E-Book, Deutsch, Band 1, 336 Seiten
Reihe: Die Blackthorn Code-Reihe
Sands Der Blackthorn-Code - Das Vermächtnis des Alchemisten
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-423-43032-6
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Spannendes Action-Abenteuer ab 11
E-Book, Deutsch, Band 1, 336 Seiten
Reihe: Die Blackthorn Code-Reihe
ISBN: 978-3-423-43032-6
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kevin Sands hat Theoretische Physik studiert und bereits als Wissenschaftler, Unternehmensberater, Lehrer und professioneller Pokerspieler gearbeitet. Als Kind wäre er gern Schauspieler geworden, da sein Talent sich jedoch in Grenzen hielt, wurde er lieber Autor. Er lebt in Toronto.
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Kapitel 1
»Bauen wir eine Kanone«, sagte ich.
Tom hörte mir nicht zu. Er war äußerst konzentriert, hatte die Zunge zwischen die Zähne geschoben und machte sich für einen Nahkampf mit dem ausgestopften schwarzen Bären bereit, der in der vorderen Ecke des Ladens aufrecht auf den Hinterbeinen stand. Tom streifte sein Leinenhemd ab und schleuderte es theatralisch über die Antimon-Becher, die auf dem Verkaufstisch seitlich des offenen Kamins standen. Von dem Eichenregal neben ihm schnappte er sich den Deckel eines Arzneikruges – »Blackthorns Warzen-Wunder«, wie das Etikett besagte – und hielt ihn schützend vor sich, ein Miniaturschild aus Steingut. In der rechten Hand schwang er drohend ein Nudelholz.
Tom Bailey, Sohn von William dem Bäcker, war der stattlichste Möchtegern-Soldat, den ich je gesehen hatte. Obwohl nur zwei Monate älter als ich, war er einen ganzen Kopf größer und hatte den Körperbau eines Waffenschmieds, wiewohl eines leicht pummeligen, was dem regelmäßigen Verzehr der Kuchen seines Vaters geschuldet war. Und in der Behaglichkeit von Meister Blackthorns Laden, weit weg von den Schrecken der Schlacht – von Tod, Schmerz oder auch nur einem blauen Fleck –, kannte Toms Mut keine Grenzen.
Er funkelte den leblosen Bären an. Die Bodendielen knarrten, als er vortrat und sich in die Reichweite der gefährlich aussehenden Krallen begab. Tom schob die Vitrine beiseite, wobei die Messinggewichte der Waage klingelnd gegeneinanderstießen. Dann hob er das mehlbestäubte Nudelholz zu einem militärischen Gruß. Der erstarrte Bär antwortete mit einem stummen Gebrüll, seine zentimeterlangen Zähne kündeten von dem fast sicheren Tod. Zumindest aber – und das mit absoluter Sicherheit – von mühseligem Polieren.
Ich saß im Hintergrund auf dem Tresen, ließ die Beine baumeln und trommelte mit den Fersen gegen das geschnitzte Zedernholz. Ich konnte warten. Man musste Geduld haben, wenn man mit Tom befreundet war. Hatte er einmal an einem Gedanken Gefallen gefunden, ließ er nicht so schnell wieder davon ab.
»Ihr glaubt wohl, Ihr könntet meine Schafe stehlen, was, Meister Bär?«, sagte er. »Seid gewarnt, ich kenne dieser Tage kein Erbarmen!« Dann hielt er mitten in der Bewegung inne, das Nudelholz zum Angriff erhoben. Ich konnte buchstäblich mitverfolgen, wie sich die kleinen Rädchen zwischen seinen Ohren in Bewegung setzten. »Warte mal. Was?« Verdattert schaute er über die Schulter hinweg zu mir. »Was hast du gesagt?«
»Bauen wir eine Kanone«, wiederholte ich.
»Was soll das heißen?«
»Was denkst du denn, dass es heißen soll? Du und ich, wir bauen eine Kanone. Du weißt schon.« Ich riss die Arme hoch. »BUMM!«
Tom runzelte die Stirn. »Das geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil man nicht einfach eine Kanone bauen kann, Christopher.« Aus seinem Mund klang das, als würde er einem kleinen, dummen Kind erklären, warum es kein Feuer essen dürfe.
»Aber so entstehen Kanonen«, sagte ich. »Man baut sie. Oder glaubst du, Gott lässt sie zur Fastenzeit auf die Erde herabregnen?«
»Du weißt genau, wie ich das meine.«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich verstehe nicht, warum dich die Vorstellung nicht mehr begeistert.«
»Vielleicht, weil meistens ich derjenige bin, der für deine verrückten Ideen büßen muss.«
»Was für verrückte Ideen? Ich habe keine verrückten Ideen!«
»Auf den ›Stärkungstrank‹, den du erfunden hast, habe ich die ganze Nacht lang kotzen müssen«, sagte er. »Die ganze Nacht lang!«
Er hatte tatsächlich dunkle Augenringe. »Ah, ähm … Ja, tut mir leid.« Ich zog den Kopf ein. »Wahrscheinlich habe ich zu viel Geheimnisschnecke zugegeben. Es hätte deutlich weniger Schnecke dabei sein sollen.«
»Es hätte auch deutlich weniger Tom dabei sein sollen.«
»Sei doch nicht so eine Heulsuse«, tadelte ich. »Erbrechen ist gut für dich. Das bringt deine Körpersäfte ins Gleichgewicht.«
»Ich mag meine Körpersäfte so, wie sie sind«, sagte er.
»Aber diesmal habe ich ein Rezept.« Ich nahm das Pergament, das ich gegen die Münzwaage auf dem Tresen gelehnt hatte, und winkte ihm damit zu. »Ein echtes. Von Meister Benedict.«
»Wieso brauchst du für eine Kanone ein Rezept?«
»Nicht für die Kanone. Für das Schießpulver.«
Tom verstummte. Er ließ den Blick über die Krüge und Tiegel ringsum schweifen, als ob sich unter den Hunderten von Tränken, Kräutern und Pulvern ein Mittel befand, mit dessen Hilfe er sich aus dieser Sache herauswinden konnte. »Das ist verboten.«
»Ein Rezept zu kennen ist nicht verboten«, sagte ich.
»Es anzuwenden schon.«
Das stimmte. Nur Meister und jene mit einer Royal Charter, der ausdrücklichen Erlaubnis des Königs, durften Schießpulver mischen. Von beidem war ich meilenweit entfernt.
»Und Lord Ashcombe wurde heute schon in der Stadt gesichtet«, setzte Tom hinzu.
Das ließ mich zögern. »Hast du ihn gesehen?«
Tom nickte. »In Cheapside, nach der Kirche. Er hatte zwei königliche Soldaten bei sich.«
»Wie sah er aus?«
»Fies.«
Genau dieses Attribut kam mir auch in den Sinn, wenn ich an Lord Richard Ashcombe, Baron von Chillingham, dachte, den treuen General von König Charles und Träger des Titels »Beschützer Seiner Majestät«. Er durchforstete die Stadt nach einer Horde von Mördern. In den vergangenen vier Monaten waren fünf Männer getötet worden. Jeder einzelne von ihnen war gefesselt und gefoltert worden. Dann hatte man ihnen den Bauch aufgeschlitzt und sie verbluten lassen.
Drei der Opfer waren Apotheker gewesen, was der Grund war, warum ich derzeit in jedem nächtlichen Schatten einen Attentäter vermutete. Keiner wusste, worauf es die Mörder abgesehen hatten, aber wenn der König Lord Ashcombe ausschickte, war ihm tatsächlich daran gelegen, die Sache aufzuklären. Lord Ashcombe war berüchtigt dafür, Männer, die der Krone feindlich gesinnt waren, aus dem Weg zu schaffen – normalerweise, indem er auf den öffentlichen Plätzen ihre abgeschlagenen Köpfe zur Schau stellen ließ.
Aber trotzdem bestand kein Anlass, übervorsichtig zu sein. »Lord Ashcombe wird nicht hierherkommen«, versicherte ich, sowohl mir selbst als auch Tom. »Wir haben ja niemanden umgebracht. Und der Beschützer des Königs wird wohl kaum hier vorbeischauen, um sich ein Zäpfchen zu besorgen, nicht wahr?«
»Was ist mit deinem Meister?«
»Der braucht auch kein Zäpfchen.«
Tom zog eine Grimasse. »Ich meine, kommt er nicht demnächst zurück? Es ist doch schon bald Zeit fürs Abendessen.« Das letzte Wort sprach er mit kaum zu überhörender Sehnsucht aus.
»Meister Benedict hat gerade die neueste Ausgabe von Culpepers Herbarium gekauft«, sagte ich. »Er sitzt mit Hugh im Kaffeehaus und sie werden noch eine ganze Weile dort bleiben.«
Tom drückte den kleinen Steingutschild an seine Brust. »Ich finde, das ist keine gute Idee.«
Ich hopste vom Tresen und grinste.
Wenn man ein Apotheker werden will, darf man eins nie vergessen: Das Rezept ist das A und O.
Das ist etwas anderes als Kuchenbacken. Die Tränke, Salben, Gels und Pulver, die Meister Benedict herstellte – mit meiner Hilfe –, erforderten ein geschicktes Händchen. Ein Löffelchen zu viel Salpeter, eine Prise Anis zu wenig, und die wunderbare neue Kur gegen Wassersucht verwandelt sich in wertlosen grünen Schleim.
Aber neue Rezepte fielen nicht einfach vom Himmel. Man musste sie entdecken. Das erforderte Wochen, Monate, oft Jahre voller harter Arbeit. Und es kostete ein Vermögen: Zutaten, Gerätschaften, Kohle für das Feuer, Eis zum Abkühlen. Vor allen Dingen aber war es gefährlich. Brüllende Flammenzungen, geschmolzenes Metall, süß duftende Elixiere, die einem die Eingeweide zerfraßen. Tinkturen, die harmlos wie Wasser wirkten und dabei unsichtbare, aber tödliche Dämpfe freigaben. Mit jedem neuen Experiment setzte man sein Leben aufs Spiel. Und daher war eine wirksame Formel wertvoller als Gold.
Wenn man sie lesen konnte.
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Tom kratzte sich an der Wange. »Ich dachte, da wären mehr Worte und … Dinge.«
»Das ist ein Code«, sagte ich.
Er seufzte. »Warum muss es denn immer ein Code sein?«
»Weil andere Apotheker alle Hebel in Bewegung setzen, um dir deine Geheimnisse zu stehlen. Wenn ich meinen eigenen Laden habe«, sagte ich stolz, »werde ich alles verschlüsseln. Mir wird keiner meine Rezepte klauen.«
»Deine Rezepte will doch sowieso keiner haben. Außer Giftmischern natürlich.«
»Ich habe doch gesagt, es tut mir leid.«
»Vielleicht ist das Rezept codiert«, sagte Tom, »weil Meister Benedict nicht will, dass irgendjemand es liest. Und mit ›irgendjemand‹ meine ich dich.«
»Er bringt mir jede Woche neue Codierungsschlüssel bei.«
»Hat er dir den hier auch schon beigebracht?«
»Das hat er bestimmt vor.«
»Christopher.«
»Aber ich habe es allein herausgefunden. Schau mal.« Ich deutete auf den...




