E-Book, Deutsch, Band 3, 448 Seiten
Reihe: DIE DUNKELELFEN
Salvatore Die silbernen Ströme
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-07547-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Legende von Drizzt
E-Book, Deutsch, Band 3, 448 Seiten
Reihe: DIE DUNKELELFEN
ISBN: 978-3-641-07547-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
R. A. Salvatore wurde 1959 in Massachusetts geboren, wo er auch heute noch lebt. Bereits sein erster Roman »Der gesprungene Kristall« machte ihn bekannt und legte den Grundstein zu seiner weltweit beliebten Romanserie um den Dunkelelf Drizzt Do´Urden. Die Fans lieben Salvatores Bücher vor allem wegen seiner plastischen Schilderungen von Kampfhandlungen.
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Ein Dolch im Rücken
ER HATTE SEINEN Umhang eng um sich gezogen, obwohl ohnehin nur wenig Licht durch die Vorhänge am Fenster sickerte, denn das war sein Leben – verschwiegen und einsam. Das Leben eines Meuchelmörders.
Während andere sich am Sonnenschein erfreuten und ihr Leben in aller Offenheit und einsehbar für alle Nachbarn führten, hielt sich Artemis Entreri im Schatten auf und heftete seine großen Augen auf den schmalen Pfad, den er nehmen musste, um seinen Auftrag zu erledigen.
Er war wirklich ein Mann vom Fach, möglicherweise in den gesamten Welten der Beste in diesem finsteren Gewerbe, und sobald er sein Opfer aufgespürt hatte, gab es für dieses kein Entrinnen mehr. Folglich war er auch nicht beunruhigt, als er das Haus in Bryn Shander, der Hauptstadt der zehn Siedlungen in der Einöde des Eiswindtals, leer vorfand. Entreri hatte damit gerechnet, dass sich der Halbling aus Zehn-Städte davonschleichen würde. Aber es spielte keine Rolle. Falls es sich wirklich um denselben Halbling handelte, den er den ganzen Weg von der Stadt Calimhafen, die mehr als tausend Meilen entfernt im Süden lag, verfolgt hatte, dann war er besser vorangekommen, als er zu hoffen gewagt hatte. Sein Opfer hatte bestenfalls einen zweiwöchigen Vorsprung und hatte außerdem eine frische Spur hinter sich gelassen.
Entreri bewegte sich ruhig und lautlos durch das Haus und suchte Hinweise darauf, was für ein Leben der Halbling gespielt hatte, um besser für ihre unvermeidliche Begegnung gewappnet zu sein. In allen Räumen fand er Unordnung vor – wahrscheinlich hatte der Halbling erfahren, dass er ihm so dicht auf den Fersen war, und war in aller Eile aufgebrochen. Entreri hielt das für ein gutes Zeichen, eine weitere Bestätigung seiner Vermutung, dass es derselbe Halbling mit dem Namen Regis war, der vor Jahren dem Pascha Pook in der fernen Stadt im Süden gedient hatte.
Bei dem Gedanken, dass der Halbling von seiner Verfolgung wusste, lächelte der Meuchelmörder böse. Dadurch wurde die Herausforderung dieser Jagd größer, und Entreri musste seine Geschicklichkeit in der Pirsch gegen die Fähigkeiten eines Opfers, sich zu verstecken, ausspielen. Aber er wusste, dass der Ausgang abzusehen war, denn eine Person voller Angst beging in der Regel einen verhängnisvollen Fehler.
Im Schlafzimmer wurde der Meuchelmörder in einer Schreibtischschublade fündig. Bei seiner panischen Flucht hatte Regis einige Vorsichtsmaßnahmen außer Acht gelassen, die seine wahre Identität bisher immer verborgen hatten. Entreri hielt den kleinen Ring in der Hand und studierte mit glänzenden Augen die Inschrift, die Regis eindeutig als Mitglied von Pascha Pooks Diebesgilde in Calimhafen zu erkennen gab. Entreri schloss die Hand um das Siegel, und ein böses Lächeln breitete sich über sein ganzes Gesicht aus.
»Habe ich dich endlich gefunden, du kleiner Dieb«, sagte er lachend in den leeren Raum hinein. »Dein Schicksal ist besiegelt! Für dich gibt es kein Entrinnen!«
Doch plötzlich nahm sein Gesicht einen wachsamen Ausdruck an, als das Geräusch eines Schlüssels in der Vordertür des palastartigen Hauses durch das große Treppenhaus nach oben drang. Er verstaute den Ring in seiner Gürteltasche und glitt lautlos wie der Tod in den Schatten der obersten Pfosten des schweren Treppengeländers.
Die großen Doppeltüren wurden aufgestoßen, und ein Mann und eine junge Frau, gefolgt von zwei Zwergen, traten ein. Den Mann kannte Entreri; es war Cassius, der Sprecher von Bryn Shander. Früher war es sein Haus gewesen, aber wegen der Heldentaten des Halblings in der Schlacht gegen den bösen Zauberer Akar Kessell und seine Goblinuntertanen hatte er es dem Halbling vor einigen Monaten überlassen.
Entreri hatte die Frau zwar schon vorher einmal gesehen, aber ihre Verbindung zu Regis war ihm neu. Schöne Frauen waren in dieser entlegenen Gegend eine Seltenheit, und diese junge Frau war wirklich außergewöhnlich. Glänzende kastanienbraune Locken fielen ihr über die Schultern, und das eindringliche Funkeln ihrer dunkelblauen Augen reichte aus, um jeden Mann rettungslos in ihre Tiefen zu ziehen.
Der Meuchelmörder hatte gehört, dass sie Catti-brie hieß und bei den Zwergen in ihrem Tal nördlich der Stadt lebte. Sie war besonders Bruenor, dem Anführer der Zwergensippe, verbunden, der sie zwölf Jahre zuvor als Pflegekind aufgenommen hatte, als sie nach einem Goblinüberfall Waise geworden war.
Das könnte ja eine interessante Begegnung werden, überlegte Entreri. Oben am Treppengeländer spitzte er die Ohren und verfolgte die Unterhaltung in der Eingangshalle.
»Er ist doch erst seit einer Woche weg!«, wandte Catti-brie ein.
»Eine Woche, ohne ein Wort zu sagen«, keifte Cassius, der offensichtlich wütend war. »Und mein wunderbares Haus steht leer und unbewacht da. Die Haustür war nicht einmal verschlossen, als ich vor einigen Tagen zufällig vorbeikam.«
»Du hast Regis das Haus doch geschenkt«, erinnerte ihn Catti-brie.
»Geliehen!«, brüllte Cassius, obwohl das Haus wirklich ein Geschenk gewesen war. Der Sprecher hatte es allerdings schnell bedauert, Regis den Schlüssel zu diesem Palast, dem prächtigsten Gebäude nördlich von Mirabar, übergeben zu haben. Rückblickend begründete Cassius seine Geste damit, dass ihn die Begeisterung über ihren grandiosen Sieg über die Goblins übermannt hatte, und er argwöhnte, dass Regis mittels der bekannten hypnotischen Kräfte des Rubinanhängers noch ein wenig nachgeholfen hatte.
Wie andere auch, die von dieser Überzeugungskraft des Halblings betrogen worden waren, sah Cassius inzwischen die Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel, einem Blickwinkel, bei dem Regis sehr ungünstig davonkam.
»Es ist ja egal, wie man es nennt«, räumte Catti-brie ein, »trotzdem solltest du in deiner Meinung, Regis habe das Haus einfach aufgegeben, nicht so voreilig sein.«
Das Gesicht des Sprechers lief vor Wut rot an. »Heute kommt alles raus!«, verlangte er. »Du hast meine Liste. Alle Habseligkeiten von diesem Halbling sollen aus meinem Haus entfernt werden! Wenn ich morgen zurückkomme, wird alles, was ich hier noch finde, nach dem Besitzerrecht mir gehören! Und ich warne dich, ich werde eine hohe Entschädigung verlangen, falls etwas von meinem Eigentum fehlt oder beschädigt ist!« Er drehte sich auf dem Absatz um und stürmte aus dem Haus.
»Der ist aber ganz schön sauer!«, kicherte Fender Mallot, einer der Zwerge. »So extrem wie bei Regis habe ich bisher noch nie erlebt, dass Freundschaften derart von heißer Liebe in tödlichen Hass umschlagen!«
Catti-brie nickte zustimmend zu Fenders Feststellung. Sie wusste, dass Regis gerne mit seinem magischen Amulett spielte, und konnte sich gut vorstellen, dass die Widersprüchlichkeit seiner Beziehungen zu seinen Mitmenschen das unglückselige Ergebnis seiner Pfuschereien waren.
»Glaubst du, dass er mit Drizzt und Bruenor verschwunden ist?«, fragte Fender. Oben am Geländer beugte sich Entreri aufgeregt vor.
»Das wäre möglich«, antwortete Catti-brie. »Den ganzen Winter lang haben sie auf ihn eingeredet, er solle sich ihrer Suche nach Mithril-Halle anschließen, und dass Wulfgar mitgegangen ist, hat zweifellos den Druck verstärkt.«
»Dann ist der Kleine auf dem Weg nach Luskan oder will noch weiter«, überlegte Fender. »Und Cassius ist im Recht, wenn er sein Haus zurückverlangt.«
»Also lasst uns mit dem Packen anfangen«, schlug Catti-brie vor. »Cassius besitzt so viel, dass er sich nicht auch noch an Regis’ Habseligkeiten bereichern muss.«
Entreri lehnte sich gegen das Geländer. Der Name Mithril-Halle war ihm unbekannt, aber den Weg nach Luskan kannte er sehr gut. Er grinste wieder und fragte sich, ob er sie wohl noch einholen könnte, bevor sie die Hafenstadt erreicht hatten.
Doch hier konnte er vielleicht noch wertvolle Informationen erhalten. Catti-brie und die Zwerge hatten sich an die Arbeit gemacht und suchten die Sachen des Halblings zusammen. Während sie sich von einem Zimmer ins nächste bewegten, war Artemis Entreris schwarzer Schatten, lautlos wie der Tod, stets in ihrer Nähe. Sie bemerkten seine Anwesenheit allerdings nicht und hätten niemals Argwohn geschöpft, dass sich die Vorhänge nicht nur vom Wind bewegten, der durch die Ritzen an den Fenstern hereinwehte, oder dass ein Schatten hinter einem Stuhl unverhältnismäßig lang war.
Es gelang ihm, immer so dicht bei ihnen zu sein, dass er fast ihre ganze Unterhaltung mitbekam, und die ganze Zeit über sprachen Catti-brie und die Zwerge eigentlich nur von den vier Abenteurern und ihrer Reise nach Mithril-Halle. Obwohl er sich so bemühte, erfuhr Entreri recht wenig. Er hatte bereits von den berühmten Gefährten des Halblings gehört – in ganz Zehn-Städte sprach man von ihnen: von Drizzt Do’Urden, dem abtrünnigen Dunkelelfen, der sein Volk im Erdinneren der Welten verlassen hatte und jetzt als einsamer Wächter an den Grenzen von Zehn-Städte umherstreifte, um die Bewohner vor den Gefahren des wilden Eiswindtals zu beschützen; von Bruenor Heldenhammer, dem gewalttätigen Anführer jener Zwergensippe, die in einem Tal in der Nähe von Kelvins Steinhügel lebte, und am meisten von Wulfgar, dem mächtigen Barbaren, der in seiner Jugend von Bruenor gefangen genommen und bis ins Erwachsenenalter bei ihm geblieben war, der mit den wilden Stämmen des Tals zurückgekehrt war und der, nachdem er Zehn-Städte im Kampf gegen die Goblinarmee unterstützt hatte, schließlich einen Burgfrieden zwischen allen Völkern von Eiswindtal gestiftet hatte. Ein Handel, der das Leben aller Beteiligten gerettet hatte und...




