E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Schäfer Schönsaufen... auf Mallorca
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95865-680-2
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-95865-680-2
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fabian Schäfer wurde als Wassermann 1965 in Lippstadt in Westfalen geboren. Nach der Bundeswehrzeit in Bremen und Hannover, einer Buchhändlerlehre in Göttingen und dem Studium von Deutsch und Geschichte in Bonn, wohnte er von 1991 bis 2006 in Jena. Weitere Stationen waren Leipzig und Dresden, wo er heute mit seiner zweiten Frau lebt. Er hat zwei Söhne aus erster Ehe.
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Ich hätte in meiner Kindheit öfter auf der Flöte üben sollen. Eigentlich liegt es nicht in meiner Absicht, die vorbei kommenden Touristen zu vertreiben. Sie sollten sich schon nah genug an mich heran trauen, um ein paar Münzen in den uralten Hut werfen zu können, den ich vor mir auf das Pflaster gelegt habe. Vielleicht hat die Hälfte der edlen Spender einfach nur Mitleid mit meinem bedauernswerten Hund, der täglich stundenlang die meist recht schrillen Geräusche ertragen muss, die ich meinem Holzinstrument entlocke. Jede einzelne Spende, die ich trotz der geringen Qualität meiner künstlerischen Darbietung erhalte, erscheint mir daher umso nobler.
Ich sitze auf dem Steinboden am Rande der Placa Mayor. Es ist später Nachmittag, und ich kann mich einfach nicht an die Hitze gewöhnen, die hier täglich zu dieser Jahreszeit herrscht. Seit einigen Tagen bekomme ich Konkurrenz von einem Spanier, der mit einer Konzertgitarre ausgerechnet griechische Weisen spielt. Zumindest beherrscht er im Gegensatz zu mir sein Instrument recht gut, auch scheinen die Touristen sein Repertoire als durchaus angemessen zu empfinden. Immerhin sind alle Tische des Restaurants, in dessen Auftrag er spielt, besetzt.
Mein Hund ist zwar eine treue Seele, aber nicht besonders fleißig. Als ich ihm vor einigen Wochen ein Stück Schinken von einem Sandwich hinwarf, beschloss er, mir nicht mehr von der Seite zu weichen. Ich hatte gegen einen guten Kumpel nichts einzuwenden und habe versucht, ihm einige Kunststückchen beizubringen, damit er sich seine tägliche Ration selber verdienen kann. Rambo, auf den Namen habe ich ihn schließlich getauft, war jedoch so clever, sich beim Training nicht allzu geschickt anzustellen. Vielleicht schätzte er sein Talent auch einfach nur realistisch ein und wollte sich in der Öffentlichkeit nicht blamieren, wie es sein Herrchen täglich praktiziert. Letztlich ist der Hund auch nur ein Produkt der heutigen Konsumgesellschaft. Wofür soll er etwas zu unserem Verdienst beitragen, wenn er auch ohne Gegenleistung von mir seine tägliche Ration bekommt? Ich tätschele meinem vierbeinigen Kameraden kumpelhaft den Schädel, wofür er mich dankbar anglotzt.
Während ich meiner Flöte einigermaßen erträgliche Töne zu entlocken versuche, erspähe ich im Augenwinkel zwei weibliche Teenies, aus denen durchaus etwas werden kann, wenn sie noch ein paar Jahre auf der Weide waren. Sie unterhalten sich mit ihrer spärlich bekleideten Mutti, die eine knallbunte Perlenkette um den Hals trägt. Die drei Frauen gehen achtlos an mir vorbei.
Einige Meter hinter ihnen humpelt ein Typ in einem recht merkwürdigen Spreizgang über den Platz. Der seltsame Vogel bleibt unmittelbar vor meinem ausgelegten Hut stehen. Er nestelt zu meinem Erstaunen einen Zwanziger aus seinem Geldbeutel. Mit einem gehässigen Grinsen in Richtung seiner Mädels wirft er den Schein in meinen Hut.
Nach einer Weile führe ich meine Blockflöte wieder zum Mund und spiele irgendein Kinderlied, das mir gerade in den Sinn kommt. Die Melodie erfordert grundsätzlich keine besondere Virtuosität vom Interpreten, was meinem Selbstbewusstsein aber nicht schadet. Ich habe in der letzten Zeit gelernt, mich auch über kleine Erfolge zu freuen.
Eine Familie aus der Heimat kommt an mir vorbei. Die Frau trägt ein langes Sommerkleid. Ihr mächtiger Vorbau wird durch einen tiefen Ausschnitt noch besonders hervorgehoben. Bei dem fantastischen Anblick verliere ich einen Augenblick die Konzentration, wodurch ich den einzigen falschen Ton in dem Lied produziere.
Das vielleicht achtjährige Mädchen, das einige Meter vor seinen Eltern herläuft, bleibt unmittelbar vor mir stehen und lauscht sichtlich fasziniert meinem Flötenspiel. Sie ist von ihren Eltern mit einem schicken Kleidchen ausstaffiert worden. Die Kleine findet meinen Hund ganz niedlich, wie sie sich gegenüber ihren Eltern ausdrückt.
Er schaut die Kleine aus seinen treuen Augen mitleiderregend an, was er extrem gut beherrscht. Irgendwie muss er in seinem beschränkten Denkvermögen kapiert haben, dass ein Zusammenhang besteht zwischen der Nahrung, die er von mir bekommt und dem Klimpern der Münzen, die in meinen Hut geworfen werden. Letztlich trägt er also doch in gewisser Weise zu unserem Einkommen bei. Immerhin hat er eine Methode gefunden, die von ihm keine sonderlich großen Anstrengungen erfordert.
Die attraktive Frau kann die Begeisterung ihrer Tochter nicht ganz teilen. „Na ja, niedlich ist vielleicht das falsche Wort“, sagt sie und hält die Kleine am Arm fest. Wahrscheinlich befürchtet sie, dass ihr Sprössling sich einige possierliche Tierchen einfangen könnte, wenn sie meinem Kameraden noch näher kommt.
Der Papa unseres kleinen Fans trägt ein Marken-T-Shirt und eine kurze Sporthose der gleichen Herstellerfirma. Er hat kurze graumelierte Haare und sieht ähnlich ansprechend aus wie seine Frau. „So toll spielt der Kerl ja nun auch wieder nicht, als dass wir uns hier länger als nötig aufhalten müssten.“ Er hält mich aufgrund meiner braungebrannten Haut und meiner tiefschwarzen Haare offenbar für einen Einheimischen. Außerdem geht er wohl davon aus, dass Spanier grundsätzlich kein Deutsch verstehen. Ich nehme ihm das nicht übel, zumal er mit seiner Kritik nicht ganz Unrecht hat.
„Wollen wir dem armen Mann nicht wenigstens etwas Geld geben, damit er dem süßen Hund etwas zu essen kaufen kann?“ Die Kleine lässt sich in ihrer Begeisterung für meinen Kumpel nicht von ihren Eltern beeinflussen.
Die schicke Mutti ist wohl die Finanzministerin der Familie, was nach meinen Erfahrungen heutzutage immer mehr in Mode kommt. Sie fischt eine Münze aus dem Portemonnaie in ihrer Handtasche und gibt sie ihrer Tochter. Mit einem strahlenden Lächeln kommt die Kleine ein paar Schritte auf uns zu und wirft die Euro-Münze zu den anderen in meinen Hut. In diesem Augenblick ist mein Liedchen beendet.
„Vielen Dank, meine Kleine, das ist wirklich sehr nett“, sage ich und lächle sie an. Viel mehr als über das Geld, das ich eigentlich gar nicht nötig habe, freue ich mich über den entgeisterten Gesichtsausdruck ihres Papas, der sich nun doch ein wenig zu schämen scheint, weil er sich eben auf Deutsch abfällig über meine musikalischen Fähigkeiten geäußert hat.
Geschichten dieser Art erlebe ich fast täglich. Hätten allein die Kinder zu sagen, könnte ich von meinen hiesigen Konzerteinnahmen ein wahres Luxusleben führen. Viele verklemmte Eltern behandeln mich aber wie einen Aussätzigen, dessen vermeintlicher Misserfolg im Leben womöglich auf sie abstrahlen könnte.
Die Placa Mayor ist ziemlich gut gefüllt. Die Touristen, die keine Spanier sind, denken um diese frühe Abendstunde schon ans Essen. Sie lassen sich von penetranten Kellnern zu den Tischen vor den zahlreichen Restaurants lotsen. Die meisten Angesprochenen sind vom ausgiebigen Bummel durch die Stadt so gestresst, dass sie nicht mehr allzu viel Widerstandskraft aufbringen können.
Ich erfreue mich hier regelmäßig am Anblick der einheimischen Damen der gehobenen Einkommensklassen. Gerade kommt eine solche Augenweide vorbei. Sie hat glatte, schwarze Haare, die ihr bis auf den straffen Hintern fallen, der in einem langen Jeansrock steckt. Er reicht bis über den Schaft ihrer hellen Cowboystiefel. Ein pinkfarbenes Top bedeckt ihre kleinen, festen Brüste. Sie trägt zwei Einkaufstaschen mit den Aufschriften von teuren Boutiquen, die ganz in der Nähe liegen. Ich kenne die Läden gut, weil ich dort ab und zu ein Accessoire für eine der Frauen kaufe, die ich in den Discos unten am Hafen regelmäßig abschleppe.
Während ich mich an einer volkstümlichen Weise auf meiner Blockflöte versuche, fällt mir eine hellblonde Deutsche auf, die ihre halblangen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Sie bildet in ihrer Erscheinung eine nicht unangenehme Abwechslung zu den dunklen spanischen Frauentypen, die um diese Zeit das Straßenbild bestimmen. Rosa Tops scheinen in diesem Jahr besonders angesagt zu sein. Dazu trägt sie eine knallenge, helle Jeans. Ihre Füße stecken in teuren Pumps. Ihre Figur ist sehr überzeugend, obwohl sie eindeutig älter ist, als sie sich gibt.
In der einen Hand hält sie eine Einkaufstasche mit dem Logo eines der führenden Schuhgeschäfte der Stadt. Mit der anderen Hand hat sie sich bei einem Schönling eingehängt, der deutlich jünger ist als sie. Wenn sie sich körperlich weiter so fit hält, wie sie es offensichtlich zurzeit tut, hat sie sich den Kerl auch redlich verdient.
Der Typ ist eindeutig Spanier, hat seine schwarzen Haare reichlich pomadisiert und sie wie seine Partnerin ebenfalls am Hinterkopf zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine dunkle Haut steht in krassem Gegensatz zu der weißen Hautfarbe seiner Partnerin, die offensichtlich nicht zu den Sonnenanbeterinnen gehört. Sie lächelt den Schönling total verliebt an.
Ich kann von ihrem Glücksgefühl ein paar Sekunden später überdimensional profitieren, denn sie wirft einen 5-Euro-Schein in meinen Hut. Mein tierischer Kamerad wundert sich heute schon zum zweiten Mal, dass er gar kein Klimpern hört. Ich bedanke mich artig mit einem Nicken in ihre Richtung, während ich weiterspiele. Sie strahlt erst mich und dann ihren Typen an. Genieße es, solange es noch so schön ist, denke ich, während sie am Arm ihres Geliebten über die Placa zu schweben scheint.
Zwei Geschäftstypen in dunklen Anzügen kommen vorbei. Krawattenträger sieht man auf dieser Insel wohl auch nur in Palma.
Trotz der großen...




