E-Book, Deutsch, Band 4, 656 Seiten
Reihe: Matthew Shardlake
Sansom Das Buch des Teufels
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-400716-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 4, 656 Seiten
Reihe: Matthew Shardlake
ISBN: 978-3-10-400716-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
C.J.Sansom studierte Geisteswissenschaften und promovierte im Fach Geschichte. Nach einem Jura-Studium arbeitete er als niedergelassener Rechtsanwalt in Sussex, bevor er sich hauptberuflich dem Schreiben zuwandte. Insgesamt sind sieben Bücher in der Matthew-Shardlake-Serie erschienen, die weltweit über drei Millionen mal verkauft wurden. Der Stoff wurde als »Shardlake« für das Fernsehen verfilmt. Bis zu seinem Tod im April 2024 lebte der Autor in Brighton.
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KAPITEL ZWEI
Tags darauf begab ich mich schon zeitig in meine Kanzlei; die Eltern des Jungen, den man nach Bedlam verbracht hatte, wollten mich um neun Uhr aufsuchen. Die Informationen, die mir der Court of Requests zugesandt hatte, waren zwar nur skizzenhaft, aber doch hinlänglich verstörend. Der Geheime Kronrat selbst hatte den Jungen ins Irrenhaus verbannt, ohne im bischöflichen Gericht Anklage gegen ihn zu erheben, weil er »in seinem Wahn die wahre Religion beleidigt hatte«, wie es in dem amtlichen Schreiben hieß. Die Angelegenheit war also politisch und demnach gefährlich. Ich versuchte mir erneut einzureden, dass jede Einmischung meinerseits rein juristischer Natur sei, verfluchte aber mein Pech, dass dieser Fall zu mir, nicht zu meinem Amtsbruder gelangt war.
Die Schriften beschrieben den jungen Adam Kite als Sohn eines Steinmetzmeisters und Kommunikanten der Kirche St Martin in der Creek Lane. Ich hatte Barak Nachforschungen anstellen lassen, und er hatte mir berichtet, dass der Vikar ein, wie er es ausdrückte, »rechter Wüterich« sei.
Unerfreuliche Nachrichten. Solche gottesfürchtigen Männer waren mir im Umgang stets schwierig erschienen, unnachgiebige Grobiane, die einem Bibelverse einhämmerten, wie ein Zimmermann die Nägel ins Holz trieb.
Ich wurde jäh aus den sorgenvollen Gedanken gerissen, da ein matschiger Fleck mir die Beine fortriss und ich beinah gestürzt wäre. Jemand lachte.
In der ganzen Stadt riefen Kirchenglocken die Gläubigen zum Palmsonntagsgottesdienst. Ich nahm neuerdings nur noch ausnahmsweise am Gottesdienst teil, wenn man es von mir erwartete; am kommenden Sonntag zum Beispiel würde ich die Messe besuchen und meine alljährliche Beichte ablegen. Ich freute mich nicht sonderlich darauf. Das launische Wetter hatte uns wieder wärmere Temperaturen beschert, und die Chancery Lane war schlammig wie ein Acker. Als ich am Pförtnerhaus von Lincoln’s Inn vorüberging, fragte ich mich, welche Maßnahmen der Kämmerer unternehmen mochte, um die Mauer zu sichern. Ich hatte den Pförtner angewiesen, ihn über meinen Beinah-Zusammenstoß am Vorabend in Kenntnis zu setzen.
Ich spürte einen Tropfen im Gesicht; ein weiterer folgte, es regnete, der erste Regen nach zwei Monaten Schnee. Als ich meine Kanzlei erreichte, schüttete es in Strömen, und meine Kappe war tropfend nass. Zu meiner Verwunderung war Barak bereits eingetroffen. Er hatte den Kamin angeheizt und saß am großen Tisch, wo er für die morgige Gerichtssitzung Papiere ordnete. Um ihn herum stapelten sich Klagen, eidesstattliche Erklärungen und Zeugenaussagen. Sein gutaussehendes, verwegenes Gesicht sah müde aus, die Augen blutunterlaufen. Und seine Wangen waren stoppelig.
»Du musst dir den Bart stutzen lassen, sonst setzt man dich wegen Missachtung des Gerichts noch vor die Tür.« Trotz meines zuweilen barschen Umgangstons verband mich mit Barak eine enge Freundschaft. Wir waren ursprünglich zusammengekommen, weil Baraks verstorbener Brotherr Thomas Cromwell, Minister des Königs, uns auf eine gemeinsame Mission geschickt hatte. Seit Cromwells Hinrichtung vor drei Jahren arbeitete Barak für mich, ein eigenwilliger Gehilfe, aber ein sehr tüchtiger.
»Na schön«, maulte er verdrießlich. »Gleich kommen die Eltern des Idioten.«
»Rede nicht so von ihm«, sagte ich, während ich die Papiere durchsah, die er zurechtgelegt hatte. Sie waren allesamt in Ordnung und fein säuberlich mit Anmerkungen in Baraks spinnwebartiger Handschrift versehen. »Am Sonntag bist du hier?«, fragte ich. »Und gestern auch? Arme Tamasin, du vernachlässigst sie.«
»Ihr geht’s gut.« Barak erhob sich und schickte sich an, Bücher und Papiere fortzuräumen. Während ich seinen breiten Rücken betrachtete, fragte ich mich, was zwischen ihm und seiner Frau vorgefallen sein mochte, das ihn dazu bewog, so unbotmäßig viel zu arbeiten und – seinem Zustand nach zu urteilen – die ganze Nacht fortzubleiben. Tamasin war ein hübsches Kind, ebenso lebhaft wie Barak, und er hatte sie gern geheiratet vor einem Jahr, obwohl die Sache wegen ihrer Schwangerschaft notgedrungen eilig gewesen war. Ihr Sohn war noch am Tag der Geburt verstorben, und seither, obwohl Barak so herzhaft unverfroren war wie eh und je, bemerkte ich oftmals etwas Gezwungenes in seinen Scherzen, etwas Gehetztes in seinem Blick. Ich wusste, dass der Verlust eines Kindes manche Paare enger zusammenrücken ließ, andere auseinandertrieb.
»Du hast Adam Kites Eltern gestern gesehen, als sie den Termin vereinbarten«, sagte ich. »Goodman Kite und sein Weib. Wie sind sie so?«
Er drehte sich zu mir um. »Einfache Leute, er ist Steinmetz. Er säuselte etwas davon, welch eine Gnade Gott, der Herr, ihnen erwies, weil sie den Fall vor Gericht bringen durften, und setzte hinzu, dass Er die Menschen wahren Glaubens nicht im Stich lasse.« Barak rümpfte die Nase. »Bibeltreue, wie’s aussieht. Obwohl diese Gottesfürchtigen normalerweise recht selbstzufrieden einherstolzieren; die Kites dagegen wirkten eher wie begossene Pudel.«
»Überrascht mich nicht nach dem, was ihnen widerfahren ist.«
»Ja, ich weiß.« Barak zögerte. »Müsst Ihr in dieses Haus, zu all den Geistesgestörten, die sich die Kleider zerreißen und mit den Ketten rasseln?«
»Wahrscheinlich.« Ich sah wieder in meine Papiere. »Der Junge ist siebzehn. Vor den Rat gestellt am dritten März wegen unbotmäßig wilden Gebarens am Predigerkreuz im Kirchhof der Paulskathedrale, wo er ›eigenartig stöhnend und kreischend‹ aufgegriffen wurde. Nach Bedlam verbracht in der Hoffnung auf Heilung. Das ist nicht recht.«
Barak sah mich ernst an. »Er hat noch Glück, dass sie ihn nicht der Ketzerei bezichtigen. Denkt nur, wie man mit Richard Mekins und John Collins verfahren ist.«
»Der Kronrat ist vorsichtiger geworden.«
Mekins war ein fünfzehnjähriger Lehrbursche gewesen, der vor achtzehn Monaten in Smithfield bei lebendigem Leibe verbrannt worden war, weil er die leibliche Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie geleugnet hatte. Der Fall des John Collins war noch schlimmer: Der Bursche hatte einen Pfeil auf eine Christusstatue in einer Kirche abgeschossen. Viele hatten ihn deshalb für geisteskrank gehalten; doch im Jahr zuvor hatte der König ein Gesetz erlassen, demzufolge auch Geisteskranke hingerichtet werden durften, und so war auch Collins verbrannt worden. Die Grausamkeit dieser Fälle hatte das Volk gegen Bischof Bonners raues Glaubensregiment über die Stadt aufgebracht. Seither waren keine Scheiterhaufen mehr entzündet worden.
»Es heißt, Bonner sei wieder hinter den Radikalen her«, bemerkte Barak.
»Dasselbe war gestern Abend Tischgespräch. Was, glaubst du, geht hier vor, Jack?« Barak hatte noch immer Freunde unter denen, die am zwielichtigen Rand des königlichen Hofs arbeiteten, Schänken und Wirtshäuser aufsuchten, um die Leute auszuhorchen. Ich hatte den Eindruck, dass er neuerdings wieder eine Menge Zeit damit zubrachte, mit seinen verrufenen alten Freunden zu zechen.
Wieder blickte er mich ernst an. »Man raunt hinter vorgehaltener Hand, dass der König jetzt, da Schottland als Bedrohung wegfällt, mit Spanien ein Bündnis eingehen und gegen Frankreich in den Krieg ziehen will. Doch um Kaiser Karl zu imponieren, muss Heinrich mit aller Härte gegen Ketzer vorgehen. Angeblich will er ein Gesetz vorlegen, das Weibern und Nichtadeligen verbietet, die Bibel zu lesen, und Bischof Bonner dazu ermutigen, gegen die Londoner Bibeltreuen scharf vorzugehen. Das jedenfalls erzählen die Leute sich in Whitehall. Also seid auf der Hut.«
»Ah, verstehe. Danke dir.« Das machte die Sache nur umso heikler. Ich versuchte zu lächeln. »Worüber man letzte Nacht noch spekulierte, ist die Tatsache, dass der König sich angeblich eine neue Frau ausgesucht hat. Lady Latimer.«
»Auch das ist wahr, soweit ich weiß. Aber diesmal tut er sich schwer. Die Dame will ihn nicht.«
»Sie hat ihn abgewiesen?«, fragte ich erstaunt.
»Angeblich schon. Wer wollte es ihr verübeln? Der König hat jetzt Geschwüre an beiden Beinen, lässt sich ständig in einem Karren durch Whitehall schieben. Er wird angeblich mit jedem Monat fetter und verdrießlicher. Sie ist wohl auch anderweitig liiert.«
»Mit wem?«
»Davon wird nicht gesprochen.« Er zögerte. »Für diesen Spinner Adam Kite wäre es besser, wenn er in Bedlam bliebe. Für Euch übrigens auch, anstatt Euch wieder mit dem Kronrat anzulegen.«
Ich seufzte. »Ich tue doch nur meine Arbeit.«
»Ihr könnt euch nicht hinter dem Gesetz verschanzen, wenn es um diese Leute geht. Das wisst ihr genau.« Ich sah, dass Barak ebenso besorgt war wie ich, einem der mächtigen Feinde ins Gehege zu kommen, die wir uns in der Vergangenheit gemacht hatten. Der Herzog von Norfolk wie auch Richard Rich saßen beide im Geheimen Kronrat.
»Pech, dass sie den Fall mir anstatt Herriott übertragen haben«, sagte ich. »Aber jetzt habe ich ihn und muss eben behutsam damit umgehen. Ich will mir die Akten für den morgigen Tag vornehmen. Schicke die Kites unverzüglich zu mir, wenn sie kommen.«
Ich ging in meine Amtsstube und schloss die Tür. Baraks Worte hatten mich beunruhigt. Ich trat an das Fenster. Der Regen kam jetzt heftiger herunter, prasselte gegen die Scheibe und verzerrte den Ausblick auf den Hof. Ich schauderte ein wenig, denn das Geräusch des Regens brachte mir stets die entsetzliche Nacht vor achtzehn Monaten ins Gedächtnis zurück, in der ich zum ersten und einzigen Mal einen Menschen getötet hatte. Auch wenn ich es tat, um mich selbst zu retten, waren mir die entsetzlichen Gurgellaute, die er im Ertrinken von sich gab, stets gegenwärtig. Ich seufzte schwer, dachte mit Wehmut an meine gute Laune am Abend zuvor. Hatte...




