Sarid Alles andere als ein Kinderspiel
1. Auflage, neue Ausgabe 2014
ISBN: 978-3-0369-9283-9
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 368 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-0369-9283-9
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit Naomi vor fünfundzwanzig Jahren den Kibbuz und ihren Mann verlassen hat, leitet sie mit viel Herzblut einen Kindergarten im Norden Tel Avivs. Als der Eigentümer des Grundstücks stirbt, wittert ein bekannter Architekt seine Chance, Naomi und den Kindergarten vom begehrten Anwesen zu vertreiben. Es ist der Auftakt eines turbulenten Jahres: Naomi leiht sich von zwielichtigen Gestalten Geld und fängt eine Affäre mit dem Vater eines der Kinder an. Und plötzlich taucht auch noch ihr Sohn auf, im Gepäck jede Menge Altlasten. Naomi weiß, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, ihr Leben wieder in Ordnung zu bringen.
Die mitreißende Geschichte einer Frau, die entschlossen um ihre Existenz und für ihre Werte kämpft – und nebenbei noch reihenweise Windeln wechselt.
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Valentins Boot war ziemlich klein, eher eine Miniaturjacht. Auf dem schmalen Deck konnten kaum zwei Leute stehen, das Boot verfügte über zwei Segel und ein Steuerrad wie die Titanic und eine winzige Koje, in die eine enge Stiege hinabführte. Ich war in meinem ganzen Leben nur zwei Mal Boot gefahren, ich stammte ja aus Jerusalem. Das erste Mal auf dem See Genezareth während eines Schulausflugs, das zweite Mal auf einer Fähre zwischen den griechischen Inseln mit einem desperaten Verehrer aus dem vergangenen Jahrtausend. Er interessierte sich sehr für Archäologie, wir reisten von einer Tempelruine zur nächsten, und er bestand darauf, mich neben dorischen und ionischen Säulen oder in Gesellschaft kopf- und armloser Skulpturen zu fotografieren. Seitdem hatte ich kein Schiffsdeck mehr betreten.
Valentin trug weite Fischerhosen und einen verblichenen Pullover, was überraschenderweise chic an ihm wirkte. Der Kalender zeigte zwar noch Winter an, doch das von weißem Haar umrahmte Gesicht des Anwalts war bereits sonnenverbrannt – oder war es gerötet vom Alkohol? Er reichte mir eine Hand und forderte mich auf, aufs Boot zu springen. Ich hatte gedacht, wir würden auf der Mole in einem kleinen Café sitzen, aber er holte sofort den Anker ein und warf den Motor an. »Lassen Sie uns ein bisschen hinausfahren«, meinte er und reichte mir eine orangefarbene Rettungsweste.
Aus dem kleinen Transistorradio neben dem Steuerrad schmetterten Purimlieder in verschiedenen Sprachen. Wir ließen den Wellenbrecher hinter uns, Valentin setzte die Segel, und ein starker Wind fuhr hinein. Wir entfernten uns rasch vom Ufer. Wie der Wind mir das Gesicht wusch! Valentin stand am Steuer und bat mich, die Tauenden zu halten. »Wenn ich ›ziehen‹ sage, dann ziehen Sie!«
»Wohin segeln wir denn?«, fragte ich, und er meinte, es gehe Richtung Norden, der Wind sei ausgezeichnet heute, ich solle ihm Bescheid sagen, wenn ich zurückmöchte, und hoffentlich würde ich nicht seekrank. Die frische Luft füllte meine Lungen, der Wind zerzauste mir das Haar. Ich fühlte mich wie eines der Models, die auf Werbefotos die Jachten in Monte Carlo schmückten. Der Bug durchschnitt sehr hohe Wellen, mir blieb der Atem weg, ringsherum war jetzt nur Wasser, und salzige Gischt spritzte mir ins Gesicht.
»Ich halte es auf dem Festland schon nicht mehr aus«, rief Giora Valentin durch den Wind und das Kreischen des Transistors. »Nichts als Ärger. In meinem Alter sollte man das alles hinter sich lassen. Sehen Sie nur, wie flott mein Püppchen hier segelt.«
Wir glitten an der Hotelreihe in Herzlija vorüber, bei dieser Geschwindigkeit würden wir bald in libanesische Gewässer geraten. Ein riesiger, nach Norden ziehender Vogelschwarm bedeckte den Himmel über uns; die Zugvögel spürten ebenfalls, dass der Winter vorbei war.
»Kopf einziehen«, schrie er, »klar zur Wende!« Er schaltete den lärmenden Transistor ab, man hörte nur das Knattern der Segel im Wind. Mir begann übel zu werden von dem Auf und Ab, und die Wellen mit den merkwürdigen Schaumhauben, die das Boot überragten, erschienen mir plötzlich bedrohlich. Valentin steuerte auf das offene Meer hinaus; vielleicht hatte er beschlossen, seine Weltumsegelung jetzt gleich zu beginnen und mich zu entführen, damit er eine Schiffsbraut hätte.
»Wohin geht die Reise?«, schrie ich ihm durch den Wind entgegen. »Ich fühle mich nicht besonders gut.« Er zeigte keinerlei Reaktion, was mich ärgerte. Warum mussten wir wie Verrückte durch die Wellen pflügen? Ich ließ die Taue fallen und klopfte ihm von hinten auf die knochige Schulter. Er drehte sich überrascht um, als wunderte er sich über meine Anwesenheit. »Wir machen gleich kehrt«, sagte er. »Ich persönlich entferne mich gern möglichst weit vom Festland, dann fühle ich mich völlig frei, aber wenn Sie es eilig haben zurückzukehren …«
Innerhalb einer halben Stunde waren wir wieder im Hafen und standen auf dem Kai. Ich schaukelte, als hätte ich einen Monat auf dem Ozean verbracht. Wer unsere glühenden Gesichter sah, hätte meinen können, wir hätten uns wild geliebt. »Sind Sie nicht hungrig?«, fragte Valentin und schlug vor, wir sollten uns in ein Café am Steg setzen, dort, wo die kleinen Kinderboote lagen. Die Kellnerin fragte, ob er wie gewöhnlich einen Kognak wolle, und er antwortete: »Heute warte ich damit noch ein wenig.«
»Auf dem Meer trinke ich nicht«, erklärte mein Rechtsanwalt, »nur auf dem Land bin ich eifrig dabei, mich umzubringen, so wie die Matrosen in den alten Liedern. Vor einigen Jahren bin ich nach Amsterdam geflogen, um mir den Hafen anzusehen, wegen Jacques Brel, wissen Sie … Erinnern Sie sich an dieses Lied von ihm? Also, ich war sehr enttäuscht. Ich hab nur Riesencontainer und Kräne gesehen, keine einzige Bar, von einer Hure ganz zu schweigen. Heute ist dort alles irgendwie Hightech und steril.«
Ich nippte am Orangensaft und hatte keine Ahnung, was der Mann von mir wollte. Eindruck schinden? Mich anmachen? Seine Einsamkeit vertreiben? Auf dem freien Platz neben dem Café richteten ein paar Pfadfinder die Boote her, die Jungen im Piratenkostüm, die Mädchen in Hosen und mit geschminkten Gesichtern.
»Schaya hat Ihnen sicher erzählt, dass ich früher ein ganz anderes Leben geführt habe«, begann Valentin, während er die geschickten Bewegungen der Jugendlichen beobachtete. »Ich hatte ein Haus, eine Frau, eine süße Tochter. Ich habe acht Anwälte beschäftigt, meine Kanzlei war die reinste Gelddruckerei. Schwerreiches Klientel. Das ist nun schon eine Ewigkeit her. Ich war ein ziemlicher Mistkerl, wenn ich mich richtig erinnere, keine Figur, nach der man sich zurücksehnen müsste. Aber ich war reich und gesund und hab nicht getrunken.
Über mich sind allerhand Gerüchte im Umlauf, aber das sind wirklich nur Gerüchte. Die Wahrheit ist, dass ich eines Tages einfach zerbrochen bin. Eines Morgens verspürte ich bei meiner Ankunft im Büro ein furchtbares Brennen in der Brust, ich war unfähig, auch nur einen Buchstaben zu entziffern, jede Akte schien mich mit Krallen anzuspringen. Panik. All die kleinen Dinge, die ich sonst mit links erledigte, erschienen mir plötzlich wie unüberwindbare Berge. Ich hatte Termine, aber ich war zu unkonzentriert, um den Klienten überhaupt zuzuhören. Mir war schwindlig, ich wollte nur meine Ruhe von all diesen schauderhaften Geschöpfen.
Ich bat meine Sekretärin, alle weiteren Termine abzusagen, und schloss mich ein. So verbrachte ich einige Tage in der Hölle, bis ich in ein Krankenhaus ging. Ich wurde zu Untersuchungen geschickt und bekam gesagt, es liege kein körperlicher Grund für meine Beschwerden vor, ich müsse mich einfach einmal ausruhen. Ich wusste, das war das Ende. Ich ging nicht zurück. Ich versuchte nicht einmal zurückzugehen. Klienten suchten nach mir, die Gehälter der Angestellten wurden nicht mehr bezahlt … Ich war einfach nicht mehr da. Glücklicherweise hatte ich in den guten Jahren etwas zurückgelegt, sodass ich mir das Boot kaufen konnte. Sonst hätte ich nicht einmal das Meer gehabt.«
Wow, dachte ich, damit muss er dich nun ausgerechnet am Purimmorgen überschütten. Um Anteilnahme zu zeigen, fragte ich: »Und Ihre Frau?«
»Abgehauen. Mit unserer Tochter. Das tut am meisten weh, dass ich das Kind verloren habe. Alles andere war ohnehin nur Plunder.« Er machte der Kellnerin ein Zeichen, dass er jetzt seinen Kognak brauche, vom vielen Reden war ihm die Kehle ausgetrocknet. Du solltest hier so schnell wie möglich verschwinden, sagte ich mir. Ich konnte Betrunkene, die sich selbst bemitleideten, nicht ausstehen.
»Bald werde ich zu einer langen Reise aufbrechen«, sagte er. »Ich schätze, Ihr Fall wird der letzte meiner Anwaltskarriere sein. Aber keine Angst. Für Sie werde ich noch einmal all die alten Tricks aus dem Ärmel schütteln, ich werde kämpfen wie früher und denen eins auswischen. Ich möchte mich auf dem Höhepunkt absetzen.« Er lachte laut und entblößte schiefe, gelbe Zähne.
Ich brachte seinen Tricks nicht viel Vertrauen entgegen, aber jetzt, nachdem er mir sein Herz ausgeschüttet hatte, konnte ich nicht gut den Rechtsanwalt wechseln.
»Sagen Sie bitte, was können wir denn tun, um denen eins auszuwischen?«
Valentin erklärte mir, dass junge Richter problematisch seien, sie würden jedes Gefühl ausschalten und eiskalt nur nach dem Buchstaben des Gesetzes entscheiden.
»Unsere einzige Chance besteht darin, dass Sie das Testament des alten Herrn, dieses Herschi, auftreiben. Dann könnten wir beweisen, dass der Verkauf des betreffenden Grundstücks nicht legal war.«
»Keine Ahnung, wie ich das anstellen soll«, sagte ich. »Haben Sie nicht jemanden in Amerika, der sich darum kümmern könnte?«
Valentin seufzte und erzählte, dass er seinerzeit, vor etwa fünfundzwanzig Jahren, einen israelischen, in Chicago verhafteten Kriminellen beraten und dabei die Hilfe eines amerikanischen Kollegen in Anspruch genommen habe. Diesen Kollegen könne er, wenn der noch nicht in Pension gegangen war, eventuell ausfindig machen und mit der Suche nach Herschi Kaplans Testament beauftragen. Ich nahm ihm das Versprechen ab, dies zumindest zu versuchen.
Valentin blieb auf der Mole sitzen, und ich spazierte in die Stadt, die sich alle Mühe gab, farbenprächtig und fröhlich zu wirken. Was für Kostüme hatte Noam eigentlich getragen, als er klein war? Cowboy, Fallschirmspringer, Straßenfeger. Einmal hatte er sich aus meinem Schrank ein Kleid genommen, um sich als Frau zu verkleiden, aber das hatte ich ihm verboten. Und als Jugendlicher? Ich wusste es nicht mehr.
Ich suchte ihn unter den...




