Schallenberg | Wilhelm Jensen. Ausgewählte Werke. | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 688 Seiten

Schallenberg Wilhelm Jensen. Ausgewählte Werke.


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-529-08719-6
Verlag: Wachholtz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 688 Seiten

ISBN: 978-3-529-08719-6
Verlag: Wachholtz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der in Schleswig-Holstein geborene Wilhelm Jensen zählte im späteren 19. Jahrhundert zu den berühmten und vielgelesenen deutschen Autoren. Sein umfangreiches Werk wird hier erstmals in einer Auswahl vorgestellt. Die präsentierten Texte sind fantasievoll erzählt, stellen zwischenmenschliche Konflikte ins Zentrum und weisen plastische Naturschilderungen auf - von der idyllischen Bergeinsamkeit bis zu den rauen Meergewalten. Oft ist die Stimmung gefärbt von einer herben Melancholie, und die Texte sind durchzogen von einem starken Zweifel am christlich-religiösen Glauben. Das vorliegende Buch holt den weitgehend vergessenen Berufsschriftsteller wieder zurück ins Gedächtnis, indem es ihn aus verschiedenen Richtungen beleuchtet: Eine Auswahl von Gedichten, Erzählungen, Aufsätzen, Prosaskizzen und bisher unveröffentlichten Briefen lädt dazu ein, einen Berufsschriftsteller wiederzuentdecken, der die Literatur seiner Zeit nicht nur bediente, sondern auch mitprägte.

Felix Schallenberg, geb. 1989 in Mettingen, studierte Kulturpoetik der Literatur und Medien an der Universität Münster. Er promovierte an der   Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Thema 'Romantik und Realismus: Transformation eines literarischen Modells bei Theodor Storm und Wilhelm Jensen.' Seit 2025 ist er Mitarbeiter am Theodor-Storm-Zentrum in Husum.
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Unter der Linde


Eine Zeit zum Lachen und zum Weinen war’s, die Zeit ums Jahr 1848, wer sie miterlebt hat und ihrer gedenkt, kann beides nicht voneinander trennen. Ernst und Posse verschwisterten sich, Klugheit und Narrheit, Leute, deren Geist alles Wissen der Menschheit, alle Tiefen des Denkens umspannte, wollten einen großen Neubau errichten, doch sie wussten nicht, dass man ein Fundament dazu brauche. Nach Gutdünken trug jeder das Material, das ihm geeignet schien, herbei, Bruchsteine, Findlingsblöcke, alte und neue Lehmziegel, Holzklötze und Eisenwerk. Damit bauten sie tiefsinnig und begeisterungsvoll auf einem Sandhaufen. Fast jeder wollte nach einem anderen Bauriss bauen und alle wetteiferten in Aufzeichnung der prächtigsten Fassaden; staunend und jubelnd drängte sich die Volksmenge herbei, die künftig drin wohnen sollte. Aber noch ehe das Wunderwerk unter Dach stand, warf’s ein kräftiger Windstoß mit dem schleunigst aufgepflanzten dichtbebänderten Richtbaum über den Haufen. Die Mauern fielen zusammen wie die angeblasenen Wände eines Kartenhauses und das Traglager polterte mit allen herrlichen Zukunftswohnräumen auf den Schutt; das war zum Lachen. Aber Stein und Holz hatten nicht das luftige Gewicht von Kartenblättern, sondern sie schlugen hart nieder, zerschmetterten gar manche Köpfe von drunten Stehenden, die sich nicht rasch genug vor dem Einsturz weggeflüchtet; hier brachte er Tod, dort langjähriges Siechtum mit sich, und das war zum Weinen.

Einer, der bei jenem Zusammenbruch nicht getötet, doch verwundet worden war, schleppte sich an einem Junitage des Jahres 1849 mühsam durch dunkle Bergwälder. Sein rechter Arm hing kraftlos herab, denn er hatte eine Kugel im Fleisch, die ihn bei einem nachmittäglichen Gefecht im Gebirg getroffen und bewusstlos zu Boden geworfen hatte. Als er zu sich kam, lag die Nacht um ihn. Stille und Leere, nur Eulen schrien im Tannendickicht. Seine Gefährten waren gefallen oder versprengt, die Sieger hatten auch ihn, in seiner Ohnmacht, unbeachtet liegen lassen. Doch er kehrte neu ins Leben zurück und mit der Wiedererlangung der Besinnung verband sich ihm die klare Erkenntnis, die Sache, für die er sein Leben eingesetzt, sei hoffnungslos, von Übermacht erdrückt. Dies Gefühl hatte er schon in den letzten Tagen in sich getragen und lieber hätte er der Kugel sein Herz geboten.

Aber es schlug und er atmete, und jetzt sträubte sich doch seine Jugend gegen den Tod, mehr noch gegen Schlimmeres, das ihm drohen konnte, ein verschmachtendes Weiterleben hinter düsteren Mauern mit eisenvergittertem Fenster. Mechanisch tat er Schärpe, Schwertgurt und Hut des Freischärlers von sich ab und hob sich schwankend auf die Füße. Ohnmacht wollte ihn wieder anwandeln, doch seine junge Kraft ward ihrer Herr. So schritt er durchs Dunkel davon; wolkenlos lag das Himmelsdach über ihm und die Sternbilder deuteten ihm die Richtung nach Süden. Dorthin musste er sich wenden, um auf kürzestem Weg über die deutsche Grenze fortzugelangen.

Nun war er ein Flüchtling, genötigt, offene Straßen und Ortschaften zu meiden, unbegangene Bergpfade des südlichen Schwarzwaldes zu suchen. Während des Tageslichts musste er sich mehrmals lange Stunden hindurch verborgen halten. Nur in einsamen Berggehöften kehrte er zur Stärkung des Hungers ein, die Leute drin nahmen ihn willig auf, sorgten für seine Bedürfnisse. Sie wussten wenig von der draußen um ihre Abgeschiedenheit liegenden Welt, hatten zumeist kaum von den Vorgängen des letzten Jahres gehört, was sich dort zutrug, ging ihr Leben nichts an, für sie blieb es gleich, welcherlei Regiment drunten im Lande bestand. Vielleicht mutmaßten da und dort einige, welche Bewandtnis es mit dem vorsichtig bei ihnen Einkehrenden auf sich haben möge, doch sie befragten ihn nicht drum, und es hielt sie nicht ab, ihm Beistand zu leisten. Außerdem kam er nicht als Bettler, sondern bezahlte das, wonach er begehrte. Er besaß keinen Reichtum, doch so viel, um für geraume Zeit nicht in Not zu geraten. Vor einem Jahre hatte er sein Examen als Philologe glänzend bestanden, sein Name war Alban Hartlaub. In seinen Zügen, seinem Gesamtwesen, lag etwas Poetisches, aus den hellen Augen leuchtete Begeisterungsfähigkeit. Die hatte ihn fortgerissen, vielleicht besserer Verstandeseinsicht entgegen, für eine ideale Vorstellung mit zu den Waffen zu greifen. Sie waren nur ein Kinderspielzeug gewesen und gleich solchem zerbrochen; in einem der Gehöfte legte er nun auch seine verdachterregende Freischärlerbluse ab und kaufte sich dagegen einen abgetragenen einfachen Bauernkittel. So machte er aus der Entfernung den Eindruck eines wandernden jungen Fuhrmannes, doch in der Nähe stand sein Aussehen nicht im Einklang mit der ländlichen Tracht.

Allmählich kam trotz der Niederlage der Sache, für die er gestritten, und der Lähmung seines Armes doch ein jugendlicher Frohmut wieder in ihm auf. Der Pfad hatte ihn eine langgestreckte Anhöhe des Gebirges hinangeführt, plötzlich wich das Tannendunkel ihm zu Seiten und eine weite Landschaft öffnete sich seinen Blicken. Vor ihm flachte sich der Vordergrund zur Fläche ab, über der im Süden riesenhaft am Horizont das Alpengebirge, zu weitem Halbbogen gestreckt, mit seinen Pyramiden, Zacken, Gletschern und Schneehörnern aufstieg. Ein wunderbarer Anblick musste es für jedes Auge sein, doch war’s in noch erhöhtem Maße für das des jungen Flüchtlings. Dort unter den leuchtenden Hochgipfeln lag die Rettung, die Freiheit, schon weit vor ihnen, gleich drüben, jenseit des sonnenspiegelnden Wasserbandes, das im Vordergrund der Rhein durch das grüne, lachende Gefild zog! Alban blickte nach einem kreisenden Bussard empor, liehe der ihm nur für Minuten seine Flügel, so wäre er hinüber. Doch, seine Luftbahn weiter dehnend, zog der Vogel wie zum Spott hochschwebend über die schimmernde Wasserbreite dahin.

Nun galt’s, die Vorsicht zu erhöhen, denn unfraglich ward die Flussgrenze bei Tag wie im Nachtdunkel scharf bewacht, und ein misslingender Versuch, hinüberzukommen, war das Verderben. Dem aber wollte er jetzt entrinnen. Er ließ nichts, an dem sein Herz hing, hinter sich zurück, keine Eltern, keine Geschwister, nur einige Freunde, deren Schmerz über seinen Verlust die Zeit bald beschwichtigen würde. So lag ihm keine Pflicht ob und er trachtete nicht danach, sich für andere zu retten, aber die weißen Glanzberge blickten ihn so wundersam an, als hielten sie noch etwas geheimnisvoll Schönes für ihn aufbewahrt. Dem klopfte die eilige Blutwelle in ihm entgegen, und sehnsüchtig, um seiner selbst willen, verlangte er noch zu leben.

Jetzt, auf den Straßen des flachen Landes durfte er sich nicht mehr getrauen, seinen Weg bei Tage fortzusetzen, er tat’s nur in Nachtstunden. Ein Zufall bestätigte ihm seine Voraussicht – ein irgendwo auf der Straße fortgeworfenes Zeitungsblatt, das der Wind an einen Waldrand hingetragen. ›Kurze Mitteilung‹ stand darauf, man habe abwärts am Rhein zwischen Schaffhausen und Basel eine Anzahl von Freischärlern, die in die Schweiz zu entkommen suchten, ergriffen und dingfest gemacht, eine zweite Nachricht sprach von der standrechtlichen Erschießung anderer in Rastatt. Nur die Tatsachen waren verzeichnet, kein weiteres Wort daran geknüpft. Man fühlte zwischen den Lettern den gewitterschwülen Druck dumpfer Schreckbetäubung, der jetzt über Land und Bevölkerung lastete!

Diese Meldungen ließen Alban von dem Vorhaben abstehen, am Hohen Randen das über den Rhein vorspringende Gebiet des Kantons Schaffhausen zu gewinnen, vermutlich wurde gerade dort an der scheinbar leichter zu überschreitenden Grenze mit besonderer Wachsamkeit auf Flüchtlinge gefahndet. So bog er vorsichtig an dem ihm verführerisch nah winkenden Schweizer Gebiet vorüber nach Nordosten ab, den Kegelbergen des Hegaus zu, dann östlich weiter. Da dehnte der Bodensee seine weite Spiegelfläche aus, gebot ihm Halt.

Er musste einen Entschluss fassen; seit dem letzten Tage schon hatte er mehrfach die Empfindung gehabt, dass er da und dort Verdacht erregt habe, von spähenden Augen beobachtet worden sei. Hier herrschte nicht mehr die politische Unwissenheit und weltabgeschiedene Treuherzigkeit der Bewohner des hohen Schwarzwalds. Kundschafter, Leute, die durch Angeberei eine ausgesetzte Belohnung zu erzielen trachteten, waren zu fürchten. Das Verborgenbleiben tagsüber ward schwierig, der gefahrlose Einkauf von Nahrungsmitteln kaum mehr möglich. Längeres Zögern erschien als sichere Verderben, kühnes Wagnis der einzig übrige Ausweg. Als die Dämmerung eintrat, wandte er sich einer hart an der Grenze gelegenen Stadt zu.

Dunkel war’s geworden, als er in ihr eintraf, über den engen Gassen schaukelnd brannten hängende Laternen. Wildfremd in der Stadt und von Hunger erschöpft, fühlte er die Notwendigkeit, eh’ er in späterer, stiller Nacht den Rettungsweg suche, Nahrung zu sich zu nehmen; nach schwankender Wahl zwischen verschiedenen Wirtschaften trat er in die am unscheinbarsten aussehende ein, setzte sich in eine dunkle Ecke der Gaststube und bestellte bei der herankommenden jungen Kellnerin eine Mahlzeit. Sie ging; nur wenige Gäste befanden sich anwesend, das Mädchen kehrte mit einem Trunk zurück und einer Kerze, die sie vor ihn auf den Tisch setzte. Er sagte kurz, sie möge das Licht wieder fortnehmen, es sei unnötig und blende seine von der Tageshitze schmerzhaften Augen. Doch sie tat’s nicht, sondern sah ihn mit unverkennbarem Wohlgefallen an, dazu verwundert auf seinen bäuerischen Kittel, und sagte halb lachen: »Sie sind doch kein Fuhrmann.« Das ließ ihn unbedacht vorschnell handeln, sich aufrichten und die Kerze ausblasen. Dabei aber ward sein Gesicht hell...


Schallenberg, Dr. Felix
Felix Schallenberg, geb. 1989 in Mettingen, studierte Kulturpoetik der Literatur und Medien an der Universität Münster. Er promovierte an der   Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Thema „Romantik und Realismus: Transformation eines literarischen Modells bei Theodor Storm und Wilhelm Jensen.“ Seit 2025 ist er Mitarbeiter am Theodor-Storm-Zentrum in Husum.

Felix Schallenberg, geb. 1989 in Mettingen, studierte Kulturpoetik der Literatur und Medien an der Universität Münster. Er promovierte an der  Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Thema "Romantik und Realismus: Transformation eines literarischen Modells bei Theodor Storm und Wilhelm Jensen." Seit 2025 ist er Mitarbeiter am Theodor-Storm-Zentrum in Husum.



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