Sautner | Der Glücksmacher | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Sautner Der Glücksmacher

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8412-0474-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0474-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Erfindung des Glücks.

Eigentlich ist Sebastian Dimsch ja Angestellter in einer Versicherung. Doch statt sich vom Jähzorn seiner Chefin und vom Arbeitsalltag in der Versicherung verrückt machen zu lassen, beginnt Sebastian Dimsch in seinem Büro mit der heimlichen Lektüre der großen Philosophen. Er will herausfinden, wie ein Mensch glücklich werden kann. Bald stellt er die Büroarbeit ganz ein - und wird zum Liebling seiner Kollegen, die sich Rat bei ihm holen. Voller Misstrauen aber beobachtet die Chefin sein Treiben - und stellt ihn vor eine absurde Aufgabe, um ihn kaltzustellen. Dimsch soll eine Glücksversicherung entwerfen ...

'Klug, klar und witzig.' Die Presse.

'>Der Glücksmacher< ist in seiner wunderbar leicht-ironischen Sprache ein großes Lesevergnügen.' Neue Zürcher Zeitung.



Thomas Sautner, geboren 1970, arbeitete als Journalist. Heute lebt er als freier Autor, Maler und Berater im nördlichen Waldviertel und in Wien. 'Fuchserde' wurde von der Kritik begeistert aufgenommen und war in Österreich ein Bestseller.

Im Aufbau Taschenbuch liegen ebenfalls seine Romane 'Fremdes Land', 'Milchblume', 'Der Glücksmacher', 'Die Älteste', 'Das Mädchen an der Grenze', 'Großmutters Haus' und 'Die Erfindung der Welt' vor.

Mehr zum Autor unter thomas-sautner.at

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5


Der Text war gewiss keine leichte Kost, und dennoch überkam Dimsch schon nach wenigen Passagen das Gefühl, als würde er von diesen Zeilen auf ungekannte Art beflügelt, als segelten seine Gedanken durch genussgeladene, bisher unerforschte Zonen, und jede weitere Sichtung gab ihm neuen Schwung, gab ihm Hoffnung, niemals mehr sinken zu müssen auf altes Terrain. Welch gewaltiger Horizont sich ihm auftat, welch Ideenreichtum! Schon immer irgendwie Geahntes bekam plötzlich Namen und Gestalt, wurde fassbar, schloss sich ihm auf. Sinn fügte sich an Sinn, wurde klar und klarer, und alles schien zu münden in einer lang ersehnten, unübertrefflich befreienden Logik. Als er ein leises Scharren hörte, sah Dimsch zur Seite – und da war eine Maus.

Er blickte zu ihr nach unten, und sie blickte zu ihm nach oben. Beide waren überrascht, Dimsch und die Maus. Beide hatten bis vor kurzem gedacht, das Zimmer für sich alleine zu haben. Und beiden klopfte das Herz einige Takte schneller als gewöhnlich. Dunkelgrau, fast schwarz war sie, die Maus, und nicht viel größer als ein Radiergummi. Sie hob das Köpfchen, und weil sie schnupperte, vibrierten ihre Schnurrhaare. Dimschs Geruch schien ihr verträglich. Flinkäugig prüfte sie die Umgebung und sprintete dann im Zimmer eine Runde, dass es den Abteilungsleiter für Meinungsforschung und Statistik vor Schreck auf seinem Bürosessel herumriss und er nach einer Drehung gerade noch sah, wie die Maus unerhört wendig unter einem Heizkörper in den Boden abtauchte.

Ein paar Sekunden lauschte Dimsch mit angehaltenem Atem dem leiser werdenden Trippeln nach. Als trotz Hinunterbeugens nichts mehr zu vernehmen war, kein Knistern, kein Knabbern, kein Kratzen, kniete er nieder, stützte sich mit den Händen ab, und als seine Wange den Boden berührte, entdeckte Dimsch im Schatten des Heizkörpers, nahe dem Mauereck, das Loch im grauen Filz.

Er getraute sich nicht, mit dem Finger die Tiefe der Öffnung zu erforschen, was lächerlich war, das wusste er, was sollte schon passieren, er würde wohl nicht nach unten gezogen werden von dunklen Mäusemächten. Dennoch stand Dimsch auf, um einen Bleistift zu holen und besser den anstatt des Fingers in die Öffnung zu schieben.

Das Loch war kaum zwei Finger breit. Die Höhlung führte einen viertel Bleistift lang senkrecht nach unten, um dann in einem schräg abfallenden Knick ins scheinbar Waagrechte überzugehen. Unglaublich, diese kleine Maus hatte nicht nur den grauen Filzboden durchgenagt, sondern sich darunter glattweg durch betonharten Estrich gefräst. Das war eine Leistung, die Dimsch zumindest ebenso respekteinflößend empfand wie jene der fingernagelkleinen Heuschrecken, die er sommers beobachtet hatte, wie sie mit nur einem Satz eine Distanz überbrückten, die dem Hundertfachen ihrer Körperlänge entsprach. Wie unbedeutend dagegen wir Menschen sind, dachte Dimsch. In einer einzigen Disziplin haben wir die Chance, mehr zu leisten als Tiere, nämlich beim Denken, und was tun wir mit dieser Möglichkeit? Nur in Glücksfällen nutzen wir sie für tiefere Gedankengänge, für intellektuelle Himmelssprünge; stattdessen ausgiebig, ja verschwenderisch für Banalitäten. Gerade so, als würde die Maus nur an der Oberfläche kratzen, anstatt ein Labyrinth an Möglichkeiten zu schaffen, und die Heuschrecke sich damit begnügen, den ein oder anderen lustlosen Hopser zu tun.

Dimsch kniete noch immer am Boden, seine Hände strichen über den borstigen Filz. Er dachte an die Maus. Andächtig, beinahe zärtlich wurde ihm dabei. Und weil ihm die Träumerei selbst nicht ganz geheuer war, richtete er sich auf, schob den Bürosessel unter seinen Hintern und griff wieder zum Buch.

Er fand nicht gleich die Stelle, an der er unterbrochen hatte, erinnerte sich aber, dass er von Epikur zuletzt aufmerksam gemacht worden war, in welch dichtmaschigem Geflecht von Alltagsverpflichtungen nicht bloß hohe Würdenträger verwoben waren, etwa Politiker und Unternehmer, sondern auch die gewöhnlichsten Bürger, kurzum er, und dass es gelte, exakt hier anzusetzen, denn wahrhaftes Glück sei nur möglich durch .

Da ging, wie dramaturgisch bestellt, eine E-Mail von Irene Großburg ein. Der einzige Satz der Chefin war mit fünf Rufzeichen versehen.

Diese acht Wörter, diese fünf Rufzeichen, dieser eine Ton reichten aus, um Dimsch in Sekundenschnelle von einer Welt in eine andere zu befördern. Von jener der hochfliegenden Gedanken und friedlichen Ausgeglichenheit in jene der niederschmetternden Dumpfheit und aggressiven Hektik. Und obgleich er bemerkte, dass diese E-Mail einer Geisteshaltung entsprang, die nicht ernst genommen werden sollte, fügte sie ihm einen Schmerz zu, so pfeilschnell, dass sein Verstand sich nicht rasch genug wehren konnte. Einige Sekunden musste Dimsch verstreichen lassen, um wieder klar denken zu können. Es war, versuchte er sich zu beruhigen, ein Angriff mit einer sehr einfachen, sehr primitiven Waffe gewesen, der gewiss mehr über Großburgs Art verriet, als ihr lieb war, entsprach die Attacke doch einem beiläufigen Tritt, den jemand einer Katze versetzt, anstatt sich an ihr zu freuen, anstatt Teil zu haben an ihrer Geschmeidigkeit.

Die einzig angebrachte Reaktion wäre gewesen, dachte Dimsch, die Natur, der diese Bösartigkeit entsprungen war, prompt zu erkennen, deren Ton einzustufen als nicht würdig für den menschlichen Gebrauch und sie folgerichtig souverän ins Leere gehen zu lassen. Doch dafür war es zu spät. Der Schmerz war eingedrungen und eben dabei, sich festzusetzen. Nun galt es, das beklemmende Gefühl, das bis in die feinsten Verästelungen seiner Nervenbahnen ausstrahlte, rasch wieder loszuwerden.

Dimsch versuchte es mit feinsinniger Rache. tippte er,

kam Sekunden später als Antwort.

Dimsch sah auf die Uhr. Sie zeigte 10 Uhr 44.

Dass Irene Großburg mit allen Mitarbeitern per du war, lag an ihrem Stil, das Unternehmen, wie sie gern erwähnte, zu führen. Nun war es nicht etwa so, dass dieser junge, frische Stil wie selbstverständlich einherging mit einem kollegialen oder gar freundschaftlichen Umgangston. Irene Großburg nämlich verstand sich als ausschließlich zielorientierte Managerin, und nur manchmal hießen die Wege zu ihren Zielen Kollegialität und Freundlichkeit.

Dass sie einen Managementstil wählte, der nicht ausschließlich ihrer konservativ großbürgerlichen Herkunft entsprach, lag daran, dass sie sich für aufgeschlossen hielt, für eine Frau von Welt, die stets dazulernte, stets Bescheid wusste, was gerade war und am Markt der Strategen, Coaching-Gurus und Motivforscher. So war sie also mit allen Mitarbeitern per du, hatte für alle ihre Untergebenen (die sie nicht so bezeichnete) eine Tür, Hierarchien, Teamleiter, Mitarbeiter. Zudem war Irene Großburg eine brillante Rednerin und scheute nicht davor zurück, Emotion einzubringen, etwa wenn es in darum ging, Mitarbeitern ihr abzuverlangen, wie sie anglophil zu formulieren verstand. Bevor sie das tat, legte sie gekonnt dar (sie nahm regelmäßig Privatunterricht in Rhetorik sowie Mitarbeiterführung), dass die Versicherung nicht bloß irgendein Unternehmen sei, sondern ähnlich einer Familie, einer großen Familie, in der es gelte, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, füreinander da zu sein, solidarisch, einsatzfreudig, selbstlos. Und dann befragte sie jeden Teilnehmer des Workshops mit bewegter Stimme, tiefem Augenkontakt und ausgestrecktem Arm (die Handfläche nach oben, denn das signalisierte optimistische, einladend warme Offenherzigkeit), fragte also mit dramatischer Stimme und weichem Händchen: »Committest du dich?« Worauf der oder die Angesprochene, teils mit zittriger Stimme, unternehmensemotional völlig korrekt antwortete: »Ich committe mich.« Die rechte Hand dabei aufs Herz zu legen war niemand gezwungen.

Ein einziges Mal hatte es bei einem derartigen Seminar ein Mitarbeiter – er war erst seit kurzem dabei – gewagt zu sagen: »Irene, ich kann dir versichern« (sie hatte ihm zu diesem Zeitpunkt bereits das Du-Wort angetragen), »wirklich versichern, dass ich mein Bestes geben werde, aber bitte habe Verständnis, dass ich mich an dieser«, er zögerte, »dieser Zeremonie nicht beteiligen will.« Die Gesichtsfarbe Irene Großburgs hatte bei seinen Worten einen tiefroten Ton angenommen, und ihre Hand war nicht mehr optimistisch einladend nach oben gewandt gewesen, als sie ihn anschrie, wofür er sich, verdammt noch einmal, denn halte. Der junge Mann sprach daraufhin von emotionaler Erpressung, die ihn an die Methoden von Sekten erinnere, und dass er nicht vorhabe, bei einem derartigen Affenzirkus mitzumachen. Die Stimme Irenes geriet in Folge außergewöhnlich schrill, es war wohl cis-Tremolo, und unterfüttert war ihr Geschmetter mit Attributen, die gemeinhin als derbe Schimpfwörter gelten. Ihrem persönlichen Coach sollte sie später erzählen, dass sie die angewandt hatte, zur Einbindung und Solidarisierung der übrigen Mitarbeiter.

Was kaum jemand...



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