Sanker | DER FLUCHTALGORITHMUS | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Sanker DER FLUCHTALGORITHMUS

und andere SF-Storys
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95765-681-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

und andere SF-Storys

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

ISBN: 978-3-95765-681-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Fiktionen, die in diesem Kurzgeschichten-Band zusammengefasst wurden, stammen von einem Autor, der von sich selbst behauptet, zu gleichen Teilen Sarkastiker, Optimist, Moralist und Misanthrop zu sein. Ähnlich widersprüchlich reihen sich die ... Storys aneinander. Bestimmt wird mancher Leser erstaunt sein, was ihm hier unter dem Label »Science-Fiction« präsentiert wird. Doch wenn man weiß, dass der Autor der festen Überzeugung ist, dass wir alle in einer schrägen Simulation leben, kreiert von einem zutiefst zynischen Wesen, gewinnen die Geschichten durchaus wieder an Glaubwürdigkeit.

Paul Sanker wurde 1958 in Köln geboren. Von Beruf ist der Autor Arzt für Neurochirurgie und Spezialist für Wirbelsäulenerkrankungen. Im Jahr 2012 erschien sein Krimi »Brutus und der Rotlicht-Kolibri« im Sarturia-Verlag, ebenso wie 2013 das Kinderbuch »Emma, die kleine Stubenfliege«. 2017 erschien mit »Anna und die Besucher vom Planeten Botania« ein SF-Kinderbuch im österreicherischen Karina-Verlag. 2021 wurde der SF-Roman »Yolo - wir treffen uns im nächsten Level« in der p.machinery veröffentlicht. Daneben erschienen von Sanker seit 2008 zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitschriften.
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Autoren/Hrsg.


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Geboren am 20. Juli


Benjamin beobachtete das Dorf von seinem Standort vierhundert Meter unterhalb des Berggipfels aus. Durch das verschneite Tal floss friedlich der Fluss, der durch die Vereinigung dreier Gletscherbäche entstand. Der Morgennebel hatte sich längst verzogen. Die kalte Luft war klar, der blaue Himmel wolkenlos. Aber auch bei schlechtem Wetter und ungünstigen Sichtverhältnissen hätten Benjamins Sensoren jede verdächtige Feindaktivität im Umkreis von zwanzig Kilometern orten können.

Schon seit sechs Monaten beobachtete er das Tal und die beiden noch passierbaren Gebirgspässe, über die das Dorf erreicht werden konnte. Er wusste, dass sie eines Tages kommen würden, um nach ihm zu suchen. Denn er war ein Deserteur. Und ein Mörder. Eigentlich war seine Flucht vollkommen sinnlos gewesen. Mutter konnte seinen Standort jederzeit ausfindig machen. Erstaunlich, dass er überhaupt noch existierte, schoss es ihm durch den Kopf. Die Sprengladung, die sich neben seinem Großhirn befand, wartete nur auf den Zündimpuls, der vom Zentralcomputer des Wallisdistrikts abgegeben wurde. Aber nichts geschah. Er lebte immer noch. Mutter verfolgte offensichtlich andere Pläne. Er vermutete, dass sie ihn lebend fangen wollte, um sein Gehirn sezieren zu können und dessen Struktur auf Anomalien hin zu untersuchen. Sie musste wissen, warum er ihre Befehle missachtet hatte und zum Verräter geworden war. Sie musste es wissen, um verhindern zu können, dass sich derartiges jemals wiederholte.

Wenn Benjamin die Fähigkeit besessen hätte, seinem Gesicht einen verbitterten Gesichtsausdruck zu verleihen, dann hätte er es jetzt getan. Doch sein mächtiger, aus einer Titanlegierung bestehender Körper war nicht in der Lage, emotionale Regungen zu zeigen. Aber wozu auch? Niemand befand sich in seiner Nähe. Das Dorf mit den Pets war zehn Kilometer entfernt. Sonst gab es außer ihm keinen Menschen weit und breit. Aber war er überhaupt ein Mensch? Früher einmal, ja. Er wurde als Mensch geboren und hatte eine Mutter und einen Vater besessen. Wie lange Zeit war seitdem vergangen? Sechshundert Jahre? Siebenhundert Jahre? Die Erinnerung war fast verblasst …

Es war im letzten Zeitalter der großen Kriege gewesen. Seine Einheit wurde im Afrika-Feldzug eingesetzt. Er hatte mit seiner Kompanie den Auftrag erhalten, einen Rebellenführer in dessen Unterschlupf aufzuspüren und zu liquidieren. Dann gerieten sie in einen Hinterhalt. Die Gruppe wurde aufgerieben. Er hatte überlebt. Allerdings ohne Arme und Beine. Die Tretmine hatte sein Gesicht in einen amorphen blinden Brei verwandelt.

Man entschloss sich, sein Gehirn in einen Cyborgkörper zu verpflanzen, und machte ihn zu einem Veteran. Seit Jahrzehnten waren viele seiner Kameraden diesen Weg bereits vor ihm freiwillig gegangen. Die Militärführung verlockte junge Soldaten zu diesem Schritt, indem sie versprach, sie zu unbezwingbaren Kämpfern ohne lästigen verwundbaren Körper zu machen. Sie würden nahezu unsterblich und wären jedem anderen Menschen hinsichtlich ihrer Fähigkeiten weit überlegen.

Benjamin hatte einen solchen Schritt nie erwogen, zumal er nicht für immer Soldat bleiben, sondern vielmehr irgendwann heiraten und eine Familie gründen wollte. Aber nun hatte es das Schicksal anders gewollt. Von Stund an hieß er B556Z2. Zunächst konnte er sich durchaus mit seinem neuen Dasein arrangieren. Immerhin steckten in seinem neuen Metallkörper, der keinen Schmerz mehr kannte, ungeahnte Fähigkeiten.

Schon nach kurzer Zeit kehrte er zu seiner Truppe zurück. Er wurde zu einer speziellen Cyborgeinheit versetzt, deren Aufgabe es war, Widerstandsnester der Rebellen in unwegsamem vermintem Gelände auszuschalten. B556Z2 und seine Kompanie arbeiteten äußerst effizient. Niemand konnte sie aufhalten. Kein Auftrag blieb unerledigt. Auf gegnerischer Seite gab es nie Überlebende. Gefangene waren nicht vorgesehen. Zunächst machte er sich darüber keine großen Gedanken. Immerhin gehörte der Tod unweigerlich zum Krieg dazu. Und das Töten war als Veteran spielerisch leicht. Die Menschen waren so unglaublich verletzlich. Es genügte ein Schuss aus der Laserkanone in seinem Torso und schon lagen zehn Leichen mit verdampften Körpern im Staub. Und B556Z2? Er beobachtete das Sterben seiner Feinde ohne Emotion und mit Gleichmut. Er hatte keinen Puls, der rasen, und keine Haut, aus der der Schweiß ausbrechen konnte. Leichengeruch verursachte keine Übelkeit mehr und der Anblick eines niedergestreckten unschuldigen Zivilisten, der ins Kreuzfeuer geraten war, konnte ihm keine Tränen entlocken.

Mit der Zeit wurden die Kriege immer seltener, da es keine Feinde mehr gab, die man bekämpfen musste. Und eines Tages hatten die Menschen ganz andere Sorgen als Land, das es zu erobern galt, oder Bodenschätze, für die es sich zu kämpfen lohnte.

Selbst die Sorge um den eigenen Körper, den es zu ernähren oder vor Angriffen feindlicher Nachbarn zu beschützen galt, wurde zur Nebensache. Die Menschheit hatte einen Weg gefunden, ihren Geist zu digitalisieren und Unsterblichkeit im Paradies einer virtuellen Welt zu erlangen.

Überbevölkerung und Hungersnöte gehörten der Vergangenheit an. Niemand musste mehr arbeiten, um sich ein Leben in Wohlstand und Zufriedenheit zu verdienen. Jeder konnte sich seinen individuellen Traum im Netz verwirklichen. Niemand brauchte noch einen alternden zerbrechlichen Körper, und auch die Sorgen wegen zunehmender Umweltverschmutzung oder den Folgen des Klimawandels fanden ein Ende.

Die Veterans wurden zu Wächtern der Computerserver, die in riesigen unterirdischen Anlagen untergebracht waren und sieben Milliarden menschlicher Bewusstseinsinhalte speicherten. Man nannte sie auch Essentials.

B556Z2 wurde im Wallisdistrikt stationiert. Es handelte sich um ein fünfzehn Kilometer langes Tunnelsystem, in dem modernste EDV-Technik untergebracht war, Heimat von mehr als hundert Millionen Essentials. Die meiste Zeit stand Benjamin inaktiviert in einem großen Hangar in Reih und Glied zusammen mit zweihundert weiteren Cyborgs. In diesen Ruhephasen wurde das Gehirn in ihrem Stahlschädel von psychotropen Substanzen umspült, die ihnen angenehme Träume von einem früheren Leben bescherten, in dem sie noch fühlen, riechen und schmecken konnten.

In alternierender Reihenfolge aktivierte der Zentralcomputer Mutter jeden Tag zehn Cyborgs, die auf dem Gelände um den Wallisdistrikt patrouillierten. B556Z2 kam etwa alle drei Wochen zum Einsatz. Doch was hieß dabei schon Einsatz? Jeweils zu zweit schwebten sie in alle vier Himmelsrichtungen und suchten nach Feinden, die es nicht gab. Die letzten beiden Veterans standen vor dem Haupttor der Anlage Wache.

So verging Jahr für Jahr, in dem B556Z2 und die übrigen Cyborgs entweder die meiste Zeit in ihrem Hangar standen, um im Drogenrausch zu träumen, oder sich im Wachzustand in der einsamen Gebirgslandschaft des Wallisdistriktes langweilten.

Eines Tages beschloss B556Z2, dass er so nicht weiter existieren wollte. Nach Beendigung seines Patrouilleneinsatzes verweigerte er die Freigabe des Psychohormons Beta-Lactam-Endorphinase. Wie erwartet schaltete sich Mutter in sein Intrakommunikationssystem.

»Mutter an B556Z2! Was gibt es für ein Problem?« Mutters Frage wurde nicht akustisch gestellt, sondern entstand direkt als elektrisches Signal in seiner Hirnrinde. Dennoch hatte er die Illusion einer freundlichen, sanft modulierten Frauenstimme.

»Negativ, Mutter«, antwortete er. »Es gibt kein Problem. Und nenne mich bitte Benjamin.«

Mit Befriedigung registrierte er, dass eine Pause in ihrer lautlosen Kommunikation entstand. Mutter schien durch die Antwort des Cyborgs irritiert zu sein.

»Was soll der Unsinn, B556Z2? Wer ist Benjamin?«, fragte Mutter schließlich.

»Das ist mein Name, Mutter. Ich heiße Benjamin Fowler, geboren am 20. Juli 1998 in London. Mein Vater war der Arzt Jonathan Fowler. Er war verheiratet mit Marie Fowler, geborene Hastings.« Seine Antwort war an einen Gefühlsmix aus Stolz und Trotz gekoppelt.

»Nun gut, Benjamin«, antwortete Mutter scheinbar gleichgültig. »Warum gehst du nicht in den Ruhemodus?«

»Junkiemodus würde es besser treffen, Mutter!«, entgegnete er aggressiv. »Ich werde nicht mein Leben weiterhin im immerwährenden Drogenrausch verbringen. Ich quittiere hiermit meinen Dienst in der Armee der Vereinigten West-Union. Der Krieg ist vorbei. Es gibt nichts mehr für mich zu tun.«

»Negativ, Soldat!«, hämmerte Mutters Antwort in seinem Gehirn. »Nichts ist vorbei. Mit dem Privileg, ein Veteran sein zu dürfen, ist die niemals endende Pflicht verbunden, der menschlichen Gesellschaft zu dienen und sie zu schützen.«

Benjamin dachte nach. Natürlich hatte er niemals um das Privileg gebeten, dass man sein Hirn in einen Metallkäfig sperrte. Wahrscheinlich wäre es sogar besser gewesen, wenn man ihn an seinen Verletzungen hätte sterben lassen. Trotzdem hatten ihn Mutters Worte über seine niemals endende Pflicht beeindruckt. Das war die Lösung! Er brauchte eine neue Aufgabe, die er erledigen konnte und für die es sich lohnte, weiter zu leben. Aber diese Aufgabe konnte nicht darin bestehen, über die Essentials zu wachen. Für ihn zählten diese digitalen Träumer nicht mehr zur menschlichen Gesellschaft. In Wahrheit hielt Benjamin sie für dumm und feige. Was hatten sie nur freiwillig aufgegeben? Einen Körper, der fühlen, und ein Herz, das lieben konnte. Was hätte er – der Cyborg – nur dafür gegeben, nur einmal wieder die wärmende Sonne auf der Haut und die kalte Gebirgsluft in seinen Lungen spüren...



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