Buch, Deutsch, Band 20, 211 Seiten, Format (B × H): 156 mm x 233 mm, Gewicht: 290 g
Buch, Deutsch, Band 20, 211 Seiten, Format (B × H): 156 mm x 233 mm, Gewicht: 290 g
Reihe: Zeitgeschichtliche Forschungen (ZGF)
ISBN: 978-3-428-10722-3
Verlag: Duncker & Humblot GmbH
Gestützt auf internationale Holocaustliteratur untersucht Tullia Santin insgesamt zwanzig autobiographische Texte griechischer Jüdinnen und Juden. Unter Berücksichtigung psychologischer und historischer Besonderheiten erforscht die Autorin in der vorliegenden literaturwissenschaftlichen Studie, wie die Opfer ihre Verfolgung während des Holocaust erlebt und für sich verarbeitet haben. Hinsichtlich ihrer griechisch-jüdischen Identität weicht ein zunächst häufig geäußertes Gefühl der Fremdartigkeit gegenüber der christlichen Bevölkerung schließlich einem erstarkenden Nationalbewußtsein. Die Bindung an Griechenland wirkt identitätsstiftend und gewährt trotz des nicht nur latent vorhandenen Antisemitismus' Daseinsberechtigung. Auch im Konzentrationslager werden strukturelle Faktoren, insbesondere die Nationalität, von den Häftlingen als Determinanten des Lebens oder Sterbens empfunden. Nationalstolz auf die Beteiligung ihrer Landsleute am Aufstand des Sonderkommandos von Auschwitz stärkt die Selbstachtung und fördert den Überlebenswillen. Bei der Untersuchung der Täterbilder, die die griechischen Jüdinnen und Juden entwickelten, läßt sich eine überraschende Verlagerung der Schuld ausmachen, durch die die tatsächlichen Aggressoren entlastet werden. Die Überzeugung, aufgrund fortgeschrittener Assimilation keiner Gefahr ausgesetzt zu sein, erweist sich als einer der Gründe für die Vertrauensseligkeit der jüdischen Bevölkerung gegenüber den Deutschen. Die enge Lokalbindung der Verfolgten und die mühsam erworbene Identifikation mit der Heimat wirken nun wie ein Bumerang, der Fluchten verhindert.
Santin kommt zu dem Schluß, daß für das (Über-)Leben griechischer Jüdinnen und Juden während des Holocaust das Herkunftsland eine unerwartet große Rolle spielte und daß ihre Nationalität sowie ihre Heimatverbundenheit maßgeblich ihr Denken und Handeln in Zeiten der Verfolgung und Haft beeinflußten. Diese sich im Verlauf der gut lesbaren Untersuchung stets aufs neue bestätigende Feststellung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte.
Tullia Santin, geb. 1966, studierte Neugriechische Philologie, Germanistik und Wirtschaftswissenschaften in Bochum, Thessaloniki und Berlin. Sie war als Lehrbeauftragte der Ruhr-Universität Bochum tätig und arbeitet heute in einem namhaften Publikumsverlag Deutschlands.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Deutsche Geschichte Deutsche Geschichte: Holocaust
- Geisteswissenschaften Jüdische Studien Geschichte des Judentums Antisemitismus, Pogrome, Shoah
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Geschichte des Judentums (Diaspora)
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Europäische Geschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Geschichte einzelner Länder Europäische Länder
- Geisteswissenschaften Jüdische Studien Geschichte des Judentums Geschichte des Judentums außerhalb Israels/Palästinas
Weitere Infos & Material
Inhaltsübersicht: Einleitung - I. Historischer Überblick 1941-1945: Die deutsche Besatzungszone - Die bulgarische Besatzungszone - Die italienische Besatzungszone - II. Methodische Überlegungen zum Lesen von Holocaustzeugnissen - III. Die Zeugnisse und ihre Distanz zum Geschehen: Ein Brief aus dem Lager - Zeitnahe Zeugnisse - Frühe Nachkriegszeugnisse - Pioniere aus den 1980er Jahren - Späte Zeugnisse - IV. Identität und Zugehörigkeit: "Einheimische Fremde" oder "Jüdische Griechen"? - Identitätswechsel als Rettungsversuch - Häftlingsidentitäten - Überlebt haben: ein Identitätsmerkmal - V. Determinanten des Überlebens: Persönliche Strategien - Strukturelle Faktoren (Nationalität und Herkunftsland; Geschlecht) - VI. Der Blick auf die Deutschen: Nicht Freund, nicht Feind: eine Zeit trügerischer Ruhe - Täter und Retter zugleich: Rekrutierung der Zwangsarbeiter - Verlagerung der Schuld: Rassengesetze und Ghettoisierung - "Wir sind anders": Illusionen in der italienischen Besatzungszone - Die Maske fällt: Deportation und Konzentrationslagerhaft - Schlußwort - Literaturverzeichnis - Register