Sasgen Code Red
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-0913-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-8387-0913-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In den Tiefen des Ozeans lauert der Tod. Er ist gekommen, um die Welt auszulöschen ...
Terroristen planen einen Anschlag auf die Zivilisation. Ihre Waffe: ein Atom-U-Boot. Ihr Gegner: Commander Jake Scott. Für ihn beginnt ein ungleiches Rennen. Mit einem betagten russischen U-Boot jagt er die Gegner durch die Tiefen des Ozeans. Er muss alles auf eine Karte setzten, denn es gibt nur eine Alternative: Sieg oder totale Vernichtung.
Weitere Infos & Material
1
MURMANSK, KOLA-HALBINSEL, RUSSLAND
Radschenko zog die Schultern hoch, um sich vor dem bitterkalten Wind aus der Arktis zu schützen, und sprang aus dem Elektrobus Nr. 8, der nach Ulitsa Kipnowitsch fuhr. Seine Stiefel knirschten im Schnee, der jetzt, Anfang Oktober, von der Barentssee über die Taiga und die umliegenden Hügel mit ihren silbern glänzenden Birken herübergeweht war. Der weiße Mantel der Stadt verhüllte ihr düsteres, zerfallendes Herz. Wie eine geschminkte Hure, die einen arglosen Freier täuschen will. Eine Hure, die für ihre Bemühungen bezahlt wird, dachte Radschenko.
Die spärlich beleuchtete Straße lag vor ihm wie eine Schlucht zwischen den leeren Mietshäusern, die von den glänzenden Kabelsträngen der Elektrobusse durchzogen wurde. Radschenko fühlte sich völlig einsam, und einen Augenblick lang kam ihm der Verdacht, er könnte in eine Falle gelaufen sein. Er überquerte die Straße, blieb in einem schattigen Winkel abrupt stehen und lauerte auf eine Bewegung. Radschenko zündete sich eine Zigarette an, wartete noch einen Augenblick und ging dann weiter. Er hielt sich dabei sorgfältig im Schatten.
Das Hotel Nowi Poljarnii war ein hässlicher gelber Backsteinklotz. Radschenko betrat es durch einen unverschlossenen Hintereingang. Er ging an dem betrunkenen Nachtportier vorbei, der in der schäbigen Empfangshalle in dem unheimlichen blauen Licht eines alten Schwarz-Weiß-Fernsehgeräts vor sich hin döste. Vor dem Aufzug hielt er kurz an, dachte über den Lärm nach, den dieser verursachen würde, entschied sich dann dagegen und nahm stattdessen die Treppe, deren Geländer und Stufen unter seinem Gewicht knarrten. Als er im ersten Stock ankam, blieb er stehen und lauschte, hörte aber nur gedämpfte Stimmen hinter geschlossenen Türen. Irgendwo rauschte die Wasserspülung einer Toilette.
Im zweiten Stock wandte sich Radschenko nach links, suchte die richtige Zimmernummer und blieb vor der Tür stehen. Er holte tief Luft und klopfte zweimal. Die Tür wurde zögernd aufgezogen, und Radschenko glitt in das Zimmer. Er blickte sich rasch um: ein Doppelbett, ein abgestoßener Toilettentisch, vor dem ein Stuhl stand, ein angerostetes Waschbecken und herabgelassene Jalousien.
»Entspannen Sie sich. Wir sind allein.«
Radschenko wendete sich dem Amerikaner zu. Er war groß, hatte ein wettergegerbtes Gesicht und kurz geschnittenes, eisengraues Haar. Er trug eine gut geschnittene Khakihose und einen dicken Rollkragenpullover. Sein Russisch war elegant, fehlerfrei.
Vielleicht hatte er eine schöne blonde Frau. Hatten nicht alle amerikanischen Männer blonde Frauen? Was sie wohl denken würde, wenn sie wüsste, dass ihr Mann sich mit einem russischen Matrosen in einem Hotel in Murmansk traf?
»Wodka?« Der Amerikaner öffnete eine neue Flasche Sinopskaya, eine Edelmarke, die Radschenko noch nie getrunken hatte. »Zigarette?« Er deutete auf eine Stange Marlboro, die aufgerissen auf dem Bett lag.
Radschenko stürzte ein Glas von dem Wodka runter, der süßer schmeckte und glatter seine Kehle hinunterlief als jeder andere, den er bisher getrunken hatte. Der Amerikaner schenkte ihm nach.
»Ich sagte, entspannen Sie sich. Niemand weiß, dass Sie hier sind«, versuchte der Amerikaner ihn zu beruhigen.
»Haben Sie das Geld dabei?«, fragte Radschenko. Er ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt an einer Seite der Jalousie nach draußen. Dort war nur das Gewirr von Fernsehantennen und Satellitenschüsseln auf dem Dach des Apartmentgebäudes nebenan zu sehen.
»Ja.«
»Dollar?«
»Ja.«
Der Amerikaner beobachtete Radschenko, der unruhig in dem Zimmer hin und her ging und dabei Wodka trank. Er blieb stehen, riss eine Schachtel Zigaretten auf und steckte sich eine an.
»Sie können sich die ganze Stange nehmen. Ich rauche nicht.«
Radschenko hatte gehört, dass die amerikanischen Männer und ihre blonden Frauen nicht rauchten. Zu gesundheitsschädlich. Alkohol und Sex aber gefielen ihnen. Normalerweise miteinander kombiniert. Er musterte den Amerikaner durch den Rauch, der von der Zigarette aufstieg.
Der Amerikaner setzte sich auf das Bett. Seinen Drink hatte er nicht angerührt. Schließlich sagte er: »Sind Sie ohne Probleme herausgekommen?«
»Die Idioten, die an dem Stützpunkt Wache stehen, passen überhaupt nicht auf. Wir kommen und gehen, wie es uns passt«, gab Radschenko verächtlich zurück.
»Niemand sonst hat gesehen, dass Sie fortgegangen sind? Vielleicht ein anderes Besatzungsmitglied?«
»Niemand.«
»Stehen Sie auf dem Flottendienstplan?«
»Ich habe heute die Mitternachtswache: von null Uhr bis vier Uhr früh.«
Der Amerikaner zog einen Ärmel seines Pullovers hoch und sah auf eine große Armbanduhr aus Edelstahl. »Dann haben wir viel Zeit. Ziehen Sie Ihre Jacke aus, und machen Sie es sich bequem.«
Radschenko blieb stehen. Er goss sich noch einen Wodka ein, behielt die Jacke aber an. »Wie viel zahlen Sie?«, fragte er, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen.
Der Amerikaner schwang die Beine auf das Bett, lehnte sich an das Kopfbrett und stellte sein Wodkaglas auf die Brust. Er trug ein Paar abgestoßene Gummistiefel. »Wie versprochen: Fünfhundert. Noch mal fünfhundert, wenn Sie machen, was ich will.«
Ein Vermögen, überlegte Radschenko. Mehr, als er jemals als Matrose in der russischen Marine verdienen könnte, der offensichtlich das Geld für die Bezahlung ihrer Mannschaftsdienstgrade ausgegangen war – ihrer Offiziere allerdings auch. Fahnenflucht und Selbstmorde waren allgegenwärtig, und man sprach bereits von Meuterei. Um die Lage noch zu verschlimmern, schien Radschenkos Vorgesetzter, der bisher mit eiserner Hand für Disziplin gesorgt hatte, nun ebenfalls seine Illusionen zu verlieren. Radschenko erinnerte sich daran, wie ihn ein tödlicher Schrecken durchzuckt hatte, als er ihn bei Diskussionen mit anderen Offizieren in der Messe des U-Boots K-363 belauschte. Und als dann die norwegischen Atomwissenschaftler, die den Atommüll auf dem U-Boot-Stützpunkt in der Olenya-Bucht erfassten, den Amerikaner und seinen Assistenten mit an Bord gebracht hatten, um die Mannschaft zu befragen, hatte Radschenko die Gelegenheit gewittert, etwas Geld zu verdienen, und ihn angesprochen.
Nun zog Radschenko doch seine Jacke aus und warf sie auf das Bett. Der Amerikaner sah ihn erwartungsvoll an. Radschenko spürte bereits die Wirkung des Wodkas, schenkte sich aber trotzdem nach. Der Alkohol würde es ihm leichter machen, die Leistung zu erbringen, für die der Amerikaner so bereitwillig zahlen wollte. Der Wind ließ die losen Scheiben klappern. Irgendwo wurde eine Tür zugeschlagen. Radschenko hörte, dass sich der Fahrstuhl in Gang setzte. Er kaute nervös an einem Fingernagel. So etwas hatte er bisher noch nie gemacht, und er wusste nicht recht, wie er anfangen sollte.
Der Amerikaner hielt fünf zusammengefaltete Hundertdollarscheine in der Hand. »Für Sie.«
Radschenko spürte die steigende Spannung. Er griff nach dem Geld und bemerkte im gleichen Augenblick, dass irgendetwas nicht stimmte. Der Amerikaner sprang aus dem Bett, und einen Augenblick später zersplitterte die Tür, wurde aus den Angeln gerissen, und zwei Männer stürmten in das Zimmer.
Regentropfen prasselten wie ein Trommelfeuer auf den schwarzen Stahl herab. Die Männer der Deckwache im Hauptquartier der US-Atlantik-Flotte in Norfolk, Virginia, zogen das Kinn tiefer in ihre triefnassen Matrosenjacken, um sich vor dem Wetter an diesem Morgen zu schützen. Unter Deck war es warm und trocken, aber dafür roch dort die eingeschlossene klimatisierte Raumluft nach Ozon. Commander Jake Scott winkte seinen Stellvertreter, Commander Manny Rodriguez, in die kleine Kabine, die in der USS Tampa, einem Kampf-Atom-U-Boot der Los-Angeles-Klasse, zugleich als Unterkunft und Privatbüro diente.
»Was gibt’s, Skipper?«, fragte Rodriguez.
»ComSubLant (Admiralität U-Boot-Atlantik-Flotte), das ist los!«, sagte Scott. »Der Squadron Commodore hat gerade angerufen. Ellsworth will mich sprechen.«
»Haben Sie Probleme?«
»Nicht mehr als sonst.«
»Hat der Commodore Ihnen gegenüber eine Andeutung gemacht, weshalb der Chef Sie sprechen will?«, fragte Rodriguez.
»Neue Befehle möglicherweise.«
»Mein Gott, Skipper, wir haben unsere Befehle doch schon.«
»Neue Befehle für mich.«
»Was?«
Die Tampa hatte gerade eine komplette Instandsetzung hinter sich und ihre Marschbefehle bereits erhalten. Nach einem Probelauf sollte sie für den späteren Einsatz aus Norfolk auslaufen. Scott war nun seit mehr als zwei Jahren der Kapitän der Tampa, und sie war seine Heimat. Was auch immer Ellsworth mit ihm vorhatte, der Admiral konnte sich auf einen Kampf gefasst machen. Insbesondere falls er den Oberbefehl über die Tampa aufgeben sollte. Sie war sein Schiff, und er wollte sie sich von niemandem wegnehmen lassen. Er dachte an Tracy. Jemand hatte sie ihm weggenommen, und jetzt das. Nein, das stimmte nicht: Tracy hatte ihn verlassen. Ein großer Unterschied.
Da waren alle diese Fahrten in feindliche Gewässer gewesen, um dort Informationen zu sammeln, all diese Wochen und Monate getrennt von ihr. Sie hatte sich beklagt, dass er mit der Mannschaft seines Boots eine engere Beziehung hatte als mit ihr. Auch die Anrufe hatten ihn verletzt. Wie dieser eine während des ersten Landgangs nach einer höllischen, sechzig Tage dauernden Patrouille vor Nordkorea. Er hatte den Hörer abgenommen und am anderen Ende im Hintergrund laute Musik gehört. Eine Männerstimme sagte: »Tracy, es ist Rick. Er fragt, ob du heute...




