Salma | Die Stunde nach Mitternacht | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 358 Seiten

Salma Die Stunde nach Mitternacht

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30881-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 358 Seiten

ISBN: 978-3-293-30881-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Kleinstadt in Südindien: Die muslimischen Frauen leben in einer abgeschlossenen, von Männern dominierten Welt. Weil ihre Familie kein Geld hat, muss Firdaus als Teenager einen älteren, fremden Mann heiraten. Sie wehrt sich vehement gegen die Ehe, bis sie schließlich von der Gemeinschaft verstoßen wird. Wahida hat zumindest eine Vorstellung, was Freiheit bedeutet: Einige Jahre hat sie bei ihrem Onkel in der Großstadt gelebt. Doch mit fünfzehn Jahren muss auch sie sich den Traditionen beugen und ihren Cousin heiraten. Alles, was ihnen bleibt, sind Kompromisse und kleine Rebellionen.

Salma, geboren 1968 in Südindien, ist eine tamilische Schriftstellerin. Mit dreizehn Jahren musste sie auf Druck ihrer Familie die Schule verlassen und heiraten. Ihre Gedichte schrieb sie heimlich in Notizbücher. Bereits ihre ersten Veröffentlichungen über die Stellung der muslimischen Frauen erregten Aufmerksamkeit. Im Jahr 2001 wurde sie in ihrem Dorf in ein politisches Amt gewählt, was ihr die Möglichkeit gab, auch als Schriftstellerin öffentlich aufzutreten. 2004 erschien ihr Debütroman Die Stunde nach Mitternacht.
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Einführung


Kannan Sundaram

An einem Sommermorgen im Jahre 1994 arbeitete ich in meinem neuen, neu eingerichteten Büro der Zeitschrift Kalachuvadu im Vorgarten meines Hauses. Der Raum hat große Fenster nach Westen und Norden. Ich sitze mit dem Gesicht nach Osten und blicke auf das Vordertor. Ein großes Fahrzeug fuhr dort vor. Ich sah einige Köpfe, meist die von Frauen, die ihre Sari-Duppatas über den Kopf gezogen hatten. Einige waren schon ausgestiegen und warteten vor dem Tor, bis auch die anderen ausgestiegen waren, damit sie alle zusammen in einer Gruppe hereinkommen konnten. Wir erwarteten sie. Ich wusste, dass eine von ihnen Salma war. Sie kam meinen Vater Sundara Ramaswamy (1931–2005) besuchen, der ein bekannter, tamilisch schreibender Schriftsteller war. Mein Vater führte ein offenes Haus, deshalb waren wir an Besucher gewöhnt. Einige kündigten sich an, aber die meisten kamen zu allen möglichen Tageszeiten unangekündigt zu uns. Es wurde immer reichlich Essen zubereitet, um unerwartete Gäste zu beköstigen. Im oberen Stockwerk gab es Gästezimmer. Ein Literaturmagazin schrieb einmal: »Verschwenden Sie Ihr Geld nicht, indem sie sich ein Zimmer in einem Hotel in Nagercoil reservieren lassen. Gehen Sie einfach zu Suraas Haus!«

Er war auch sehr darauf bedacht, junge Talente zu fördern. Täglich schrieb er einige Briefe, die meisten an debütierende Schriftsteller. In diesen Briefen teilte er ihnen seine Ideen mit und machte ihnen Vorschläge für ihre Lektüre.

Das Tor öffnete sich und alle kamen ein wenig zögernd herein. Sie machten wahrscheinlich zum ersten Mal einen Besuch in einem nicht-muslimischen Haus. Ich erkannte Salma sofort, denn ich hatte schon einmal ein Foto von ihr gesehen. Ihr Sari reichte ihr gerade bis über die Fußknöchel, so wie Frauen vom Dorf Saris tragen, und sie bewegte sich unsicher, was wohl auf ihre relativ zurückgezogene Lebensweise zurückzuführen war. Aber in meiner Vorstellung – wahrscheinlich war meine Familie derselben Ansicht – war sie ein Wunder, dem zu begegnen wir mit Freude erwarteten.

Von einem gemeinsamen Freund hatten wir ihre Geschichte erfahren. Sie wurde gezwungen, die Schule zu verlassen, und sehr jung verheiratet. Ihre Mutter hatte eine schwere Krankheit vorgetäuscht und vorgegeben, sie liege auf dem Sterbebett. Dann hatte sie ihr das Versprechen abgerungen, sich verheiraten zu lassen. Inzwischen hatte Salma zwei Kinder, zwei Jungen. Sie liebte Literatur, war eine unersättliche Leserin und hatte zu schreiben begonnen. Mein Vater fand ihre Gedichte vielversprechend. Aber ihr Mann und ihre Schwiegerfamilie standen allein schon dem Gedanken, dass sie las und schrieb, feindlich gegenüber. Sie fanden das umstürzlerisch. Ihre eigene Familie war ihr auch keine große Hilfe.

Ihr Mann hatte instinktiv und richtig vermutet, dass sie gegen ihn schreiben würde. Dass ihre Gedichte oft die Dominanz der Männer kritisierten und ihre Entfremdung von dem System, in dem zu leben sie gezwungen war, offenbarten, verschärfte die Probleme mit ihrem Mann.

Wir hatten ihr geheimes Notizbuch mit ihren Gedichten gesehen. Ich war schockiert, als ich später erfuhr, dass sie viele ihrer Gedichte im Badezimmer geschrieben hatte, nicht weil sie eine Neigung zum Dadaismus gehabt hätte, sondern weil das der einzige Ort war, an dem sie in Ruhe gelassen wurde. Sie versteckte das Notizbuch gut, da ihr Mann den Verdacht hatte, dass es so etwas gebe, und oft Jagd darauf machte, vielleicht, weil er alles vernichten wollte.

Wir von Kalachuvadu setzten die Gedichte, korrigierten die Rechtschreibfehler und veröffentlichten ein Gedicht in der allerersten Ausgabe der Zeitschrift, die wir herausgaben, und einige weitere Gedichte nach etwa einem Jahr. Sie alle wurden unter dem von ihr gewählten Pseudonym Salma veröffentlicht. Ihre Gedichte erregten sofort die Aufmerksamkeit von Lesern und Leserinnen und von Kritikern. Uns erreichten viele Anfragen über ihre Person, aber wir stellten sicher, dass ihre Identität außerhalb unseres unmittelbaren Freundeskreises ein Geheimnis blieb, aber das gelang nur einige Jahre. Ihre Gedichte wurden weithin besonders dafür anerkannt, dass sie einen Trend für eine neue Art von Frauendichtung in Tamil gesetzt hatten. Frauen ihrer Generation wurden durch die Gedichte dazu angeregt, offen über ihren Körper und ihre Sexualität zu schreiben. Das brachte sie in die Schusslinie der Hüter der tamilischen Kultur. Islamische Fundamentalisten, die den Verdacht hegten, Salma sei eine Muslima, suchten eine Bestätigung dafür.

S. V. Rajadurai und V. Geeta, zwei bekannte Intellektuelle, übersetzten einige ihrer Gedichte ins Englische. Die Übersetzungen wurden in Indian Literature abgedruckt, einer Zeitschrift, die die Sahitya Akademi herausgibt.

Später wurden einige Gedichte in Hindi in Samakalin Bharathiya Sakithya veröffentlicht. Da aus naheliegenden Gründen ihre Kontaktadresse diejenige von Kalachuvadu war, las ich als erster einige Briefe von Lesern, die sie aus dem Gebiet zwischen Orissa und Kaschmir bekam. Ich teilte ihr diese Briefe über gelegentliche Telefonanrufe mit und merkte, wie sie die Anerkennung, die aus ihnen sprach, durstig aufsog. Das Schreiben von Literatur und die Bestätigung, die sie ihr einbrachte, wurden für sie zu einem hoffnungsvollen Lebenssinn.

1998 beschloss der Verlag Kalachuvadu Publications, den ich 1995 mit der Veröffentlichung von zwei Titeln begonnen hatte, im Dezember in Chennai vier Bücher herauszubringen. Sie wurden zu einem bahnbrechenden literarischen Ereignis in Tamil! Salma fuhr unter dem Vorwand, sie brauche eine medizinische Behandlung für eine nicht vorhandene Krankheit, nach Chennai, um an der Buchpräsentation teilzunehmen. Es war das erste Mal, dass sie an einer literarischen Veranstaltung teilnahm. Ihre Mutter wurde bei dieser Eskapade zu ihrer zögernden Komplizin. Es wäre undenkbar gewesen, dass sie alleine reiste. Eines Tages luden einige von uns sie in ein nahegelegenes Restaurant ein. Sie sah ihre Mutter an, bekam dann eine schweigende Antwort auf ihren fragenden Blick, die wir nicht deuten konnten, und kam mit.

Als wir durch die Stadt gingen, wurde offensichtlich, dass sie Mühe hatte, die Menschenmengen auf Bürgersteigen und Straßen zu ertragen. Im Restaurant war es ein besonderer Anblick, ihr beim Essen eines Dosai zuzusehen. Wieder tat sie etwas zum ersten Mal. Wir neckten sie gnadenlos, aber sie genoss jede Einzelheit. Ihren Sinn für Humor hat sie sich bis heute bewahrt.

Ein paar Wochen später fuhr Salma nach Madurai, das nicht fern von ihrem Dorf ist, zu einer Versammlung von Kalachuvadu-Lesern. Wieder gab sie einen Arztbesuch vor. Sie war schon ein kleiner Star geworden und wurde von den Organisatoren aufgefordert, ein paar Worte zu sprechen. Mir wurde das später erzählt und ich bekam auch von den Hörkassetten einen Eindruck. Salma ging auf die Bühne (wieder ein erstes Mal!), stand ein paar Minuten vor dem Mikrofon und versuchte ein paar Worte zu sprechen, ging dann aber langsam zu ihrem Platz zurück, ohne dass es ihr gelungen war, ein einziges Wort hervorzubringen.

Inzwischen veröffentlichten wir weiter ihre Gedichte, aber auch einige gute Buchrezensionen, die scharfsinnig und kühn waren. Am Ende des letzten Jahrtausends veranstaltete Kalachuvadu gemeinsam mit anderen eine World Tamil Conference in Chennai, ›Tamil-ini 2000‹. Salma verbrachte alle drei Konferenz-Tage dort und begegnete Schriftstellern aus aller Welt. Am Tag vor der Konferenz veranstaltete Kalachuvadu eine Buchpräsentation. Salmas erste Gedichtsammlung wurde bei dieser Gelegenheit gemeinsam mit einigen anderen Büchern präsentiert. Als das Buch präsentiert worden war, weigerte sich Salma, auf die Bühne zu gehen, denn sie fürchtete, dass es, wenn das Foto in der tamilischen Presse abgedruckt würde, in ihrem Dorf und ihrer Familie einen Aufstand gäbe. Aber trotz dem wachsenden Druck wurde sie als Schriftstellerin immer selbstsicherer. Ihr Mann beschimpfte sie gewöhnlich und wurde manchmal gewalttätig. Eines Tages rief sie mich weinend an. Mit großer Mühe brachte ich sie dazu, über das, was geschehen war, zu sprechen. Ich war schockiert! Ihr Mann war wütend, dass sie als Schriftstellerin berühmt wurde, und trat sie ins Gesicht. Er schmierte ihr den Schmutz von den Sohlen seiner Schuhe ins Gesicht. Sie wurde dabei nicht körperlich verletzt, aber es bewirkte, dass sie sich wie ein Stück Dreck fühlte. Sie ertrug alles tapfer und setzte ihr Schreiben fort.

Salma wurde von einer Freundin mit dicken Notizbüchern beschenkt, und spontan fing sie im Jahr 2000 an, ihren Roman zu schreiben. Sie stellte ihn 2001 fertig, aber sie hatte Angst, ihn mir zu Veröffentlichung zu übergeben, weil sie eine Gegenreaktion von Gemeinde und Familie befürchtete.

Dann trat eine vollkommen unerwartete Wende ein. Ein Jahrzehnt zuvor war das Panchayat Raj eingeführt worden, was bedeutete, dass jedes Dorf einen Vorsitzenden und Mitglieder des panchayat (Dorfversammlung) wählte, die die lokalen Angelegenheiten regeln sollten. Im Oktober 2001 sollte gewählt werden. Salmas Panchayat, Thuvarankurichi, war in diesem Jahr für eine Frau reserviert. Ihr Mann hatte gehofft, sich bewerben zu können, und war nun gezwungen, Salma zu bitten, an der Wahl teilzunehmen. Sie war einverstanden, und damit begannen sich ihre Fesseln zu lockern. Ihre Familie, die bis dahin versucht hatte, sie wie eine Gefangene im Haus zu halten, überredete sie nun, auf die Straßen zu gehen und Stimmen zu sammeln. Plakate, auf denen sie zu sehen...


von Heiseler, Ingrid
Ingrid von Heiseler, geboren 1936 in Köln, studierte Germanistik und Theologie in Göttingen. Sie ist als Übersetzerin und Lektorin tätig.

Salma
Salma, geboren 1968 in Südindien, ist eine tamilische Schriftstellerin. Mit dreizehn Jahren musste sie auf Druck ihrer Familie die Schule verlassen und heiraten. Ihre Gedichte schrieb sie heimlich in Notizbücher. Bereits ihre ersten Veröffentlichungen über die Stellung der muslimischen Frauen erregten Aufmerksamkeit. Im Jahr 2001 wurde sie in ihrem Dorf in ein politisches Amt gewählt, was ihr die Möglichkeit gab, auch als Schriftstellerin öffentlich aufzutreten. 2004 erschien ihr Debütroman Die Stunde nach Mitternacht.



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