Saunders Ein Jahr an deiner Seite
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-402886-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-10-402886-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kate Saunders: erfolgreiche Autorin zahlreicher Romane und Kinderbücher, für die sie - auch in Deutschland - ausgezeichnet wurde. Als Journalistin und Rezensentin schrieb sie u.a. für die »Sunday Times« und »Cosmopolitan«, war als Jurorin tätig und arbeitete für das Radio. Die Londonder Autorin verstarb 2023. Literaturpreise: ?Die genial gefährliche Unsterblichkeitsschokolade?: Ulmer Unke 2015
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1. Kapitel
Auf der Intensivstation ist es warm wie in einem Treibhaus, und Nick liegt als fleischige weiße Orchidee nackt unter einem knappen Laken, umgeben von Schläuchen.
»Hallo, Nick«, sage ich in die von Piepsern durchbrochene gedämpfte Stille. »Mittwochabend … falls du’s wissen willst. Und es regnet in Strömen. Ein typischer Londoner Sommer.«
Ich stelle den dürren Plastikstuhl zwischen die Rolltürme voller Geräte neben dem Bett. Ich wünschte, es wäre niedriger … oder der Stuhl höher, wie bei einem Schiedsrichter in Wimbledon, so dass ich Nick im Ganzen sehen könnte. So, wie ich jetzt dasitze, mein Kinn in Höhe seiner Schulter, fühlt es sich nicht richtig an.
»Wir haben den Abend freibekommen«, erzähle ich. »Von ›Onkel Wanja‹ läuft die erste Vorpremiere, und ›Wie es euch gefällt‹ spielen wir nicht vor nächstem Donnerstag. Wärst du jetzt zu Hause, würden wir uns indisches Curry bestellen und einen unserer langweiligen Abende verbringen, die du immer so geliebt hast.«
Wahrscheinlich hat es keinen Sinn, dass ich das tue, aber ich tue es trotzdem. Nicks Eltern sind tot, und seine Schwester lebt in Frankreich. Ich bin also seine nächste Angehörige, und es ist meine Aufgabe, ihm immer wieder Geschichten zu erzählen für den Fall, dass er doch etwas mitbekommt. Ich habe schon vor Monaten aufgehört, mir dumm dabei vorzukommen.
»Was Neuigkeiten von der Arbeit betrifft«, fahre ich fort, »frage ich mich, ob dich das überhaupt noch interessiert, selbst wenn du mich hören kannst. Ich gehe mal davon aus, dass es das tut – früher wolltest du alles hören, und das alte Modell ist das einzige, an das ich mich halten kann.« Ich höre auf zu reden, um seine Hand zu berühren … warm und schlaff, vertraut und auch wieder nicht. Ich tue das hin und wieder, um mich zu vergewissern, dass er nicht tot ist, was seine Abwesenheit umso seltsamer macht. »Die große Neuigkeit von der Arbeit ist, dass die Besetzungsliste für ›Maß für Maß‹ steht, und ich Zweitbesetzung für die Mariana bin … große Erleichterung! Ich war sicher, dass sie mich nach dem ganzen Urlaub, den ich für meine Besuche hierher genommen habe, loswerden wollten. Aber manchmal überraschen einen die Leute ja – Sam war außergewöhnlich verständnisvoll. Er ist deutlich netter zu mir, seitdem es passiert ist. Ich glaube, er zündet Kerzen für dich an. Er sagte: ›Ich weiß, dass du mit dem Großteil deiner mentalen Energie woanders sein wirst, aber das ist okay.‹ Ich konnte kaum antworten vor lauter Dankbarkeit. Jetzt kann ich das Haus halten und den besten Teil meiner Zeit für dich aufsparen.«
Nick und ich sind Schauspieler. Ich habe eine unbedeutende Stelle in dem riesigen steinernen Ameisenhaufen des . Nick war im selben Ensemble – vor der Hirnblutung, durch die er hier gelandet ist. Seit sechseinhalb Monaten ist er bewusstlos. Auf der Glasgow-Koma-Skala liegt er einen Punkt über tot. Ich versuche, den Ausdruck »Wachkoma« zu vermeiden. Zum einen ist er technisch nicht korrekt, denn die Übergänge zwischen Koma, Wachkoma und sogenanntem Minimalem Bewusstseinszustand sind fließend und lassen sich nicht eindeutig abgrenzen. Zum anderen ist er durch seine Bewusstlosigkeit nicht zum »Gemüse« geworden. Er ist nicht tot. Eher so was wie verschollen-und-vielleicht-tot. Ich bin sicher, dass irgendetwas von ihm noch da ist und irgendwo herumwandert. Wenn ich daran nicht mehr glauben kann, bin ich erledigt.
»Heute Nachmittag war Textprobe der Zweitbesetzungen«, erzähle ich ihm. »Es war traurig. Keiner konnte sich an was erinnern, und Neil hat uns runtergeputzt, wir wären faul. Wörtlich sagte er: ›Wie soll das beim nächsten Mal laufen, wenn jemand einen Schlaganfall hat und ihr ohne Vorwarnung ran müsst?‹ Dann hat er schuldbewusst zu mir geguckt und ›Sorry, Marnie‹ gesagt.«
Ich war nicht da, als es passierte, aber meine Kollegen haben sich gegenseitig überboten, mir jedes dramatische Detail in aller Einzelheit zu schildern. Jetzt habe ich eine Reihe Bilder lebhaft vor Augen: wie Nick sich in der Pause irgendwie angeschlagen fühlte und dann plötzlich, kurz vor Beginn des zweiten Akts von »Phädra«, in der kleinen Umzugskabine links der Bühne zusammenbrach. Es war eine Produktion, bei der ich nicht mitspielte und deshalb auch nicht da war, wobei ich bezweifle, dass ich eine große Hilfe gewesen wäre. Ein Mann mit Fliege musste die Zuschauer über die Verzögerung informieren, während sie die Zweitbesetzung in irgendein Kostüm zwängten.
Meine Mutter findet, ich solle nicht ständig daran denken, aber natürlich rufe ich mir diese Nacht immer wieder ins Gedächtnis; ich knibbele daran wie an Wundschorf. Ich beschwöre die Erinnerung an mich selbst herauf, wie ich zu Hause in munterer Unwissenheit Bolognese-Soße koche, als der stellvertretende Theaterleiter mich anruft und mein schönes Leben endet – mit einem Schlag, einfach so. Sie bringen ihn erst ins St. Thomas, das dem Theater am nächsten liegt. Dort habe ich den jetzigen Nick das erste Mal gesehen, unbeweglich, stumm und von Schläuchen umgeben. Dort habe ich mich das erste Mal neben ihn gesetzt und gewartet, dass er aufwacht … und darauf warte ich noch heute. Ich warte darauf, dass die akute Krise endet, doch das tut sie nicht – man muss sich einfach daran gewöhnen und sein ganzes Leben im Zustand ausgeklügelten Krisenmanagements leben.
»Du hättest bestimmt gelacht«, sage ich traurig.
Ich beobachte seinen Brustkorb, der sich zum Rhythmus des Beatmungsgeräts hebt und senkt, was mich an eine Wellenmaschine im Schwimmbad erinnert. Die Atemgeräusche sind zu regelmäßig. Wenn Nick richtig schläft, seufzt er und zuckt gelegentlich. Ich habe meinen Kopf immer auf seinen Oberkörper gelegt. Ich stelle mir vor, wie er plötzlich die Hand hebt, um mein Haar zu streicheln – so wie ich es tausendmal gespürt habe, ohne groß darüber nachzudenken. Aber ich habe aufgehört, solche Dinge ernsthaft zu erhoffen.
Er war da, und dann war er es nicht mehr. Er ist gegangen, ohne sich zu verabschieden. Wo ist er hin? Gibt es einen Ort für Menschen, die in der Ritze zwischen den Pflastersteinen steckenbleiben? Eine Art Vorraum zum Jenseits, wenn es das überhaupt gibt? Wenn nicht, was dann?
»Jedenfalls … Wo war ich?« (Als könnte er irgendeinem Gedankengang folgen.) »Die Textprobe, genau. Du weißt ja, wie es einen so komisch albern macht, wenn man ausgeschimpft wird. Als Neil uns entließ, gingen wir alle noch in die Bar, und weil ja keine Aufführung war, haben wir ein paar Gläser Wein getrunken und herumgeblödelt – ich habe gelacht und gelacht, aber es hat schrecklich wehgetan, weil ich dich so vermisse … du hättest sicher deinen Bollywood-Tanz aufgeführt.«
Es erscheint grotesk, fast frevlerisch, sich seinen blassen Körper singend und tanzend vorzustellen. »Und dann bin ich direkt hierhergekommen«, erzähle ich weiter. Ich werde ihm nichts vom ungemütlichen Fußweg den Haverstock Hill hinauf erzählen, durch regennasse Windböen, mit Blick auf fahles Sommerlaub vor schiefergrauem Himmel. »Nach Hause wollte ich nicht. Ich hasse es noch immer, ins leere Haus zu kommen, ohne dass du da bist. Pan arbeitet im Zelt … davon hab ich doch erzählt, oder?« Meine Freundin und Untermieterin Pandora spielt – nach fünf langen arbeitslosen Monaten – die Titania in einem Theaterzelt, das durch die Londoner Parks zieht. »Bei diesem Wetter macht es keinen besonderen Spaß – hatte ich erwähnt, dass es in Strömen regnet? Sie müssen auf Lattenrosten laufen und Gummistiefel unter den Röcken tragen … Pan klebt immer Tesafilm auf ihre Nippel, damit sie nicht so rausstehen.«
Ich erzähle nicht, dass eine gewisse Spannung zwischen uns herrscht, weil ich ihre schwindende Unterstützung spüre. Ich habe den starken Verdacht, sie denkt, ich sollte nicht mehr herkommen.
»Du könntest mal einen Tag aussetzen«, meinte sie erst heute Morgen. »Das wird er doch gar nicht merken, oder?«
Ich sagte, was ich dann immer sage: dass ich Nick weiter besuchen werde, bis er entweder aufwacht oder stirbt. Im Moment tut er nichts davon – beides zu hoffen und gleichzeitig zu fürchten kostet viel Energie.
»Ich will doch nur nicht, dass du dich an falsche Hoffnungen klammerst, das ist alles. Vielleicht solltest du anfangen, darüber nachzudenken, was du tun wirst, wenn er nie mehr aufwacht.«
»Das mache ich dann, wenn – oder falls – es so weit kommt.«
»Ich meine ja nur … Eines Tages musst du es vielleicht einfach akzeptieren und … ihn gehenlassen.«
Ich habe nicht geantwortet, aber ich bin immer noch wütend. Ich werde es nicht akzeptieren. Ich werde ihn nie gehen lassen.
»Auf jeden Fall lässt sie dich herzlich grüßen«, erzähle ich Nick. Warum, weiß ich nicht. Pan hat keine Grüße ausrichten lassen. Seit er in dieses Krankenhaus verlegt wurde, nur zehn Minuten Fußweg von unserem Haus entfernt, hat sie ihn kein einziges Mal besucht.
»Ich werde versuchen, etwas zu schreiben, während sie weg ist«, füge ich hinzu. Meine schriftstellerischen Ambitionen sind kein Geheimnis – meine Freunde und meine Familie wissen, dass ich für gewöhnlich ein unvollendetes Meisterwerk in der Mache habe (diese Angewohnheit habe ich von meiner Mutter geerbt, die seit Jahren an derselben grässlichen Geschichte schreibt). Was keiner weiß, ist, dass ich aufgehört habe, mir Dinge auszudenken, und jetzt lieber schreibe, was mich wirklich bewegt. Ein ganz und gar privates Unterfangen, das mich beruhigt, wenn ich zu nervös bin, um mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren, und mir das Gefühl...




