E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Sans Philosophische Gotteslehre
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-17-032563-0
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Einführung
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-17-032563-0
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof.Dr.Georg Sans SJ ist Inhaber des Eugen-Biser-Stiftungslehrstuhls für Religions- und Subjektphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München.
Autoren/Hrsg.
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I. Lässt sich von der endlichen Wirklichkeit auf Gott schließen?
Thomas von Aquin: Die fünf Wege
Dass Gott ist, kann, so lässt sich sagen, auf fünf Wegen bewiesen werden. Der erste und augenfälligere Weg aber ist der, welcher von der Bewegung her genommen wird. Es ist nämlich gewiss und steht für die Sinneswahrnehmung fest, dass einige [Dinge] in dieser Welt bewegt werden. Alles aber, was bewegt wird, wird von etwas anderem bewegt. Nichts nämlich wird bewegt außer, sofern es sich zu dem in Möglichkeit verhält, wozu es bewegt wird. Etwas bewegt aber, sofern es in Wirklichkeit ist; denn bewegen heißt nichts anderes, als etwas aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit überführen. Aus der Möglichkeit kann aber etwas nicht überführt werden außer durch etwas Seiendes in Wirklichkeit: zum Beispiel etwas Warmes in Wirklichkeit, wie das Feuer, bewirkt, dass das Holz, das warm der Möglichkeit nach ist, in Wirklichkeit warm wird, und dadurch bewegt es dieses und verändert es. Es ist aber nicht möglich, dass dasselbe [Ding] zugleich in derselben Hinsicht in Wirklichkeit und in Möglichkeit sei, sondern nur in verschiedenen Hinsichten: Was nämlich in Wirklichkeit warm ist, kann nicht zugleich in Möglichkeit warm sein, sondern es ist zugleich kalt in Möglichkeit. Es ist also unmöglich, dass etwas in derselben Hinsicht und auf dieselbe Weise bewegend und bewegt ist oder sich selbst bewegt. Alles also, was bewegt wird, muss von etwas anderem bewegt werden. Wenn also das, wovon es bewegt wird, [seinerseits] bewegt wird, dann muss es auch selbst von einem anderen bewegt werden, und jenes [wiederum] von einem anderen. Hier aber kann es nicht ins Unendliche gehen, weil so nicht etwas erstes Bewegendes wäre, und infolgedessen auch kein anderes Bewegendes, weil die zweiten bewegenden [Ursachen] nur dadurch bewegen, dass sie von einem ersten Bewegenden bewegt sind, wie zum Beispiel der Stab nur dadurch [etwas] bewegt, dass er von der Hand bewegt ist. Also ist es notwendig zu etwas erstem Bewegenden zu kommen, das von nichts bewegt wird. Und dies verstehen alle als Gott.
(Thomas von Aquin, Summe der Theologie I 2, 3; übers. Seidl, 53–55)
Auf die Frage, ob sich von der endlichen Wirklichkeit auf Gott schließen lässt, könnte jemand versucht sein, mit einer Gegenfrage zu antworten: Wer oder was ist Gott überhaupt? Ohne ein Vorverständnis von dem gesuchten Gegenstand lasse sich schwerlich entscheiden, ob ›Gott‹ aus der endlichen Wirklichkeit erschlossen werden kann oder nicht. Doch überlegen wir genauer. Kommt es in unserem Alltag nicht häufiger vor, dass wir auf etwas schließen, ohne genau zu wissen, was es ist? Angenommen beispielsweise, ich leide an starken Schmerzen im Unterbauch. Ich schließe auf eine mögliche Blinddarmentzündung und gehe zum Arzt. Die Untersuchung bestätigt meine Vermutung, dass es sich um eine Appendizitis handelt. In diesem Fall könnte man sagen, der Patient habe richtig gelegen, obwohl er medizinisch gesehen über keine vertiefte Kenntnis der Krankheit verfügt. Warum sollte es sich mit der Erkenntnis Gottes nicht ähnlich verhalten? Könnte die erfahrbare Wirklichkeit nicht Indizien liefern für die Annahme, dass Gott existiert, obwohl die Verständigung über das wahre Wesen Gottes erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt? Um von der endlichen Wirklichkeit auf das Absolute zu schließen, genügt ein ungefähres Vorverständnis von dem, was mit ›Gott‹ gemeint ist. Mehr als ein derartig allgemeines Vorverständnis liegt nicht zugrunde, wenn im Folgenden einige Argumente erörtert werden, mittels derer Philosophen auf Gott geschlossen haben. Die Argumente unterscheiden sich in Bezug auf ihren Ausgangspunkt sowie auf den Aspekt des göttlichen Wesens, den sie jeweils in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Schon deshalb steht zu vermuten, dass sich die Frage, welches der Gott ist, auf dessen Existenz die Philosophen schließen, erst in der Zusammenschau ihrer verschiedenen Überlegungen beantworten lässt.
In ihre klassische Form gebracht wurden die sogenannten Gottesbeweise durch Thomas von Aquin (1225–1274). Er zählte insgesamt fünf Wege, wie Gott ausgehend von der erfahrbaren Wirklichkeit erkannt werden kann. Thomas knüpfte seinerseits an Aristoteles an, der bereits viele Jahrhunderte zuvor auf die Annahme eines unbewegten Bewegers als Prinzip der sichtbaren Welt geschlossen hatte (Abschnitt 1). Dass ein christlicher Theologe zu demselben Argument greift wie ein heidnischer Philosoph, verdient Beachtung. Vielleicht trug gerade dieser Umstand dazu bei, dass in den folgenden Jahrhunderten ein anderer Gedankengang größere Aufmerksamkeit anzog. Gott wird darin nicht nur als der erste Beweger oder die Ursache aller Veränderung, sondern zugleich als allem Wechsel entzogen gedacht. Im Gegensatz zu den kontingenten irdischen Dingen, die es auch nicht geben und die auch anders beschaffen sein könnten, existiert Gott mit Notwendigkeit (Abschnitt 2).
Sowohl der Gedanke eines unbewegten Bewegers als auch der Gedanke eines notwendigen Wesens sind weit von den Vorstellungen entfernt, die sich religiöse Menschen von Gott zu machen pflegen. Für sie ist Gott zumeist eine unendliche Person, die dank ihres allwissenden Verstandes und gütigen Willens die Geschicke der Welt lenkt. Einer solchen Auffassung näher kommt der in der Neuzeit beliebte Schluss von der zweckmäßigen Ordnung der Natur auf einen intelligenten Urheber. Die Vorstellung eines göttlichen Künstlers, Baumeisters oder Konstrukteurs entspricht mehr dem gängigen Bild Gottes als die abstrakten Begriffe des unbewegten Bewegers oder des notwendigen Wesens. Die Kehrseite der Medaille ist freilich, dass der Verdacht einer unzulässigen Projektion umso schwerer von der Hand zu weisen ist, je deutlicher Gott in Anlehnung an menschliche Urheber gedacht wird (Abschnitt 3).
Literatur: Bromand/Kreis 2011; Craig/Moreland 2009; Elders 1987 [67–142]; Müller 2001; Oppy 2006; Swinburne [1979] 1987.
1. Der unbewegte Beweger
Aristoteles eignet sich als Anknüpfungspunkt für eine philosophische Theologie, weil er sich die Frage nach Gott im Rahmen der Erörterung seines Weltbildes stellte. Der unbewegte Beweger ist kein Gegenstand philosophischer Spekulation, der von der Sicht des physischen Kosmos gänzlich unabhängig wäre. Im Gegenteil veranlasst erst die Unabgeschlossenheit des naturwissenschaftlichen Weltbildes den Übergang auf ein sinnlich nicht erfahrbares Erstes. Ohne auf die Einzelheiten der aristotelischen Kosmologie einzugehen, lässt sich festhalten, dass die Gestirne für Aristoteles eine Art Zwischenstellung einnehmen zwischen den vergänglichen Dingen auf der Erde einerseits und dem unbewegten Beweger andererseits. Wie die meisten Menschen seiner Zeit war Aristoteles fasziniert von den Sternen und Planeten, die auf konstanten Bahnen beständig um die Erde zu kreisen schienen. Deshalb hielt er nicht nur die Himmelskörper selbst, sondern auch ihre Bewegung für etwas Ewiges. Da kein Ding einfach aus sich entsteht oder sich von selbst verändert, führte Aristoteles alle irdische Bewegung auf das Wirken der Körper am Himmel zurück. Immer wenn irgendwo etwas geschieht, gibt es dafür sozusagen eine Ursache am Himmel.
Wie genau die Bewegung der Gestirne die Veränderungen auf der Erde bewirkt, muss hier offenbleiben. Entscheidend ist die Überlegung, dass zum Beispiel kein Regen fallen, keine Bäume wachsen und keine Vögel fliegen könnten, ohne dass sich die Bewegung der Gestirne in irgendeiner Weise auf die endlichen Dinge übertrüge. Aristoteles deutet jede Veränderung als Übergang von der Möglichkeit (dynamis) zur Wirklichkeit (energeia). Damit etwas geschieht, muss es zuallererst möglich sein. Wäre es schlechterdings unmöglich, dass ich längere Haare habe, könnten meine Haare nicht wachsen. Wäre es unmöglich, dass die Sonne ihren Ort wechselt, ginge sie am Abend nicht unter. Wirklich werden kann nur etwas, dessen Möglichkeit zuvor bestand. Das gilt sowohl für die Veränderungen auf der Erde als auch für die Bewegungen am Himmel. Obwohl Aristoteles die Sterne und Planeten als unvergänglich ansah, teilen sie mit den irdischen Dingen die Eigenheit, sich in vielerlei Hinsicht im Zustand der Möglichkeit zu befinden. Wer heute in München studiert, könnte in ein paar Jahren Professor an der Universität Frankfurt sein. Ein Sternbild, das heute im Osten erscheint, kann in ein paar Monaten nach Westen gewandert sein.
Bei jeder Bewegung wird etwas zunächst nur Mögliches wirklich. Wenn jemand an der Universität in die U-Bahn steigt, kann sie zehn Minuten später am Hauptbahnhof sein. Damit sie wirklich dort ankommt, muss eine Reihe von weiteren Bedingungen erfüllt sein. Die Faktoren, die bewirken, dass aus etwas Möglichem etwas Wirkliches wird, können laut Aristoteles ihrerseits nicht bloß mögliche sein, sondern müssen tatsächlich eine Wirkung entfalten. Auf die Kosmologie angewandt, bedeutet dies, dass alle Veränderungen vergänglicher Dinge auf der Erde durch die Bewegung der unvergänglichen Himmelskörper angestoßen werden. Insofern die Gestirne sich selbst in ewiger Bewegung befinden, sind auch sie veränderlich. Die Kreisbewegung der Gestirne ist ebenfalls ein Übergehen von der Möglichkeit in die Wirklichkeit, das wiederum durch etwas bewirkt sein muss. Um diese Veränderung zu erklären, fordert Aristoteles die Annahme eines Bewegers, der seinerseits nichts Bewegtes mehr ist. »Also muss ein solches Prinzip vorausgesetzt werden, dessen Wesen wirkliche Tätigkeit [energeia] ist« (Aristoteles, Metaphysik XII 6, 1071b19–20; übers. Seidl,...




