Sansom Feuer der Vergeltung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-403705-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 2, 544 Seiten
Reihe: Matthew Shardlake
ISBN: 978-3-10-403705-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
C.J.Sansom studierte Geisteswissenschaften und promovierte im Fach Geschichte. Nach einem Jura-Studium arbeitete er als niedergelassener Rechtsanwalt in Sussex, bevor er sich hauptberuflich dem Schreiben zuwandte. Insgesamt sind sieben Bücher in der Matthew-Shardlake-Serie erschienen, die weltweit über drei Millionen mal verkauft wurden. Der Stoff wurde als »Shardlake« für das Fernsehen verfilmt. Bis zu seinem Tod im April 2024 lebte der Autor in Brighton.
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Kapitel Eins
Ich hatte schon früh mein Haus in der Chancery Lane verlassen, um mich in die Guildhall zu begeben, da ich die Interessen der Stadtväter in einer unleidigen Sache vertrat. Obschon die weitaus ernstere Angelegenheit, die bei meiner Rückkehr auf mich wartete, mir schwer aufs Gemüt drückte, so fand ich doch, als ich durch die stille Fleet Street ritt, ein wenig Freude an der lauen Luft des frühen Morgens. Die Hitze war groß für Ende Mai, die Sonne schon ein feuriger Ball am klaren blauen Himmel, und ich trug nur ein leichtes Hemd unter der schwarzen Anwaltsrobe. Während mein altes Ross Chancery so dahintrottete, befiel mich beim Anblick der üppig belaubten Bäume wieder der Wunsch, mich aus dem Amt zurückzuziehen, Londons lärmenden Menschenmassen zu entfliehen. In zwei Jahren wäre ich vierzig und ein alter Mann; liefen bis dahin die Geschäfte gut, so könnte ich es wagen. Ich ritt über die Fleet Bridge, vorbei an den Standbildern der alten Könige Gog und Magog. Vor mir ragte die Stadtmauer auf, und ich wappnete mich innerlich gegen Londons Lärm und Gestank.
In der Guildhall traf ich mich mit Bürgermeister Hollyes und dem Stadtsyndikus. Der Magistrat hatte eine Belästigungsklage erhoben gegen einen der raubgierigen Landspekulanten, die die leeren Klöster an sich rafften, deren Letztes in diesem Frühling des Jahres 1540 zerschlagen worden war. Besagter Spekulant war zu meiner Beschämung ein Amtsbruder meiner Gilde, Lincoln’s Inn, ein hinterlistiger, habgieriger Schurke mit Namen Bealknap. Er hatte ein kleines Mönchskloster in London an sich gebracht, und, anstatt die Kirche niederreißen zu lassen, hatte er eine Vielzahl elender Behausungen darin eingerichtet. Die Jauchegrube, die er für seine Mieter hatte ausheben lassen, hatte sich bald als ein ganz abscheulicher Pfusch erwiesen, und die Bewohner der angrenzenden Häuser, im Besitz der Stadt, hatten schwer zu leiden, da stinkender Unrat in ihre Keller einsickerte. Das Schwurgericht hatte Bealknap dazu verurteilt, ordnungsgemäß Abhilfe zu schaffen, doch der Schuft hatte eine richterliche Verfügung erwirkt und die Sache vor den Court of King’s Bench gebracht. In der Gründungsurkunde des Klosters sei vermerkt, so sein Argument, dass Selbiges nicht unter die städtische Rechtsprechung falle, er demnach zu gar nichts verpflichtet sei. Die Angelegenheit sollte binnen einer Woche zur Anhörung gebracht werden. Ich gab dem Syndikus zu verstehen, dass Bealknaps Sicht der Dinge wenig Aussicht auf Erfolg habe; unsereiner treffe immer wieder auf dergleichen Schurken, sagte ich; aus diebischer Freude verschwendeten sie Zeit und Geld auf aussichtslose Zwistigkeiten, anstatt sich dem Urteil des Gerichts zu fügen und, wie es recht und billig, die beklagten Missstände zu beheben.
Ich hatte eigentlich auf dem selben Weg nach Hause reiten wollen, den ich gekommen war, über Cheapside, doch als ich die Kreuzung mit der Lad Lane erreichte, blockierte die Wood Street ein umgestürzter Wagen voller Blei und Schindeln vom Abriss des Klosters St. Bartholomew. Ein Haufen bemooster Ziegel lag quer über der Straße. Der Karren war groß, von zwei mächtigen Kaltblütern gezogen; eins der Rösser hatte der Kutscher befreien können, das andere aber lag zwischen den Deichseln hilflos auf der Seite. Es strampelte wild mit den riesigen Hufen, dass Staub aufwirbelte. Dabei wieherte es in panischer Furcht und rollte mit den Augen in die schaulustige Menge. Ich hörte jemanden sagen, dass die Schlange der Fuhrwerke fast bis nach Cripplegate reichte.
Es war nicht die erste Szene dieser Art in der Stadt. Überall hörte man neuerdings Steine krachen, wenn die alten Gebäude einstürzten: So viel Land war frei geworden im übervölkerten London, dass Höflinge und andere Raffhälse, welchen es in die Hände gefallen, es kaum zu verwalten wussten.
Ich wendete Chancery und lenkte ihn durch das Labyrinth schmaler Gassen, die nach Cheapside führten, mancherorts gerade breit genug, dass ein Pferd mit Reiter zwischen den ausladenden Dachgesimsen Platz fand. Obschon noch früh am Morgen, war man in den Werkstätten bereits emsig bei der Arbeit, bevölkerten Menschen die Straßen und behinderten mein Fortkommen, Handwerksgesellen, Straßenhändler und Wasserträger, die unter der Last ihrer riesigen konischen Körbe ächzten. Es hatte einen Monat lang so wenig geregnet, dass die Brunnen trocken waren, und so verdienten sie gutes Geld. Ich dachte wieder an das bevorstehende Gespräch; es graute mir davor, und jetzt käme ich auch noch zu spät.
Ich rümpfte die Nase ob des mächtigen Gestanks, den die Hitze aus der Gosse zog, und stieß einen saftigen Fluch aus, als ein Schwein, die Schnauze vom Wühlen mit namenlosem Unrat verschmiert, quiekend meinem Chancery vor die Hufe lief, sodass er jäh zur Seite sprang. Ein paar Lehrlinge in blauen Wämsern, die Gesichter aufgedunsen von durchzechter Nacht, reckten die Hälse nach mir, und einer von ihnen, ein stämmiger, grobschlächtiger Bursche, verzog den Mund zu einem verächtlichen Grinsen. Ich biss mir auf die Lippe und gab Chancery die Sporen. Ich konnte mir schon denken, wie der Bursche mich sah: als einen käsebleichen buckligen Anwalt mit schwarzer Robe und Kappe, am Gürtel statt des Degens Federkasten und Dolch.
Ich war erleichtert, als ich wieder auf die breite gepflasterte Straße von Cheapside gelangte. Um die Stände des Cheap Market wimmelte es von Menschen; die Marktleute unter den bunten Planen priesen ihre Ware an oder feilschten mit weißbehaubten Matronen. Gelegentlich schlenderte eine wohlhabende Dame zwischen den Ständen herum, bewaffnete Diener an der Seite, das Gesicht hinter einem Schleier verborgen, der die weiße Haut vor der Sonne schützte.
Als ich an der mächtigen St Paul’s Cathedral vorüberritt, hörte ich den lauten Ausruf eines Pamphletenverkäufers. Ein magerer Bursche im fleckigen schwarzen Wams, einen Stoß Blätter unter dem Arm, brüllte in die Menge: »Kindsmörderin von Walbrook im Kerker!« Ich blieb stehen und warf ihm eine Münze hin. Er leckte sich den Daumen, schälte ein Blatt ab, gab es mir und ging plärrend seiner Wege: »Die abscheulichste Mordtat des Jahres!«
Ich blieb stehen, um die Nachricht im Schatten zu lesen, den die Kathedrale warf. Wie üblich war der Kirchplatz voller Bettler – alte und junge lehnten abgemagert und zerlumpt gegen die Mauer und stellten in der Hoffnung auf eine milde Gabe Wunden und Missbildungen zur Schau. Ich vermied ihre flehenden Blicke und wandte mich dem Pamphlet zu:
Grausiger Mord in Walbrook; Knabe von eifersüchtiger Base gemeuchelt
Am Sonntag, dem 16. Mai, ward im schönen Haus von Sir Edwin Wentworth von Walbrook, einem Mitglied der Tuchhändlergilde, dessen einziger Sohn, ein zwölfjähriger Knabe, mit gebrochenem Hals am Grunde des Brunnens gefunden. Sir Edwins Töchter, zwei liebreizende Mädchen von fünfzehn und sechzehn Jahren, sagten aus, der Knabe sei von ihrer Base Elizabeth Wentworth – Sir Edwin hatte die Waise nach dem Tod ihres Vaters aus Barmherzigkeit zu sich genommen – angegriffen und in den tiefen Brunnengestoßen worden. Die Mörderin ward in den Kerker nach Newgate gebracht und soll dort am 29. Mai vor den Richter treten. So sie sich weiterhin verstockt zeigt, wird sie der Folter unterzogen, bis sie die böse Tat gesteht; alsdann wird sie für schuldig befunden und zum nächsten Galgentag in Tyburn am Halse aufgehängt.
Das Pamphlet war auf schlechtem Papier gedruckt, und der Schrieb hinterließ Druckerschwärze auf meinen Fingern, als ich ihn im Weiterreiten in die Tasche schob. Also war der Fall der Öffentlichkeit bereits bekannt, erhitzte schon die Gemüter. Ob sie nun unschuldig war oder schuldig, wie konnte Elizabeth Wentworth jetzt noch von Londoner Geschworenen auf ein gerechtes Urteil hoffen? Die Verbreitung des Buchdrucks hatte uns einerseits die Englische Bibel beschert, welche seit einem Jahr in jeder Kirche ausliegen musste, andererseits auch dergleichen Nachrichtenblätter, von welchen nur Hinterhofdrucker und Henker ihren Nutzen ziehen. Fürwahr, die Alten hatten Recht: Nichts unter dem Mond, und sei es noch so fein, ist frei von Fäulnis.
Es war schon fast Mittag, als ich Chancery vor meinem Hause zügelte. Die Sonne stand im Zenit, und als ich das Band meiner Kappe aufschnürte, hingen mir Schweißperlen unterm Kinn. Joan, meine Haushälterin, öffnete die Tür, als ich abstieg, einen besorgten Ausdruck im plumpen Gesicht.
»Er ist hier«, flüsterte sie mit einem Blick über die Schulter. »Der Onkel jenes Mädchens –«
»Ich weiß.« Joseph war gewiss durch London geritten. Dann hatte er vielleicht auch das Pamphlet gelesen. »Wie steht’s um ihn?«
»Finster, Sir. Er ist in der Wohnstube. Ich habe ihm ein Glas Dünnbier hingestellt.«
»Danke.« Ich überließ Chancery dem jungen Simon, den Joan vor kurzem eingestellt hatte, damit er ihr im Haus zur Hand gehe, ein spindeldürrer, hellhaariger Bursche. Chancery war noch nicht an ihn gewöhnt und scharrte unruhig mit den Hufen im Kies, wäre ihm fast auf die bloßen Füße getrampelt. Simon redete ihm gut zu, verbeugte sich hastig vor mir und führte das Pferd in den Stall.
»Der Junge sollte Schuhe tragen«, sagte ich zu Joan.
Sie schüttelte den Kopf. »Er will keine, Sir. Behauptet, sie würden ihm die Füße wund scheuern. Ich sagte ihm schon, dass er im Haus eines Gentleman nicht barfüßig herumlaufen könne.«
»Versprich ihm Sixpence, wenn er die Schuhe eine Woche...




