Kapitel Eins
Ich war oben in Marvell gewesen, um einen Gefangenen abzuliefern, reine Routine, nur ein Bursche, den ich wegen rücksichtslosen Fahrens angehalten hatte. Als ich die Daten von seinem Führerschein durchgab, kam heraus, dass er einen ganzen Schwung von Außenständen wegen ähnlicher Vergehen hatte, und da ich ja gern allein bin, eine Vorliebe fürs Autofahren bei Nacht habe und zu Hause auch nichts Dringendes anstand, hab ich meine Rückkehr ein bisschen hinausgezögert. Und dann bekam ich einen Mordshunger. Den ganzen Weg die County Road 51 runter musste ich an das gepökelte Schweinefleisch denken, das meine Mutter oft zum Abendessen in die Pfanne geworfen hatte, an Eichhörnchen in brauner Soße, an Wels, in Maismehl gewendet. Als ich in die Cherry Street einbog, vorbei an Jay’s Diner, dem Drugstore und Manny’s Dollar $tore, A&P, der Baptistenkirche und der Tankstelle, fiel mir dieser alte Blues ein, in dem ein Typ davon singt, wie hungrig er ist, und dass er an nichts anderes mehr denken kann als nur ans Essen: I heard the voice of a pork chop say, come unto me and rest.
Dieses Schweinekotelett, oder seine Inkarnation, flüsterte mir genau diese Worte ins Ohr, als ich vor dem Rathaus einparkte. Don Lees Pick-up und der Jeep standen schon da. Unsere Hälfte des Gebäudes war beleuchtet. Abgesehen von den Vierzig-Watt-Birnen, die in den Geschäften aus versicherungstechnischen Gründen niemals abgeschaltet wurden, waren das die einzigen Lampen, die auf der Main Street brannten. Ich hatte gar nicht erwartet, das Büro noch offen vorzufinden. In den meisten Nächten ist entweder einer von uns unterwegs, oder wir sind beide auf einer größeren Veranstaltung. Dann lassen wir es einfach geschlossen. Etwaige Anrufe werden zu den Privatanschlüssen durchgestellt.
Drinnen saß Don Lee wie immer im Lichtkegel an seinem Schreibtisch.
»War irgendwas?«, fragte ich.
»Alles ruhig. Gegen elf musste ich eine Bierparty von ein paar Highschool-Kids beenden.«
»Woher hatten die das Bier … von Jimmy Ray?«
»Woher sonst?«
Jimmy Ray war geistig zurückgeblieben und lebte in einer Garage hinter dem Haus der alten Miss Shaugnessy. Die Kids wussten, dass er ihnen Bier kaufen ging, wenn sie ihm ein oder zwei Dollar dafür gaben. Wir hatten die Läden in der Gegend gebeten, ihm nichts zu verkaufen. Manchmal klappte das, manchmal nicht.
»Meine Nachricht hast du gekriegt?«
»Jepp. June hat sie weitergegeben. Wie war die Fahrt?«
»Ganz okay. Hab nicht erwartet, dich hier anzutreffen.«
»Ich wäre normalerweise auch nicht hier, aber wir haben einen Gast.« Was bedeutete, dass eine unserer beiden Arrestzellen belegt war. Was so selten vorkam, dass es einen immer wieder überraschte.
»Eigentlich keine große Sache. Nachdem ich die Party der Kids beendet hatte, hab ich so gegen Mitternacht noch einen kurzen Schwenk durch die Stadt gemacht und war praktisch schon auf dem Heimweg, als dieser rote Mustang an mir vorbeigerast ist. Der hatte mindestens hundertdreißig drauf, schätze ich. Also hab ich gewendet. Der Typ hat die Innenbeleuchtung eingeschaltet, er fährt mit einer Hand am Steuer, eine Karte in der anderen Hand, sein Blick pendelt ständig zwischen Straße und Karte hin und her.
Ich fahr dicht an ihn ran und schmeiß das Blaulicht an, aber der scheint überhaupt nichts mitzukriegen. Zu dem Zeitpunkt war er schon durch die halbe Stadt. Also schalte ich die Sirene ein – hast du eine Vorstellung, wann ich das letzte Mal die Sirene gebraucht habe? Ein Wunder, dass ich sie überhaupt gefunden hab. Ich lass das Ding ein paar Mal kräftig aufheulen, aber wie beim Blaulicht nimmt der Typ überhaupt keine Notiz davon. Na ja, das war dann der Punkt, an dem ich aufgedreht hab: Blaulicht, Sirene, das volle Programm.
›Gibt’s ein Problem, Officer?‹, fragt er mich. Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein, aber sein Knurren klingt ziemlich genau wie der im Leerlauf tuckernde Mustang. Ich bitte ihn, den Motor abzustellen, was er auch macht. Auf Anfrage gibt er mir Führerschein und Zulassung. ›Tja, schätze, bin dann wohl zu schnell gefahren, was? Ich hab einen dringenden Termin.‹
Ich gebe seine Daten durch, aber es liegt nichts gegen ihn vor. Also verpasse ich ihm einfach nur einen Strafzettel. Warum es auf die Spitze treiben, ich meine, bei dem Sammlerstück von Mustang und den feinen Klamotten ist das für den ja nur Kleingeld, oder? Gerade als ich ihm den Zettel geben will, öffnet er die Tür. ›Bleiben Sie bitte im Wagen, Sir‹, sage ich zu ihm. Aber er steigt trotzdem aus. Und dann schlägt mir auch schon ein Schwall von Schimpfwörtern entgegen.
›Sir, es gibt keinen Grund, ausfällig zu werden‹, sage ich zu ihm. ›Steigen Sie bitte einfach wieder in Ihren Wagen. Es ist doch nur ein Strafzettel.‹
Er kommt ein, zwei Schritte auf mich zu. Er hat die Augen von jemandem, der schon viel länger wach ist, als die Natur es vorgesehen hat. Drogen? Keine Ahnung. Alkohol, definitiv – das kann ich riechen. Auf dem Boden des Wagens liegt ein nettes Fläschchen Jack Daniel’s.
Er macht noch einen Schritt auf mich zu, wobei er mir die ganze Zeit erzählt, ich wüsste ja nicht, mit wem ich’s zu tun habe. Die Hände hat er zu Fäusten geballt. Ich geb ihm mit meinem Schlagstock einen Klaps in die Kniekehlen. Als er zu Boden geht, lege ich ihm Handschellen an.«
»Und du erzählst mir, alles war ruhig.«
»Nichts, was wir nicht schon hundert Mal erlebt haben.«
»Auch wieder wahr … Hat er was zu beißen gekriegt?«
Don Lee nickte. »Der Imbiss hatte natürlich schon zu, der Grill war abgestellt. Gillie war noch da, hat aufgeräumt und geputzt. Er hat ein paar Sandwiches gemacht und sie rübergebracht.«
»Hat der Kerl seinen Anruf bekommen?«
»Ja, hat er.«
»Ich nehme nicht an, dass du noch was zu essen da hast, oder?«
»Doch, ich hab tatsächlich noch was. Ein Sandwich, das Patty Ann mir vor … tja, wann genau hat sie’s mir eingepackt? Vor zehn, zwölf Stunden? Kannst du haben, wenn du willst. Patty Ann macht den weltbesten Hackbraten.« Patty Ann war seine neue Frau. Lisa, die er Monate, bevor ich auf der Bildfläche erschien, geheiratet hatte, war schon längst abgehauen. Lonnie sagte immer, Don Lee könne zwar auf einen Blick unter Hunderten dasjenige Kind herauspicken, das draußen bei Hudson Field den Böller in die Toilette geworfen hat, schaffe es aber ums Verrecken nicht, sich eine gute Frau auszusuchen. Jetzt sah es allerdings so aus, als wär’s ihm doch noch gelungen.
Don Lee fischte das Sandwich aus unserem kleinen Kühlschrank, reichte es mir und setzte dann frischen Kaffee auf. Das Sandwich war in Wachspapier gewickelt, kleine Scheiben süßsauer eingelegter Gurken schmiegten sich zwischen die Brothälften.
»Wie geht’s mit der Arbeit an Vals Haus voran?«, erkundigte er sich.
»Drei Räume hat sie inzwischen fertig. Drück dieser Frau einen Hobel, einen Meißel und einen Hammer in die Hand, und sie renoviert dir alles. Gestern haben wir angefangen, in einem der hinteren Räume den Boden abzuschleifen. Haben uns durch vier oder fünf Schichten Farbe gearbeitet, nur um dann herauszufinden, dass darunter Linoleum verlegt ist. ›Irgendwo muss hier doch ein Fußboden sein!‹, brüllt Val und fängt an, das Zeug abzupulen. Manchmal kommt man sich so vor wie ein Archäologe bei Ausgrabungen. Übrigens ein super Sandwich.«
»Sag ich doch.«
»An manchen Tagen schaut Eldon Brown vorbei, um mit anzupacken, er sagt, das entspannt ihn. Bringt immer seine alte Gibson mit. Das Teil ist total verbeult. Er und Val machen gern mal Pause. Dann setzen sie sich raus auf die Veranda und spielen traditionellen Bluegrass.«
Don Lee schenkte uns Kaffee ein.
»Wo wir gerade davon reden«, sagte ich. »Als ich vorhin draußen im Auto saß, ist mir aufgefallen, dass dieses Haus auch mal einen neuen Anstrich gebrauchen könnte.«
Don Lee schüttelte den Kopf in gespieltem Bedauern. »Nächtliche Weisheiten.«
Eigentlich frühmorgendliche, aber er hatte nicht ganz Unrecht. Allemal besser, als sich anzuhören, was mir das Schweinekotelett zu sagen hatte.
»Der Chariot müsste auch dringend mal wieder zur Inspektion.«
Der Chariot war der Jeep, den wir beide benutzten, der für uns aber immer noch Lonnie Bates gehörte. Lonnie war vor einer Weile angeschossen worden und seitdem krankgeschrieben. Als mich daraufhin der Stadtrat ansprach, ob ich seine Stelle übernehmen könnte, sagte ich ihnen, dass sie da bei mir an der falschen Adresse seien. Ihr Idioten habt den Falschen gefragt, genau das hab ich denen geantwortet. Liebenswürdigerweise entschieden sie sich, über meine schlagfertige Antwort hinwegzusehen, und ernannten Don Lee zum kommissarischen Sheriff. Er war ein Naturtalent – genau wie ich gesagt hatte. Ich bin noch nie einem Mann begegnet, der besser zum Gesetzeshüter geeignet gewesen wäre. Gegenüber den Mitgliedern des Stadtrats erklärte ich mich bereit, vorübergehend als sein Deputy auszuhelfen. Ein unerwartetes Problem ergab sich, als Lonnie Gefallen an seiner neu gewonnenen Freiheit fand, weil er gern zu Hause bei seiner Familie war, tagsüber zum Angeln gehen konnte, wenn ihm der Sinn danach stand, stundenlange Nickerchen machte und sich im Fernsehen Gerichtssendungen und Wiederholungen von Andy Griffith und Bonanza ansah. Inzwischen dauerte dieses Arrangement ein Jahr, und das Wörtchen »zeitweilig« hatte eine ganz neue Bedeutung angenommen.
Grelles Scheinwerferlicht fiel auf die Fenster unseres Büros.
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