E-Book, Deutsch, Band 12, 688 Seiten
Reihe: Rom-Serie
Scarrow Die Blutkrähen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-13975-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 12, 688 Seiten
Reihe: Rom-Serie
ISBN: 978-3-641-13975-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Britannien, A. D. 51: Seit zehn Jahren kämpft das Römische Reich, um seine Herrschaft über die britannischen Stämme aufrecht zu erhalten. In dieser Situation ist es fatal, dass der größenwahnsinnige Kommandant Quertus einen grausamen Privatkrieg führt, der den Hass in Britannien weiter schürt. Mit seiner Kohorte der »Blutkrähen« richtet er tief im Feindesland wahre Massaker unter der Bevölkerung an. Nun liegt es an den beiden Kriegsveteranen Cato und Macro zu verhindern, dass das Land in einem Chaos versinkt ...
Simon Scarrow wurde in Nigeria geboren und wuchs in England auf. Nach seinem Studium arbeitete er viele Jahre als Dozent für Geschichte an der Universität von Norfolk, eine Tätigkeit, die er aufgrund des großen Erfolgs seiner Romane nur widerwillig und aus Zeitgründen einstellen musste.
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kapitel 1
Februar 51 n.Chr.
Die Reiterkolonne schob sich gerade mühsam die Hügelkuppe hinauf, als ihr Anführer plötzlich sein Pferd zügelte, die Hand hob und seinen Männern das Zeichen zum Anhalten gab. Frischer Regen hatte den Weg in eine klebrige Schlammfläche verwandelt, die von Löchern und tiefen Furchen durchzogen war, sodass die Pferde angestrengt schnaubten und mit pfeifenden Lungen nach Luft schnappten, während ihre Beine in den völlig aufgeweichten Boden sanken. Die kühle Luft hallte von den dumpfen Geräuschen wider, die die Hufe auf dem nassen Boden machten, bis die Tiere langsamer wurden und schließlich stehen blieben. Langgezogene Dampfwolken strömten aus ihren Nüstern. Der Führer der Kolonne trug über seinem schimmernden Brustpanzer einen dicken roten Umhang, dessen Zierschleifen seinen Rang erkennen ließen. Es war Legat Quintatus, Oberbefehlshaber der Vierzehnten Legion und damit betraut, die Westgrenze der Provinz Britannien zu sichern, die erst seit Kurzem zum römischen Reich gehörte.
Keine leichte Aufgabe, wie er sich bitter eingestehen musste. Es war nun schon fast acht Jahre her, seit die Armee auf der Insel am Ende der bekannten Welt gelandet war. Damals war Quintatus noch ein Tribun Anfang zwanzig gewesen, voller Überzeugung, eine wichtige Mission zu erfüllen, und vom Verlangen erfüllt, für sich selbst, für Rom und für den neuen Kaiser Claudius Ruhm zu erlangen. Die Armee hatte sich ihren Weg ins Land erkämpft und das mächtige Heer der vereinigten Stämme besiegt, das unter der Führung von Caratacus gestanden hatte. In einer Schlacht nach der anderen hatten die Römer die Inselbewohner immer weiter zurückgedrängt, bis sie die feindlichen Krieger in einem letzten Kampf nahe ihrer Hauptstadt Camulodunum vernichtet hatten.
Damals schien diese Schlacht die Entscheidung zu bringen. Der Kaiser selbst war vor Ort gewesen, um Zeuge des Sieges zu werden. Und um die ihm gebührenden Ehren dafür in Empfang zu nehmen. Sobald die Vertreter der meisten Stämme Verträge mit dem Kaiser geschlossen hatten, kehrte Claudius nach Rom zurück, wo er sich triumphal feiern ließ und der Menge verkündete, dass die Eroberung Britanniens erfolgreich abgeschlossen sei.
Aber so war es nicht. Der Legat runzelte die Stirn. So war es ganz und gar nicht. Die vermeintlich letzte Schlacht hatte Caratacus’ Widerstandswillen mitnichten gebrochen. Sie hatte ihm nur gezeigt, dass es geradezu selbstmörderisch war, seine tapferen, aber schlecht ausgebildeten Krieger in einen offenen Kampf mit den Römern zu schicken. Inzwischen hatte er gelernt, die Sache anders anzugehen. Er lockte römische Einheiten in einen Hinterhalt und setzte schnelle, bewegliche Truppen dazu ein, die Nachschublinien der Legionäre und ihre Außenposten zu plündern. Sieben Jahre und zahllose Feldzüge hatte es gedauert, um Caratacus in die Bergfestung der Silurer und Ordovicer zurückzudrängen. Die Männer dieser Stämme waren unerschrockene Krieger, die von der fanatischen Wildheit ihrer Druiden angetrieben wurden und entschlossen waren, Rom bis zum letzten Atemzug Widerstand zu leisten. Sie hatten Caratacus als ihren Anführer akzeptiert, und das neue Zentrum seines Widerstands hatte Kämpfer aus allen Gegenden der Insel angezogen, die den Römern gegenüber unerschütterlichen Hass empfanden.
Hinter den Legionären lag ein harter Winter, und kalte Winde und Eisregen hatten die römische Armee gezwungen, ihre Aktionen während der langen, dunklen Monate einzuschränken. Erst gegen Ende der Jahreszeit, als die tief hängenden Wolken und der Nebel sich aus dem Bergland jenseits der Grenze zurückzogen, waren die Legionen in der Lage, für den Rest des Winters weitere Feldzüge gegen die Bewohner der Insel zu organisieren. Ostorius Scapula, der Statthalter der Provinz, hatte der Vierzehnten befohlen, in die bewaldeten Täler vorzudringen und eine Kette aus Festungsanlagen zu errichten. Diese sollten als Basen für die Hauptoffensive dienen, die für den Frühling geplant war. Die lokalen Stämme hatten schnell und entschieden reagiert, und Legat Quintatus musste zur Kenntnis nehmen, dass selbst die stärksten Einheiten, die er ins Feindesland geschickt hatte, angegriffen wurden. Zwei Kohorten Legionäre, fast achthundert Mann. Der befehlshabende Tribun der Kolonne hatte dem Legaten zu Beginn des Angriffs eine Nachricht geschickt, in der er dringend um Unterstützung bat. Quintatus hatte den Rest der Legion bei Tagesanbruch aus der Garnison in Glevum geführt, und während sie sich der Festung näherten, war er mit einer Eskorte vorausgeritten, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Sein Herz war schwer von Furcht vor dem, was ihn dabei erwarten würde.
Jenseits des Hügels lag das Tal, das tief ins Land der Silurer führte. Der Legat spitzte die Ohren und versuchte, die Geräusche der Pferde hinter sich auszublenden. Doch vor ihm blieb alles still. Kein dumpfes, rhythmisches Hämmern der Äxte begleitete das Fällen der Bäume, mit dem die Legionäre Bauholz für die Errichtung ihrer Festung gewannen oder einen Streifen freien Landes jenseits des Festungsgrabens schufen. Keine Stimmen hallten von den Talhängen rechts und links wider. Auch kein Kampflärm.
»Wir kommen zu spät«, murmelte er leise vor sich hin. »Zu spät.«
Verärgert über sich selbst, runzelte er die Stirn, weil es ihm nicht gelungen war, seine Befürchtungen für sich zu behalten. Rasch blickte er sich um, weil er sehen wollte, ob jemand seine Worte gehört hatte. Die Männer seiner Eskorte, die sich direkt neben ihm befanden, saßen gelassen in ihren Sätteln. Nein, korrigierte er sich, nicht gelassen. Ihre Miene verriet, wie besorgt sie waren, während ihre Blicke auf der Suche nach einem Zeichen für die Anwesenheit des Feindes über das Land huschten. Der Legat holte tief Luft, um wieder ruhiger zu werden, schwang seinen Arm nach vorn und drückte die Fersen in die Flanken seines Pferdes. Das Tier setzte sich wieder in Bewegung. Seine dolchartigen Ohren zuckten, als spüre es die Nervosität seines Herrn. Der Weg wurde eben, und kurz darauf hatten die Reiter an der Spitze freie Sicht auf die Talmündung.
Der Bauplatz lag eine halbe Meile vor ihnen. Eine breite, offene Fläche war aus dem Kiefergehölz geschlagen worden; die Baumstümpfe sahen aus wie abgebrochene Zähne, die sich kreuz und quer über die aufgeworfene Erde verteilten. Die Umrisse der Festung waren noch erkennbar, aber dort, wo sich eigentlich der tiefe Graben, der Erdwall und die Palisade hätten befinden sollen, herrschte nur noch ein einziges Chaos aus verbrannten Balken, zerstörten Karren und den Überresten von Zelten, deren Planen aus Ziegenleder niedergerissen und in den Schlamm getrampelt worden waren. Viele Abschnitte des Schutzwalls waren zerstört, und die Erde und die Holzfundamente, aus denen er bestanden hatte, hatten sich in den Graben abgesenkt. Und man sah die Kadaver von Maultieren und Pferden sowie etliche Soldatenleichen. Die Toten waren nackt, und aus der Ferne erinnerte ihr fahles Fleisch den Legaten an Maden. Er schauderte und schob den Gedanken unwirsch beiseite. Seine Männer schnappten vernehmlich nach Luft, und einige von ihnen fluchten leise vor sich hin, während sie die Szenerie musterten. Quintatus’ Pferd ging immer langsamer und blieb schließlich stehen, sodass er seine Fersen wütend in die Seiten des Tieres bohrte und es zu einem leichten Trab zwang, indem er heftig an den Zügeln zerrte.
Nirgendwo gab es Anzeichen für eine Gefahr. Der Feind hatte seinen Angriff schon vor vielen Stunden beendet und sich nach seinem Sieg mit allem, was er hatte erbeuten können, zurückgezogen. Außer der zerstörten Festung, den Transportkarren und den Toten gab es hier nichts mehr.
Abgesehen natürlich von den Krähen, die sich auf das Aas gestürzt hatten. Als die Reiter dem Weg ins Tal folgten, schwangen sich die Vögel in die Lüfte, wobei sie heisere Warnrufe ausstießen und sich krächzend darüber beschwerten, dass sie ihr düsteres Festmahl aufgeben mussten. Wie Streifen schwarzen Tuchs, die von Sturmböen erfasst worden waren, wirbelten sie durch die Luft und erfüllten die Ohren des Legaten und seiner Männer mit ihren hässlichen Lauten.
Quintatus ließ sein Pferd im Schritt gehen, als er die Überreste des Haupttores erreicht hatte. Die Holztürme der Festung waren zuerst errichtet worden; jetzt stand nur noch der verkohlte Rahmen. Vor einem Hintergrund aus Felsen und baumbestandenen Hügeln stiegen noch immer dünne Rauchfäden aus dem Holz zu den tief hängenden grauen Wolken auf. Von beiden Seiten des Tores aus führte der Graben zu den Ecken der Festung, wo die Überreste der Türme standen. Der Legat schnalzte mit der Zunge und führte sein Pferd am zerstörten Torhaus vorbei. Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich der Wall und der Streifen freien Landes, der innerhalb der Befestigungsanlagen eingerichtet worden war. Dahinter wiederum erkannte man das, was von den Zelten noch übrig war, und dort lagen auch die ersten, dicht aneinander gedrängten Leichen. Die Körper der Toten trugen keine Rüstungen, Tuniken und Stiefel mehr; sie wirkten seltsam verzerrt und waren von blauen Flecken übersät. Blut, das aus den düsteren Mündern ihrer tödlichen Wunden geströmt war, beschmierte ihre Haut. Außerdem gab es kleinere Schnitte und Risse in ihrem Fleisch, wo sich die Krähen mit ihren Schnäbeln zu schaffen gemacht hatten, und mehrere Leichen hatten blutige Augenhöhlen, aus denen die Vögel die Augen gezerrt hatten. Einigen Toten waren die Köpfe abgehackt worden, und die Stümpfe waren mit einer dicken Schicht aus schwarzem, getrocknetem Blut bedeckt.
Während Quintatus auf die...




