Sansom Pforte der Verdammnis
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-403706-6
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 1, 480 Seiten
Reihe: Matthew Shardlake
ISBN: 978-3-10-403706-6
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
C.J.Sansom studierte Geisteswissenschaften und promovierte im Fach Geschichte. Nach einem Jura-Studium arbeitete er als niedergelassener Rechtsanwalt in Sussex, bevor er sich hauptberuflich dem Schreiben zuwandte. Insgesamt sind sieben Bücher in der Matthew-Shardlake-Serie erschienen, die weltweit über drei Millionen mal verkauft wurden. Der Stoff wurde als »Shardlake« für das Fernsehen verfilmt. Bis zu seinem Tod im April 2024 lebte der Autor in Brighton.
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Kapitel Zwei
Zum Glück hatte es aufgehört zu regnen, als ich Westminster verließ. Langsam ritt ich nach Hause, während die Dämmerung hereinbrach. Lord Cromwells Worte gaben mir zu denken. Ich hatte mich an seine Gunst gewöhnt, und die Vorstellung, er könne sie mir entziehen, machte mich schaudern; noch mehr beunruhigte mich allerdings, dass er meine Loyalität in Zweifel zog. Ich würde im Gerichtshof künftig mehr auf meine Worte achten.
Zu Beginn des Jahres hatte ich mir in der Chancery Lane, jener breiten Straße, die wie mein Pferd nach dem Hofe Seiner Majestät benannt war, ein geräumiges Haus gekauft. Es war ein stattliches Backsteingebäude mit Glasfenstern und hatte mich ein Vermögen gekostet. Joan Wood, die mir den Haushalt versah, öffnete mir die Tür. Sie war eine gutmütige, resolute Witwe, die schon einige Jahre bei mir war, und sie empfing mich aufs Wärmste. Sie pflegte mich ein wenig zu bemuttern, und ich ließ es mir gern gefallen, auch wenn sie ihre Befugnisse zuweilen überschritt.
Ich war hungrig, also bat ich sie, obwohl es noch früh am Abend war, das Nachtmahl zu bereiten, und begab mich in die Wohnstube. Ich war stolz auf diesen Raum, dessen holzvertäfelte Wände ich für teures Geld mit einer klassischen Waldlandschaft hatte ausmalen lassen. Feuerholz brannte im Kamin, und davor saß Mark auf einem Hocker und bot mir einen seltsamen Anblick. Er hatte sich des Hemds entledigt, so dass mir die blasse, muskulöse Brust entgegenleuchtete, und nähte Knöpfe aus kunstvoll geschnitztem Achat an den Kragen. Wohl ein Dutzend Nadeln, eine jede mit einem langen, weißen Faden versehen, stak in seinem nach neuester Sitte übergroßen Hosenbeutel. Ich verkniff mir das Lachen.
Er begrüßte mich mit breitem Lächeln und zeigte dabei die gesunden, im Verhältnis zum Mund ein wenig zu groß geratenen Zähne.
»Sir! Ich habe Euch bereits erwartet. Ein Bote Lord Cromwells brachte ein Paket und sagte, Ihr wäret bereits hierher unterwegs. Verzeiht, dass ich nicht aufstehe, aber ich möchte verhindern, dass eine der Nadeln herausrutscht.« Trotz des lächelnden Mundes nistete Argwohn in seinen Augen; ich war bei Cromwell gewesen: Gut möglich, dass auch sein schimpfliches Betragen zur Sprache gekommen war.
Ich brummte unwillig. Mark hatte sich die braunen Locken stutzen lassen; seit König Heinrich das Haar kurz trug, um seine zunehmende Kahlheit zu verbergen, und den gesamten Hofstaat angewiesen hatte, es ihm gleichzutun, waren geschorene Köpfe in Mode gekommen. Die neue Haartracht stand Mark recht gut zu Gesichte, auch wenn ich mein eigenes Haar lieber lang beließ, da es sich besser zu meinen kantigen Zügen ausnahm.
»Könnte nicht Joan dir die Knöpfe annähen?«
»Sie hatte Vorkehrungen für Eure Rückkehr zu treffen und keine Zeit.«
Ich nahm ein Buch vom Tisch. »Du liest meinen Machiavell?«
»Ihr sagtet doch, ich dürfte mir damit die Zeit vertreiben.«
Seufzend ließ ich mich in meinen Polstersessel sinken. »Und wie gefällt er dir?«
»Nicht sonderlich. Er rät seinem Fürsten zu Grausamkeit und Hinterlist.«
»Doch nur, weil er der festen Überzeugung ist, dass einem Herrscher, um gut zu regieren, keine andere Wahl bleibe, und dass die Ermahnung zur Tugend vonseiten der klassischen Schriftsteller die Realität des Lebens verkenne. .«
Er biss den Faden ab. »Eine bittere Behauptung.«
»Machiavell war verbittert. Er schrieb dieses Werk, nachdem der Fürst aus dem Hause Medici, an den es gerichtet ist, ihn hatte foltern lassen. Du tust gut daran, in Westminster nichts davon verlauten zu lassen, dass du das Buch gelesen hast. Es findet dort keinen Zuspruch.«
Meine Andeutung ließ ihn aufmerken. »Darf ich denn zurück? Hat Lord Cromwell –«
»Wer weiß. Lass uns beim Nachtmahl darüber sprechen. Ich bin müde und möchte mich ein wenig ausruhen.« Mühsam stand ich auf und ging aus dem Zimmer. Mochte Mark ruhig eine Weile schmoren. Es würde ihm nicht schaden.
Joan war nicht müßig gewesen; in meinem Zimmer prasselte ein munteres Feuer, und mein Federbett war frisch aufgeschüttelt. Auf dem Schreibtisch beleuchtete eine Kerze meinen kostbarsten Besitz, ein Exemplar der erst unlängst genehmigten Englischen Bibel. Es tat mir wohl, sie hier liegen zu sehen, in der Mitte des Zimmers, wo sie, vom Lichte beschienen, sogleich den Blick auf sich zog. Ich schlug sie auf und fuhr mit dem Finger über die gotischen Buchstaben, deren glatte Oberfläche im Kerzenlicht schimmerte. Daneben lag ein dicker Brief. Mit meinem Dolch erbrach ich das Siegel, dass das harte Wachs zersprang und in roten Krumen auf den Schreibtisch rieselte. Im Umschlag befand sich in Cromwells schwungvoller Handschrift ein Auftrag, dazu nebst einer gebundenen Ausgabe der Comperta diverse Schriftstücke, die sich auf die Visitation der Abtei Scarnsea bezogen.
Ich stand einen Moment lang versonnen am Fenster und blickte durch die kleinen Scheiben hinaus in den Garten, der von einer Mauer umgeben friedlich im Dämmerlicht lag. Wie gern bliebe ich hier, um den Winter in der behaglichen Wärme meines Heims zu verbringen. Ich seufzte und legte mich aufs Bett. Dabei spürte ich das Zucken meiner müden Rückenmuskeln, die sich allmählich entspannten. Schon morgen säße ich erneut zu Pferde; dabei wurde mir das Reiten von Jahr zu Jahr beschwerlicher und schmerzhafter.
Die Behinderung war über mich gekommen, als ich drei Jahre alt war; mein Rumpf hatte sich immer weiter schräg nach vorn gebeugt, und keine Schnürbrust konnte daran etwas ändern. Im zarten Alter von fünf nannte ich bereits einen ausgewachsenen Buckel mein Eigen, und der ist mir bis heute geblieben. Ich war stets neidisch gewesen auf die Kinder, die auf meines Vaters Hof frank und frei einhersprangen, während ich wie ein Krebs in der Schale gekrochen kam und darob gehänselt wurde. So manches Mal haderte ich ob der Ungerechtigkeit mit meinem Gott.
Mein Vater besaß bei Lichfield etliche Morgen Land, auf dem er Schafe weiden ließ und Felder bestellte. Dass ich das Land nie würde beackern können, war für ihn eine herbe Enttäuschung, zumal ausgerechnet ich als einziges seiner Kinder überlebt hatte. Ich empfand dies umso schmerzlicher, als er mir mein Gebrechen nie zum Vorwurf machte, sondern mich eines Tages mit ruhiger Stimme wissen ließ, dass er sich, sobald er zu alt wäre, um den Hof selbst zu bewirtschaften, einen Verwalter einstellen würde; der könne dann für mich arbeiten, wenn er selbst nicht mehr am Leben wäre.
Ich war sechzehn Jahre alt, als der Verwalter zu uns kam. Ich weiß noch gut, wie ich eine Aufwallung von Groll hinunterschluckte, als eines Sommertags William Poer vor mir stand, ein großer, dunkelhaariger Mann mit einem ehrlichen Bauerngesicht und schwieligen Pranken, die die meinen mit festem Griff umfassten. Er stellte uns seine Frau vor, ein hübsches, bleiches Geschöpf, und seinen Sohn Mark, damals noch ein wohlgenährter kleiner Lockenkopf, der Daumen lutschend am Rockzipfel seiner Mutter hing und mich mit großen Augen bestaunte.
Mittlerweile stand bereits fest, dass ich in London die Juristerei studieren sollte. Es war groß im Kommen, dass man den Sohn, so man ihn finanziell unabhängig wünschte und er über ein Quäntchen Verstand verfügte, den Beruf des Rechtsanwalts ergreifen ließ. Damit sei nicht nur Geld zu verdienen, so mein Vater, die juristischen Kenntnisse würden mir gute Dienste leisten, wenn es gälte, unserem Verwalter auf die Finger zu sehen. Er hatte fest damit gerechnet, dass ich mich eines Tages in Lichfield niederließe, doch das tat ich nicht.
1518, ein Jahr, nachdem Martin Luther seine herausfordernden Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hatte, begab ich mich nach London. Ich weiß noch, wie schwer es mir zunächst fiel, mich an den Lärm, die vielen Menschen und vor allem an den allgegenwärtigen Gestank in der Hauptstadt zu gewöhnen. Doch in meinen Seminaren und Unterkünften fand ich bald angenehme Gesellschaft. Damals war die Kontroverse bereits im Gange, wehrten sich die weltlichen Anwälte gegen die zunehmende Vereinnahmung der Rechtsprechung durch die kirchliche Gerichtsbarkeit. Ich war wie viele der Meinung, dass damit die königlichen Gerichte um ihr Vorrecht gebracht würden – denn was hat es einen Erzdiakon zu kümmern, wenn zwei sich um die Einhaltung eines Vertrags streiten oder sich gegenseitig in üble Nachrede bringen? Es war nicht nur die schnöde Gier nach Gewinn; die Kirche hatte sich inzwischen zum riesigen Kraken ausgewachsen, der mit seinen Tentakeln jeden Bereich des weltlichen Lebens an sich brachte, und das aus purer Raffsucht und ohne Absegnung durch die Heilige Schrift. Ich las Erasmus und sah meinen unreifen Kniefall vor der Kirche meiner Jugend alsbald in neuem Licht. Meine Verbitterung, vor allem gegen die Mönche, hatte persönliche Gründe, die ich nun berechtigt fand.
Ich brachte mein Studium zu Ende und bemühte mich anschließend um Kontakte und Klienten. Mein überraschendes Talent zum gerichtlichen Disput verschaffte mir bei den Rechtschaffenen unter den Richtern gewisse Vorteile. Und als gegen Ende der zwanziger Jahre die Auseinandersetzung des Königs mit dem Papst um die Annullierung seiner Ehe mit Katharina von Aragon die Gemüter erhitzte, wurde ich Thomas Cromwell vorgestellt, einem Anwaltskollegen, dem unter Kardinal Wolsey der Aufstieg gelungen war.
Ich lernte ihn bei einer unserer Gesprächsrunden kennen, die wir regelmäßig in einer...




