Sawall | Zwischenton | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

Sawall Zwischenton


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-6224-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

ISBN: 978-3-7448-6224-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit Zwischenton erscheint die erste eigene Anthologie der Autorin Tanja Sawall mit Texten verschiedener Genres. Inhaltlich werden Töne laut, die zwischen Menschen erklingen. In allen Schattierungen des Lebens, von leicht satirischen Alltagsbeobachtungen über experimentelle und romantische Poesie zwischen Liebe und Erotik bis hin zu Krimis in 17 Kurz- und Kürzestgeschichten sowie 13 Gedichten, zeigt uns die Autorin einen Querschnitt aus ihren bereits veröffentlichten und bislang unveröffentlichten Werken.

Tanja Sawall veröffentlicht Prosa und Lyrik in Zeitungen und diversen Anthologien, u. a. im chiliverlag, Schweitzerhaus Verlag und bei SternenBlick. 2015 Preisträgerin beim Wettbewerb der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte. 2016 Drittplatzierte beim Katzen- und Naturschutz-Krimi-Wettbewerb des chiliverlags.
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Altersteilzeit mit Milchkaffee und Maniküre


Älter zu werden ist ein Segen, sagt man. Einige Marotten werden nichtig, etliche andere gewinnen an Bedeutung. Manche Dinge kann man tatsächlich erst in einem bestimmten Alter richtig genießen und weiß sie auch erst dann zu schätzen. Ist das so? Oder malen wir uns hier nur die grauen Haare bunt?!

Selbst der Abstand, in welchem ich selbige ihrem Naturton von vor zwanzig Jahren immer wieder neu anpassen muss, wird stetig geringer. Waren es anfänglich noch alle sechs bis acht Wochen, so bin ich mittlerweile froh, wenn die Farbe ganze vier Wochen lang hält.

Als Neuvierzigerin lebt man in einem Körper, der sich noch nicht zwischen ichbindochnochjung und „Herzlich Willkommen in meiner Menopause!“ entschieden hat. Ein bisschen wie Schnitzeljagd der Hormone; mal sehen, wer als erster ins Ziel kommt. Jeder Tag ist wie ein kleiner Neuanfang, an dem wir völlig unbekannte Seiten an uns kennenlernen. Zwischen physischen und emotionalen Temperaturschwankungen glaubt man sich in einer Dauerschwangerschaft; zwar ohne Geburt, wenn auch manchmal mit Wehen, aber auf jeden Fall mit ein paar ... nennen wir es angesammelte Liebesmasse hier und da. Sicher, das könnte auch am kürzlich Verflossenen liegen. Nach jeder Trennung verhält sich der Körperumfang nämlich kongruent zum jeweiligen Kerl. Entweder man vertrocknet in Kummerdürre, weil man dermaßen bedient ist, dass man nichts herunterbekommt, oder man rennt täglich zum nächsten Durchfahrschalter lokaler Fast-Food-Ketten: Einmal das Warmalwiedernix-Menü und eine mittlere Portion Herzschmerz zum Mitnehmen, bitte! Die hinterlassene Leere muss schließlich gefüllt werden. Das funktioniert selbstredend ebenso gut mit diversen Backerzeugnissen, möglichst mit hohem Zuckergehalt. Meine bevorzugte Marke für alle Lebenslagen: Käsekuchen. Wahlweise mit Sahnehäubchen und einer Jumbotasse Café au lait, welche je nach Bedarf mit zwei bis vier Tütchen des süßen, weißen Hüftgolds aufgewertet wird. Danach meldet sich zwar das schlechte Gewissen als sichtlich erhöhte Anzeige auf der Waage, aber in dem Moment der kulinarischen Befriedigung ist das Engelchen auf der Schulter lauter. Oder flüstert da doch eher der Teufel? Ach, wen interessiert's? Hauptsache das freigesetzte Dopamin schießt uns umgehend ins gelobte Glücksbärchiland – wenn auch nur kurzzeitig. Für die übrigen Stunden müssen wir uns eben Ersatzdrogen suchen. Nichts Illegales natürlich, aber süchtig können diese Ablenkmanöver dennoch machen. Shopping, Fitness, wittlereske Wohnungsumgestaltung, Friseur- oder Nagelstudio-Besuche. Für manche scheint das Ergebnis des Letzteren sogar ein sichtbar getragenes Zeichen für den jeweiligen Gemütszustand zu sein. Allerdings könnte es auch ein kaleidoskopisch aufgetragenes Antonym darstellen, welches man dank moderner Schablonen-Modellage als zehnköpfige Gutelaunestifter immer bei sich tragen kann, quasi als winzige Talis-Männer. Im Gegensatz zu ihren großen Brüdern, mit denen sie nur den Nachnamen gemein haben, kann man diese ganz leicht auswechseln oder bei Bedarf einfach mal auffrischen. Gut, sie bringen weder den Müll runter, noch bohren sie Löcher in Wände – maximal in die Haut – aber sie brechen die eingegangene Verbindung nicht plötzlich und scheinbar grundlos ab. Als ob man nicht schon genug Probleme in dem Alter hätte ...

Sogar das einstmals üppige Haupthaar des Mannes wandert von seinem Ursprungsort ab, um sich anderweitig anzusiedeln – vorzugsweise auf Rücken und Ohren. Während so eine Glatze bei den Herren der Schöpfung durchaus sexy wirken mag, können die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts einen kahlgeschorenen Kopf nur tragen, wenn sie Demi Moore oder Sinéad O'Connor heißen.

Machen wir uns nichts vor: Sobald die Volljährigkeit überschritten ist, erfüllt uns nie wieder eine Jahreszahl so sehr mit Vorfreude, kein Etappenziel wird je wieder so herbeigesehnt werden. Im Gegenteil. Manch einen versetzt die Zahl 30 dermaßen in Angst und Schrecken, dass sie ab jetzt nur noch 29 werden – und zwar jedes Jahr. Um die korrekte Hausnummer doch irgendwie anzugeben, werden gelegentlich Buchstaben entsprechend addiert. Immerhin wurden wir zur Ehrlichkeit erzogen.

Manch einen übermannt jedoch eine latente Panik, den Ball nicht mehr ins Spiel zu bekommen, weswegen man alles Gewohnte verändert und fortan versucht, möglichst viele Elfmeter zu verwandeln. Zumindest eine Zeitlang. Das endet meist mit der Erkenntnis, dass Kraft und Ausdauer alles andere als zwanzigjährig sind und Ehrenurkunden allein nicht glücklich machen. Nicht wenige kleiden ihre Persönlichkeit daher mit einer mod(r)ischen Stinkstiefelette.

Es ist mir ein Rätsel, warum unsere Großmütter und deren weibliche Ahnen, nennen wir sie „Mut-Tanten“, überwiegend – und selbst im fortgeschritteneren Alter noch begeistert – Rock trugen, wenn doch die Innenschenkel ab einem gewissen Bindegewebsschwächegrad bei jedem unbestrumpften Schritt lautstark applaudieren. Gut, zu Zeiten des Reifrocks dämpften auch mehrere Lagen Stoff und spitzenbesetzte, knielange Unterhosen dieses verräterische Geräusch; eben das typische Aneinanderklatschen überflüssiger Haut. Genau jene, die sich auch schon seit Jahren am allseits bekannten Winkearm findet, der allmählich eher zum Winkewinkearm mit Echo expandiert. Ebenso entsetzt stellte ich eines Tages fest, dass sich die Haut nicht nur am Kinn, sondern auch am Knie und Ellenbogen verdoppelt hat. Wen juckt's dann noch, dass man plötzlich weniger gelenkig ist. Natürlich tritt das nur ein, nachdem sportliche Betätigungen über einen geringen Zeitraum von ein paar wenigen Jahrzehnten ausgefallen sind. Derart untrainiert verwundert auch die Kurzatmigkeit beim Treppensteigen in das schwindelerregend hohe Stockwerk einer zweiten Etage nicht. Das liegt keinesfalls an der steigenden Anzahl der Lenze. Prompt tummeln sich im E-Mail-Eingang ungebetene Werbenachrichten einer bekannten Diätpunktephilosophie-Gemeinschaft. Spätestens jetzt dämmert's mir, warum Mathematik in der Schule doch ihre Berechtigung hatte.

Sollte ich mir vielleicht Gedanken machen, wenn obendrein Post vom Vermieter eintrudelt, der mir altersgerechtes Wohnen unterjubeln und mich ungefragt zu einem Informationsabend für Senioren entsprechend meines Alters einladen möchte. Ich muss doch sehr bitten! '75 ist mein Geburtsjahr, nicht mein Alter!

Dass meine Zellen dennoch nicht mehr ganz so juvenil sind, erkenne ich daran, dass ich mich früher bei der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit auf eine zusätzliche Stunde in der Disco gefreut habe. Heute zelebriere ich mit Begeisterung diese eine geschenkte Stunde Schlaf.

Obwohl ich mich immer noch jung fühle, beweist mir nicht nur mein Körper das Gegenteil, auch mein Spiegelbild wirft mir regelmäßig ein anderes Bild vor als das, was ich eigentlich erwarte.

Die Jugend hat den Staffelstab endgültig an die Altersteilzeit abgegeben, wenn sich die zwickenden Zipperlein unkontrolliert vermehren (ernsthafte Erkrankungen klammern wir an der Stelle mal aus), die Verdauungsgeräusche anfangen, wie knurrende Zwergpinscher zu klingen, und Augenfältchen selbst während einer saftigen Standpauke weiterlächeln.

Von nun an gehören Sehhilfen, Hörgeräte, künstliche Hüftgelenke, Zahnimplantate mit aufgehübschten Beißerchen – tunlichst weißer als vorher – in anarchisch auftretender Reihenfolge zur Grundausstattung. Ein niedliches, kleines Ersatzteillager, das weder schön noch selten ist. Doch früher oder später ereilt fast jeden dieses Alterssiegel.

Irgendwann wird wohl auch mein Eigengeruch wechseln, nämlich in ein Aroma, das an alte, in ranzigem Fett geröstete Nüsse erinnert, gepaart mit einem Atem raubenden Odeur, Marke gärendes Obst; als befinde sich die Frucht bereits in dem Aggregatzustand kurz vor Flüssigkeitsaustritt.

A propos ... noch leide ich glücklicherweise nicht an Inkontinenz, dafür steigt die Anzahl der nächtlichen Ruhestörungen durch Toilettengänge zusehends. Es scheint, als meuterten sämtliche Schließmuskel gegen übertrieben seltene Nutzung – und erneut naht die buchstäbliche Dehydrierung. Nicht zuletzt und ganz besonders durch die Tränendrüsen. Dort sammeln sich offenbar jedwede hormonelle Hysterien der letzten Perioden und werden bei jeder unpassenden Gelegenheit ausgeschüttet.

Von übler Trägheit betroffen, erschlaffen auch alle anderen Muskeln und setzen Gemütlichkeitsfleisch an, weswegen uns die Schwerkraft fest auf die Couch tackert und Augenlider scheinbar unzertrennlich werden – als hätten wir statt Mascara Sekundenkleber aufgetragen. Ebenso arbeitsscheu verweigert uns selbst der Zungenmuskel seinen gehorsamen Dienst.

Hier zeigt sich ein kleines Phänomen: während wir uns der bleischweren Ermattung im Wachzustand widerstandslos ergeben und weniger bis gar nicht mehr kommunizieren, plappern wir während des Nickerchens unverständliches Kauderwelsch, wie ein lallendes...



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