E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Sayer / Botting Nazi-Gold
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96092-184-4
Verlag: FinanzBuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Geheimnis um das geraubte Gold der Deutschen Reichsbank
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-96092-184-4
Verlag: FinanzBuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ian Sayer (*1945) gilt als eine der herausragenden Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Forschung um das verschwundene Gold der Reichsbank und weltweit als angesehener Forscher zur Geschichte des Dritten Reichs. Nachdem er das Verschwinden zweier Nazi-Goldbarren nachgewiesen hatte, konnte er die US-Regierung davon überzeugen, eine internationale Suche zu starten. Diese Suche dauerte fast 20 Jahre und endete damit, dass Sayer die seltene Ehre zuteilwurde, den Goldbarren-Tresor der Bank of England zu besuchen, wo er mit dem Goldbarren in Händen fotografiert wurde, den er selbst aufgespürt hatte. Sayer ist Kurator des gleichnamigen Ian Sayer Archive, das über eine Sammlung von mehr als 100 000 Büchern, Briefen und amtlichen Dokumenten zum Zweiten Weltkrieg verfügt.
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EINLEITUNG
Der Raub des Reichsbankvermögens im Jahr 1945 war nicht nur der größte Raub in der Geschichte, sondern über viele Jahre auch ein Ereignis, über das kaum etwas bekannt war.
Die Ära des Nationalsozialismus inspirierte beinahe so viele Mythen über verschollenes Gold und andere Schätze wie die Zeiten der spanischen Freibeuter – Mythen über Raubgut der SS, das in den Tiefen eines Alpensees lagert; über kostbare Juwelen in gesunkenen U-Booten und im libyschen Wüstensand verscharrtes Gold von Erwin Rommel, Generalfeldmarschall in der Zeit des Nationalsozialismus. Einige dieser Legenden basieren auf Tatsachen, wie zum Beispiel diejenigen, die sich auf den österreichischen Toplitzsee beziehen. Dort waren am 29. April 1945 von SS-Leuten tatsächlich Kisten versenkt worden. Diese hätten, so hieß es, zu Barren umgeschmolzenes Zahngold aus den Konzentrationslagern sowie geheime Akten der NS-Führung enthalten. Tatsächlich wurden bei zahlreichen Tauchgängen seit den 1950er-Jahren jedoch nur Kisten mit von den Nazis gefälschten Pfundnoten geborgen. Die Hoffnung auf einen Goldschatz hingegen erfüllte sich bislang nicht. Wahrscheinlich denken die meisten Menschen daher zuerst an den Toplitzsee, wenn von dem Nazischatz die Rede ist. Nazigold handelt allerdings von einem ganz anderen Schatz, und zwar von einer Geschichte, um die sich seit Jahren alle möglichen Gerüchte und Spekulationen ranken: die verschollenen millionenschweren Gold- und Währungsreserven der Reichsbank, die irgendwo in den bayerischen Alpen versteckt liegen sollen.
Die bekannten Fakten über das Verschwinden eines Teils der Reichsbankreserven gingen im Chaos der deutschen Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkriegs und dem administrativen Durcheinander der anschließenden amerikanischen Besatzung unter. Die verspäteten Bemühungen des amerikanischen Militärs und der deutschen Zivilbehörden in den Nachkriegsjahren, diese Fakten nachträglich zusammenzutragen und daraus schlüssige Erkenntnisse zu gewinnen, wurden von der Unkenntnis der tatsächlich vermissten Summen und Wertgegenstände, mangelnder Koordination zwischen den verschiedenen Ermittlungsbehörden sowie der Unauffindbarkeit wichtiger Zeitzeugen zunichtegemacht.
Die erste öffentliche Erwähnung des Reichsbankschatzes scheint einem Zeitungsartikel von Henriette von Schirach (die mit Hitlers Reichsjugendführer Baldur von Schirach verheiratet war) zu entstammen, der im Oktober 1950 unter dem Titel »Das Gold vom Walchensee« in der Illustrierten Wochenend erschien. In diesem Artikel wurden zumindest die richtigen Fragen gestellt, allerdings lieferte er keine Antworten. Und er scheint die Münchener Kriminalpolizei dazu veranlasst zu haben, ihre eigenen Ermittlungen über bestimmte Aspekte dieses Mythos anzustellen. Während dieser Ermittlungen wurde die Geschichte von dem Münchener Journalisten Ottmar Katz in dem Artikel »Hinter den Kulissen ... Wo ist das Gold vom Walchensee?« aufgegriffen, der im Mai 1952 in der Zeitschrift Quick veröffentlicht wurde. Kurz darauf wurde ein englischer Autor namens William (Billy) Stanley Moss auf die Geschichte aufmerksam, der daraufhin seine eigenen privaten Ermittlungen über den Raub des Reichsbankgoldes und seine Folgen anstellte und sie 1956 in London in dem Buch Gold Is Where You Hide It veröffentlichte. Dieses Buch war zwar unvollständig und in Teilen irreführend, aber es war der erste Versuch einer kohärenten Schilderung der Reichsbankaffäre und die erste, die außerhalb von Deutschland erschien. Auf indirekte Weise wies sie den Weg zu der vorliegenden genaueren und vollständigeren Wiedergabe der Ereignisse.
Billy Moss, Autor des Bestsellers Ill Met By Moonlight (das von seiner Beteiligung an der riskanten Entführung des Kommandeurs der deutschen Streitkräfte auf Kreta während des Zweiten Weltkriegs handelt) wurde erstmalig über einen Mittelsmann auf den Reichsbankraub aufmerksam – den gebürtigen Polen und eingebürgerten Briten Andrew Kennedy. Während des Zweiten Weltkriegs war Andrew Kennedy der führende Kopf einer Fluchtorganisation in Ungarn und später Mitglied der britischen nachrichtendienstlichen Sondereinheit Special Operations Executive (SOE). Nach dem Krieg lebte und arbeitete er als Geschäftsmann in Deutschland, wo er sich eines breiten Freundeskreises erfreute, dem nicht nur Billy Moss, sondern auch zwei Bürger aus Garmisch-Partenkirchen angehörten, und zwar Gusti Stinnes und ihr englischer Ehemann Eric Knight. Über diese beiden – Gusti und Eric Knight – bekamen Kennedy und Moss erstmalig Wind von der Geschichte des Reichsbankschatzes.
Billy Moss arbeitete unter widrigen Umständen. Weder war es gut um seine Gesundheit bestellt, noch verfügte er über die finanziellen Mittel für ein Projekt dieser Tragweite. Darüber hinaus verweigerten ihm die US-Behörden, in deren verschiedenen Archiven man maßgebliche Informationen über den Raub des Reichsbankgoldes vermutete, jegliche Kooperation. Tatsächlich stritt und streitet die amerikanische Regierung bis heute ab, dass ein solcher Raub je stattgefunden hat, oder dass Mitglieder der amerikanischen Streitkräfte an einem solchen Raub beziehungsweise den darauffolgenden Ereignissen beteiligt waren. Die Archive, so die Regierung, enthielten keinerlei Aufzeichnungen, die irgendeinen Hinweis auf ein solches Vorkommnis gäben. Zudem verweigerte die Regierung auch die Einsicht in die maßgeblichen Dokumente, die für die Nachforschungen unverzichtbar waren. Moss’ Buch fiel daher zwangsläufig ein wenig dürftig und spekulativ aus. Dennoch kam es dem Kern der Sache ziemlich nahe und blieb über fast dreißig Jahre der beste Versuch, das Rätsel über das Verschwinden des Reichsbankschatzes zu lösen.
Bald darauf wurde das Guinnessbuch der Rekorde auf eine Meldung über diese Geschichte aufmerksam, die sich in den Archiven der Nachrichtenagentur Associated Press-Reuter in London befand, und nahm sie als »größten Raub der Welt« in seine frühen Ausgaben auf. In dem Eintrag wurden hochrangige Funktionäre sowohl der amerikanischen Streitkräfte als auch der ehemaligen Deutschen Wehrmacht der Beteiligung an dem Raub bezichtigt, und es wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass nie irgendjemand zur Rechenschaft gezogen worden war, wobei die Angaben über die entwendeten Summen und Wertgegenstände weit von der Realität entfernt waren. Der Eintrag wurde in jedem Folgejahr (bis auf eines) in unterschiedlicher Form nachgedruckt, und es war dieser Eintrag, der die beiden gegenwärtigen Autoren unabhängig voneinander erstmalig auf die Fährte der bemerkenswerten Ereignisse brachte, die das Thema des vorliegenden Buches bilden.
Douglas Botting, Forschungsreisender und Autor, stieß erstmals im Jahr 1969 auf den Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde, und zwar im Anschluss an eine Reise nach Brasilien, wo er meinte, den Aufenthaltsort von Hitlers verschollenem ehemaligen Parteisekretär Martin Bormann ausfindig gemacht zu haben. Genau wie Moss kam Botting mit den US-Archiven nicht weiter und gelangte schließlich zu dem (wie sich später herausstellen sollte, falschen) Schluss, der Raub der Reichsbank sei ein Produkt antiamerikanischer Propaganda der von den Sowjets kontrollierten ostdeutschen Presse – in der Ausgabe des Guinnessbuch der Rekorde von 1970 befand sich ein Eintrag in diesem Sinne. Er widmete seine Aufmerksamkeit daraufhin anderen Themen des unmittelbaren Nachkriegsdeutschlands.
Fünf Jahre später, kurz vor Weihnachten des Jahres 1974, kaufte Ian Sayer, der im Jahr des Reichsbankraubes geboren wurde, seine erste Ausgabe des Guinnessbuch der Rekorde. In der Sekunde fing er Feuer und nahm mithilfe eines Kollegen namens Harry Seaman unmittelbar private Nachforschungen über den Reichsbankraub auf – ein Projekt, das schon bald zu einer passionierten Suche nach der definitiven Wahrheit werden sollte. Das war allerdings leichter gesagt als getan. Sayer begann bei null. Er besaß nicht einmal Billy Moss’ Vorteil persönlicher Kontakte zu einigen der maßgeblich Beteiligten an der Reichsbankaffäre. Weder kannte er die echten Namen der involvierten Personen, noch beherrschte er die Techniken der historischen und strafrechtlichen Ermittlungen oder die nötigen Mittel, um ausländische Staatsbürger in weit entfernten Ländern aufzuspüren oder sich an Plätzen wie Washington, Berlin und Buenos Aires hochsensible Aufzeichnungen aus Militär- und Polizeiakten zu beschaffen. Aber er hatte Feuer gefangen und ließ nicht mehr locker.
Zunächst war es eine äußerst undankbare Aufgabe: viele Tage mühseliger Recherchen im Public Records Office, dem damaligen Nationalarchiv des Vereinigten Königreichs, und im britischen Zeitungsarchiv Colindale Newspaper Library (das 2013 geschlossen und in die British Library überführt wurde) sowie endlose Stunden, in denen er internationale Telefonverzeichnisse durchkämmte. Viele Personen waren in der Zwischenzeit verstorben, einschließlich Billy Moss. Zwar war Sayer das eine ganze Weile nicht...




