E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Sapienza Wiedersehen in Positano
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-492-99531-3
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-492-99531-3
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Goliarda Sapienza wurde in Catania auf Sizilien in eine antifaschistisch-sozialistische Familie geboren. Ihre Mutter, Maria Giudice, war die erste Frau, die die Arbeiterkammer in Turin leitete. Goliarda wuchs in einer Atmosphäre völliger Freiheit auf. Mit sechzehn zog sie nach Rom, um an der Akademie der Künste zu studieren, und arbeitete mit Luchino Visconti und Franceso Maselli. Ihre Romane sind von ihrem eigenen turbulenten Leben inspiriert.
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1
Ihr Gang zog alle Blicke auf sich, wenn sie die wenigen Stufen zum Strand hinunterging. Dort wartete ein Boot auf sie, mit dem sie aufs Meer hinausfuhr. Bei ihrer Rückkehr, nicht später als ein Uhr mittags, nahm Nicola sie in Empfang, der Sohn von Lucibello, der La Scimmia, der Affe, genannt wurde und der einst der älteste und kühnste Fischer von Positano war. Wie alle anderen betrieb Lucibello jetzt einen Verleih für Sonnenschirme und Liegestühle. Nicola half ihr aus dem Boot und blickte ihr bewundernd nach, als sie über den Teppich aus Planken lief, der die steinige Bucht in ein gemütliches Wohnzimmer verwandelte.
Nicola stockte jedes Mal der Atem, wenn er das leise, fast geflüsterte »Danke« aus ihrem schönen Mund hörte. Ihre Lippen waren voll, ihr Mund zu groß, um perfekt auszusehen.
Der Junge konnte nicht anders, als sie anzustarren, bis sie mit leicht beschleunigtem Schritt auf der großen Treppe zwischen den Leuten verschwand, Männern in kurzen Hosen, Frauen in grellbunten Strandkleidern, die nicht zu vergleichen waren mit ihren dezenten Sarongs oder Hosen.
Nicola hatte sie noch nie baden sehen, dabei hatte er sie schon als kleiner Junge bedient. Er hing seinen Gedanken nach, während er auf das Boot der Prinzessin sprang, um es zu vertäuen. Was hätte er dafür gegeben, einmal mit ihr schwimmen zu gehen, und so warf er einen neidvollen Blick auf ihre Freunde, die sie stets umgaben, sie schützten wie treue Wächter und niemanden an sie heranließen. Könnte ich nur einer von ihnen sein, dachte er, als er das Boot klarmachte und sorgfältig die kostbaren Dinge einsammelte, die die betuchten Leute immer vergaßen: Creme, Uhren, Armbänder.
Die Prinzessin brachte ihn zum Träumen. Wie viele Gräfinnen, Herzoginnen und Prinzessinnen hatte er nicht schon gesehen, aber diese hier! Nicola träumt vor sich hin, während er ausgestreckt in der Sonne auf dem Boden des Bootes liegt, den Kopf mit der Löwenmähne auf dem muskulösen Arm, die Haut unter den Achseln noch kindlich zart.
Leicht und sicher schwebt Erica an der Veranda der Buca di Bacco vorbei, die um diese Zeit voller Menschen ist, die ihren Aperitif trinken, zerstreut schaut sie an den Gesichtern vorbei, die sich unbeirrt nach ihr umsehen, und wenn ihr Blick hier und da einen Moment haften bleibt, dann nur, um Antonio und Michele zu grüßen, zwei ältere Kellner der Bar, die sie kennen, seit sie ein Kind war.
»Du hast gelogen, Antonio, du kennst sie doch. Sie hat dich gegrüßt. Für meinen Geschmack ist sie etwas zu dünn. Wer ist sie?«, fragt ein tiefgebräunter junger Mann mit gewinnendem Lächeln.
»Das ist nichts für Sie, Dottore. Wenn ich mir gestatten darf, schauen Sie sich um … Sehen Sie nicht all die blühenden Mädchen? Natürlich, es sind Blumen der Saison …«
»Was heißt hier Blumen der Saison?«, fragt neugierig der junge Mann, der schon von den amüsanten Geschichten des Oberkellners in der Buca di Bacco gehört hat. Er möchte wenigstens eine hören, um sie später, im langen Mailänder Winter, seinen Freunden zu erzählen.
»Sie halten eben nur einen Sommer, im Juni kommen sie her, blühen bis Mitte August, mit dem ersten Regen verwelken sie und verschwinden wieder … Dieses Jahr sind sie besonders prächtig, das müssen Sie ausnutzen, Dottore, der Wein wächst nicht immer gleich gut.«
»Ja, aber diese da?«
»Die ist etwas Besonderes, so eine kommt nur alle hundert Jahre auf die Welt, und vielleicht wächst so eine auch gar nicht mehr nach. Die Natur hat die Backform verloren. Aber wie schon gesagt, die ist nichts für Sie.«
»Beleidigen Sie mich nicht!«
»Was sagen Sie da? Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber sie ist auf der Suche nach etwas Besserem. Letztes Jahr hat Signorina Erica sogar einen englischen Herzog abgewiesen.«
»Ach, sie ist nicht verheiratet? So jung ist sie doch gar nicht mehr.«
»Sie ist seit drei Jahren Witwe und hat keinerlei Absicht, wieder zu heiraten.«
»Wie alt ist sie? Hat sie Kinder?«
»Kinder hat sie nicht, und wie alt sie ist, weiß niemand.«
»Natürlich weißt du das. Ich habe gesehen, wie freundlich sie dich gegrüßt hat.«
»Hören Sie, Dottore, ich bin ein Gegner der Todesstrafe. Aber in einem Fall ist sie erlaubt.«
»Nämlich?«
»Wenn jemand das Alter einer schönen Frau verrät.«
»Der war gut!«
Der junge Mann lacht und wendet sich einer Schar Freunde zu, die alles mitgehört haben. Auch ich höre amüsiert zu, und da ich Prandinos typisch lombardische Sturheit kenne, erwarte ich eine Replik von ihm. Doch diesmal scheint er mit Antonio einer Meinung zu sein, seine blaugrünen Augen werden melancholisch. Ich folge seinem Blick und erkenne den Grund für diese Melancholie: ihre Gestalt. Sie hat angehalten, nachdem sie mit tänzelnden Schritten die breiten Stufen hinaufgelaufen war, die rechts und links von zwei stolzen, das Dorf bewachenden Marmorlöwen flankiert werden (hatte man sie früher dort aufgestellt, um die sarazenischen Räuber abzuschrecken?). Sie beugt sich tief zu einer eher kleinen, kräftigen jungen Frau aus dem Dorf herunter (einer Kellnerin oder Angestellten in einem der sich in letzter Zeit stark vermehrenden Kleiderläden), um mit ihr zu sprechen, und wenig später gibt sie der Frau, die nicht im Mindesten von ihr eingeschüchtert scheint, zwei herzliche Küsse auf die Wangen und läuft weiter. Mit noch größerer Leichtigkeit schwebt sie durch die breiter werdende Gasse, die sich öffnet wie ein winziges Renaissance-Theater, mit kleinen Läden überall, und verschwindet nach links in der schmalen Straße, die immer im Schatten liegt.
Prandino neben mir schweigt. Vielleicht folgt auch er in Gedanken dem Weg, den diese besondere Erscheinung nimmt. Vielleicht ist sie stehen geblieben und sieht sich die Schaufenster an. Antonio zufolge ist sie in Positano bestens bekannt, womöglich plaudert sie jetzt gerade ein bisschen mit Kabalevska, der russischen Schneiderin, die vor zwanzig Jahren für drei Ferientage hierherkam und das Dorf seither nicht mehr verlassen hat.
Weil Positano so berühmt ist, waren wir mit dem Regisseur Citto Maselli und seinem Bühnenbildner Prandino Visconti hierhergekommen. Wir wollten sehen, ob der Ort die geeignete Kulisse für den Film Die Verirrten sein könnte, an dessen Drehbuch wir gerade schrieben. Doch schon nach wenigen Stunden waren wir überzeugt, dass das Dorf für eine Geschichte wie unsere zu schön und zu magisch war. Genau darüber redeten wir an jenem Mittag beim Aperitif in der Buca di Bacco, als die Erscheinung dieser Frau uns für einen Augenblick ablenkte. Ich erinnere mich noch an den geistreichen, ironischen Satz von Maselli:
»Wird man denn nie in Ruhe gelassen? Kaum ist man zu der Ansicht gekommen, dass die Massengesellschaft alles gleichgemacht hat, da taucht ein Bild aus der Vergangenheit auf. Wer ist das? Anna Karenina? Unglaublich! Die gefällt dir, Prando, stimmt’s? Ich mag ja lieber moderne Mädchen in Bluejeans, da hat man weniger Probleme, nun, möglicherweise auch nicht, aber wenigstens sind die Probleme neu.«
Sein Cineastenblick hatte sich bei Prinzessin Erica nicht getäuscht, auch ich war fasziniert von ihrem Charme, als sie sich durch das Gold und Blau des Meeres hindurchbewegte, das riesig wie ein Ozean war und doch ruhig und still wie ein See am Abend. Meine Koffer für die Rückreise nach Rom waren schon gepackt, und ich nutzte die Pause für ein Abendessen, das der Regisseur uns eingeräumt hatte, um Giacomino nach ihr zu befragen. Er war der Chef der ältesten Osteria von Positano, und seltsamerweise war ich ihm sympathisch. Wie es manchmal vorkommt, hatte ich auch bei ihm das Gefühl, ihn schon seit jeher zu kennen.
»Ach, unsere kleine Prinzessin! Das ist doch kein Geheimnis. Für euch Frauen von heute spielt die Arbeit eine so wichtige Rolle, dass ihr schon fast wie Männer geworden seid. Ich will euch ja nicht zu nahe treten, aber was habt ihr von euren angestrengten Gesichtern und euren Hosen? Natürlich geht mich das nichts an, die Welt steht vor großen Veränderungen … Sie wird ungefähr so alt sein wie Sie, dreißig, zweiunddreißig vielleicht. Ich habe sie von Sommer zu Sommer größer werden sehen. Als sie klein war, kam sie mit ihrer Familie in einer Kutsche nach Positano. Können Sie sich das...




