwar die Katzentoilette aus den Flammen gerettet werden konnte, nicht jedoch Der Panther. Dahingegangen ist eine Originalhandschrift Rainer Maria Rilkes, die der Fernsehmoderator, seit Jugendjahren ein Verehrer des Dichters, in seinem kalifornischen Domizil gerahmt an der Wand hatte – eine Reliquie geht in Flammen auf.

Kein Autodafé der spanischen Inquisition und auch nicht der Brand der antiken Bibliothek von Alexandria, bei dem der Legende nach 200.000 Schriftrollen verloren gingen. Keine bizarre Charles-Manson-Celebrity-Mordgeschichte, die Quentin Tarantino in seinem Film „Es war einmal in Hollywood“ aufgemotzt hat. Und doch wirkt die Kombination Rilke-Gottschalk-Malibu-Inferno wie ein Kulturschock, wie der Untergang des Abendlandes in der Neuen Welt – die Rilke nie gesehen hat.

Der Panther, ein einziges Gedicht. Und auch viel mehr. Die in drei Strophen angeordneten Verse über das Raubtier im Pariser Jardin des Plantes zählen zu den berühmtesten und schönsten Werken deutscher Sprache überhaupt. Es ist the Greatest von Rilkes Greatest Hits: Der Panther, veröffentlicht 1907 im Band Neue Gedichte. Der Panther ist das Leittier von Rilkes Popularität. Eine schwedische Freundin des Dichters sagte, dass Der Panther das einzige seiner Gedichte gewesen sei, das sie auswendig konnte. Oft musste er es in Gesellschaft vortragen.

Wie Franz Kafkas Mann, der ewig auf Zutritt ins Schloss wartet und darüber vergeht, besitzt Der Panther die Magie und Energie eines modernen Archetyps. Dabei zeigt er sich ungeheuer wandelbar. In der Pandemie wirkte er wie ein Abbild der häuslichen Gefangenschaft. Wer seine Zeit am Bildschirm verbringt, Tag für Tag, kann sich in diesem auf nur wenige Quadratmeter abgemessenen Tier-Reich wiederfinden:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, daß er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.

Wie hat sich der Blick auf das früher so genannte ‚Exotische‘ verändert! Zoos und Tierparks stehen in der Kritik, im Zirkus werden schon keine Wildtierschauen mehr vorgeführt, die Perspektive ist jetzt grundsätzlich eine andere. Tierschutzorganisationen prangern Quälerei und Isolationshaltung an, und plötzlich beschreiben Rilkes Verse Verhaltensstörungen einer eingesperrten Raubkatze. Man versteht auch das jetzt: Das Schicksal der Großkatze ist ein menschliches. In einem weniger bekannten Gedicht, Die Aschanti, beschreibt Rilke den tristen Anblick von Afrikanern aus dem heutigen Ghana. Sie wurden in einer der damals beliebten kolonialen Völkerschauen im Jardin d’Acclimatation, einem Freizeitpark im Bois de Boulogne, wie Tiere ausgestellt, fern ihrer Heimat.

Rilke besuchte häufig die Pariser Parkanlagen, sie werden für ihn eine Schule des Sehens. Der britische Schriftsteller und Maler John Berger hat diesen Gedanken später aufgenommen. Der Mensch werde sich, indem er den Blick des Tieres erwidert, seiner selbst bewusst: „Das Tier beobachtet ihn genau, über einen schmalen Abgrund des Nicht-Verstehens hinweg.“ Bergers Essay trägt den Titel „Warum sehen wir Tiere an?“ John Banville, der vielfach preisgekrönte irische Autor, rät: „Study The Panther!“ Auf samtigen Pfoten schleichen sich die Panther-Verse an und stehen groß vor Auge und Ohr:

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.

Das Animalische in uns wird geweckt, eine Ur-Angst, wenn man alle Jahre wieder die Bilder ganzer brennender Landstriche und Städte sieht, die zerstörten Villen im Traumort Pazific Palisades, dem kalifornischen Exilort deutscher und österreichischer Künstler und Schriftsteller in der Nazi-Zeit, die eigentlich nicht mehr zu leugnenden Folgen der Umweltzerstörung, die hilflosen Feuerwehren, die Menschen auf der Flucht, ihr Hab und Gut hinter sich lassend in Panik, die verkohlten Fahrzeuge, die eingeschlossenen Tiere in den lichterloh zusammenstürzenden Wäldern.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille –

und hört im Herzen auf zu sein.

Erich Unglaub, ein unermüdlicher Rilke-Forscher, erklärte nach dem Brand: „Es ist nicht die einzige Handschrift des Gedichts. Rilke hat diese Seite öfter verschenkt. Er bedachte Freundinnen und Mäzene gern mit handschriftlichen Versen. Eine Abschrift befindet sich zum Beispiel in einer Vitrine des Schlosses Laubach in Hessen, ein Geschenk an Gräfin Manon zu Solms.“ Diese kleinen Geschenke erhalten die Gastfreundschaft. Rilke drücken Geldprobleme. Einen festen Wohnsitz hat er in der Regel nicht. Er reist von einem Schloss zum nächsten Hotel, meist Luxuskategorie, und zu Landsitzen befreundeter Adliger, Damen zumeist. Er lässt sich einladen, gelegentlich auch aushalten, von Schloss zu Schloss, von Schoß zu Schoß. Er ist auf reiche Menschen angewiesen, die gern und generös geben. Das gehört zu den Rilke-Klischees, aber man muss feststellen: Er war brillant in diesem Improvisationsmodus. Und man macht sich wahrscheinlich auch falsche Vorstellungen von der Bequemlichkeit der Logis in kalten, zugigen Schlossmauern um die Zeit des Ersten Weltkriegs. So sehr er mit Paris seine Probleme hatte, wie sich zeigen wird, war er Stadtmensch – bemüht um einen Lebensstandard, den die Stadt eher bietet als ein abgelegenes, altes Adelsnest.

In einem Brief an eine Gönnerin sagt er ganz ohne Ironie, er verstehe sich auf die seltene und schwere Kunst des „gut Nehmens“. Rilke sieht die Welt ihm gegenüber in der Bringschuld. Immer auf der Suche nach Stille und Inspiration, wird er schnell der Menschen und der Orte müde, bricht auf, bricht ab. Diese Lebensweise, die man nur bewundern kann, erfordert eine spezielle Logistik und gute Nerven ebenso wie Zuversicht, es werde schon gutgehen. Sie erinnert an die technisch gestützte Beweglichkeit und Freiheit digitaler Nomaden im 21. Jahrhundert. Millennials werden Rilke gut verstehen, in leichter Abwandlung eines anderen seiner Standards: Wer jetzt kein Haus hat, braucht keines mehr. Die Welt als Internet-Café: Warum nicht zum Beispiel von Lissabon aus arbeiten, wo die Mieten günstig sind (jetzt nicht mehr) und eine Zeitlang auch keine Steuern bezahlt werden mussten?

Auf unbekannten Umwegen – die Handschrift soll sich vorher im Besitz des „Winnetou“-Filmproduzenten Horst Wendlandt befunden haben – kam „Der Panther“ nach Malibu, an die amerikanische Westküste. Ein Menetekel: Wie die Zivilisation mit Natur umgeht, zeigt sich im Käfig der ihrer Umgebung beraubten Kreatur – wie im Klimawandel, der Naturkatastrophen befeuert. Die kalifornischen Waldbrände des Jahres 2018 waren seinerzeit die schlimmsten der Geschichte. Mittlerweile haben sich die Schäden von Jahr zu Jahr noch vergrößert, die Erderwärmung facht die Flächenbrände weiter an. Und die Lebensräume der Panther, eigentlich Leoparden mit schwarzem Fell,...


Schaper, Rüdiger
Rüdiger Schaper lebt mit seiner Familie in Berlin. In den Neunzigern war er Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung, danach viele Jahre Ressortleiter Kultur beim Tagesspiegel, wo er heute als Kritiker und Autor arbeitet. Er hat Biografien über Harald Juhnke, Karl May, den Meisterfälscher Konstantin Simonides und Alexander von Humboldt vorgelegt, außerdem eine Weltgeschichte des Theaters sowie eine Monographie über Elefanten und die Anthologie „Berlin um Mitternacht“.

Rüdiger Schaper lebt mit seiner Familie in Berlin. In den Neunzigern war er Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung, danach viele Jahre Ressortleiter Kultur beim Tagesspiegel, wo er heute als Kritiker und Autor arbeitet. Er hat Biografien über Harald Juhnke, Karl May, den Meisterfälscher Konstantin Simonides und Alexander von Humboldt vorgelegt, außerdem eine Weltgeschichte des Theaters sowie eine Monographie über Elefanten und die Anthologie „Berlin um Mitternacht“.



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